DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


 

Wuppertal
von der Heydt Museum

Brücke und Blauer Reiter
bis 23.2.2022

Die aktuelle thematisch strukturierte Ausstellung ist aufgrund der Zusammenarbeit des Buchheim Museums (Bernried am Starnberger See), der Kunstsammlungen Chemnitz und des Von der Heydt-Museum Wuppertal zustande gekommen. Erstmals seit vielen Jahren führt die Ausstellung die Künstlergruppen „Brücke“ und „Blauen Reiter“ zusammen. Anhand ausgewählter Hauptwerke bietet sie einen neuen Blick auf die Bedeutung dieser beiden bahnbrechenden Formationen, auf ihr Zusammenwirken und ihre Konkurrenz. Gezeigt werden hochrangige Gemälde und Arbeiten auf Papier der jeweils zentralen Künstler: Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller für die „Brücke“; Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc, August Macke, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee für den „Blauen Reiter“. Dessen ungeachtet wird in einem Kabinett auch das Werk auf Papier von Alfred Kubin mit dem von Paul Klee konfrontiert.

heckel

Erich Heckel Der schlafende Pechstein, 1910 Öl auf Leinwand 110 x 74 cm Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See

Mit Gleichklang und Kontrapunkt eröffnet die sehr sehenswerte Schau, die „Kernwerke“ der klassischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts vorstellt. Gleich zu Beginn wird deutlich, dass nicht nur die Landschaft mit gefühlten Farben, sondern auch die Frauenporträts und der weibliche Akt eine zentrale Rolle spielen. Franz Marc präsentiert uns einen weiblichen Akt, durchaus mit vollen runden Formen, auf einem tiefgrünen Kissen sitzend. Nach vorne gebeugt hält die Nackte eine gelbe Katze in der Hand und lässt diese aus einem Napf Milch schlecken. Neben der changierenden Farbigkeit des Akts springt auch der gestreifte Flickenteppich ins Auge. Pubertierende Mädels am Strand hat Otto Müller eingefangen. Die Szene scheint ein wenig inszeniert und die Mädchen eher puppenhaft ohne individuell ausgestaltete Gesichter und Frisuren. Eine Typisierung scheint gewollt. So kommt es wohl eher auf die Haltung der Mädchen an, die ob ihrer Nacktheit ein wenig beschämt erscheinen, oder?

jawlensky

Alexej von Jawlensky Messalina, 1912 Öl auf strukturierter, beidseitig kaschierter Pappe 53,6 x 49,6 cm Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser, Eigentum der Stiftung Gunzenhauser, Chemnitz

Dass derartige Szenen, auch das Nacktbaden, für Aufsehen sorgten, sei an dieser Stelle angefügt. In der doch eher verklemmten wilhelminischen Gesellschaft provozierten die Mitglieder der Brücke mit derartigen Badeszenen das bürgerliche Establishment. Doch neben solchen Badeszenen, die wir noch an anderer Stelle des Rundgangs entdecken, sind auch Stillleben in der Ausstellung zu sehen, so auch Max Pechsteins Arbeit „Trauben“. Dabei steht eine weiße Porzellanschale mit blauen Trauben im Mittelpunkt des Gemäldes. Dank des aufgefalteten, grellgelben Stoffs, auf dem die Schale ruht, bekommt das Stillleben eine gewisse Dynamik. Zugleich lenkt dieses Sujet von dem eigentlich Objekt, von der Traube, ab. Auf einem feuerroten Tisch hat Alexej von Jawlensky sein Stillleben drapiert. Sehr flächig und wenig auf Volumen ausgerichtet erscheinen die Äpfel und Apfelsine, denen auch der Glanz fehlt wie wir in von ähnlichen Arbeiten Cézannes her kennen.

 

nolde-bruecke

Emil Nolde Brücke, 1910 Öl auf Leinwand 65,5 x 83,5 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © Nolde Stiftung Seebüll


In Reih und Glied stehen die birnenförmigen Streuhocken in Marcs alpiner Ansicht, in der im Vordergrund rechts eine rote Kuh ruht. In „Grünschichtungen“ hat der Künstler die saftigen Weiden getaucht, dabei durchaus mit geometrischen Formen spielend. Besonders auffallend ist die Tiefe der Arbeit, hervorgerufen durch das „Band der Hocken“, das sich gen oberem Bildrand erstreckt. Zerfließende Farbigkeit kennzeichnet in von Jawlenskys „Das gelbe Haus“ den vom Wind gepeitschten Baum in der linken Bildhälfte. Ein rot-orangefarbener Weg schlängelt sich durch das Gemälde und führt an einer violetten Mauer vorbei, die das Hausgrundstück gegen den öffentlichen Weg abgrenzt. In Blau, Gelb und Ocker hat Erich Heckel die Ansicht der Vorstadt getaucht. Die Flaneure, die er einfangen hat, erscheinen als „Schattenwesen“, die auf der bläulichen Straße unterwegs sind. Dorfkrug oder Dorfpension – das fragt man sich angesichts des großen fünfachsigen Hauses, das herausgehoben in einer Dorfansicht zu sehen ist, die Max Pechstein zu verdanken ist. Schon sehr nahe an den Postimpressionisten und dem Expressionismus eines van Gogh bewegt sich Emil Nolde mit seiner Brückenansicht. Im bewegten Wasser spiegeln sich nicht nur der hölzerne Unterbau der Brücke, sondern auch der sonnengelbe Himmel.

