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Münster

LWL Museum für Kunst und Kultur

Turner: Horror & Delight bis 26.1.2019

 

Erstmalig nach zwei Jahrzehnten sind in Deutschland wieder Werke von William Turner (1775-1851), des wohl bedeutendsten britischen Landschaftsmalers der Romantik, zu sehen. Die thematisch strukturierte und mit einem Besucherbegleitheft inhaltlich unterfütterte Ausstellung stellt die Reisen Turners in die Schweiz und nach Italien in den Fokus, die ihn zu seinen atmosphärischen Landschaftsdarstellungen inspirierten. Seit seinen Anfängen als Künstler war die unmittelbare Begegnung mit der Natur für Turner als vielseitig interessierten und gebildeten Künstler ebenso bedeutend wie die Auseinandersetzung mit der Tradition der Landschaftsdarstellung – so im Pressetext zur Ausstellung zu lesen. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum Tate Britain in London, der Großteil der gezeigten Werke stammt aus dem Turner-Nachlass der Tate. Wer diese Ausstellung in Münster verpasst, muss im Anschluss weit reisen, so nach Quebec, wo sie auch zu sehen sein wird.

 

corniston fells

Man mag über den Ausstellungstitel ins Grübeln kommen: Schrecken und Verzückung – so lautet die deutsche Übersetzung. Turner stellte das "Erhabene" der Natur in den Vordergrund. Die Urgewalt der ungezähmten Natur, Stürme, Lawinenabgänge, Monsterwellen, Sturmfluten, Gewitter mit Blitzen, kann uns Grauen und Furcht einflößen, zumal zu Turners Lebzeiten die Eroberung der (menschenfeindlichen?!) Natur noch in den Kinderschuhen steckte, während es heute so gut wie keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte gibt. Die Wüste Gobi wurde durchquert, die Anden und der Himalaja erklommen, der Nil durchschifft und selbst der Regenwald Amazoniens ist kein No-Go mehr. Turner jedoch muss man mit seinen aquarellierten in Öl gemalten Darstellungen von Schiffsbrüchen, Vulkanausbrüchen, Schneestürmen und anderen Naturkatastrophen aus seiner Zeit heraus begreifen. Heute bekommt der Betrachter der entsprechenden Sujets keine Gänsehaut mehr. Wir sind an Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Feuersbrünste gewöhnt. Die entsprechenden Bilder werden medial beinahe zeitgleich transportiert. Das war bei Turner anders, zumal ein Teil seiner Gemälde und Aquarelle Kompositionen und keine Freiluftmalereien in-situ waren, obwohl seine Skizzenbücher die nachhaltigen Studien vor Ort belegen.

Der zweite Aspekt des Ausstellungstitels, „Verzückung“, kommt auf, wenn man die Leichtigkeit des Stils von Turner entdeckt. Zugleich ist der Besucher Zuschauer der Naturkatastrophen und heil froh, nicht involviert zu sein. Noch etwas drängt sich bei dem Titel der Schau auf: die Verzückung des Gaffens, die Gier nach Sensationen. Heute wird das Gaffen allemal mit dem Smartphone befriedigt und in den sozialen Medien geteilt.

fishermen

Auffällig ist bei der aktuellen Schau, die luftig gehängt und durch prägnante Saaltexte strukturiert ist, dass Turners Rheinreise nicht in den Bildkanon aufgenommen wurde, der zu sehen ist. Man fokussiert sich auf die Schweiz- und die Italien-Impressionen eines Mannes, der die Landschaftsmalerei zu seiner Zeit hoffähig gemacht und revolutioniert hat. Revolutioniert hat er die Malerei durch die Gleichsetzung von Licht und Farbe, sodass Turner teilweise zu Lichtmeeren fand, zu Ansichten, über denen ein Schleier lag und Gebirgslandschaften und Stadtsilhouetten nur angedeutet waren. Ja, es gibt auch die dramatischen maritimen Szenen, aber eben auch anderes. Der stete Wechsel zwischen den „Stilen“ und Sujets macht diese Ausstellung so reizvoll.

Auch diese Ausstellung hat einen Aufmacher, nämlich Turners Anfänge als Künstler, seine Aufnahme in die Royal Academy of Arts und sein frühes Werk. Dazu gehört unter anderem ein Aquarell von Traeth Mawr. Dabei handelt es sich um einen Polder bei Porthmadog im Nordwesten von Wales. Turner zeigt uns eine aufgetürmte Wolkenbank über einer Hügelkette in der Ferne. Wie eine Walze bewegen sich die dichten Wolken über die Landschaft. Nur an einer einzigen Stelle ist das Wolkenband aufgerissen und lässt den Blick auf den blauen Himmel zu. Sandfarben bis ins Rotbräunliche zeigt sich die Landschaft, bei der man an ein Hochmoor denken könnte, aber es ist ein Polder.

