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Ausstellungsorte in Krefeld: Kunstmuseen Krefeld

Krefeld

KUNSTMUSEEN KREFELD / KAISER WILHELM MUSEUM

Von Albers bis Zukunft
Auf den Spuren des Bauhauses
bis 26. April 2020

Als das Staatliche Bauhaus 1919 von Walter Gropius in Weimar als Reformschule ins Leben gerufen wurde, begann nur wenig später auch am Niederrhein in Krefeld eine Zeit des Aufbruchs in die Moderne. Der 1922 berufene Direktor Max Creutz (1876 – 1932) machte das Kaiser- Wilhelm-Museum wieder zu einer Plattform für das zeitgenössische Geschehen in Kunst und Design. Anknüpfend an die Avantgarde der 1920er Jahre präsentieren die Kunstmuseen Krefeld anlässlich des Bauhaus-Jubiläums eine große Ausstellung aus eigenem Bestand.

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Josef Albers Study to Homage to the Square: Early Air, 1955 Öl auf Hartfaserplatte, 60 × 60 cm Kunstmuseen Krefeld © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Der Austausch zwischen dem Bauhaus und Krefeld ist besonders vielfältig und wirkt bis in die 1970er Jahre nach. Neben dem Kaiser Wilhelm Museum findet vor allem auch zwischen der Textilindustrie, den unterschiedlichen Gestalterschulen in Krefeld und dem Bauhaus ein Wissenstransfer statt. Johannes Itten, Georg Muche oder Gerhard und Elisabeth Kadow bilden dabei eine Brücke zwischen dem Lern- und Produktionsstandort Krefeld und dem Bauhaus. Diese vielfältigen Verbindungen wollen wir nun in der Sammlungspräsentation zeigen.“, so die Direktorin der Kunstmuseen Krefeld Katia Baudin.

Thematische Struktur und weniger ist mehr

Dass weniger mehr ist, unterstreicht die aktuelle Ausstellung, die nicht wie die Ausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie die Besucher mit 1000 Exponaten überfrachtet, sondern sehr sensibel mit dem vorhandenen Bestand umgeht, auswählt, frei stellt und präsentiert. Luftig und offen ist die Architektur der Ausstellung inszeniert. Dicht gedrängte Hängungen sind nicht vorhanden – zum Glück. Der Eindruck drängt sich auf, dass quasi nur Leitexponate ausgewählt wurden, die die thematischen Blöcke der Ausstellung versinnbildlichen. Das hat der Ausstellung sehr gut getan.

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Georg Muche Fließendes Rot (Komposition vor blauem Grund), 1916 Öl auf Leinwand, 83 × 75,5 cm Kunstmuseen Krefeld

Stichwort: thematische Struktur: Nein, es geht in der Ausstellung nicht um das historische Nachzeichnen der Entwicklung des Bauhauses in Weimar und Dessau und schließlich in den USA, sondern um das Herausstellen thematischer Blicke. So behandelt die sehr sehenswerte Ausstellung unter anderem Themen wie „Vordenker des Bauhauses: der Deutsche Werkbund“, „Im Bann der Farbe“, „ Zeitgenössische Rezeption der Moderne“, „Bauhaus und Amerika“, „Die gute Form: Hochschule für Gestaltung in Ulm“, „Rotar: Spiralen“, „Markenpolitik“ und zum Schluss „Architektur zwischen Utopie und Realität“.

Am Mythos Bauhaus wird nicht gearbeitet

Schon aus dieser Auflistung wird erkennbar, dass die Ausstellung über den historischen Tellerrand schaut und nicht den Mythos des Bauhauses vorantreibt, sondern sich die Frage nach dem Einfluss auf die künstlerischen Tendenzen nach dem Ende des Bauhauses durch dessen Verbot und Auflösung 1933 stellt. Keine Frage, es gibt stilbildende Ikonen, die durch Bauhausmeister wie Marcel Breuer oder Mies van der Rohe geschaffen wurden, aber diese treten in der Inszenierung der Schau ganz deutlich in den Hintergrund. Weder sind Freischwinger zu sehen, noch der berühmte Breuer-Stuhl oder die Teekannen von Marianne Brandt. Einzig Peter Behrens ist jedoch mit seinen bekannten, industriell gefertigten Wasserkesseln und seinem AEG-Logo in der Schau präsent. Das macht Sinn, denn es geht aktuell nicht um das Oh und Ah für Bauhaus-Design, sondern eher um Konzepte, Konzeptionen und nachhaltige Beeinflussung von Kunst, Architektur und Design in den Fußspuren des Bauhauses. Manches aus der Gegenwart erscheint dabei wie Bruno Munaris „Structura continua“ als eine Replik auf die Vorkurse von Josef Itten und anderer Bauhausmeister, die die Schüler am Bauhaus u. a. schlicht zu Papierfaltarbeiten angehalten haben, um Materialien zu erkunden.

