DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ausstellungsorte in Münster und Region:
LWL-Naturkundemuseum / LWL Museum für Kunst und Kultur

Essen: Folkwang-Museum / RuhrMuseum
Marl: Museum Glaskasten
Osnabrück: Felix-Nussbaum-Haus

Münster

LWL Museum für Kunst und Kultur
Bauhaus und Amerika bis 10. März 2019

Das Staatliche Bauhaus prägte mit seinem innovativen Anliegen, die strengen Grenzen zwischen bildender, darstellender und angewandter Kunst aufzulösen, zahlreiche Künstlerinnen und Künstler. Mit der Ausstellung "Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung" überschreitet das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster ebenfalls Grenzen: Bewusst richtet es den Blick auf die wechselseitigen Beziehungen der nach Amerika emigrierten Bauhäusler zu amerikanischen Kunstschaffenden. Ausgehend von der Bauhausbühne konzentriert sich die Ausstellung dabei auf die bisher wenig beachteten Licht- und Bewegungsexperimente. Licht- und kinetische Kunst, experimentelle Fotografie und Filme bis hin zu Tanz- und Performancekunst aus den 1920er Jahren bis heute zeigen den weitreichenden Einfluss der vom Bauhaus geprägten Ideen bis in die Gegenwart und ermöglichen einen Einblick in das experimentelle Schaffen von über 50 Künstlerinnen und Künstlern.

bauhaus1
Richard Anuszkiewicz, Ohne Titel, 1965, Tate, London, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Tate, London

100 Jahre sind seit der Gründung des Bauhauses vergangen. Das Bauhaus verstand sich stets als politisch und als Bühne für Experimente. Hätte es in Dessau nicht jüngst eine Konzertabsage gegeben, wäre man nicht dabei vor dem Gejohle von Rechtsaußen eingeknickt, die Öffentlichkeit hätte wohl das Bauhaus und seine Geschichte nicht wahrgenommen. So aber stand das Bauhaus in Dessau im Fokus der öffentlichen Debatte. Die jeweiligen Ausstellungen zum Jubiläumsjahr wurden allerdings davon überhaupt nicht tangiert und die Frage des politischen Charakters des Bauhauses leider nicht weiter thematisiert. Das gilt auch für die aktuelle Präsentation in Münster.


Licht und Bewegung als Grundthema

Im Fokus steht in der Münsteraner Ausstellung das Experiment in Licht und Bewegung, also ein Teilaspekte des Bauhauses, das sich ja programmatisch das Gesamtkunstwerk und die Aufhebung der Trennungslinien zwischen bildender Kunst, Bildhauerei, Fotografie, Tanz, Bühnenkunst und angewandte Kunst auf die Fahnen geschrieben hatte.

 

annialbers
Anni Albers, GR I, 1970, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, © The Josef and Anni Albers Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: LWL / Sabine Ahlbrand- Dornseif


Gleich zu Beginn der Schau wird deutlich, dass das Bauhaus mehr war als Breuer, Gropius, Itten, Schlemmer oder van der Rohe. Namen wie Feininger, Moholy-Nagy, Weininger, Consemüller, Kandinsky, Dzama und Martin sind im Bauhauskontext eben auch von Bedeutung. Desgleichen ist von Anni Albers und nicht nur von Josef Albers zu reden. Bei Feininger geht es jedoch nicht um Lyonel Feininger, sondern um dessen Sohn, den Fotografen T. Lux Feininger. Marcel Dzama setzte sich mit dem Bühnenwerk Schlemmers auseinander, wie man den kurzen biografischen Aufrissen entnehmen kann. Die Rede ist aber auch von dem Schüler von Josef Albert, Robert Rauschenberg, und von John Cage, bekannt durch seine experimentelle Musik.


Ja, die Ausstellung unternimmt Brückenschläge und beleuchtet den Neuanfang des Bauhauses nach dem Verbot. Dabei spielen das New Bauhaus Chicago – hier war unter anderem György Kepes Leiter der Lichtwerkstatt – das Black Mountain College – hier lehrte John Cage zeitweilig – eine wichtige Rolle. In den Fotografien von Barbara Morgan spiegeln sich die experimentellen Ansätze von László Moholy Nagy wider – Bauhaus Deutschland trifft auf Neues Bauhaus!