 

marc1

Franz Marc Die gelbe Kuh, 1911 Öl auf Holz 62,5 x 87,5 cm Kulturstiftung Sachsen -Anhalt, Kunst-Museum Moritzburg Halle (Saale), Dauerleihgabe Sammlung Kracht Foto: Punctum/Peter Franke


Schließlich stehen wir im ersten Ausstellungssaal auch einigen Porträts gegenüber, so auch dem von zwei Frauen, die Karl Schmidt-Rottluff geschaffen hat. Die eine sieht man dabei bei der Nadelarbeit (?). Sie ist in einem braun-ockerfarbenem Tageskleid gekleidet und trägt eine markante Kappe, die andere fällt vor allem durch die eine grüne Gesichtshälfte auf. „Der Kopf in Blau“ von Jawlensky mit den für den Künstler typischen schwarzen Konturlinien, die die „Farbfelder“ fassen, ist ebenso zu sehen wie „Bildnis Resi“. Dabei ist diese Arbeit sehr fein im Pinselstrich, eher schon dem Luminismus verfallen. Angesichts des blässlich-grünlichen Teints der Dame fragt sich der Betrachter, ob sie denn krank gewesen ist, als sie Jawlensky Modell saß.

 

artisten

Marianne von Werefkin Artisten, 1909 Gouache auf Papier 19,5 x 24,6 cm Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe aus Privatbesitz

In einem der Kabinette, die sich mit Papierarbeiten befassen, entdeckt man Kandinsky am Harmonium, eine Arbeit von Gabriele Münter, die ihren im Schatten einer Stehlampe musizierenden Lebensgefährten porträtiert hat. In einem sehr schmalen Querformat hat Münter den Parc Saint Cloud für die Nachwelt festgehalten. Pilzförmige Laubbäume sind im Hintergrund auszumachen, im Vordergrund ein Haus an einem formalen Bassin. Zu sehen ist aber auch „Der Bauerngang“ von Heinrich Campendonk, der zu den Rheinischen Expressionisten gerechnet wird. Und auch Arbeiten von Adolf Erbslöh werden gezeigt, der mit dem Begriff „Vermittler“ belegt wird und von dem zwei Gartenansichten ausgestellt sind.

 

dorfkirche

Wassily Kandinsky Riegsee – Dorfkirche, 1908 Öl auf Pappe 33 x 45 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal


Nach den Papierarbeiten des Blauen Reiters können Besucher auch Papierarbeiten der Brücke betrachten. Hinzuweisen ist auf Heckels Bildnis von Kirchner. Zu sehen ist Kirchner mit kantigen Gesichtszügen, herabhängenden Oberlider, strähniger Frisur, vollen roten Lippen und gelblicher Gesichtshaut. Spiegelt sich darin das Bild eines Drogenabhängigen wider? Von Heckel zeigt man zudem einen Holzschnitt, der sich Kindern auf der Bank widmet. Eher an afrikanische Schnitzfiguren erinnern die Mädchen vor dem Spiegel, eine Arbeit von Karl Schmidt-Rottluff. Maskenhafte Mimik entdeckt man bei dem „Stehenden Akt“, der auch von Schmidt-Rottluff stammt. Sehr grob und ohne feine Details der Körper schuf Emil Nolde „Mann und Frau“ in einer Pinselzeichnung.

 

dorfansicht

Max Pechstein Dorfansicht, 1914 Öl auf Leinwand 51 x 71 cm Privatsammlung Deutschland © Pechstein Hamburg/Tökendorf / Online -Rechte: © VG Bild -Kunst, Bonn 2021


Das Thema „Die Brücke in Dresden“ behandelt die Ausstellung nachfolgend. Hier ist auch eine nächtliche Badeszene am Waldteich zu sehen, die Erich Heckel gelungen ist. Nacktbaden war nicht nur unter den Künstlern der Brücke en vogue, sondern auch unter den Anhängern der Lebensreformbewegung und der FKK. Wilhelminischer Prüderie wurde dabei eine Absage erteilt! Bei Otto Müllers „Fünf Akte am Wasser, sind nicht nur weibliche Akte, sondern auch männliche zu sehen. Doch neben den Akten sind es die Stadt- und Dorfansichten, die man in Wuppertal zeigt, so auch Heckels „Sächsisches Dorf“. Die Häuser sind dabei in kräftiges Rot und Ocker getaucht, die Dorfstraße in Rotschattierungen. Mit kurzen „Farbschlägen“ hat Schmidt-Rottluff die Rabatte und Stauden des „Kleinen Gartens“ ins Bild gesetzt.

