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Münster

Kunstmuseum Picasso


Rendezvous der Freunde - Camoin, Marquet, Matisse, Manguin
bis 16.01.2022

De Ausstellung zeigt rund Gemälde, Zeichnungen und grafische Arbeiten der vier Künstler und spürt gleichzeitig ihren gemeinsamen Inspirationsquellen nach. Ihr Werk ist geprägt vom französischen Impressionismus, deren naturalistische Landschaftsschilderungen sie jedoch zu Gunsten einer intensivfarbigen, ausdrucksvolleren Ästhetik überwanden und weiterentwickelten. Mit ihrer expressiven Malerei lösten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Skandale aus. Kritiker bezeichneten ihre Kunst als "wilde Malerei", was ihnen den Spitznamen der "Fauves" (die Wilden) verlieh. Parallel zeigt das Picasso-Museum in der Studioausstellung "Picasso – Fotografie und Mythologie" 30 Lichtdrucke des Künstlerbuches "Diurnes", das Picasso zu Beginn der 1960er-Jahre gemeinsam mit dem Fotografen André Villers schuf.

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Albert Marquet, Ansicht von Agay, um 1905, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou Paris - Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle

Lebenslang waren die Künstler Camoin, Marquet, Manguin und Matisse freundschaftlich verbunden. Intensiv waren die Korrespondenzen der Freunde, unter denen Matisse eine Schlüsselrolle einnahm. Die Briefwechsel führten stets über ihn, Briefwechsel jenseits davon sind nicht bekannt. Als „Moreau-Gruppe“ kannte man Charles Camoin, Henri Manguin, Albert Marquet und Henri Matisse , die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Künstler geschätzt und deren Werke unter anderem von den Geschwistern Stein gesammelt wurden. Matisse überragte dabei die anderen bezüglich seines Weltrufs. Das jedoch neideten die anderen ihm nicht. Was hat es nun mit dem Begriff „Moreau-Gruppe“ auf sich? Kennengelernt hatten sich die Vier an der Akademie der Schönen Künste in Paris. Ihr Lehrer war dort der Symbolist Gustave Moreau, der das Atelier oder die Skulpturensammlung der Akademie für die Entwicklung junger Künstler viel weniger bedeutsam fand als die Straße, die Cafés, die Cabarets, das Nachtleben von Paris. Dieses aufzuspüren und in eine adäquate Bildsprache zu übertragen, stellte die Herausforderung dar. Schließlich fand unter anderem auch der bekannte Künstler Henri Toulouse-Lautrec seine Sujets eher zwischen Puff, Boudoir und Straße. Ein Vorbild für die vier Freunde?

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Albert Marquet, Die Lagune von Venedig, 1936, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou Paris -
Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle

Etwa 120 Werke sind auf zwei Geschossen des Picasso-Museums versammelt, darunter eine beträchtliche Zahl von bisher in Deutschland nie ausgestellten Werken, die aus dem Nachlass der vier Künstler stammen. Die Ausstellung ist teils thematisch, teil monografisch angelegt, sodass zum Beispiel Henri Matisse mit dem „Mappenwerk“ namens „Jazz“ ein eigener Raum vorbehalten ist. Matisse versuchte in diesem Spätwerk, als er durch eine Darmkrebserkrankung gesundheitlich eingeschränkt war und nur noch in der Lage war Scherenschnitte zu konzipieren, mit visuellen Mitteln das auszudrücken, was den Jazz im Kern ausmacht: die Improvisation, die weit mehr als die Variation in der klassischen Musik ist. So sehen wir in der sehr sehenswerten und sehr gut strukturierten Schau unter anderem drei Variationen des Blattes „Lagune“ mit wellig-organischen Formen, die teilweise an ein simplifiziertes Fetzentier oder an Kelp erinnern. Eigentlich sollte die Serie ja „Zirkus“ heißen, da es auch Blätter mit Artisten in dem Zyklus gibt, mal abgesehen von einem schwarzen Ikarus mit roten Herzflecken inmitten eines funkelnden Sternenhimmels. Angesichts der als Schablonendruck ausgeführten Scherenschnitte fragt man sich, welche Art von Jazz Matisse wohl im Sinne hatte, als er sein Serienwerk begann. New Orleans? Free Jazz im Sinne von Alber Ayler, Bebop im Sinne von Charlie „Bird“ Parker?

