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Münster
Kunstmuseum Pablo Picasso

Durch das Licht – Abstraktion in Frankreich. Von Bazaine bis Singier“

Pablo Picasso und die Avantgarde der Nachkriegszeit
bis 29. September 2019

120 Gemälde wurden für die Sonderausstellung zusammengetragen. Dabei bilden 90 Arbeiten eines privaten Sammlers, der anonym bleiben möchte, den Kern des Konvoluts, das gezeigt wird. Münster ist die einzige Ausstellungsstation in Deutschland. Sie wandert am Ende ins nordfranzösische Roubaix. Im Fokus stehen Arbeiten, die eine Symbiose aus linearen Strukturen und Farbflächen zeigen. Teilweise muss man die Bildinhalte dechiffrieren, denn hier und da verbirgt sich das Figurative wie ein Suchbild im Gewirr der Linienstrukturen. Paul Klee war für den einen oder anderen französischen Abstrakten eher eine Quelle der Inspiration als Kandinsky. Dabei muss herausgehoben werden, dass die oben genannten Künstler stets aus der Natur schöpften und auch in der Abstraktion Natur durchscheinen ließen.

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Jean Bazaine, Gesang der Frühe II, 1985, Öl auf Leinwand,
Privatsammlung,(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Einige Kenner bezeichnen die Künstler der französischen Avantgarde als „Widerstandkämpfer mit dem Pinsel“. Das scheint mehr als abwegig. Dezidiert politisch haben sie sich in ihren Arbeiten nie gezeigt. Eher einte sie ein gewisser Nationalismus, der sich in den Bildwerken jedoch nie ausdrückte, sieht man von einem Gemälde ab, das sich mit der französischen Trikolore befasst und nicht in der Münsteraner Ausstellung zu sehen ist. Die Tatsache, dass die erste Ausstellung von Jean Bazaine, Roger Bissière, Elvire Jan, Jean le Moal, Alfred Manessier und Gustave Singier 1941 in einer Galerie neben der deutschen Kommandantur In Paris stattfand ist auch keine Widerstandstat. Hier muss man eher die Frage stellen, warum und wieso zu diesem Zeitpunkt überhaupt Kunst gelebt werden konnte, während das Vichy-Regime und die deutschen Besatzer mit ihrem Unterdrückungsapparat das Land und deren Menschen knebelten.

Politisch wohl nicht

Zum Zeitpunkt einer Okkupation eine Ausstellung zu organisieren, zeugt doch eher von Verdrängung, zumal wenn man die Sujets betrachtet, die zwischen Fauvismus und Kubismus changieren, also zwischen Farbigkeit und Form. Kein einziges der in Münster präsentierten Gemälde befasst sich mit dem Krieg und der Okkupation, und sei es abstrakt! Oder gehörte schon Mut dazu, Gemälde zu zeigen, die im sogenannten III. Reich als „entartet“ galten?

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Jean Bazaine, Herbst in Virginia, 1953, Öl auf Leinwand, Privatsammlung,
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die abstrakte Malerei der französischen Kriegs- und Nachkriegszeit war und ist ein Genre, das weder zum allgemeinen Kanon gehört noch im Fokus musealer Interessen steht. Diese spezifische Malerei der Avantgarde Frankreichs, durchaus auch der figurativen Abstraktion verbunden, stand und steht im Schatten des us-amerikanischen Neo-Expressionismus.

Im Schatten von Pollock und Co.

Namen wie Jackson Pollock, Mark Rothko und Willem de Kooning haben in der Kunstwelt einen Klang. Das kann man von Jean Bazaine, Roger Bissière, Elvire Jan, Jean le Moal, Alfred Manessier und Gustave Singier weniger sagen. Diese bildenden Künstler führten eher ein Schattendasein, zumal es nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs in Europa eine allgemeine Abkehr vom Figurativen gab. So war die Abstraktion in den 1940er Jahren längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Es gab gleichsam eine Welle vom Figurativ-Abstrakten hin zum Abstrakten. In diesem Kontext sei an Künstler der Gruppe CoBrA oder gar an die Künstler des Informel wie Schumacher, Götz oder Tapies erinnert. Kunst sollte nie wieder propagandistisch missbraucht werden. Die Ungegenständlichkeit schien der einzige Ausweg, um dies zu bewerkstelligen. Dass Kunst im Kalten Krieg dennoch politisch missbraucht wurde, unterstreicht das Engagement des CIA für die us-amerikanischen Neo-Expressionisten und Abstrakten. 1968/9 wurde mit viel Aufwand, auch finanziellem Aufwand, in Europa die aktuelle Kunst aus den USA gezeigt.

Wie Free Jazz

Einige der gezeigten Arbeiten scheinen wie die Improvisation im Jazz, wie die gekonnte Auflösung des Themas, leicht, luftig, spielerisch, schwebend, entrückt, gestisch, stürmisch wie der Free Jazz. Neben der linearen Strukturierung finden sich auch Gemälde, die über den Rahmen hinausreichen, also offen in der Form sind. Eine Nähe zu den deutschen Expressionisten findet sich in den Farbwürfen, so bei Elvire Jan und einer Komposition von 1958, bei der man sich an einen herbstlich verfärbten Wald erinnert fühlt und zugleich auch an die gefühlten Farben, denen sich Kirchner und Co. verschrieben haben.

