Gemeckert wird auf jeden Fall

Von Ziegen, Schluchten und dem höchsten Berg

Text und Fotos: Axel Scheibe

Ein Spätsommer Samstag in Mittenwald. Noch lässt sich die Sonne nicht lumpen. Kleine Wolkenbällchen ziehen über die Berge. In den Straßen und Gassen der Altstadt tummeln sich Touristen aus Nah und Fern. Ab und an, so scheint es, ist auch ein Einheimischer darunter. Heute vielleicht mehr als an einem normalen Sonnabend.

Mittenwald - Ziegenalmabtrieb

Auch die Touristenzahl ist selbst für das Urlauber gewöhnte Mittenwald ungewöhnlich. Tausende sind gekommen, um sie zu empfangen, die über 300 vierbeinigen Gesellen, die gegen Mittag von ihren Almen aus der Umgebung ins Dorf strömen werden. Almabtriebe gehören in den Gemeinden unterhalb der hohen Berge zum jährlichen Ritual. Immer dann, wenn die Tage kürzer werden und sich in den Bergen gar der erste Frost ankündigt, werden die Tiere zurück ins Tal geholt. Gemeinhin sind es dann dutzende Kühe, die, teils festlich geschmückt, durch die Straßen trotten. Das ist in Mittenwald nicht anders. Doch diese Art von Almabtrieb steht erst zwei Wochen später auf dem Programm. An diesem Samstag sind es Ziegen, die einer alten Tradition folgend von den Hirten durch die Altstadtgassen getrieben werden. Über 300 Stück. Das ist ein Gemecker und Gedränge. Schnell ist das eigentliche Spektakel vorbei und nicht nur die Ziegen drängeln sich auf dem Dekan-Karl-Platz im Zentrum. In ein großes Gatter geschoben warten sie nun darauf, dass ihre Besitzer sie „erlösen“. Während eine Jury die Tiere begutachtet, löst sich das dichte Gedränge im Gatter auf. Die Hütejungen rufen laut Namen über den Platz und einer nach dem anderen holt seine Tiere ab. Da ist manch meckernde Schönheit dabei. Glänzendes Fell, eine schöne Färbung, gute Proportionen – eine Misswahl verläuft nicht viel anders. Am Ende stehen die Schönsten fest. Die Freude derer, deren Tiere zu den Gewinnern zählen, ist groß. Auch der Stolz. Besonders dann, wenn es einer der jüngeren Züchter, an Nachwuchs mangelt es nicht, aufs Siegertreppchen geschafft hat.

Mittenwald - Ziegenabtrieb - Manche Ziegenschönheit ist dabei

Manche Ziegenschönheit ist dabei

Nachdem die Ziegen als „arme Leute Tiere“ über Jahrzehnte etwas ins Abseits geraten waren, zeichnete sich in den 80er Jahren eine erste Renaissance ab. Stück für Stück wurde auch ihre Bedeutung für die Landschaftspflege erkannt und letztlich damit auch für den Tourismus.

Mittenwald - Christian Neuner ist einer der „Väter“ des Ziegenabtriebs

Christian Neuner ist einer der „Väter“ des Ziegenabtriebs

Christian Neuner gehört seit der ersten Stunde zu denen, die sich dafür stark gemacht haben. Ganz einfach war das wahrlich nicht. Deutschlandtypisch mussten viele Gutachten her und Beamtenstuben überzeugt werden, bis es soweit war und die Tiere auf der Alm 28 ha Naturschutzfläche in Beschlag nehmen konnten. Heute sind es Jahr für Jahr über 200 Ziegen, die die Sommermonate dort verbringen. 36 Besitzer nutzen diesen „Service“ der Weidegemeinschaft. Auch rund um dem Almabtrieb und das große „Ziegenfest“ ist Christian Neuner einer, den man als Spiritus Rector bezeichnen kann. Dabei ist er privat letztlich eher Schafzüchter. Aber drei Ziegen hat er natürlich auch. Mekki, Lekki und Weibi stehen nun nach dem Abtrieb wieder im eigenen Stall. „Geschlachtet werden Tiere, die frisch von der Weide kommen, nicht“, betont er lachend, „die müssen sich erst mal wieder ans Raufutter gewöhnen. Was letztlich für den Geschmack sehr wichtig ist.“ So kommt Ziegenfleisch zumeist im Frühjahr in den Handel. Zu den großen Züchtern gehört Adolf Seiler. Auf seiner Goas-Alm sind über 60 Tiere zu Hause. Und, das versteht sich von selbst, im Almladen gehen auch Ziegenprodukte über den Tisch. Käse, Milch, Eis …

Mittenwald - In einer der historischen Gassen versteckt sich das Geigenbauermuseum

In einer der historischen Gassen versteckt sich das Geigenbauermuseum

Wenn man einmal in der pittoresken Altstadt von Mittenwald unterwegs ist und nachdem man den Ziegen seine Referenz erwiesen hat, sollte ein kurzer Abstecher ins Geigenbauermuseum einfach dazu gehören. Immerhin ist der Musikinstrumentenbau traditionell hier beheimatet. Man mag es nicht glauben, doch im Museum wird nicht nur feines Gehör verlangt, sondern es werden alle Sinne angesprochen. Wie und warum? Da sollte jeder selbst erkunden.

