Vom Bergmann zum Seemann

Das Lausitzer Seenland

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Das Lausitzer Seenland im Süden Brandenburgs und Nordosten Sachsens ist eine künstlich geschaffene Bergbaufolgelandschaft. Ehemalige Kohlegruben entwickeln sich zu Badeseen. Eine Energieroute bietet Industriekultur.

Besucherbergwerk Lichterfeld Abraumförderbrücke F60

Abraumförderbrücke F60

Wie kommt denn der Eifelturm in die Niederlausitz? Was für ein gigantisches Stahlgebilde ragt da am Nordende des Bergheider Sees in den Himmel? Nein, es ist nicht das Pariser Wahrzeichen, sondern eine Abraumförderbrücke namens F60. Eine der größten Arbeitsmaschinen der Welt. Mit ihr wurden einst bis zu 60 Meter hohe Erdschichten, die über Kohleflözen lagerten, abtransportiert. Inzwischen ist der Metallkoloss bei Lichterfeld im südlichen Brandenburg tatsächlich ein „Aussichtsturm“ und nennt sich Besucherbergwerk F60. „Aufgestellt wäre diese Anlage sogar über 200 Meter höher als der Eifelturm“, informiert Konrad Lehmann: „Sie war nur etwa zwölf Monate im Einsatz. Kurz nach der Wende war Schluss. Es wurden immer weniger Briketts zum Heizen benötigt. Die Tagebaue, Kokereien und Brikettfabriken fanden weitgehend ein schnelles Ende.“ Über sichere Treppen und Trittroste führt der Gästeführer Besucher eineinhalb Kilometer durch das monströse Gerüst bis zur Spitze in 74 Metern Höhe.

Lausitzer Seenland - Besucherbergwerk Lichterfeld Abraumförderbrücke F60

Unterwegs zur Spitze

Das geflutete Restloch des früheren Tagebaus Klettwitz-Nord ist jetzt der Bergheider See mit Badestrand und Bootsanleger. „Man füllte ihn mit dem Wasser der Schwarzen Elster. Benannt ist er nach dem Ort, der in den 1980er Jahren dem Braunkohleabbau zum Opfer fiel“, sagt Konrad Lehmann. Drumherum ist das Gelände wieder mit Birken und Kiefern aufgeforstet.

Blick von F60 Lichterfeld einst Tagebau Klettwitz-Nord, jetzt Bergheidersee für Freizeitsport

Blick von F60: einst Tagebau Klettwitz-Nord, jetzt Bergheider See für Freizeitsport

Bevor die Gegend 150 Jahre lang Kohlegeschichte schrieb, war sie sorbisches Bauernland. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begann der industrielle Boom. Im Laufe der Jahrzehnte hat die Lausitz massive Eingriffe in die Natur erlebt. Einhundert Dörfer wurden nach und nach weggebaggert, um Kohle für Strom und Wärme zu fördern. Immer wieder mussten Bewohner umsiedeln. „Mehr als zwei Milliarden Tonnen „schwarzes Gold“ holten Bergleute bisher aus Lausitzer Erde. Das Ende der DDR, die Energiewende, der geplante Kohleausstieg waren für die Region dramatisch. Sie musste sich wieder neu erfinden“, schildert Konrad Lehmann: „Seit 20 Jahren entsteht eine künstlich geschaffene Wasserlandschaft. Neben dem Bergheider See sind oder werden rund 25 ehemalige Gruben geflutet. Nur vier Kohlegruben und drei -kraftwerke sind noch in Betrieb. Inzwischen drehen sich viele Windkrafträder am Horizont.“

 Rostiger Nagel: Wahrzeichen des Strukturwandels der Lausitz

Rostiger Nagel: Wahrzeichen des Strukturwandels der Lausitz

Das Wahrzeichen dieses Strukturwandels ist der „Rostige Nagel“. Ein 30 Meter hoher Aussichtsturm aus Cortenstahl am Sedlitzer See, der durch den Sornoer Kanal mit dem Geierswalder See verbunden ist. Der „Nagel“ ist mit einer Rostschicht belegt, die durch chemische Prozesse nicht stärker verwittert. Diese Patina erinnert an die industrielle Zeit. Zehn Seen sind inzwischen durch Kanäle verbunden. Einige sind noch nicht komplett renaturiert, andere eignen sich bereits perfekt zum Baden, Surfen, Wasserwandern oder Angeln. Vom Geierswalder See leitet der Koschener Kanal in den Senftenberger See über. Ihn flutete man bereits 1973.