Auch in Cumberland war Turner unterwegs und verewigte einen „Morgen in den Corniston Fells“, eine hochformatige Arbeit, die die Felsenlandschaft im Lake District ganz nahe rückt. Hirten mit einer Schafherde sind ins Licht getaucht, derweil ein Wasserfall in die Tiefe donnert. Im Hintergrund erstreckt sich ein Städtchen am Fluss, über das Wolkenschleier ziehen.

peace

Nicht nur Turner stellt man dem Besucher vor, sondern auch den bekannten englischen Landschaftsmaler Thomas Girtin mit einer Burgansicht aus dem Jahr 1792/3. Bläulich-gräulich ist die Felsenlandschaft gehalten. An einer Felsenkante „hockt“ eine allmächtige Burg. Dieser Ansicht hat man Turners Komposition einer Landschaft mit Burgruine zum Vergleich beigegeben.

Die grauen Wolken bilden bei der Darstellung eines Schiffsbruch von Philippe-Jacques de Loutherbourg einen „Baldachin“. Er war ein franko-britischer Künstler, der sich auf das Erzählen dramatischer Szenen verstand. So auch im vorliegenden Fall. Das Schiff treibt hilflos in den Wellen des Meeres, hat bereits Schlagseite und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es kentern wird, so meint der Betrachter. Dunkel sind die Gewitterwolken, derweil weiße Gischt im Vordergrund aufschäumt. An der Felsenküste ist ein Beiboot mit geretteten Schiffbrüchigen angelandet. Der Leuchtturm an der Küste scheint das Unglück nicht verhindert zu haben, zumal das Leuchtfeuer nicht auszumachen ist.

steamboat

Theatralisch-dramatisch schließt sich Turners Arbeit mit zwei kleinen Booten neben einem Kriegsschiff an. Die kleinen Schiffe gleichen Nussschalen, die zum Spielball der Urgewalt der Wellen werden.

An die Arbeiten von Romantikern wie Carus, Dahl und Friedrich schließt sich de Loutherbourgs Landschaft bei Vollmond an. Dabei folgt er einer eigenwilligen Lichtregie, die in der Wirklichkeit niemals vorhanden ist. Dass der eher an den rechten Bildrand gerückte Vollmond sich im Wasser spiegelt, ist möglich. Dass aber die aus Kühen, einem Esel und Schaf bestehende Herde an der Tränke teilweise auch ins Sportlight gerückt wird, entspringt wohl der reinen Fantasie. Das betrifft insbesondere die weiße Kuh, auf die sich der Blick fokussiert. An einem Höhleneingang im Fels sieht man Menschen und ein loderndes Feuer, das aber von der Lichtkraft nicht ausreicht, um die kleine Herde ins Licht zu tauchen.

Turners Landschaftskomposition mit See und einem bläulichen Felsplateau zieht die Blicke der Besucher ebenso auf sich wie ein Werk, das einer Theaterkulisse gleicht und eigentlich die Ermordung der Kinder der Niobe thematisiert. Ein ähnliches Sujet hat auch Richard Wilson gestaltet, der gleichfalls in der Schau ausgestellt ist.

shade

Ein wahrer Blickfang ist Turners „Fischer auf See“. Es ist das erste Werk des britischen Künstlers in Öl. Beim Anblick der Szenerie bei Vollmond muss man an Ansichten von Johan Christian Dahl denken, der unter anderem abendliche Stadtansichten bei Vollmond gemalt hat.

Zu den Zeitgenossen Turners, die mit ausgewählten Arbeiten in die Ausstellung aufgenommen wurden, gehört John Robert Cozens mit seiner Ansicht Roms von der Villa Borghese aus, eine sehr stimmungsvolle Arbeit mit teilweise windschiefen Bäumen mit Schirmkronendach, die den Blick auf die riesige Kuppel des ins Morgenrot getauchten, fernen Petersdoms freigeben.

Der „Attraktion der Schweiz“ widmet sich ein kompletter Ausstellungssaal: „Blais Berghütte auf dem Montenvers“ sehen wir, dabei über einen zerklüfteten Gletscher auf ein schroffes Bergmassiv schauend. In grau-bläulichen Nuancen hielt Turner eine Gletscheransicht fest, „Mer de Glace und Blick auf Arguille de Tacul“. Neben dem massiven Gletscher erheben sich spitze Felsenkamine rechts und links. Auch Caspar Wolf hat eine winterliche Landschaft, „Staubbachfall im Winter“, für die Nachwelt auf Leinwand gebannt. Dieses Naturschauspiel fanden wohl einige Menschen anziehend, die am Rande der Naturszenerie zu entdecken sind.

