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Oldenburg
Landesmuseum/Schloss

Franz Radziwill - 125 Werke zum 125. Geburtstag
bis 23.8.2020

Über alle Wandlungen seines Stils hat das Landesmuseum Oldenburg das Werk Franz Radziwills begleitet, ausgestellt und gesammelt: Vom ersten bekannten Gemälde aus dem Jahr 1915 über die expressionistischen Anfänge und Hauptwerke des Magischen Realismus bis hin zu den Arbeiten des Künstlers, die während des ‚Dritten Reichs' in den Gauausstellungen präsentiert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg näherte Radziwill sich dem Surrealismus an und nahm Motive der New Age-Bewegung in seine Bildwelten auf. Die letzten Werke entstanden, bevor der Künstler aufgrund eines Augenleidens 1972 die Malerei aufgeben musste. Nunmehr ist der 125. Geburtatag Anlass, sich den Facetten des Werks von Radziwill ausführlich zu widmen.

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Raumansicht, Franz Radziwill, Landesmuseum Oldenburg

Die frühen Jahre

Mit expressivem Farbstrich entstand die Parklandschaft mit gelber Brücke. Wer genau hinschaut, wird auch einige Personen auf der Brücke entdecken, eine Staffage. Vor den Brückenbögen dümpeln Kähne im Wasser. Überbordend ist das Grün-Gelb des Laubes, dass die Bildfläche füllt. Mit feinem Bleistiftstrich hat Radziwill eine Straße mit Häusern zu Papier gebracht. Zwei Gestalten entdeckt man auf der Straße. Wohin sie wohl unterwegs sind, fragt sich der Betrachter. Eine gewisse Naivität in der Darstellung ist in einem Paar im Café zu sehen. Ist man nun im Café oder vor dem Café? Radziwill verschiebt und mischt die Ebenen der Ansicht nicht nur in dieser frühen Arbeit, sondern auch in späteren. Skurril sind auch seine Stillleben, so auch das mit dem Huhn auf dem Tisch. Doch nicht nur das Huhn ist Teil des Gemäldes, sondern auch ein Laib Brot und eine bauchige Tonvase. Und im Hintergrund stehen einige bunt gekleidete Personen, die einen Blick auf das Stillleben werfen. Innenraum und Außenraum gehen ohne Bruch ineinander über. Einem gespreizten Flügel in zartem Rot und Weiß gleicht „Die Welle“. Welch ein Kontrast zum braun-grau-schwarz gefärbten Meer im Vordergrund.

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Franz Radziwill: Parklandschaft mit gelber Brücke, 1915, , Landesmuseum Oldenburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Vorbild die Maler der Brücke

Radziwill suchte die Nähe zur Künstlergemeinschaft Die Brücke und hatte eine besondere Beziehung zu Schmidt-Rottluff, dessen besonderes Rot er in einige seiner Arbeiten einfließen ließ, so in die Farbsetzung der Straße mit Fußspuren in „Häuser in Bremen“. Die Häuser selbst haben die Anmutung von Modellbauhäusern. Zu den Stadtansichten gehört auch die Aquarellarbeit „Fischerhäuser am Ufer“. Auch zwei Stillleben finden sich in diesem Segment der Schau, die Radziwills Suche nach einem Stil im Umfeld der Brücke beleuchtet. Unter diesen ist auch das Gemälde mit blätterndem Mohn, der im Fokus steht. Der blaue Hintergrund des Innenraums geht in einen Fensterblick und Außenraum über. Schließlich entdecken wir noch eine Deichlandschaft über die Cirruswolken hinwegziehen.

„Mensch und Mystik …“

… lautet ein weiteres Thema, dem sich die sehenswerte Ausstellung widmet. Ein Selbstbildnis von Radziwill mit roter Bluse wird präsentiert. Doch auch hier ist das Bildnis das eine, doch andere visuelle Inhalte das andere: Der Blick nach außen ist integraler Bestandteil des Porträts, der Blick auf den abnehmenden Mond, einen kahler Baum und ein Haus im Schein des Mondlichtes. Das ist durchaus ein wenig gespenstisch. Neben dem Porträt des Künstlers sehen wir auch das von seiner ersten Ehefrau Inge-Johanna, die 1942 verstorben ist. Beinahe altmeisterlich scheint die Darstellung und zugleich surrealistisch ganz im Sinne von Magritte. Die schwarzgekleidete Dame, am Tisch sitzend, vor ihr ein zugeschlagenes blaues Buch, schaut aus dem Fenster auf ein hell erleuchtetes Herrenhaus, was angesichts des dunklen Abendhimmels so nicht möglich ist, außer mit Sinn für Surrealismus.