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Henri Matisse:: Jazz ... und Besucherin
Foto: Hanna Neander / Picasso-Museum

 

Als Besucher der Schau müssen wir spekulieren, weil es im Saaltext dazu keinen Hinweis gibt und auch auf das Einspielen entsprechender Musiktags verzichtet wird. Motivisch gibt es hier und da in der Serie auch Brüche, da neben Akrobaten und Tänzerinnen auch der „Werwolf“ vorkommt. Eine Vorahnung des Krieges und der Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg? Ist der Ikarus gar eine Metapher für Fallschirmspringer am nächtlichen Himmel? Was jedoch überaus auffallend ist, ist die plakative Farbigkeit der Arbeiten, die wohl nachhaltig auch die us-amerikanische Pop-Art beeinflusst haben. Im entsprechenden Saaltext lesen wir: „Von einem Freund befragt, was er in seinem Leben erreichen wolle, antwortete beispielsweise Andy Warhol: 'I want to be Henri Matisse'.“

 

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Charles Camoin, Lola auf der Terrasse des Hotel Bellevue in Toulon, 1920, Öl auf Leinwand, Privatsammlung Paris (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Deutlich wird an den Arbeiten von Matisse im Vergleich mit den als nachimpressionistisch zu nennenden Stadtansichten, Porträts und Landschaftsgemälden der anderen Künstler, dass Matisse vor allem am meisten wagte, sprich sich in die Farbigkeit vertiefte, ähnlich wie die Fauvisten und Expressionisten der „Brücke“. Übrigens sprach man von den drei Künstlern jenseits von Matisse von den zahmen oder kleinen Wilden, da sie sich der explosiven Farbigkeit gegenüber sehr zurückhaltend zeigten, wenn es auch Arbeiten mit „gefühlten Farben“ in Münster zu sehen gibt.

Im Saaltext zu dem „modernen Eremiten an der Côte d’Azur“ – so wird Matisse jedenfalls in der Schau charakterisiert – lesen wir von seiner Schaffenskraft nach der Krebsoperation. Matisse sprach von einem zweiten Leben und schrieb an Albert Marquet: „Ohne Scherz – ich segne meine Operation, die mich verjüngt und zu einem Philosophen hat werden lassen […]“

 

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Marquet oder ..., - das ist eine Frage ... Foto: Hanna Neander / Picasso-Museum

 

Nun haben wir die Betrachtung der Werke des „Herrn Professors“ – so nannten ihn die Freunde nicht nur wegen dessen Alters, sondern auch weil er immer das letzte Wort zu haben pflegte – vorweggenommen. Die Ausstellung macht allerdings nicht mit diesem Doyens der Moderne auf, sondern mit dem Abguss eines antiken Diskuswerfers. Damit wird Bezug genommen auf die Sammlung der Akademie der schönen Künste in Paris und natürlich auch auf die gängige akademische Ausbildung, die ohne das Zeichnen nach Abgüssen nicht auskam. Etwa 450000 Kunstwerke waren an der besagten Akademie zu finden, darunter auch 3700 Skulpturen, die mit Sondergenehmigung sonntags der Öffentlichkeit zugänglich waren. So konnte zum Beispiel auch Auguste Rodin in der Skulpturenabteilung seinen Studien nachgehen. Wie die Sammlung ausschaute, verdeutlicht ein Großfoto des Lichthofes der Akademie, davor haben die Ausstellungsmacher eine Aphrodite gesetzt, die ebenso wie der Diskuswerfer aus der universitären archäologischen Sammlung in Münster stammt.

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Charles Camoin, Der Jardin de la Colline Puget (Marseille), um1904, Öl auf Leinwand,
Kunsthaus Zürich © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Beim Blick auf Manguins Zeichnung eines Rückenakts kann man sich gut vorstellen, dass die genannte Sammlung für Skizzen und Studien, also für die elementaren Fingerübungen von Künstlern, eine wesentliche Bedeutung besaß. In dem „Akt auf dem Rücken liegend“ scheint das antike Vorbild schon viel weniger durch. Da muss der Betrachter eher an den frühen Picasso oder an Modigliani denken, oder? Irritierend ist die Studie für „Die Frisur“: Eine sitzende Nackte lässt sich von einer weiteren Frau, die Haare richten.

Was nicht nur für Manguin, sondern auch für Camoin, Marquet und Matisse in den ersten Jahren ihrer künstlerischen Karriere wesentlich war, war Gustave Moreaus Credo von der „Schule der Straße“. Ein Kunstkritiker seiner Zeit bemerkte dazu: „Im Herzen der Kunstakademie ist eine Revolte entbrannt; alle, die sich gegen die Routine auflehnen und sich ihrer Persönlichkeit entsprechend zu entwickeln gedenken, haben sich unter der Schirmherrschaft von Gustave Moreau versammelt.“ Doch dieser „Revolutionär“ und Brückenbauer verstarb am 18. April 1898 und ließ die vier jungen Künstler unbetreut zurück. Ihnen wurde bereits nach ihrer ersten Ausstellung im Jahr 1904 klar, dass sie den Impressionismus hinter sich lassen müssten. 1910 war in der Zeitschrift La Libre Esthétique zu lesen: „Für Matisse und für Marquet erscheint der Impressionismus wie eine Versklavung. Der Geist des Individualismus hat die Gruppierungen zerstreut […]“ Noch stets schwang der Gedanke Moreaus mit, der den Vieren Folgendes auf den Weg mitgab: „Eines merken Sie sich gut. Man muss die Farbe denken, eine Vorstellung von ihr haben“. In Moreaus eigenen Werken war das, wie man u. a. am Gemälde „Der Abend“ sehen kann, weit weniger der Fall.

