Mit Laib und Seele

Winterwandern rund um Scheidegg

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Beim Winterwandern rund um Scheidegg im Westallgäu geht es nicht nur um Käse. Hier rauschen auch beeindruckende Wasserfälle. 13 Kapellen aus unterschiedlichen Jahrhunderten bieten Asyl für die Seele.

Scheidegg im Westallgäu - Galluskapelle am Höhenweg

Galluskapelle am Höhenweg

Käse gehört zum Allgäu. Da führt kein Weg dran vorbei. Selbst im Winter nicht. „Die Allgäuer Milchwirtschaft wurde aus der Not heraus geboren“, erklärt Wanderführer Christian Reichart: „Zunächst hielten sich die Menschen nur ein paar Kühe für den Eigenbedarf. Geld verdienten sie in der sonnenverwöhnten Region Scheidegg oberhalb des Bodensees mit Flachsanbau.“ Der Flachs wurde gebrochen, gesponnen, gewoben und als Leinen verkauft. Doch als Anfang des 19. Jahrhunderts die mechanischen Webstühle aufkamen, die Industrialisierung begann, war handgewobenes Leinen nicht mehr konkurrenzfähig. „Es entstand die Idee, statt Leinen Käse auf den Markt zu bringen“, berichtet Reichart: „Aus dem Schweizer Emmental lud man Sennen ein. Sie zeigten, wie sich Milch besser verwerten lässt. Wie die großen Löcher in den Käse kommen.“ Allgäuer Emmentaler wurde schließlich einer der beliebtesten Hartkäse. Aus Flachs- wurden Heuwiesen. Sennerei-Genossenschaften entstanden. Acht gab es einst in Scheidegg. Heute nur noch eine.

Scheidegg im Westallgäu - Katharina- und Antonius-Kapelle

Katharina- und Antonius-Kapelle

Direkt am ökumenischen Kapellenweg gegenüber der Katharina- und Antonius-Kapelle befindet sich die Käserei Böserscheidegg. „Elf Landwirte aus der Umgebung liefern ihre Heumilch an diese Genossenschaft, die ihre Urgroßväter Ende des 19. Jahrhunderts gründeten“, informiert Helmut Pfanner, seit zehn Jahren Molkereimeister des Betriebs: „Bergkäse, Butter und diverse Schnittkäsesorten mit den Geschmacksrichtungen Bärlauch, Bockshornklee, Kümmel, Pfeffer, Thymian, Zwiebel sind unsere Spezialitäten, die wir aus Heumilch herstellen. Soll heißen, im Sommer fressen unsere Kühe frische, saftige Wiesenkräuter auf den Höhenlagen, im Winter bekommen sie sonnengetrocknetes Heu. Dieses Futter gibt Milch und Käse einen intensiven Geschmack.“

Scheidegg im Westallgäu - Käserei Böserscheidegg - Molkereimeister Helmut Pfanner mit Kräuterschnittkäselaiben

Molkereimeister Helmut Pfanner mit Kräuterschnittkäselaiben

Helmut Pfanner steht vor einer Wanne mit Salzlösung, in der viele runde Laibe schwimmen. Das Salzbad entzieht dem Käse Wasser, gibt Würze und fördert die Rindenbildung. Nach zwei Tagen kommen die Laibe in Regale, in denen bereits hunderte runde Berg- und rechteckige Kräuter-Schnittkäse lagern. „Jeden dritten Tag nehmen wir sie in die Hand und bürsten sie mit Salzwasser ab. Je nach Käsegruppe sind sie nach zwei bis vier Monaten reif für den Verkauf.“ Und wie kommen nun die Löcher in den Käse? „Milchsäurebakterien bilden Kohlensäuregas und Aromastoffe. Da das Gas nicht durch die Rinde entweichen kann, sammelt es sich in unterschiedlich großen Hohlräumen in der Käsemasse. Das sind die Löcher im Käse“, sagt Pfanner.