Lausitzer Seenland - Blick vom Rostigen Nagel: Sornoer Kanal verbindet den Sedlitzer mit dem Geierswalder See

Blick vom Rostigen Nagel: Sornoer Kanal verbindet den Sedlitzer mit dem Geierswalder See

Die Arbeiterschlafstadt Senftenberg war einer der Hauptbraunkohleorte der früheren DDR, umringt von Abraumhalden. Nun schaukeln kleine Jachten im Stadthafen mit Seebrücke und Promenade. Vom Sedlitzer See führt der Ilsekanal zum Großräschener See. Bis vor 20 Jahren herrschte hier eine wüste Mondlandschaft. Jetzt lässt die Sonne Sterne auf dem blauen Wasser tanzen.

Lausitzer Seenland - Senftenberger See mit Stadthafen und Seebrücke

Senftenberger See mit Stadthafen und Seebrücke

Am Ufer in reiner Südhanglage baut Winzerin Cornelia Wober Wein an: „Schon im 18. Jahrhundert wurde in der Lausitz gekeltert. Reblaus und Bergbau verdrängten die Reben. Mittlerweile gibt es wieder zwölf Winzer.“ Auf Geschiebemergel und Kalksandlehm gedeihen bei 2.000 Sonnenstunden im Jahr eine rote und drei weiße Sorten.

Lausitzer Seenland - Weinanbau am Großräschener See, Winzerin Dr. Cornelia Wobar

Weinanbau am Großräschener See, Winzerin Dr. Cornelia Wobar

Neben dem Museum F60 trifft man auf der Energieroute auf weitere Relikte der Glück-auf-Vergangenheit. Bei Domsdorf wurde die erste Kohle bereits 1847 nur wenige Meter unter der Erdoberfläche entdeckt. Grube „Pauline“ entstand. 1882 folgte die Brikettfabrik „Louise“. Um den Heizwert der wasserhaltigen Rohkohle zu steigern, wurde sie zermahlen, getrocknet und in Stücke gepresst. Ohrenbetäubender Lärm schallt durch die Halle, als sich der Tellertrockner in Bewegung setzt. Jeden Teller beheizte man mit 145 Grad heißem Dampf. So wurde der Kohle zwei Drittel des Wassers entzogen.

Lausitzer Seenland - technisches Denkmal Brikettfabrik Louise in Domsdorf Außenanlagen

Technisches Denkmal Brikettfabrik Louise, Außenanlagen

Ähnlich geht es in der Energiefabrik Knappenrode bei Hoyerswerda zu. Auf dem Erlebnisrundgang kann man den Weg von der Kohle zum Brikett an original erhaltenen Maschinen verfolgen. Museumsführerin Susann Kalbers erklärt, was es mit Doppelschwingsieben, Hundehütten, Brikettpressen auf sich hat und setzt einige der Geräte in Bewegung, um zu demonstrieren, wie die Arbeiter Krach, Hitze und Staub ausgesetzt waren. Zusätzlich gibt es eine moderne, interaktive Ausstellungswelt im alten Backsteingebäude. Sie zeigt die Geschichte von Aufschwung, Verlust und Hoffnungen der Menschen dieser Region. Zur Bergbauhistorie zählen auch 24 rätselhafte rote Klinkersäulen auf einer Grünfläche bei Lauchhammer. Diese „Biotürme“ gehörten zu einer Kokerei. Sie dienten dazu, die phenolhaltigen Abwässer, die bei der Koksproduktion anfielen, zu reinigen.

Lausitzer Seenland - Biotürme Lauchhammer, 24 Türme

24 "Biotürme" bei Lauchhammer

Ein wichtiger Zeitzeuge ist die Gartenstadt Marga im Ortsteil Brieske der Stadt Senftenberg. 1870 gründeten die Berliner Chemischen Fabriken Kunheim & Co. eine Zweigniederlassung bei Großräschen. Hinzu kamen eine Ziegelei und ein Braunkohlewerk, um Brennmaterial für das Unternehmen zu gewinnen. „Die Grube „Ilse“ wurde nach einer Tochter des Fabrikanten Hugo Kunheim benannt“, berichtet Andreas Muschter: „Bergbaubetriebe erhielten überwiegend weibliche Vornamen. Meist von Ehefrauen und Töchtern der einstigen Besitzer.“ Die Firma expandierte, nannte sich nun Ilse-Bergbau AG und erschloss unter anderem die Grube „Marga“ und zwei Brikettfabriken in der Gemarkung Brieske.