Die Stadtansichten Turners von Freiburg und Lausanne erscheinen hingehaucht, transparent, flüchtig, temporär, unvollendet. Sie sind Momentaufnahmen, die vergänglich sind. Den roten Rigi und den blauen Rigi hat uns Turner in Arbeiten gleichfalls hinterlassen. Beinahe informell-gestisch mutet Turners Sonnenuntergang über einem See an. Doch neben diesen flüchtigen Momentaufnahmen findet der Besucher auch die Darstellung eines Lawinenabgangs, der riesige Felsen durch die Luft wirbelt und „entwurzelt“. Beim Anblick der talwärts rollenden Schneemassen meint man das Grollen und Donnern zu hören, die dieses Naturereignis begleiten.

venice

Von der Schweiz geht es mit Turner nach Italien, auch in die Lagunenstadt Venedig. Im „Licht Italiens“ nennen die Ausstellungsmacher diesen Teil der Präsentation. Ohne an einen spezifischen Ort zu denken, stehen wir als Besucher vor „Der Blick von einem Hügel auf einen Fluss“. Diffus ist das Licht, das das Aquädukt im Hintergrund umhüllt. Milchig-grau strömt der Fluss dahin. Als würde sich die Lagunenstadt aus dem dichten Nebel erheben, erscheint Turners Impression von „Venedig – Santa Maria dell Saluta“. Es ist dabei erstaunlich mit welcher Leichtigkeit Turner mit der Ölfarbe umging, sodass gar der Eindruck einer Gouache entsteht, betrachtet man das Gemälde. Dogenpalast, Gefängnis und Seufzerbrücke hielt Turner in einer anderen Arbeit auf seiner Italienreise fest. In schummriges Licht getaucht ist außerdem Turners südliche Landschaft.

In einem weiteren thematischen Block konzentriert sich die opulente Schau auf das Thema „Meer“ und nimmt dabei auch die Anfänge der künstlerischen Karriere Turners auf und setzt diese fort. In einer Studie zu einem Gemälde hielt er ein Dampfschiff und ein Feuerschiff bildlich fest. Aufgewühlt ist das Meer, das ein Drittel der Bildfläche einnimmt, während sich über zwei Drittel der bräunlich.gelblich verhangene Himmel ausdehnt. Brighton und seine Seebrücke ist ein weiteres Sujet Turners, das zwischen 1827 und 1843 entstand. Pastös erscheinen die Farbsetzungen. Geht da nicht auch strichweise Regen nieder? Die See ist beinahe ruhig. Kontemplation meint man angesichts des Bildinhaltes zu verspüren.

Ganz anders nähert sich Claude Joseph Vernet dem Meer: „Schiffsbruch im Gewittersturm“ (1770) ist zu sehen. Ein Dreimaster hat Schieflage. Die Nacht kommt auf, denn das Abendlicht ist schon aufgezogen, Tiefgrün sind die tosenden Wellen. Zerborsten ist ein Segler, der auf die Felsküste zugetrieben wurde. Der Blick fällt auf eine Frau in einem auffallend roten Kleid, die in ihrer Verzweiflung die Arme gen Himmel streckt. Sie hat überlebt, aber scheint dennoch verzweifelt. Was hat sie wohl verloren? Auch bei Willem van de Velde d. J. Zeigt sich Dramatik pur: Ein Zweimaster treibt manövrierunfähig auf die Felsenküste zu. Es scheint nur noch Augenblicke zu dauern, ehe das Schiff zerschellen wird.

Dass auch ein Schneesturm übers Meer hinwegfegen kann, zeigt uns ein maritimes Werk Turners. Dabei ist das Schiff nur ein Schattenriss. Turners Hauptaugenmerk gilt den Lichtspielen während eines solchen Sturms. Beinahe expressive Verwirbelung von Farben sind in dieser Arbeit auszumachen, die das vorausnimmt, was den Luministen und Post-Impressionisten beinahe ein Jahrhunderte später gelang. Und zum Schluss, das sei abschließend angefügt, ist es dann die Sinnflut, die bei „Horror & Delight“ thematisiert wird.

 

BU von oben nach unten

Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Morning amongst the Coniston Fells, Cumberland,

ca. 1798 Öl auf Leinwand © Tate, London 2019


Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Fishermen at Sea, ca. 1796 Öl auf Leinwand © Tate, London 2019


Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Peace – Burial at Sea, ca. 1842

Öl auf Leinwand © Tate, London 2019


Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour’s

Mouth, ca. 1842

Öl auf Leinwand © Tate, London 2019


Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Shade and Darkness – the Evening of the Deluge, ca.

1843

Öl auf Leinwand © Tate, London 2019


Joseph Mallord William Turner (1775–1851),

Venice; Bridge of Sighs, ca. 1840

Öl auf Leinwand © Tate, London 2019

Text: © ferdinand dupuis-panther

Information
LWLMuaeum für Kunst und Kultur
https://www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur

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