Das Kellergold des Gers

Unterwegs im Armagnac

Text und Fotos: Hilke Maunder

 

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

Bereits der Name weckt Assoziationen von Genuss: Armagnac. Seine Heimat liegt im Gers. Hier, im Südwesten Frankreichs, hängen die Trauben so hoch an Spalieren, dass nur die Bergspitzen der Pyrenäen dahinter hervor gucken.

Unterwegs im Herzen der Gascogne, dem hügeligen Westen des Départements Gers mit der Ordnungsnummer 32. An einer einsamen Kreuzung bei Éauze entdecke ich ein verwittertes Schild: „Château de Millet. Bas Armagnac“ steht darauf geschrieben, und tatsächlich: Fünf Minuten später, nach einem kleinen Gehölz , erhebt sich ein typischer Gutshof der Gascogne – erbaut aus hellem Stein der Region, mit leuchtend roten Fensterläden, großen Toren und dem obligatorischen Taubenturm, der heute als Gîte sechs bis acht Personen beherbergen kann.

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

„Bienvenue bei uns auf Château de Millet. Schön, dass Sie uns doch noch gefunden haben“, begrüßt mich Laurence Dèche, die das Weingut in fünfter Generation leitet, und drückt mir Sekunden später einen Kaffee im Pappbecher in die Hand. „Zur Stärkung. Um’s Aufwärmen kümmert sich mein Vater.“

Etwas irritiert sehe ich sie an, doch da kommt er auch schon: Francis Dèche, einer der 70 Winzer, die im Südwesten des Gers Armagnac herstellen. Seit 46 Jahren ist er mit Lydia verheiratet, die ebenfalls ihr ganzes Leben lang auf dem Hof mit angepackt hat, nebenbei vier Kinder groß gezogen hat, und jetzt ihren Mann mit einem Lächeln beobachtet. Francis bemerkt es, küsst sie vor den Kunden, die in der Boutique die ausgestellten Weine betrachten und kosten, und sagt: „Los jetzt, ich will Sie aufwärmen.“ Grinst Lydia jetzt noch mehr?

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

Francis überquert den weiten Hof und öffnet, umrankt von Reben, ein altes Tor: „Voilà ma cave – dies ist mein Keller!“ Dicht an dicht sind die Fässer, in denen der Armagnac zur Vollendung reift, in dem länglichen Raum aufgereiht: VS – zwei Jahre, VSOP – 5 Jahre, XO – Hors Age. In jedem der 211-213 Liter fassenden Barriquefässer ruht seit 1973 ein Millésime. 51°, 52,3°, 54,7° Alkohol verraten die Aufschriften in Kreide.

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac - Holzfässer

Am oberen Loch sind die Fässer nicht so hermetisch versiegelt wie beim Wein. „Bei Armagnac genügen ein Tuch und Stopfen – das junge Lebenswasser soll während der Reife mit dem Sauerstoff der Luft ganz bewusst oxidieren. Die Tannine des Holzes sorgen nicht nur für den goldbraunen Farbton, sondern auch für eine feine Vanillenote.“

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

Francis entfernt den Korken, hält eine lange Glaspipette hinein, entnimmt etwas Flüssigkeit. „Erst riechen, dann kosten! Und gut in der Mundhöhle hin und her bewegen.“ Vorsichtig nähert sich meine Nase dem Glas. Doch statt des erwarteten scharfen Geruch des Destillats, das bei Schnaps oder Grappa so oft scharf in die Nase beißt, entweichen beim Armagnac nur feine Düfte, ein Hauch Vanille, alte Eiche. Auch im Gaumen entwickelt der Armagnac keine Aggressivität, sondern zeigt sich samtig und weich, fein und edel. Und wärmt sofort durch.

Das älteste Lebenswasser Frankreichs

Armagnac ist das älteste weinbasierte Eau-de-vie Frankreichs. Hergestellt wird es stets aus Weißwein im geschützten (AOC) Anbaugebiet Gascogne. Nach zwei Jahren wird der Fass gewechselt; 20-25 Jahre lang ruht so der Armagnac hier, spätestens nach 30 Jahren kommt er in die Flasche. Je länger es im Eichenfass reift, desto aromatischer – und teurer – wird der Armagnac, den es bei Francis Dèche verschnitten aus mehreren Ernten (Cuvée) oder einer Ernte (Vintage) gibt.

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

15.000 Hektar umfasst die Armagnac-Anbaufläche im Gers; nur zehn Hektar hat Francis Dèche von seinem 85 ha großen Rebenland für die weltberühmte regionale Spirituose reserviert. Das hat seinen Preis. 1974: 135 Euro, 1976: 106 Euro, 1981: 78 Euro informieren die Preisschilder im Hofladen.

Zehn Weißweine sind in der Appellation für die Herstellung von Armagnac zugelassen, Hauptsorte und Star auch bei Francis ist der Ugni Blanc, gefolgt von Baco, Folie Blanche und Colombard. Ältere, noch zugelassene Sorten sind Plant de Graisse, Clairette de Gascogne, Jurançon Blanc, Mauzac Blanc, Mauzac Rosé und Meslier Saint-François – wahre Raritäten!

Frankreich - Château de Millet. Bas Armagnac

Vinifiziert werden darf nur ohne Schwefel. Und die Armagnac-Destillation muss – auch das Auflage der AOC – vor dem 31. März nach der Ernte erfolgen. Francis Dèche lädt im Dezember zum Schaubrennen. Dann holt er seinen Winzerfreund Marc Saint-Martin mit seinem mobilen Alambic in die große Scheune, stellt lange Reihen mit Tischen und Stühlen auf – und inszeniert das Brennen als Fest für alle, die es schon einmal live erleben wollten.

Und während der Wein in den nostalgischen Brennkesseln Feuer gewinnt, wird geschlemmt, gelacht, erzählt und getrunken, einen ganzen langen Sonnabend-Mittag lang. Danach wird in zwei Schichten weiter gebrannt: von 2.30 Uhr nachts bis mittags (12 Uhr), von mittags bis mitternachts. Und immer wieder mit dem kleinen Finger unter dem laufenden Strahl das junge Lebenswasser probiert. Mal auf einem Zuckerwürfel. Mal pur.

Info

Schaubrennen
Château de Millet
3356, route de Parleboscq
32800 Eauze
Tel. +33 (0)5 62 09 87 91
www.chateaudemillet.com

Informieren

Bureau National Interprofessionel de l’Armagnac
11, place de la Liberté
32800 Eauze
Tel. 05 62 08 11 00
www.armagnac.fr

 

Zur Autorin

Die Hamburger Journalistin Hilke Maunder hat seit 2014 eine zweite Heimat in den Pyrénées-Orientales. Seitdem pendelt sie zwischen beiden Ländern – und entdeckt unterwegs zu Fuß oder per Rad die schönsten Ecken des Hexagons. Darüber bloggt sie auch – auf www.meinfrankreich.com

 

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