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Franz Radziwill, Selbstbildnis mit roter Bluse, 1930, Landesmuseum Oldenburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

In Radziwills Zeit in Dresden 1927 entstand eine Skizze der Stadt jenseits des Canaletto-Blicks und das Gemälde „Bei der Carolabrücke“, an dessen Brückenkopf eine wartende Person zu erkennen ist. Besonders beeindruckend ist die Arbeit „Zwei Frauen auf dem Balkon“ mit einer sehr eigenwilligen Lichtregie, bei der nicht allein der Balkon hell erleuchtet ist, sondern auch die komplette Giebelwand eines benachbarten Hauses. Und wo ist die Lichtquelle, die eine derart entfesselte Lichtkraft entwickelt? Beim Anblick des Gemäldes muss man an Theaterkulissen und an Paul Delvaux denken, der in seine surrealistischen Arbeiten stets ausgedachte Architekturinszenierungen eingebunden hat. Auch „Landschaftsbild mit weißen Bäumen“ entstammt nicht dem wirklichen Leben, sondern der Fantasie, betrachtet man den hellen , dahinfließenden Lichtfleck in der Mitte des Werks. Derartige Arbeiten leiten über in das, was mit magischer Realismus umschrieben wird und einen wesentlichen Teil des Werk-Konvoluts von Radziwill ausmacht.

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Franz Radziwill, Grünes Stillleben, 1948, Landesmuseum Oldenburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Im weiteren Rundgang sehen wir die magischen Welten, die teilweise eher als apokalyptische Welten, als Welten der Bedrohung durch Technik wie U-Boote oder Flugboote anzusehen sind.. Das hängt auch damit zusammen, dass Radziwill teilweise seine Werke nach 1945 motivisch im Sinne des Surealen verändert hat, aber nicht nur. Ein Flugboot lässt der Künstler vor dem Strand von Dangast auftauchen. Drei Ballons gleiten am Himmel dahin und überfliegen die Bahnlinie Borgstede-Varel. Ein Mann steht im Garten und schaut den drei Ballons nach, neugierig, staunend, ungläubig.

Magie der Dinge

Eine Klippenlandschaft im Hintergrund ist die Kulisse für eine Landschildkröte und im Meer entdecken wir einen Großsegler unter vollen Segeln. Das erscheint, wie aus einem Traumbild entsprungen. Auch das Gemälde „Stillleben vor der Planke“ ist bizarr: Eine Maus versteckt sich hinter einem roten Apfel, ein Fliegenpilz steht am Rande einer Grasfläche, ein Krug und eine Flasche sind zu sehen und auch das Meer, an dessen Saum eine Muschel liegt. Dabei gehen Terrakottapflaster in die Wellen des Meeres über. Da reibt sich der Betrachter verdutzt die Augen, oder?

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Franz Radziwill, Das Fenster meines Nachbarn, 1930, Landesmuseum Oldenburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Auch der Zeit des Nationalsozialismus widmet sich die Übersichtsschau. Radziwill bekannte sich zum NS-Staat und war auch Parteimitglied, zugleich aber galten einige Arbeiten als „entartet“ und er verlor 1935 seine Professur. Doch im gleichen Jahr wurde er NSDAP-Kreiskulturstellenleiter. 1937 erlebte Radziwill trotz seiner Parteimitgliedschaft dunkle Stunden. Es war das Jahr der Beschlagnahme von 250 Werken, von denen die meisten bis heute verschollen sind. „Stahlhelm im Niemandsland“ und „Schneelandschaft am Dangaster Strand“ sind zwei Arbeiten, die in den Jahren bis 1945 entstanden. Auch das auslaufende U-Boot vor riesigen Sieltoren wurde in dieser Zeit gemalt. Kriegsverherrlichung?

Ein wesentlicher Teil der Schau widmet sich den Nachkriegsjahren und der besonderen Spielart des Surrealismus, den Radziwill in seinen Werken umsetzte. Dabei hat man wie in „Der Mensch folgt den Narren mehr als … (dem Genius)“ den Eindruck, dass mit den Arbeiten auch Moral gepredigt wird und eine deutliche Mahnung in die Bildsprache einfließt. Sonst ist es nicht zu erklären, dass u.a. auf einer Mauer ein Volksempfänger (!), in der NS-Zeit das Propagandainstrument schlechthin, steht, dem die den Narren Folgenden keines Blickes würdigen. Es gibt halt neue Verführer, nachdem die alten, die auf den Schutthaufen der Geschichte geworfen wurden. © fdp

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Franz Radziwill, Wilhelmshaven, 1928, Landesmuseum Oldenburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020


Informationen
https://www.landesmuseum-ol.de

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