Unterwegs in der Geisterklamm in Mittenwald

Unterwegs in der Geisterklamm in Mittenwald

So wie die Tiere von den Almen ins Tal wandern, zieht es viele der Touristen in entgegengesetzter Richtung hinauf auf die Berge oder auch in die Schluchten und Täler der Region. Urlaubsgründe gibt es reichlich. Die Geisterklamm in Mittenwald gehört zu den eindrucksvollsten ihrer Art. Ein kühner Steig führt in 75 m Höhe über das tosende Wasser und eröffnet nicht nur Fotografen eindrucksvolle Motive. Die Partnachklamm im benachbarten Partenkirchen steht dem kaum nach. Etwas „zahmer“ aber nicht minder reizvolle präsentiert sich die Schleifmühlenklamm in Unterammergau. Hier wurden früher die „Wetzsteinkalke“ aus dem Felsen gebrochen und dann in zahlreichen kleinen Schleifmühlen in die rechte Form gebracht. Im Schleifmühlenmuseum am gleichnamigen Gasthof kann man sich ein eindrucksvolles Bild davon machen. Doch der rustikale Gasthof kann noch auf eine ganz andere Besonderheit verweisen. In seinem Obergeschoss sind die gemütlichen Kammern eines Heuhotels eingerichtet. Wenn der Duft des frischen Almheus schon betörend ist, wie betörend muss dann erst eine Nacht im Heu sein. (Es gibt nicht nur einen Mehrpersonenschlafraum, man kann eine solche Nacht auch gern zu zweit genießen…)

Museum Schleifmühle in Unterammergau

Museum Schleifmühle in Unterammergau

Aber auf der Alm gibt es bekanntlich keine Sünde. So sagt man halt und den Mönchen im nahe gelegenen Kloster Ettal wäre das sicher auch ganz lieb. Doch ob Sünder oder nicht, eine Stippvisite im Kloster mit seiner mächtigen Basilika, es liegt am Weg, sollte man sich dann nicht entgehen lassen. Dass die Mönche auch etwas vom guten Leben verstehen, beweist nicht zuletzt die zum Kloster gehörende Brauerei. Für einen leckeren Käse zum Bier sorgt die angeschlossene Käserei.

Basilika Kloster Ettal

Basilika Kloster Ettal

Am Fuße des Zugspitzgipfels kann man nicht nur auf hohe Berge kraxeln, sondern es im Vorland auch deutlich ruhiger angehen lassen. So vom Hotel Barmsee, übrigens die perfekte Küche zur Region, vorbei am Grubsee zum malerisch gelegen Geroldsee, der an heißen Sonnentagen auch zum Baden einlädt. So schön wie der See selbst ist auch die Bergkulisse, die ihn einrahmt.

Impressionen am Geroldsee

Impressionen am Geroldsee

Nicht zu übersehen ist - und das aus den verschiedensten Blickwinkeln - das Zugspitzmassiv. Da kommt fast kein Tourist daran vorbei. Oben angekommen wartet, vorausgesetzt Petrus spielt mit, ein fantastischer Ausblick.

Baustelle für die  neue Seilbahn auf die Zugspitze

Baustelle für die neue Seilbahn auf die Zugspitze

Reiseinformationen

Allgemeine Informationen zur Region inklusive interessanter Broschüren und Übernachtungsverzeichnisse erhält man bei der Alpenwelt Karwendel, Dammkarstraße 3, 82477 Mittenwald, Tel.: 08823/33091, www.alpenwelt.karwendel.de.

Die Alpenwelt Karwendel zeigt ihren Besuchern, dass man auch am Fuße der hohen Gipfel mit der ganzen Familie viel Abwechslungsreiches erleben kann. Zahlreiche Hotels und Pensionen erwarten die Gäste. Unter anderem das Ferienhotel Barmsee, (www.barmsee.de), Ü/F im Doppelzimmer ab 50 Euro/Person oder in Mittenwald das Alphotel Rieger (www.hotel-rieger.de) Ü/F im Doppelzimmer ab 65 Euro/Person.

Die Anreise in die Alpenwelt Karwendel erfolgt mit dem Auto zumeist über die Autobahn A9 über München weiter auf der A95 nach Garmisch-Partenkirchen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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