Scheidegg im Westallgäu - Heiligenfigur mit 6 Fingern in der Martina-Kapelle

Heiligenfigur mit 6 Fingern in der Martina-Kapelle

Nächster Stopp an der hölzernen Martina-Kapelle, der kleinsten der 13 Scheidegger Kirchlein. Erbaut als die Pest in der Gegend grassierte. Im winzigen weißgrau getünchten Raum hat nur eine Handvoll Menschen Platz. „Ungeklärt ist, warum einige der geschnitzten Heiligenfiguren sechs statt fünf Finger haben“, bemerkt Wanderführer Reichart.

Scheidegg im Westallgäu - ökumenische Hubertus-Kapelle

Ökumenische Hubertus-Kapelle

Kühl und schattig ist es im kleinen Waldstück bei Bärfallen. Doch auf den Lichtungen, die zwischen den weißbepuderten Bäumen hindurchschimmern, lassen Sonnenstrahlen Schneekristalle wie Diamanten funkeln. Gerade noch rechtzeig vor Sonnenuntergang erreicht die Truppe die erst 30 Jahre alte ökumenische Hubertus-Kapelle in Forst. „Jedes Gotteshaus hat seine eigene Geschichte, oder es rankt sich eine mythische Sage darum“, meint Christian Reichart: „Bei manchen ist die Herkunft verschleiert, bei anderen war es ein besonderes Ereignis, das zum Bau einer Kapelle führte.“ Zwei Bürgern des Dorfes Forst, der eine katholisch, der andere evangelisch, kam in den 1980er Jahren die Idee, eine „Ruheinsel“ bauen zu wollen, um jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, von der Hektik des Alltags auszuruhen und über sein Leben nachzudenken. Wenig später setzten sie ihr Vorhaben in die Tat um. Im urigen Lokal „Forster Einkehr“ endet der Tag mit einer riesigen Portion Käsespätzle.

Scheidegg im Westallgäu - Käsespätzle

Käsespätzle

Ein Postkarten-Panoramablick auf verschneite bayerische, österreichische und Schweizer Berggipfel bietet sich am nächsten Morgen vom Kreuzberg, über den der vier Kilometer lange Höhenweg im Nordosten Scheideggs verläuft. Die 4.000-Einwohner-Gemeinde und die angrenzenden Dörfer verteilen sich auf 600 bis 1.000 Höhenmeter. Im Zentrum des Kneipp- und heilklimatischen Kurorts leuchtet die katholische Barock-Rokoko-Kirche St. Gallus zwischen bunt gestrichenen Häusern. Die meisten Gebäudefassaden bestehen aus Kiefernholzschindeln. Braun, grau, gelb, mintgrün, hellblau oder rosa sind die vorherrschenden Farben. „Die Verblendungen halten 50 bis 60 Jahre“, erzählt Wander- und Naturführerin Kathrin Hatt. Eine ehemalige Schindelmacherei ist neben anderen Gewerken im Handwerkermuseum im Heimathaus ausgestellt.

Scheidegg im Westallgäu - Haus mit Schindeln

Haus mit Schindeln

Auf dem Weg zu den Scheidegger Wasserfällen passiert die Gruppe die mit drei vergoldeten Altären ausgestattete Gallus-Kapelle, die ihre Ursprünge im 17. Jahrhundert hat. „Die Überlieferung, dass der Abschied der beiden Mönche St. Gallus und St. Magnus „Scheidegg“ seinen Namen verdankt, gehört aber eher ins Reich der Fabeln und Legenden“, so Kathrin Hatt: „Die beiden Mönche lebten in unterschiedlichen Jahrhunderten.“

Scheidegg im Westallgäu - Scheidegger Wasserfälle

Scheidegger Wasserfälle

In der Rohrachschlucht stürzen tosende Wassermassen des Rickenbachs über zwei mächtige Gesteinsstufen rund 20 Meter tief. Kurz hinter dem Ortsausgang Richtung Westen betreten die Wanderer bereits österreichisches Gebiet. 30 Kilometer lang ist das ausgeschilderte Wegenetz zwischen Scheidegg und Möggers in Vorarlberg. Gemächlich geht es auf dem Pfänderrücken bergan. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt. „Der Pfänder ist ein Eintausender und zählt zu den Allgäuer Alpen“, sagt die Wanderführerin: „Meist garantiert er Aussicht auf den Bodensee.“ Doch obwohl die Sonne am eisblauen Himmel hier oben ihr Bestes gibt, hat sich der See in einen grauen Wintermantel gehüllt. Zäher Nebel hängt über dem Tal. Hin und wieder tauchen ein paar einsame Gehöfte aus der weißen Winterlandschaft auf.

