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Witten
Märkisches Museum


Vom Auf- und Abstieg:
Alexander Chekmenev – Clemens Botho Goldbach – Olaf Metzel
bis 16. September 2018


Informel international – Auszüge aus der Sammlung Haniel
bis 16. September 2018

Vom Auf- und Abstieg: Alexander Chekmenev – Clemens Botho Goldbach – Olaf Metzel

Die aktuelle Ausstellung ist Teil des Projektes „Kunst & Kohle“ der RuhrKunstMuseen, die damit auch eine Bilanz zur Geschichte des Steinkohlebergbaus in Deutschland ziehen. Das Kapitel des deutschen Steinkohlebergbau wird am Ende des Jahres für immer zugeschlagen, wenn die letzte Zeche den aktiven Betrieb einstellt.

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Für die Ausstellung „Vom Auf- und Abstieg“ hat das Märkische Museum Witten drei Künstler eingeladen, Werke zu entwickeln, die sich mit den Anfängen des Kohleabbaus im Ruhrgebiet sowie den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit dem Bergbau einhergingen, beschäftigen. Mit der Sage über den Schweinehirten, der im Wittener „Muttental“ ein Feuer gegen die Kälte anzündete und so die Steinkohle und deren Nutzen entdeckte, beginnt der Bergbau im Ruhrgebiet. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und den kathedralenartigen Fabrikanlagen, die bis in die 1970er-Jahre betrieben wurden, entstanden auch die Klischees vom Ruhrgebiets-„Kumpel“ und seinem stereotypen Leben.

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In sechs quadratischen Räumen haben die drei eingeladenen Künstler ihre jeweilige Position zum Thema präsentiert. Dazu gehört auch die Frage nach dem Danach. Was, so muss man fragen, wird aus den Steinkohlerevieren und deren Wohnquartieren bzw. was wurde aus diesen. Die aus Aluminium, Edelstahl und Stahl konzipierte Skulptur „Plattenbau“ von Olaf Metzel zeigt das Problem des Massenwohnungsbaus, auch und gerade im Ruhrrevier. Eingebunden in die Form eines abstrahierten Förderturms sind gebogene und wellige Aluminiumbahnen, auf die Plattenbauansichten gedruckt wurden. Die Welt scheint, betrachtet man die Arbeit, aus den Fugen geraten zu sein. Harmonische Strukturen sind Mangelware.

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Vom gleichen Künstler stammt eine weitere Rauminstallation namens „Tafelrunde“. Aus den Anzeigefolien und -plakaten der gängigen Supermärkte schuf Metzel große Einkauftaschen. Auf einer wird mit einem kopierten Zeitungsartikel direkt auch auf die Essener Tafel Bezug genommen, die unlängst in die Schlagzeilen geriet, weil sie Beschränkungen bezüglich der Lebensmittelausgabe eingeführt hatte und Flüchtlinge von der Warenausgabe ausschloss. Der Aufschrei war riesengroß. Dabei wurde vergessen, dass schon die Existenznotwendigkeit der Tafel ein Skandal ist, enthüllt dies doch, dass HartzIV und Kleinstrenten bzw. die Grundsicherung für Rentner nicht zum Leben ausreicht, auch wenn Politiker wie der jetzige Gesundheitsminister das öffentlich in Abrede stellen. In der Installation sehen wir neben den riesigen „Papier“einkaufstaschen auch zwei Stehtische, die man bei Sektempfängen gerne nutzt. Doch Sekt steht nicht auf den Tischen, sodass sich die Frage nach Sekt oder Selters nicht stellt.

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Überaus beeindruckend sind die Fotoaufnahmen, die Alexander Chekmenev in der Ukraine gelungen sind. Sie zeigen sehr nachdrücklich das Elend der im Luhansk und im Donez lebenden Bevölkerung. Die gezeigten Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstammen der Serie „Donbass“. Darunter ist auch das Foto einer Mutter, die eines ihrer drei Kinder füttert, auf dem Bett sitzend, in dem die beiden anderen Kinder schlafen. Der Raum ist karg. Es mangelt an Möbeln. Gemütlichkeit sieht anders aus. Ein Bergmann mit nacktem Oberkörper schaut unter Tage in die Kamera des Fotografen. Sein Gesicht erscheint verhärmt. Zwei Männer kippen Abraum oder Kohle ab – das ist nicht genau auszumachen. Man gewinnt den Eindruck, dass sie illegalen Bergbau in einer aufgegebenen Grube betreiben, deren Einstiegsschlund hinter ihnen zu sehen ist. Chekmenev hat aber auch Bergleute vor die Kamera bekommen, die gerade eine Zigarettenpause einlegen. Eine fröhliche Braut, die ins Auto steigt, und eine Familie, die irgendwo im Nirgendwo ein Picknick macht, sind auf weiteren Aufnahmen zu entdecken.