 

rauschenberg
Robert Rauschenberg/ Susan Weil, Blueprint, 1950, Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung, © Robert Rauschenberg Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Susan Weil, Foto: Carl Brunn


Geometrie im Bühnenraum

Die Bauhaus-Bühne, zeitweilig unter der Leitung von Oskar Schlemmer, ist eines der Themen der Ausstellung. Dabei steht nicht allein der moderne Ausdruckstanz im Fokus, sondern auch die Lichtinszenierungen. Zu sehen sind unter anderem Schwarz-Weiss-Aufnahmen von Erich Consemüller, die 1926 bis 1927 entstanden. Von T. Lux Feininger stammt „Metalltanz von Oskar Schlemmer“, auch eine Fotoarbeit in Schwarz-Weiss. Auch der Formentanz, den Oskar Schlemmer entwickelte, wurde im Bild festgehalten. An das Triadische Theater von Schlemmer knüpft die Installation von Marcel Dzama an, der eine Art Karussell mit Trichterkopf- und Rundkopffiguren schuf. Bühnenentwürfe für die Bauhausbühne sind Andor Weininger zu verdanken. Dabei setzte er die Tänzer in einen von geometrischen Formen definierten Bühnenraum, platzierte Elemente in Rot und Blau im Raum, teilweise die Diagonale betonend. Man findet aber auch „Lamellenelemente“ in Weiningers Bühnenraum. In Korrespondenz zur Bühnenarchitektur stehen die puppenhaften Figuren, die Schlemmer entwarf. Diese waren wie der Gaukler und der „asiatische“ Zeremonienmeister in einem weiten „Trapezgewand“ als Spielzeugfiguren gedacht.


Die Bühne ist ein hervorragender Ort, um sämtliche Begabungen eines Individuums zu aktivieren, ein Ort, der die Verwendung aller Medien erlaubt. Xanti Schawinsky, Gründer der Stages Studies am Black Mountain College


nauman-dance
Bruce Nauman, Dance or Exercise on the Perimeter of a Square, 1967, Collection Stedelijk Museum Amsterdam, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Zu den Kapiteln, die die Ausstellung aufblättert, gehört auch „Kunst in Bewegung“. Passend dazu zeigt man in der Schau unter anderem eine Schwarz-Weiss-Aufnahme einer „Spectodrama-Ballettszene“. Dabei wurde eine Collage aus einer Drachenfigur, einem Himmelskörper und zwei mechanischen Gliederpuppen geschaffen. Zu sehen ist aber auch eine Kugelkopffigur. Eine abstrakt-figurative Tänzerin taucht in „Spectodrama 4“ auf. Barbara Morgan fror in einer ihrer Aufnahmen einen Tänzer im Sprung ein. Zu sehen ist außerdem ein Tänzer mit wehendem Bühnenkleid in einer „Waagepose“. Eingefügt als Raumelement wurde ein Lichtraum, der ein Werk von Moholy-Nagy im Nachbau zeigt.


Moholy-Nagys Lichtraum

Ein Highlight der Ausstellung ist die Gegenüberstellung des berühmten Licht-Raum-Modulators von László Moholy-Nagy in einer Nachbildung von 2006 mit der Apparatur für die Farblichtspiele von Ludwig Hirschfeld-Mack von 1923, die seit langer Zeit wieder zusammen in Deutschland zu sehen sind. Bei der Arbeit von Moholy-Nagy handelt es sich um „Lichtrequisit für eine elektrische Bühne“. Es ist eine Installation bestehend aus einem senkrecht gestellten Gitterost, einer perforierten Scheibe und einem gedrehten Glaskolben. Der Kettenantrieb ist ein weiteres essentielles Element dieser Installation.