Lausitzer Seenland - technisches Denkmal Brikettfabrik Louise bei Domsdorf - Brikett

Brikett in der ehemaligen Brikettfabrik Louise bei Domsdorf

Wo es Arbeit gibt, dorthin strömen Menschen. Oftmals kamen Wanderarbeiter, die nicht lange blieben. „Um eine Stammbelegschaft aufzubauen, errichtete man Werkskolonien“, erzählt der Gästeführer: „Höhepunkt war der Aufbau der Gartenstadt Marga, zwischen 1907 und 1915. Sie wurde am Reißbrett entworfen und nach der Grube „Marga“ benannt.“ Das Kommunikationszentrum war der rechteckige Marktplatz mit Kaufhaus, Postamt, Gast- und Gesellschaftshaus „Kaiserkrone“, Bäckerei, Schlachterei, Schule und Kirche. In konzentrischen Kreisen entstanden 78 Arbeiter- und Beamtenhäuser mit 15 unterschiedlichen Grundrissen und individuellen Fassaden. Sie erhielten Vorgärten und hinter den Gebäuden Plumpsklo, Nutzgarten und Stallungen für Kleintierhaltung.

Lausitzer Seenland - Gartenstadt Marga - ehemaliges Kaufhaus

Ehemaliges Kaufhaus in der Gartenstadt Marga

Während der DDR-Zeit verlor die Werkssiedlung an Glanz. Viele Häuser standen leer. Die Bevölkerung bevorzugte inzwischen Neubauwohnungen mit Fernwärme und modernen Bädern in anderen Teilen Senftenbergs. „Zwar stellte man „Marga“ 1985 unter Denkmalschutz, aber der Putz bröckelte munter“, sagt Andreas Muschter: „1992 fuhren die beiden Brikettfabriken die letzte Schicht und wurden abgerissen.“ Doch die Gartenstadt Marga erstand wieder auf. Drei Jahre später übernahm die TLG (Treuhand Liegenschaftsgesellschaft) die Wohnanlage. In Zusammenarbeit mit einem Hamburger Architekturbüro sanierte man alle Gebäude. Heute leben 1.400 Einwohner unterschiedlichster Berufe in diesem grünen Kleinod.

Die Ära der Kohle geht in der Lausitz zu Ende. Das Revier hat sich als Freizeitparadies neu erfunden.

Lausitzer Seenland - Tagebau in Welzow-Sued mit einer Abraumförderbrücke F60

Bald ein Bild der Vergangenheit: Tagebau in Welzow-Sued mit einer Abraumförderbrücke F60

 

Informationen

Informationen

ENERGIE-Route der Lausitzer Industriekultur: www.reiseland-brandenburg.de

Besucherbergwerk F60, Lichterfeld: www.f60.de

Brikettfabrik Louise, Domsdorf: www.brikettfabrik-louise.de

Biotürme Lauchhammer: www.biotuerme.de

Energiefabrik Knappenrode: www.saechsisches-industriemuseum.de

Gartenstadt Marga: www.senftenberg.de

Tagebau Welzow-Süd, excursio-Besucherzentrum: www.bergbautourismus.de

Das Lausitzer Seenland ist ideales Revier für Radtouren. Auf der 190 Kilometer langen Seenland-Route kommt man an 16 Seen und diversen Landmarken der Industriekultur vorbei. Wer sich nicht abstrampeln möchte, kann sich per Kleinbus durchs Revier schaukeln lassen. Fahrradverleih und geführte Rundfahrten zu unterschiedlichen Themen bietet: www.iba-aktiv-tours.de

 

Übernachten

Seehotel Großräschen
Tel. 035753 69066-0
www.travdo-hotels.de
4-Sterne-Hotel am Großräschener See. 60 EZ, DZ Junior Suiten. Restaurant, Bar, Terrasse, Wellnessbereich, „Fälschermuseum“ – eine Galerie mit 80 Reproduktionen bekannter Künstler wie Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci, Rembrandt van Rijn, Caspar David Friedrich, Auguste Renoir, Vincent van Gogh. Das 2007 eröffnete Hotel entstand aus einem ehemaligen Wohnheim für Ingenieure der Ilse Bergbau AG am Grubenrand des Tagebaus Meuro.

Der Leuchtturm, Elsterheide/Geierswalde
Tel. 035722 95000
www.leuchtturm-lausitz.de
Hotel direkt am Geierswalder See. 25 maritim eingerichtete EZ und DZ. Ein DZ befindet sich über drei Etagen im Leuchtturm. Restaurant mit Seeterrasse, Bar, Sauna. Preise: EZ/F 79 – 94 €, DZ/F 109 – 134 €
Im Leuchtturm-Komplex befinden sich auch FeWo für 2 – 6 Personen.

 

Allgemeine Informationen

Tourismusverband Lausitzer Seenland e.V. (Unterstützer der Reise)
Touristisches Netzwerk Industriekultur in Brandenburg
Am Stadthafen 2
01968 Senftenberg
Tel.: 03573 725300-0
E-Mail: info@lausitzerseenland.de
www.lausitzerseenland.de
www.reiseland-brandenburg.de

 

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