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Gleichsam wie ein Chronist und Dokumentarist erscheint Clemens Botho Goldbach, wenn er uns nicht nur Modelle von Industrieanlagen präsentiert, sondern auch Dokumente und Fotomaterialien, die er zu einer raumfüllenden „Collage“ vereint hat. Zu sehen sind Bergleute beim Ausbau von Strecken, unter Tage eingesetzte Grubenpferde, die Skizze eines Grubenfeldes, die Broschüre „Rote Erde“, der Förderturm der Zeche Zollverein und auch die Farbaufnahme schweren Geräts zur Gewinnung von Kohle.

Vom gleichen Künstler stammt auch die Archiskulptur „Ausbau“, die den Ausbau eines Stollen zeigt, gleichsam ein „Ready Made“ im Sinne Duchamps, oder?

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Die aktuelle Ausstellung ist ein Kontrapunkt zu den historisch verorteten Ausstellungen, ob im Museum Ostwall oder in der Kokerei der Zeche Zollverein. Dadurch bekommt der Besucher einen anderen Blick auf das Zeitalter der Steinkohle, vor allem aber auf das mit diesem Zeitalter verbundene Elend und die Folgen der Einstellung des Kohleabbaus. Denn Alternativen für die Beschäftigten sind wie oft Mangelware, sodass die Verelendung von Regionen die Folge ist, Stadtteile wie Marxloh und Rheinhausen umkippen und soziale Verwerfungen an der Tagesordnung sind. Kohleausstieg hat eben negative Seiten!

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther Text und Fotos sind nicht public commons.

Bildnachweise von oben nach unten.Die Rechte liegen bei den Künstlern bzw. deren Rechtewahrnehmern

Alexander Chemenev: Perewalsk, Luhansk-Region, 2005, Court4ey der Künstler u. Galerie Clara Maria Sels, Düsseldorf

Clemens Botho Goldbach: Ausbau, 2018

Clemens Botho Goldbach: Industrieruine Kohle 2, 2018

Clemens Botho Goldbach: Archiv Kohle, 2018

Olaf Metzel: Plattenbau, 2016, Courtesy der Künstler und WENTRUP Berlin

Olaf Metzel: Tafelrunde, 2018, Courtesy der Künstler und WENTRUP Berlin

Informationen
Märkisches Museum
www.maerkisches-museum-witten.de

Informel international – Auszüge aus der Sammlung Haniel

Erstmalig präsentiert die Franz Haniel & Cie. GmbH in Zusammenarbeit mit dem Märkischen Museum Witten einen Teilbereich ihrer Kunstsammlung. Zum Thema „Informel international“ tragen das Museum und das Duisburger Unternehmen als Hauptleihgeber bedeutende Werke der informellen Kunst zusammen. Anlass für das Ausstellungsprojekt ist die Schließung der Zeche Prosper Haniel Ende dieses Jahres: Mit dieser Zeche, die bis 1968 im Besitz des Familienunternehmens Haniel war, schließt die letzte aktive Zeche im Ruhrgebiet.

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Was aber ist eigentlich Informel? Eine Antwort auf die Dominanz des Figurativen? Abstraktion? Gestus? Naivität? Ein Gegenentwurf zur figurativen, ideologisch missbrauchten Kunst zwischen 1933 und 1945? Ist Informel mit Action Painting gleichzusetzen? Ist es eine Kunst aus dem Moment heraus und für den Moment? Ist diese Kunstform vergleichbar der Improvisation im Jazz oder gar mit dem Free Jazz? Von all dem scheint etwas in dieser Kunst enthalten zu sein, die mit Namen wie Karel Appel, Willi Baumeister, Julius Bissier, Peter Brüning, Jean Dubuffet, Jean Fautrier, Karl Otto Götz, Georges Mathieu, Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Martin Matschinsky, Emil Schumacher, Pierre Soulage, Antoni Tàpies, Fred Thieler, Hann Trier, Emilo Vedova und Fritz Winter in Verbindung gebracht werden kann.

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Steht man vor dem Werk von Jean Fautrier, so kommen Zweifel an der Gleichsetzung von Informel und Non-Figurativ auf. Sieht man nicht einen skulptierten Kopf und Rumpf? Hat der Künstler dem „Porträtierten“ nicht auch einen fliegenden Haarschopf verpasst? Man könnte außerdem meinen, es handele sich bei der Darstellung um ein Abbild der Phase der Bilderstürmerei, während der sakrale Kunst nachhaltig beschädigt und Heiligen die Gesichter zerschlagen wurden.