 

moholy-nagy-construction
László Moholy-Nagy, Konstruktion AL6, 1933-1934, © IVAM - Institut Valencià d'Art Modern, Generalitat


Zu sehen ist außerdem der Nachbau eines Werks von Naum Gabo, der sich dabei mit der kinetischen Kunst auseinandergesetzt hat. Das Werk besteht aus Metall und Holz sowie einem Motor. Setzt man diesen Motor in Gang, so ensteht eine verdrehte „Säule“ mit trichterförmigem „Säulenkapitel“. Zweidimensional Bewegung zu erfassen und im Moment einzufrieren, gelang Robert Rauschenberg mit seiner „Figur auf blauem Grund“. Sie scheint abzuheben und einen blauen Ball zu werfen, ähnlich einem Korbleger im Basketball.


Malerei im Quadrat

Es sind Albers‘ Variationen der „Hommage an ein Quadrat“, die ganz sinnfällig das Thema umreißen. Dabei treten wir in den Dialog mit einem blauen inneren Quadrat, das an den unteren Bildrand gerückt ist. Umgeben ist es von Randsetzungen in Rot und Rostbraun. Den „Schlussstein“ bildet ein petrolgrüner äußerer Rahmen. Die Art der farbigen Setzungen vermittelt Tiefe und Dynamik zugleich. In einer Art Paraphrasierung hat sich Richard Anuszkiewicz dem Albersschen Quadrat genähert, dieses auf die „Spitze“ gestellt, mit Schraffuren versehen und das Blau des Quadratkerns von Albers aufgreifend. „Tempel für Albers“, von Anuszkiewicz geschaffen, ist eine dezidierte Verneigung vor dem Bauhausmeister Josef Albers.


hirschfeld-mack
Ludwig Hirschfeld-Mack, Farbenlichtspiele, 1923, Rekonstruktion 1999, Stiftung MUSEION. Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen, © Estate of Ludwig Hirschfeld-Mack

 

Strukturformen und Licht

Von Albers zeigt man in der sehr sehenswerten und überaus opulenten Schau auch „Structural Constellation“. Die Formensprache scheint simpel auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man die dreidimensionalen Überraschungen der Darstellung. In einem eigenen Lichtraum findet sich James Turrells Arbeit „Raethro Pink“. Dabei installierte der Künstler in einer Ecke des Raumkubus eine Pyramide, die in rosa Licht funkelt. Mit Licht befasste sich auch der „Gründer der Op-Art“ Julian Stanczak, dem „See Through“ zu verdanken ist. In Orangefarben und Zitronengelb schuf er Parallelogramme und Quadrate, die lineare Strukturen aufweisen.

 

anti
Xanti Schawinsky, Spectodrama, 8: Gebäude (Spannung), 1937, © The Xanti Schawinsky Estate

Wenn ich male, sehe und denke ich zunächst – Farbe … Und zumeist Farbe als Bewegung. Josef Albers


In einem weiteren Lichtraum läuft ein Animationsfilm, in dem geometrische Formen die Hauptrolle spielen. Es sind unter anderem wanderne Kuben in Rot und Blau, die über die Leinwand huschen. Zudem sieht man sich aufbauende Stelen in Rot und Blau.


Dass Otto Piene und Heinz Mack, die zur Gruppe ZERO gehörten, sich in den Kontext der Schau einfügen, unterstreicht unter anderem Macks „Lichtrotor“ (1964). Beim Rundgang treffen die Besucher aber auch auf die „Fadenkomposition“ von Sue Fuller und konstruktivistische Kompositionen, die Moholy-Nagy hinterlassen hat. Mit dessen Erben in Sachen Fotografie und seinen eigenen Arbeiten wird die Schau abgerundet.


Text: © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons. Die Copyrights der Werke liegen bei den Künstlern, deren Rechtenachfolgern bzw. VG BildKunst Bonn 2018/19.

 

kepes-balance
György Kepes, Balance, 1942, Los Angeles County Museum of Art, The Marjorie and Leonard Vernon Collection, gift of The Annenberg Foundation, acquired from Carol Vernon and Robert Turbin, © Estate of György Kepes, Foto: Digital, © Museum Associates/ LACMA


 

Information
LWLMuaeum für Kunst und Kultur
https://www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur

zur Gesamtübersicht Ausstellungen