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Paderborn
Diozäsanmuseum


Peter Paul Rubens und der Barock im Norden
bis 25. Oktober 2020

Als der Paderborner Dom am 17. Januar 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von Bomben getroàen wurde, zerstörten die Luftminen auch ein einzigartiges Zeugnis barocker Kunst: das Altargemälde des mäch-tigen, von den Antwerpener Bildkünstlern Antonius und Ludovicus Willemssens für den Ostchor geschaàenen Hochaltars. Obgleich das kostbare Gemälde in kleinste Fetzen zerrissen wurde, blieben diese wie durch ein Wunder erhalten. Die nun wieder zusammengefügten Fragmente bilden den Ausgangspunkt für die große RUBENS-Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn. Damit führt das Museum den Reigen seiner großen, auch international beachteten Ausstellungen – zuletzt "Wunder Roms im Blick des Nordens" und "Gotik" – fort.

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Blick in die Ausstellung mit Anton Willemssens invent Ao. 1656, vom
zerstörten Seitenaltar des Paderborner Doms © Diözesanmuseum
Paderborn/Besim Mazhiq

Barock musste es sein

Die Entdeckung des Barock im Kontext des Westfälischen Friedens und die Barockisierung vieler hochgotischer Sakralbauten ist der Ausgangspunkt der sehenswerten, teilweise auch durch Exponate und Themen überladenen Ausstellung. Das gilt besonders für das Kapitel mit Gegenwartskunst von Gerhard Richter, Tony Cragg und Hans Op de Beek. Diese scheinen im Anschluss an die Ausstellungsinszenierung eines „barocken Weltentheaters“ als ein Appendix, vorhanden, aber nicht essenziell.

Im Zuge einer als Rekatholisierung zu bezeichnenden Wende wurden Rom und Antwerpen zu Fixpunkten, soweit es das Bildprogramm in Kirchen betraf. Eben nicht das Wort, wie bei den Protestanten, stand im Mittelpunkt, sondern auf das Bild des Hochaltars hatten sich die Gläubigen auszurichten. Dem Antwerpener Maler Peter Paul Rubens und seiner Werkstatt kam eine zentrale Bedeutung zu. Ihn für die Ausgestaltung von Kirchenschiffen zu gewinnen, bedeutete Prestige für die jeweiligen Kirchenfürsten. Der Plan für die Umgestaltung des Doms zu Münster scheiterte zwar, dafür verewigte sich Rubens in der Propsteikirche in Recklinghausen. Und auch die Umgestaltung des Doms zu Paderborn oblag nicht Rubens, sondern Antonius Willemssens und dessen Werkstatt.

Die Kapitel, die der Besucher bei seinem Rundgang aufschlägt, beinhalten die Barockisierung des Paderborner Doms mit der gelungenen Rekonstruktion des Lettners und des durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg in Fragmente zerfetzten Hochaltarbildes, die Einflusszentren Rom und Antwerpen, Meister des flämischen Barock – Peter Paul Rubens, Rubens und sein Umkreis, Skulptur der Rubenszeit, den barocken Kunsttransfer nach Westfalen sowie das große Welttheater und die Aktualität des Barock. Begleitend zur Ausstellung erhält jeder Besucher einen „Leitfaden“ mit ausführlichen Kapiteleinführungen und Beschreibungen der Exponate. Wahlweise kann man sich auch einen Audioguide ausleihen, der ausgewählte Exponate vorstellt. Angesichts der räumlichen Enge und der engen Platzierung der Exponate ist es jedoch nicht immer einfach, eine Nische für das Vertiefen ins Thema bzw, ins Exponat zu finden. Gewiss es gibt eine Sitzbank im Verlauf des Parcours und man kann sich auch Museumshocker ausleihen. Doch man muss dann auch einen Platz finden nahe am Exponat, um die Anschauung durch das Lesen des Ausstellungstextes zu ergänzen. Innerhalb der Schau finden sich zudem Saaltexte zu den Kapiteln, die der Orientierung dienen. Sehr gelungen sind die virtuellen Animationen zum Beispiel zur Umgestaltung des Doms zu Paderborn.