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Nur wenige Schritte weiter steht man einer skulpturalen Arbeit von Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Martin Matschinsky gegenüber. „Berg“ nannten die Künstler ihr Werk, das eher an Vegetabiles oder Florales denken lässt. Ähnlich wie im Action Painting konzipierte Hans Platschek sein Gemälde: Über rostbraunen und rotbraunen Grund ziehen sich schwarze Farbsetzungen, Spritzer und Kritzelagen. Sehr gestisch im Duktus erscheint Fred Thielers unbenannte Arbeit von 1958. Dabei wird der hellblaue Grund von weißen Linienkreuzungen durchzogen. Mit ein wenig Fantasie mag man ein gekipptes Bild der Wolkenkratzer New Yorks in dem Gemälde erblicken.

Mit Linien operiert Fritz Winter in „Weiße Linie“. In diesem Gemälde entdeckt man aber auch einen schwarzen Hammer und eine gespaltene Kugel in Braun, Zeichen, deren Deutung sich nicht aus der Anschauung erschließt. Was aber bedeuten diese Zeichen? Was verbirgt Winter in seiner Bildsprache? Die Antwort bleibt die Ausstellung schuldig, die eh bis auf einen Saaltext sich in Fragen der Bildauslegung absolut bedeckt hält.

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Neben Gemälden finden sich auch grafisch ausgerichtete Arbeiten, ob nun von Julius Bissier oder Jean Dubuffet. Aus der Reihe „tanzt“ auch Bernhard Schultze mit seinem Deckenrelief, bei dessen Anblick man den Eindruck gewinnen kann, verwelkte Blätter hingen von der Decke. Dass Karel Appel in den Kanon des Informel einsortiert wird, überrascht, aber sein Gemälde „Tier und Mensch“ ist Teil der aktuellen Ausstellung. Appel gehörte eigentlich zur Gruppe CoBrA und zeichnet sich vor allem durch „Traum- und Albtraummotive“ aus. In der gezeigten Arbeit entdeckt man zwar ein in Schnee und Eis liegendes Pferd und einen Sattel, der neben dem Pferd liegt, aber den Reiter kann man m. E. nicht sehen.

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Den Versuch der flächigen Umsetzung von Bewegung unternimmt Hann Trier in „Über den Bach springend“. Das gelingt dem Künstler durch die Art, wie ein schwarzer Strich in Zickzacklinien und einem Bogen den Anlauf und den danach erfolgten Sprung bildlich umsetzt. Mit Linien arbeitet auch Fritz Winter in „Später Sommer“. Dabei treffen schwarze auf graue Kritzeleien aufeinander, gleichsam Bild und Schattenbild.

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Reliefiert erscheint nicht nur bei Jaap Wagemaker („Rote Bastion“, 1958) der Farbauftrag, sondern auch bei Emil Schumachers „Libya“ (Kunstmuseum Bochum). Bei Schumachers Arbeit wird die Farbschicht mit Kratzspuren versehen und „aufgerissen“, sodass eine Dreidimensionalität erzeugt wird. So entsteht eine bewegte Landschaft in Rot mit schwarzen Furchungen. Ganz dem Gestischen verschrieben hat sich K. O. Götze, der mit weiten organischen Bewegungen den breiten Pinsel mit Farbe über das Material bewegte, sodass man die Spuren der Borsten noch sehen kann. K. O. Götz ist übrigens in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet, in dem seine malerische Umsetzung der Geschichte von Don Quichotte zu sehen ist.

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Man hätte sich hier und da dann doch eine Bilderläuterung, vor allem eine kurze Abhandlung zum Informel gewünscht, auch als „Abreißzettel“ denkbar, um den visuellen Eindruck der luftigen Hängung nicht durch Saaltexte zu stören.

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther Text und Fotos sind nicht public commons./ Ausstellungsübersichtsfoto: © Märk. Museum

Bildnachweis von oben nach unten

Ausstellungsansicht v.l.n.r.Pierre Soulages, Willi Baumeister, Jean Paul Riopelle

Fred Thieler: o. T., 1959, Dauerleihgabe Märk. Museum Witten

Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Martin Matschinsky: Berg, 1988

Fritz Winter: Später Sommer, 1957

Emilio Vedova: Da Dove, 1983

Fred Thieler HD 1/76, 1976

Karel Appel: Tier und Mansch, 1958 (Kunstmuseum Bochum)

Werksrechte liegen bei den Künstlern bzw. deren Rechtewahrnehmern wie VG BildKunst

Informationen
Märkisches Museum
www.maerkisches-museum-witten.de

 


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