Übrigens, im Studio 2 des Museums kann man sich in die Rolle der Vorkursschüler versetzen und mithilfe der vorhandenen Materialien zweckfreie Erkundungen unternehmen. So lassen sich Form-, Farb- und Materialexperimente des Bauhauses studieren und praktisch ausprobieren. Interaktion ist gefragt und schafft einen auch haptischen Zugang zum Bauhaus.

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Gerhard Marcks Schwimmerin II, 1938 Bronze, 169 × 35 x 42 cm Kunstmuseen Krefeld © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Meister und Schüler

Der Blick fällt auf zwei Arbeiten von Gerhard Kadow, genannt „Anfang März“ und „Zwischen den Zeilen“. Dabei fällt auf, dass die eine Arbeit eher dem Kreis konkreter-konstruktiver Kunst entsprungen ist, die andere eher einem figurativ-abstrakten Kanon. Wir sehen zum einen die Verschachtelung farbiger, transparenter vertikaler Strukturen, durch die sich ein vertikaler schwarzer tropfiger Glyph zieht, und zum anderen einen rostroten Torso inmitten von Baumstämmen auf ockerfarbenem Grund. Dass Bauhaus nicht stets Ungegenständlichkeit bedeutet, unterstreicht auch Georg Muche mit zwei Bleistiftzeichnungen, darunter „Verlassene Landschaft“ (1945), an verbrannte Erde erinnernd. Eine ganz eigene Formensprache entwickelte Fritz Winter, der zwischen Informel und Abstraktion angesiedelt werden kann. Ohne Titel hinterließ er eine Arbeit in Grau- und Grünnuancen. Zu entdecken sind Strukturen, die an Lichtmasten und Lichtleitungen denken lassen, aber auch ein weißes Kreissegment mit „eliptischen Linien“. Stets noch im Figurativen agierend, entstand Wassily Kandinskys „Sinnflut“. In dieser Tempera-Arbeit sind Figuren, darunter ein Reiter auf einem Schimmel, zu entdecken. Doch die Riesenwelle und das apokalyptische Unwetter scheint nicht offensichtlich.

Die „kristallinen Ansichten“ von Lyonel Feiniger fehlen im ersten Abschnitt der Ausstellung nicht, zeigt man doch ein frühes Mappenwerk mit Architektur, die in Bewegung geraten ist, und maritime und marine Ansichten. Auch Oskar Schlemmer ist mit einem Mappenwerk vertreten. Dabei wird Schlemmers Idee des mechanisierten Menschen recht deutlich zum Ausdruck gebracht, auch wenn das Puppenhafte in späteren Arbeiten noch von organischen Körperstudien begleitet wird.

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László Moholy-Nagy C XII (Blaues Bild), 1924 Öl auf Leinwand, 91,7 × 71,5 × 2,2 cm Kunstmuseen Krefeld

Für den Bauhausmeister Josef Albers so typisch ist die Hommage an ein Quadrat. Man sieht ein Werk von 1955 mit dem Zusatz: „Early Air“, von Dunkelblau nach Himmelblau sich entwickelnd. Gerhard Marcks - einer der wenigen Bildhauer des Bauhauses, den wir beim Ausstellungsbesuch zu Gesicht bekommen - ist mit seiner Skulptur einer Schwimmerin vertreten, die sich eine Badekappe über ihr Haar zieht. Welch ein Kontrast zur eher neusachlischen Darstellung von Johannes Driesch, der sich und seine Frau nebst Kind in Öl festgehalten hat.

Deutscher Werkbund

Das Lineare betont Joseph Hoffmann durch schwarze Liniendekors, mit denen er eine Karaffe und Gläser schmückt. Konfrontiert werden diese Designs mit Peter Behrens berühmten Wasserkesseln mit glatter Messingoberfläche und getriebenen Oberflächen. Rund-bauchig sind sie, aber auch achteckig, wie man den drei Exponaten entnehmen kann. Richard Riemerschmid, der vor allem durch seine Möbelentwürfe bekannt ist, ist mit einer Kanne und einem Steingut-Seidel ebenfalls zu sehen.

Kandinskys berühmte Farbtafeln, die er für den Unterricht am Bauhaus schuf, zeigt man gleichfalls. Die Tafeln tragen Kommentierungen, die den Zusammenhang von Form und Farbe darlegen.