 

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Charles Camoin, Boote im Hafen von Cassis, um 1905, Öl auf Leinwand, Kunsthaus
Zürich (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Noch etwas ist auffallend, die Nähe von Henri Manguin zu Paul Cézanne. Man betrachte dazu das „Stillleben mit silbernem Kelch“! Die rotbäckigen, appetitlich glänzenden Äpfel auf dem Tisch laden zur Verkostung ein – und das ist auch bei entsprechenden Arbeiten Cézannes der Fall. Hinzuweisen ist an dieser Stelle auf Albert Marquets Straßenszenen, die genau das umsetzen, was sein Lehrer Gustave Moreau verlangte, nämlich Kunst als Beobachterin des alltäglichen Lebens. Ein Pferdegespann wurde von Marquet ebenso skizzenhaft umgesetzt wie das Porträt eines Bärtigen und das Abbild von zwei Damen in langen Röcken.

Neue Wege galt es, nach dem Tod von Moreau zu suchen. Da bot sich dann die expressive Farbmalerei von van Gogh ebenso an wie die pastösen Arbeiten von Cézanne und dessen mediterrane Szenerien. Wie vielseitig der eine oder andere der Vier war, unterstreicht der aus Bronze modellierte Kopf des ältesten Sohns von Manguin, eine Arbeit von Matisse, der mit keckem Strich auch eine Porträtkarikatur von sich selbst schuf, malend im Anzug. Zu sehen ist zudem ein Selbstbildnis von Manguin mit Fliege: Eher Dandy als Bohemien, oder?

 

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Foto: Hanna Neander / Picasso-Museum

Zart in den Farben ist die Ansicht von Notre Dame, die Matisse gelang. Zudem sehen wir in Öl gemalt Segelboote im Hafen von St. Tropez im Licht des Südens. Ein Farbklima jenseits von Naturalismus zu schaffen, war das Bestreben von Manguin, der uns zartrosa Felder und violette Bergflanken in seinem Opus „Die Ebene von La Faux“ präsentiert. Zu sehen ist aber auch ein liegender Akt inmitten sich rankender, schlanker Bäume, die in Lila und Rosa schimmern. Wenn man den monografischen Saal durchstreift, der Manguin gewidmet ist, kann man auch einige Radierungen betrachten, die Stadtansichten zeigen.

Nicht nur Klee und Macke zog es nach Nordafrika, sondern auch Camoin, der 1912/13 das Maghreb erkundete und eine Reise nach Tanger unternahm. Matisse war vom Orient sehr angetan und sah in ihm eine Quelle der Inspiration, wie er 1949 schrieb: „Die Offenbarung kam für mich aus dem Orient“. Das galt auch für Manguin, der eine orientalische Figur für die Nachwelt hinterließ: Eine Dame sitzt lasziv auf einem ausladenden Sofa in markanten Rottönen. Sie trägt eine durchsichtige Seidenbluse mit aufgestellten Ärmeln, die ihre knospigen Brüste durchscheinen lässt, und einen blau-golden gestreiften langen Rock. Camoin skizzierte eine Gruppe von Marokkanern in braunen Kapuzenmänteln auf den Straßen Tangers. Ob man den Akt einer blonden, sitzenden Frau vor einer Blumentapete – Marquet hat sie gemalt – auch wirklich zum Thema „Orient“ zurechnen kann, ist eine Frage der Betrachtung, oder?

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Albert Marquet, Frauen aus Laghouat, um 1921, Öl auf Leinwand, Centre Pompidou Paris -
Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle

Marquet hat auch den Hafen von Hamburg in Öl gemalt, hat die Zeit festgehalten, als Dampfschlepper und Lotsenboote im Hafen unterwegs waren. Spiegelglatt ist bei Marquet die Lagune von Venedig, die von einigen Segelbooten durchkreuzt wird. Auch Gondeln sind auf dem Wasser unterwegs. Im gleichen Saal wie Marquet ist auch Camoin mit Arbeiten zu finden. Camoin, aus einer Familie von Marseiller Farben- und Tapetenhändlern stammend, verbrachte seine Armeezeit in Arles und in Aix-en-Provence, beides Mal Gelegenheit, dem Werk von van Gogh bzw. Cézanne auf den Grund zu gehen. Letzterer schrieb an Camoin am 22.2.1903, dass alle in der Kunst entwickelte und angewandte Theorie im Kontakt mit der Natur ist. Hat das Camoin beeinflusst? Zu sehen sind jedenfalls Camoins Boote im Hafen von Cassis, die aufgereiht darauf warten, endlich wieder genutzt zu werden. Schiebt sich da nicht eine grazil wirkende Schirmkiefer ins Bild, das einen Garten in Marseille festhält? Damit soll die Übersicht über den abwechslungsreichen Bilderzyklus, der in Münster zu sehen ist, beschlossen werden, zeigen die Arbeiten von Camoin nicht zuletzt die Begrenztheit der künstlerischen Mittel und Ambitionen der Maler des Südens, nimmt man einmal Matisse aus, einen wahren „Wilden“.

© ferdinand dupuis-panther

Information
https://www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

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