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Elvire Jan, Komposition, 1958, Aquarell auf Papier, Privatsammlung,
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Hinter Linien verborgen

Wie bereits angedeutet, muss man bei einigen der Bildwerke genau hinschauen, um das Figurative auszumachen so auch bei der Arbeit „Junges Mädchen“ von Alfred Manessier, deren Porträt durch farbige vertikale Linien durchbrochen wird. Ähnliches gilt für die Feierlichkeiten einer Silberhochzeit, die Roger Bissière auf die Leinwand gebannt hat. Auf den flüchtigen Blick hin, meint man nur verfremdete Farbflecken auszumachen, ehe beim zweiten Blick die „Strichmännchen“ erkennbar sind. Beinahe schon an die Geometrisierungen von Paul Klee anlehnend erscheint die Arbeit von Jean Bazaine, die den Titel „Das Kind an den Ufern der Seine“ trägt. Betrachtet man das Gemälde mit seinen Blaunuancen, muss man eher an eine Straßensilhouette denken und fragt sich, wo das Kind wohl sei. Bei Arbeiten wie „Kopf eines Mädchens“ mit tannengrünen Linien denkt der eine oder andere Betrachter an Legér, der eben durch „Farbfleck-Übermalungen“ von Silhouetten eine eigenwillige Bildsprache schuf. Figuren im Raster schuf auch Elvire Jan, die einzige Frau in der Männerriege der französischen Avantgarde.

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Gustave Singier, August Licht, 1982, Öl auf Leinwand, Privatsammlung,
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Vorbild Natur

Wie stark doch die Natur eine Vorlage für das künstlerische Schaffen war, zeigt sich in „Die Fledermaus“ von Gustave Singier. In tiefes Blauschwarz ist das Gemälde getaucht, in dem man eine mit dem Kopf nach unten hängende Fledermaus, zu einem Rhombus vereinfacht, entdecken kann. Aber sind da nicht gleich mehrere Fledermäuse präsent? Eine Brücke, bunte Beete, ein Wegenetz – das hat Jean le Moal in seiner Gartenansicht aus der Vogelperspektive festgehalten. Ähnliches hat auch Corneille, Mitglied der Gruppe CoBrA, gemalt. Das „Vegetabile“ steht bei Roger Bissières „Der weiße Stern“ im Fokus, einem schmalen hochformatigen Werk.

Gestik und Farbe

„Ich denke, wir sprechen als Erste eine neue Sprache. Es ist die Sprache, die der Musik nahe ist.“ Mit diesen Worten wird Alfred Manessier in einem Wandtext in der Ausstellung zitiert. Ja, bei einigen der Arbeiten, so in Elvire Jans „Paysage Bleu“ und „ Rose. Bleu. Rythmes“ die einen wilden Duktus aufweisen, kann man sich dramatische Musik und auch Free Jazz vorstellen - musikalische Entgleisungen Hand in Hand mit farblichen Eruptionen. Auch an Noldes Farbmeere erinnert man sich beim Betrachten einiger Arbeiten wie „Ombre sur la colline“ von Jean Bazaine.

Als wäre ein Windstoß über die Farbsetzungen gefegt und hätte sie wie Federn auf die Leinwand fallen lassen, erscheinen Gemälde wie „Chant de L‘Aube II“ und „Chant de l‘Aube VII“, die ebenfalls Bazaine geschaffen hat. Beim Anblick dieser Gemälde hat man wirklich die Vorstellung, dass der Ausstellungstitel „Durch das Licht“ passend ist. Transparenz strahlen die Arbeiten Bazaines aus.

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Alfred Manessier, Sand VII, lavierte Tusche, Privatsammlung,
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Glasmalerei war für einige der genannten Künstler auch ein Thema. Die Bleiglasfassungen der Glasmalerei und der Glasfenstergestaltung findet sich auch in einigen Arbeiten auf Leinwand, so im Gemälde „Le Collier Blanc“ von Singier. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass einige Glasfensterarbeiten, die Manessier ab den späten 1950er Jahren geschaffen hat, in der Liebfrauenkirche in Bremen, in Sankt Gereon in Köln und in der Krypta des Essener Münsters zu sehen sind.

Übrigens: Es liegt ein Katalog vor, allerdings nur in Französisch. Bestechend sind allerdings die Abbildungen, die die ausgestellten Werke der franzöischen Avantgarde wiedergeben!

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Roger Bissière, Morgenlicht, 1960, Öl auf Leinwand,
Fondation Jean et Suzanne Planque, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019


Pablo Picasso und die Avantgarde der Nachkriegszeit

Parallel zur oben genannten Ausstellung befasst sich das Picasso-Museum mit Picassos künstlerischem Schaffen zwischen den 1950er und 1960er Jahren. „Picasso und die Nachkriegsmoderne“ ist dabei eher eine Dokumentation, die mit wenigen Originalgrafiken auskommt, sich jedoch des Mediums Film und Fotografie bedient, um diese Periode in Picassos Schaffen zu verdeutlichen.

