Lebensspur Lech

 

Text und Fotos: Beate Schümann

 

Naturpark Lechtal

Der Lech ist ein wilder, ungestümer Fluss. Der letzte wilde der Nordalpen, einer der letzten in Europa. Mal schimmert er Türkis wie die Karibik, mal changiert er in Jadegrün. Ungezähmt und ursprünglich rauscht er auf seinem Weg zur Donau durch das österreichische Lechtal und passiert bei Füssen die Grenze ins bayerische Allgäu. Am Füssener Lechfall stürzen die Wassermassen über das historische Kaskadenwehr und zwängen sich geräuschvoll durch eine enge Schlucht. Die Stadt am Fuße der Alpen, die sonst auf romantische Schlösser wie Neuschwanstein spezialisiert ist, hat eine neue Bestimmung gefunden: den Lech.

Naturpark Lechtal

Schon lange kann auf dem Lechweg von der Quelle am Arlberg bis Füssen gewandert werden. Vor vier Jahren verbanden sich das Allgäu und Tirol zum grenzüberschreitenden EU-Projekt „Lebensspur Lech“, einer gut 90 Kilometer langen Strecke, auf der sich die Kraft und Heilwirkung des Wassers erfahren lassen.

Auf dieser Lebensspur läuft vieles gegen den Strom. Bewusst folgt sie nicht der Fließrichtung, sondern von der Stadt ins Ursprungsgebiet, vom Trubel zur Ruhe. „Am Lech kann man sich erden und zu sich zurückfinden“, sagt Stefan Fredlmeier. Der Direktor von Füssen Tourismus ist der Motor des Projektes, das auf eine gesunde Lebensweise abzielt. Viele Menschen arbeiten heute zu viel, leben immer schneller, können nicht abschalten und nicht mehr schlafen. Statt zur Pille solle man auf die Natur zurückgreifen, ist Fredlmeiers Überzeugung. „Deshalb haben wir den Lech mit Kneipp aufgeladen.“ Für ihn ist das ein therapeutischer Weg, ein Weg zur Erholung. Er ist nicht wie ein Wanderweg zu begehen, sondern hat Stationen wie in Füssen, Holzgau oder den Auszeitdörfern im Lechtal, wo man wandern und fahrradfahren kann.

Naturpark Lechtal

Im Allgäu hat das Thema eine lange Tradition. Füssen ist seit mehr als 80 Jahren ein Kneipp-Kurort. Die Gesundheitslehre von Pfarrer Sebastian Kneipp fußt auf einem Fünf-Säulen-Prinzip, das Körper, Geist und Seele in die Balance bringen kann. „Was macht glücklicher?“ fragt Fredlmeier: „Eine Million auf dem Bankkonto oder ein gesunder Schlaf?“

Mit der Ludwig-Maximilian-Universität München wurde eine auf dem Kneippschen Naturheilverfahren basierende Ausbildung zum „Schlaflotsen“ entwickelt. Inzwischen helfen zwölf Schlafgastgeber mit einfachen Kniffen Schlaflosen in den Schlaf. Dazu zählen Bewegung an frischer Luft, kalte Kniegüsse, Kräutertees, das Ausprobieren unterschiedlicher Matratzen, Kissen und Topper oder des Zirbenbetts.

Naturpark Lechtal

Am Tage radelt man sich auf der neu angelegten Kneipprunde fit. Eine 26 Kilometer lange Strecke mit mehreren Erlebnisarealen, die die Theorie des „Wasserdoktors“ erlebbar machen. Landschaftlich ausgewählt schöne Plätze, ausgestattet mit ergonomisch geformten Ruhebänken, Trinksäulen und Gussstellen, Arm- und Tretbecken sowie Info-Tafeln. „Das Armbad ist der Espresso des Kneippianers“, sagt die Kneipp-Pädagogin Claudia Ziegler. Der kalte Reiz meldet an Gehirn: Wärme in die Arme schicken. Das Blut beginnt zu zirkulieren, alles prickelt und macht wach.

Naturpark Lechtal

Hinter Füssen beginnt das Lechtal, das Anti-Stress-Tal. Der Lech sei ein wilder Fluss, aber ein Freund, sagen hier die Leute. Weil er Kraft und Energie spendet. Er mäandert durch Wiesen, Auen und mächtige Schotterbänke. „Das Beständige ist seine Unbeständigkeit“, sagt Sarah Lechtleitner im Naturpark Tiroler Lech. Die enorme Dynamik des Wildflusses zeigt sich am kalkweißen Geschiebe, das in großen Mengen aus den Gebirgsbächen der Seitentäler in den Fluss rutscht. „Die Inseln sind ideal zum Wandern“, sagt die Naturführerin, findet dort Fossilien, sogar Edelweiß und kneippt mit Interessierten im eisigen Wasser.