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Peter Paul Rubens: Beweinung Christi, um 1612, Vaduz-Vienna, LIECHTENSTEIN, The Princely Collections © LIECHTENSTEIN, The Princely Collections, Vaduz-Vienna

Die Gebrüder Willemssens in Paderborn

Gleich zu Beginn der sehenswerten Schau fällt der Blick auf die Projektion des Doms. Zugleich hat man aber auch das Hochaltarbild aus Fragmenten, die erhalten geblieben sind, rekonstruiert. Es zeigt die Anbetung der Hirten, ein Motiv, das auch von Rubens bekannt ist. Gestiftet wurde der Hochaltar vom Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke. Dieser kam nur in Amt und Würden, weil sich das französische Königshaus dafür starkgemacht hatte. Eigentlich sollten Paderborn und das Hochstift im Zuge des Westfälischen Friedens an den Landgrafen von Hessen-Kassel fallen. Das Gemälde zeigt Maria, deren Haupt von einem Strahlenkranz umgeben ist, mit Jesus, der auf Tuch auf einem Holzbock und nicht im Schoss der Mutter ruht. Vor dem Kleinkind kniet unter anderem eine Bäuerin mit Obstkorb und Wildbret. Doch so recht mögen die Frisur und die Kleidung nicht zu einer Bäuerin passen. Am Himmel entdeckt der Betrachter Engelchen. Die Spiralsäulen, die das Gemälde ursprünglich rahmten, sind in der Schau mittels Zeichnungen auf Stoffbahnen wieder zum Leben erweckt worden. Auch Teile des Chorgitters, aus Bandeisen, Eisenstäben, Eisendraht und Kupfertafel geschaffen, sind vor dem Hochaltarbild zu sehen. Zudem erblicken wir ein Gemälde vom Inneren des Doms, das ein unbekannter Maler um 1830 geschaffen hat. Besonders gelungen ist die virtuelle Rekonstruktion des Doms bis hin zu den Zerstörungen durch das Bombardement im Zweiten Weltkrieg. Dass nicht nur Antonius, sondern auch Ludovicus Willemssens an der Barockisierung des Doms beteiligt war, zeigt der ausgestellte Puttenkopf vom einstigen Liborialtar. Aus der Hand von Ludovicus Willemssens stammen auch die lebensgroßen polychromen Figuren von Kaiserin Kunigunde und Kaiser Heinrich II. Sie sind die beiden einzigen erhaltenen Zeugnisse des originalen Altardekors.

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Peter Paul Rubens, Selbstbildnis, um 1625/30, Siegen, Siegerlandmuseum © Förderverein des Siegerlandmuseums und des Oberen Schlosses e.V. Siegen

Rom und Antwerpen

Das Konzil von Trient, gemalt von Frans Francken d. J. steht ebenso für den Einfluss Roms wie auch Andries de Noles überlebensgroße Marmorfigur des hl. Ignatius von Loyola, der in Talar und Mantel auf ein Buch weist. Dabei dürfte es sich um die Ordensregeln der Jesuiten handeln. Diese Skulptur erinnert stark an den Fassadenschmuck an der römischen Mutterkirche des Ordens. Aus dem Cölestiner-Kloster Heverlee stammen die beiden Alabasterskulpturen in Gestalt von Putti, die Cornelis Floris de Vriendt d.J. geschaffen hat. Die Putti lehnen sich an die Darstellung von Karyatiden an, die tragende Funktion in der griechischen Architektur haben. Hendrick van Steenwijck d. Ä. und Jan Brueghel d.Ä. verdanken wir die Innenansicht der Kathedrale von Antwerpen, in der sich heute zwei wesentliche Rubenswerke befinden: die »Kreuzaufrichtung« und die »Kreuzabnahme«. Während die perspektivisch erfasste Kirchenarchitektur von van Steenwijck d. Ä. bestechend ist, hat Jan Brueghel das schlichte Architekturgemälde um eine beinahe ins Genrehafte gekehrte Szenerie verwandelt. Er setzte Figuren ins Kircheninnere, tobende Hunde, einen Priester in einer Unterhaltung verwickelt, kniende Gläubige, eine schwarzgekleidete Frau mit Kind an der Hand und eine Familie mit Kindern, die etwas verloren herumstehen. Den Widerstreit zwischen Protestantismus und Katholizismus spiegelt sich in Kupferstichen wider, die den Titel „Wahres Bild der alten apostolisch-evangelischen Kirche“ – die Gläubigen sind auf den Kanzelaltar ausgerichtet, von dem gepredigt wird – und „Getreuliches Bild der römisch-päpstlichen Kirche“ tragen. Letztere wirkt in dem Kupferstich reich skulptural ausgestattet und belebter, hier eine Prozession, dort ein Trauerzug, hier eine Hochzeit, dort versammelte Pilger. Zugespitzt in einer Art Polemik heißt das: die Macht des Wortes vs.die Visualisierung des religiösen Ritus. Der Kunstaustausch zwischen Flandern und dem übrigen Europa, vor allem aber Westfalen, manifestiert sich unter anderen in den ausgestellten Heiligenbüsten, die Ludovicus Willemssens schuf: hl. Papst Gregor, hl. Diakon und hl. Bischof. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf das Altarbild mit Madonna und adorierenden Heiligen von Antonius Willemssens.