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Pablo Picasso, Komposition, 1957, Lithografie (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019


So sind nicht nur Aufnahmen von der Documenta des Jahres 1959 Teil der Ausstellung, sondern auch zwei Filmausschnitte aus „Jules & Jim“ von Truffaut und „11 Uhr nachts“ von Godard. Formale Elemente in der Filmgestaltung und der szenischen Inszenierung beziehen sich auf Pablo Picasso und sei es, dass wie bei Truffaut die Wohnung, in der der Film spielt, mit Werken Picassos ausgestattet ist. Ansonsten sieht man Grafiken aus dem Bestand des Hauses, so auch die unterschiedlichen Fassungen des Stiers von Picasso, aus der die allmähliche Abstraktion des Bildgegenstandes deutlich wird. Zu sehen ist zudem die Arbeit „Jugendstil-Büste, Zustand vom 8. März 1949“. Auf einem Documenta-Foto sieht man Arnold Bode vor Picassos „Mädchen vor einem Spiel“. Und auch die Installation der Badenden Picassos, die sich in der Stuttgarter Staatsgalerie befinden, sind fotografisch in der Schau präsent.

In Schwarz-Weiß-Aufnahmen beleuchtet die „Kabinettausstellung“ außerdem Picassos Umgang mit dem Werkstoff Beton, der insbesondere in der Nachkriegsarchitektur eine wesentliche Bedeutung hatte. Man denke in diesem Kontext an Le Corbusiers Wohnmaschine Unité d‘habitation in Marseille. Darin spiegelt sich der Beton-Brutalismus wider, dem man in den späten 1940er bis in 1960er Jahren hinein nachhing.

Ganz im Zeitgeist des Brutalismus gestaltete Picasso riesige Skulpturen aus Beton. Die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Bildhauer Carl Nesjar war dabei sehr wesentlich. Diese Skulpturen waren Landmarken im öffentlichen Raum in Barcelona ebenso wie in Larvik oder New York. Auch im Vondelpark in Amsterdam hat sich Picasso derart verewigt. Die gezeigten Aufnahmen stammen aus de Mitte der 1960er Jahre, ohne allerdings zu verdeutlichen, ob die Arbeiten Picassos bis heute noch vor Ort zu sehen sind.

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Pablo Picasso, Frauen im Spiegel, 1956, Farblinolschnitt
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019


Neben den Skulpturen aus Beton befasste sich Picasso auch mit Betongravuren, dank an Carl Nesjar. Mithilfe eines Sandstrahlers konnte der Beton „grafisch“ bearbeitet werden. Auch hierzu gibt es in der Schau einige fotografische Bildbeispiele zu sehen. Unter anderem wurde auch ein Regierungsgebäude in Oslo, das der Naziterrorist Anders Breivik 2011 in die Luft sprengte, mit derartigen Betongravuren versehen. Sie entstanden zwischen den späten 1950er und den frühen 1970er Jahren. Die Werke tragen die Titel „Der Strand“, „Die Möwe“, „Satyr und Faun“ und „Fischer“. Picasso entwarf diese Werke und Carl Nesjar und führte diese aus. Diese Art der Kunst am Bau bezieht sich auf den sogenannten H- und den sogenannten Y-Block, die der Architekt Erling Viksjø entwarf.

Das größte Betonkunstwerk Picassos entstand 1970 für den erwähnten Y-Block. Ähnliche Arbeiten schuf Picasso auch in Barcelona und Stockholm. Über den Umgang mit dem zerstörten Osloer Regierungsgebäude und dem Erhalt der Arbeiten Picassos gibt es seit Jahren eine anhaltende Kontroverse in Norwegen. Abriss vs. Rekonstruktion ist das Thema. Auf dieses wird in der Schau nicht eingegangen. Wen das Kapitel „Picasso und Oslos Architektur“ interessiert, sei auf diesen Link verwiesen: https://www.regjeringen.no/globalassets/upload/fad/vedlegg/bst/picasso-oslo.pdf.

Texte © Ferdinand Dupuis-Panther


Vorschau

IM RAUSCH DER FARBE – VON GAUGUIN BIS MATISSE

Meisterwerke aus dem Musée d'Art moderne de Troyes

12. Oktober 2019 - 19. Januar 2020.

Im Licht der Sonne des Mittelmeeres revolutionierten Henri Matisse und André Derain zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dem südfranzösischen Fischerdorf Collioure die Malerei der Moderne. Die leuchtenden, expressiven Farben und die vereinfachenden Formen ihrer Bildkompositionen entwickelten eine derartige visuelle Sprengkraft, dass die Gruppe fortan „Fauves“ – „Die Wilden“– genannt wurde. Das Picasso-Museum präsentiert im Herbst 2019 rund 70 hochkarätige Werke von Malern wie Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Kees van Dongen, Maurice de Vlaminck und Othon Friesz, die mit ihren Gemälden das Pariser Publikum in einen fauvistischenFarbrausch versetzten.

 

Information
https://www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

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