Den touristischen Aufschwung der 80er Jahre hat das Tal weitgehend verschlafen. Dadurch ist es, was es heute ist: eine naturbelassene Idylle mit Dörfern und Menschen, die diesen Luxus erhalten wollen. Wie Elmar Blaas in Holzgau. „Weniger ist mehr“, sagt er und zählt auf: weniger Smog, Lärm, Industrie, Hotels, Partys. „Aber keineswegs weniger Qualität“, betont der 48-Jährige, der Hotelier, Vorsitzender des Holzgau Tourismus und ein überzeugter Verfechter der Lebensspur ist. Früher ging es ums Überleben, dann ums gute Leben. Heute wolle der Mensch gesund leben, so Blaas.

Im 410-Einwohner-Dorf lächeln Engel und Heilige in barocker Lüftlmalerei von den Fassaden der historischen Bauernhäuser und versprechen Glückseligkeit. Kneipp würde wohl innere Ordnung sagen. Über der Höhenbachtalschlucht spannt sich die 110 Meter hohe Seilbrücke vom Sonnenplateau am Schiggenberg zu den Bergwiesen des Gföllberges. Zu diesem schwebenden Abenteuer führt auch der neue Vital-Panoramaweg. Nach dem sehr steilen Anstieg erreicht man das Kneipp-Ausstellungshaus, in dem das Naturheilverfahren erklärt wird. Manche ruhen noch weiter oben auf einer Panoramaliege, wo auch das Reasabachle gurgelnd reines Quellwasser bergab schickt. Unterwegs formt es mehrere natürliche Wasserbecken. „Schuhe aus, Füße rein und treten“, fordert Blaas die Wanderer auf. Das Wasser dürfte fünf bis acht Grad haben, schätzt er – die Temperatur der Lebensfreude.

Naturpark Lechtal

Und es geht mit noch weniger. Keine Läden, keine Lifte, keine 4-Sterne-Wellness. In Hinterhornbach, Pfafflar, Gramais und Kaisers sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Denn viel entlegener und verwunschener geht es in den Seitentälern des Lechs nicht. Sie nennen sich „Auszeitdörfer“, weil bei ihnen vollkommene Ruhe herrscht. Womöglich singt ein Berglaubsänger, röhrt ein Hirsch oder donnert ein Gebirgsquell. Mehr an Krach ist kaum zu haben. Jedes Auszeitdorf besitzt einen individuell gestalteten Kraftplatz mit Kneippanlagen an den natürlichen Gebirgsbächen.

Naturpark Lechtal

Auch Pensionen und Gasthöfe sind auf Kneipp eingeschworen und setzen auf regionale Frischekost. „Hinterhornbach liegt am Ende der Welt“, sagt Norbert Lechleichtner im „Hinterhornbachstüberl“. „Oder am Anfang“, fügt er verschmitzt hinzu. Wenn abends die Sonne die Hornbachkette zum Glühen bringt, werden die Gäste auf der Geranien-Terrasse romantisch. Nachts ist dann die Stille so groß und der Sternenhimmel so klar, dass man die eigene Lebensspur erkennen kann.

Informationen

 

Übernachtung

Hotel Dreimäderlhaus, Weißensee bei Füssen. Ein versierter Schlafgastgeber, schön am Weißensee gelegen. Frühstück aus frischen, Regionalprodukten, www.dreimaederlhaus.de.

Hotel Oberlechtaler Hof, Holzgau. Perfekter Vier-Sterne-Komfort, www.oberlechtalerhof.com.

Pension Hornbachstüberl in Hinterhornbach. Ruhe im Schlusstal, www.hornbachstueberl.at.

 

Essen & Trinken

Bistro-Restaurant Seehaus, Hopfensee. Erstklassig die Lage, szenig das Ambiente, www.seehaus-hopfensee.de.

Landgasthof Adler, Hinterhornbach. Gute Regionalkost, üppige Portionen, freundlicher Service, www.landgasthof-Adler.at.

Restaurant LechZeit, Elmen. Man speist regional, der Lech rauscht dazu, www.lechzeit.com.

 

Interessant

Alles aus Zirbe – Betten und Kissen – bietet die Schreinerei Erich Reitebuch, www.reitebuch.de.

Lechtaler Kräuterhexen. https://de-de.facebook.com/LechtalerKraeuterhexen.

Naturparkhaus Tiroler Lech, www.naturpark-tiroler-lech.at.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

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