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Peter Paul Rubens, Verkündigung an Maria, um 1620, Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien Gemaeldegalerie der Akademie der bildenden Kuenste Wien

Flämischer Barock – Peter Paul Rubens

Aus der Werkstatt von Rubens stammt ein Selbstbildnis des berühmten Barockmalers mit gezwirbeltem Schnauz- und Kinnbart, schwarzem, ausladendem Hut schwarzem Überwurf. Illustrationen von Peter Paul Rubens zieren liturgische Texte, die im Antwerpener Verlagshaus Platinus-Moretus erschienen. Die Antwerpener Carolus-Borromäus-Kirche ist der barocke Sakralbau schlechthin. An der Innengestaltung dieser Antwerpener, die heute jedoch nicht mehr erhalten ist, war Rubens maßgeblich beteiligt. Wie sie einst aussah, zeigt ein Gemälde von Johann Honore Homagius. Auf diesem Gemälde kann man Rubens Deckengemälde und das große Altarbild erkennen. Auffallend ist auch die Säulenflucht, die auf das Altargemälde ausgerichtet ist. Zu sehen sind in der Paderborner Schau außerdem einige der Entwürfe zu den Deckengemälden, so „Anbetung der Hirten“ und „Verkündigung an Maria“. Weitere Arbeiten Rubens, die gezeigt werden, sind die „Kreuzigung Christi“, „Kreuztragung“, „Der Lanzenstich“, „Anbetung der Hirten“, zwei Heiligenpaare in schmalem Hochformat und „Die Beweinung Christi“ mit einer betonten diagonalen Bildgestaltung, die dem Gemälde eine besondere Raumtiefe gibt. Man sieht Maria, die das Haupt ihres Sohnes hält und mit der Hand sein eines Auge schließt. Johannes in rotem Gewand berührt Maria sanft am Arm. Zu den Umstehenden gehören weitere Trauernde, die den vom Kreuz Abgenommenen beweinen.

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Tony Cragg: „It is, it isn’t“, Schichtholz, poliert, gebeizt und gewachst,
Wuppertal, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Auch der Verbreitungsweg der barocken Kunst ist Gegenstand der Schau und wird anhand der Vita von Jan Boeckhorst, aus Münster nach Antwerpen gehend, und Willem Pannels – dieser war in Köln, Baden und Mainz tätig – nachvollziehbar. Man zeigt auch hier Auftragsarbeiten aus dem Kreis der Kirche, so Boeckhorsts „Auferstehung Christi“ und Panneels „Der Prophet Elia von einem Engel versorgt“. Letzteres ist ein Sujet, das auch Rubens gemalt hat. Nicht unwesentlich waren aber auch Kopisten wie Pieter de Jode d.J. und Lucas Vorsterman, die zuur Verbreitung von Rubens-Motiven beitrugen. Auch von diesen beiden Künstlern zeigt man einige Arbeiten, ob „Die Heimsuchung“ oder „Martyrium des hl. Laurentius“.

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Gerhard Richter, Ausschnitt (Makart) [288], 1971, Duisburg, MKM
Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Sammlung Ströher ©
Gerhard Richter 2019 (0214) / MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, Sammlung Ströher / Kunstmuseum Bonn, Reni Hansen

Wer intensiv durch die Ausstellung gegangen ist, ist aufgrund der Fülle der Exponate bereits zu diesem Zeitpunkt in seiner Aufmerksamkeit erschöpft. Zum Schluss stehen aber noch drei Kapitel aus, u. a. die Skulptur in der Rubenszeit – zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Artus Quellinus d. Ä. – und die Barockrezeption in Westfalen. Gänzlich aufgesetzt scheint das Schlusskapitel mit moderner Kunst, die so gar nichts von barockem Hedonismus hat. Das betrifft Richters eher dem Informel zuzuschreibenden Gemälde oder Tony Craggs organisch anmutende Schichtholzskulptur. © fdp


Informationen
Diozäsanmuseum
dioezesanmuseum-paderborn.de


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