Scheidegg im Westallgäu - Winterlandschaft am Pfänderrücken

Winterlandschaft am Pfänderrücken

 Das älteste Gotteshaus auf dem Kapellenweg steht in einer Waldschneise im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland, die Ulrichs-Kapelle. Das jetzige Gebäude datiert aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Erstbau entstand bereits um das Jahr 1.000. „Der Heilige Ulrich von Augsburg, der seine Ausbildung im Kloster St. Gallen erhielt, soll hier gerastet haben“, erklärt Hatt: „Nach einem langen Weg über den Pfänder stillte er seinen Durst an einer Quelle, die heute unter dem Altar entspringt.“ Dem Wasser wird heilende Wirkung bei Augenleiden zugeschrieben, deshalb gibt es unterhalb der Pilgerkapelle den Ulrichs-Brunnen, aus dem es kräftig sprudelt. Der Rückweg nach Scheidegg führt am Skywalk Allgäu vorbei. Der Baumwipfelpfad, eine Hängebrückenkonstruktion, die von Stahlmasten getragen wird, schraubt sich bis zu 40 Meter in die Höhe. Doch auch wer auf dem Boden bleibt, kann die schneebedeckte Nagelfluhkette am Horizont nicht übersehen. Aus dem Gasthaus „Kässtadl“ dröhnt zünftige Musik. Käsefondue ist angerichtet – ein Gemisch aus Allgäuer Emmentaler, Bergkäse und Parmesan.

Scheidegg im Westallgäu - Käsefondue

Käsefondue

 

Reiseinformationen

Informationen

Während der jährlich im Februar stattfindenden Scheidegger Käsewochen kann man zwischen unterschiedlich langen, geführten Wanderungen zum Thema Käse wählen. Auch Fackelwanderungen und Kutschfahrten gehören zum Angebot.

Unbedingt ansehen

Handwerkermuseum „Heimathaus“ in Scheidegg
Führungen Mi und jeden ersten und dritten So im Monat
Das Museum präsentiert u.a. eine Wohnung um 1900, eine alte Schulstube, einen Tante-Emma-Laden, eine Schlosserei, eine Schindelmacherei, eine Käsehandlung.

Käserei Böserscheidegg
Führungen Mi und Sa
www.kaeserei-boeserscheidegg.de
Die Käserei liegt an der Allgäuer Käsestraße, an der sich mehrere Heumilch-Sennereien und Hofkäsereien befinden: www.allgäuer-käsestrasse.de

Skywalk Allgäu am Ortsrand von Scheidegg
Naturerlebnis- und Baumwipfelpfad mit Aussichtsplattform
www.skywalk-allgaeu.de

Übernachten

Hotel & Gasthaus „Zum Hirschen“
Kirchstraße 1
88175 Scheidegg
Tel. 08381 2119
E-Mail: info@zumhirschenscheidegg.de
www.zumhirschenscheidegg.de
Traditionshaus. Familienbetrieb seit 1932. Hotel mit 9 modernen Zimmern und 2 Suiten mitten in Scheidegg. Das Restaurant bietet Allgäuer Spezialitäten mit überwiegend Produkten aus der Region.

Wellnesshotel Birkenmoor
Am Brunnenbühl 10
88175 Scheidegg
Tel. 08381 9200-0
E-Mail: info@hotel-birkenmoor.de
www.hotel-birkenmoor.de
3-Sterne Hotel Garni am Ortsrand von Scheidegg mit Bergsicht. 16 moderne, helle EZ und DZ, Hallenbad und Saunalandschaft, Wellness-Anwendungen.

Allgemeine Informationen

Scheidegg Tourismus
Rathausplatz 8
88175 Scheidegg im Allgäu
Tel. 08381 89555
E-Mail: info@scheidegg.de
www.scheidegg.de

 

Die Reise wurde von Scheidegg Tourismus unterstützt.

 

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