 

untermarkt

Wassily Kandinsky Murnau-Untermarkt, 1908 Öl auf Malpappe 33 x 44,5 cm Privatsammlung Deutschland



Bei der Konfrontation der Papierarbeiten von Kubin und Klee in einem gesonderten Kabinett fällt die Ironie und der Sarkasmus auf, mit dem Kubin seine Themen bearbeitet hat, darunter „Tod im Baum“. Ganz aktuell scheint „Flüchtling“. Man sieht einen sich wehrenden Mann, der von Uniformierten an Beinen und Armen fixiert wird. Dieser Gruppe nähert sich ein Mann mit gezücktem Dolch, derweil ein schwarzer Köter sich bellend zu Wort meldet. Den Abgesang auf die tollen Tage des Karnevals hat Kubin in „Aschermittwoch“ mit spitzer Feder festgehalten. Eine fette Sau, der die Krone vom Kopf gefallen ist, liegt im Straßenschlamm. Eine dralle Nackte mit Federhütchen bewegt sich Hintern wackelnd an den Häuser entlang. Von einem Balkon kotzt einer der Narren in hohem Bogen auf die Straße. Es ist nicht fünf vor 12, wie man der Uhr entnehmen kann, aber halb 12. Klee ist unter anderem mit zwei Stadtansichten in dem Kabinett präsent.


Irritierend ist das Kapitel „Vorbilder und Wahlverwandte“, da der unmittelbare Dialog mit Arbeiten von Kirchner bzw. Münter und Co. nicht hergestellt wird. Also, für wen war Signacs Luminismus in der Ansicht von Segelbooten in St. Tropez ein Vorbild? Und wie beeinflusste Munchs Ansicht der Schneeschmelze den einen oder anderen Brücke-Künstler? Die Antworten bleibt die Ausstellung schuldig.

 

macke

August Macke Mädchen mit Fischglas, 1914 Öl auf Leinwand 81 x 100,5 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal


Die Zeit in Murnau, wo von Jawlensky, Münter, Kandinsky und von Werefkin zeitweilig lebten und arbeiteten, behandelt die Schau ausführlich. Dabei wird auch deutlich, dass Jawlensky nicht unbedingt durch Brillanz in seinen Landschaftsansichten besticht, betrachtet man die Arbeit“ Berggipfel“. Im Gegensatz zu ihm besticht seine Lebensgefährtin von Werefkin durch die nächtliche Ansicht auf Oberstdorf und die dortige Eisengießerei. Zu erkennen ist ein gräulicher Fabrikkubus mit rauchendem Schlot. Etwas abseits steht ein Mann, der auf das Städtchen blickt, aus dessen Silhouette ein Kirchturm ragt. Mit einem Hang zu grafischen Linien malte Kandinsky die Unterstadt von Murnau, die ein wenig an Kulissenbau erinnert.

 

gerda

Ernst Ludwig Kirchner Bildnis Gerda, 1914 Öl auf Leinwand 70 x 57 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal


„Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion“ ist ein weiteres Thema der Ausstellung, in der nicht nur Marcs Tierbildnisse zu finden sind, darunter auch ein liegender Hund im Schnee. Auffallend sind die weichen organischen Linien des Tierkörpers. Zugleich aber entdeckt man auch geometrische Formen, so auch die Vorderpfote des Hundes. In diesem Teil der Ausstellung ist außerdem auch Mackes unvollendetes Gemälde „Mädchen mit Fischglas“ zu finden. Abgeschlossen wird die Schau mit den Berliner Jahren der Brücke-Maler. Zu den markanten Gemälden jener Zeit gehören die Momentaufnahmen von den Damen vom Potsdamer Platz, die Kirchner verschiedentlich gemalt hat.

 

strasse

Ernst Ludwig Kirchner Frauen auf der Straße, um 1914 Öl auf Leinwand 126 x 90 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal

Übrigens: Auch zu dieser Ausstellung ist an der Kasse ein Mitmachheft für Kinder ab sechs Jahren erhältlich. Mit dem Heft lassen sich ausgewählte Werke der Ausstellung entdecken. Fragen, Rätsel und Aufgaben helfen, Werke spielerisch zu verstehen.

© ferdinand dupuis-panther


Information
http://www.von-der-heydt-museum.de/

 


zur Gesamtübersicht Ausstellungen