Moderne Architektur als Bild

Unter diesem Stichwort wurde eine „Rauminszenierung“ mit Mies van der Rohes Barcelona-Sessel, Hocker und Tisch geschaffen. Auffallend sind die durchaus breiten Sitzflächen und die verschränkte Konstruktion der Lehnen und Beine der Möbel. Hat Blaise Drummond mit der Arbeit „At Home in the New World“ nicht einen treffenden Kommentar zum Bauhaus und zum International Style abgegeben? Natur scheint Nebensache zu sein, schaut man sich die Arbeit an, in der schlanke Bäume vor dem Glaspavillon in die Höhe ragen. Zu sehen ist der für van der Rohe so typische beinahe schwebende, transparente Pavillon im Hintergrund, der Berliner Neuen Nationalgalerie durchaus ähnlich. Und im Vordergrund ist eine Anspielung auf ein Mobile von Alexander Calder auszumachen. Auch Thomas Ruff bezieht sich mit seinem C-Print auf van der Rohes Möbeldesigns und zeigt Überblendungen des berühmten Barcelona-Sessels.

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Wassily Kandinsky, Farbenlehre 1928, Kunstmuseen Krefeld

Die gute Form

Im Zusammenhang mit dem Bauhaus in Amerika hat man Arbeiten von Cy Twombly, Josef Albers und John Chamberlain zusammengestellt.

Wer kennt es nicht: das klassische Stapelgeschirr von Hans Albrecht Roericht. Außerdem sind zwei Werke Max Bills, des Gründungsdirektors der nicht mehr existierenden Hochschule für Gestaltung Ulm, zu sehen, darunter ein in Dreiecke aufgelöstes farbiges Quadrat, das mittig ein weißes Segment umschließt. Genau betrachten sollte man die beiden ausgestellten Arbeiten von Almir Mavignier, die zwischen Op-Art und konkreter Kunst zu verorten sind. Beide Arbeiten weisen eine dunkle Oberfläche auf, die durch „Punkttropfen“ strukturiert ist, so auch „Neun dunkle Quadrate“.

Künstlerische Internationale

Dass die geometrischen Formen, das Quadrat, der Flachbau, die Durchfensterungen des Baukörpers typisch für das Bauhaus waren, steht außer Frage. Doch auch De Stijl mit Theo van Doesburg und Piet Mondrian waren stark auf die geometrische Formensprachen bezogen. Ähnliches gilt für Friedrich Vordemberge-Gildewart, der seine gerahmten Farbflächen allerdings in die Diagonale gerückt hat. Mondrian hingegen bevorzugte quadratische und rechteckige Flächen mit schwarzen Rahmungen in der horizontal-vertikalen Achsdarstellung. Die Loslösung aus der strengen Geometrisierung sieht man bei Hans Theo Richter und „Rhythmus 23“: Aus einem weißen Quadrat, entwickelt sich ein Bogen, aus dem roten Quadrat rote „Stelen“, die wie die grafische Darstellung von Tonhöhen anmuten. Zugleich sieht man aber auch Formelemente, die an Gitarrensaiten und an Klaviertastaturen denken lassen. Gänzlich dem Konstruktivistischen ist László Moholy-Nagy verhaftet, von dem man zwei Arbeiten in Öl und einen experimentellen Schwarz-Weiß-Film zu Gesicht bekommt.

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Friedrich Vordemberge-Gildewart Komposition No. 28, 1927 Öl auf Leinwand, 60 × 80 cm Kunstmuseen Krefeld

Robert Rotar und Knoll International

Hinzuweisen ist im Kontext von „Gestaltung für den Alltag“ auf die Arbeit von Herbert Bayer namens „Bauhaus Hommage !“, nichts weiter als ein Teeservice mit Dekors in Grundfarben wie zum Beispiel einem breiten blauen Tassenrand.

Einen eigenen Raum erhielt Robert Rotar mit seinen Arbeiten, die um die Spirale kreisen. Rotar, der für Knoll International tätig war, zeigt neben einer Edelstahlspirale auch ein Sitzensemble, bestehend aus einem von Eero Saarinen konzipierten Tisch, zwei von Warren Platner entworfenen Sesseln und einem auf dem Tisch liegenden Schachbrett. Platner ist einer der Entwerfer für Knoll International, das auch die Möbel des Bauhauses an den Mann und die Frau brachte und bringt, darunter Marcel Breuers Cesca-Stuhl!

„Markenpolitik gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dafür sorgten unter anderem Henry van de Velde und Peter Behrens, der eine für Tropon, der andere für AEG. Deren Entwürfe werden in der Schau gezeigt, daneben aber auch die Geschäftsdrucksachen der Wiener Werkstätte, die Josef Hoffmann mit Koloman Moser zusammen entworfen haben. Mit „Architektur und Utopie“ schließt die Ausstellung, der man sehr viel Zuspruch wünscht.

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Fritz Hellmut Ehmcke Plakat "Deutsche Werkbund Ausstellung", 1914 Farblithografie, 90 × 65 cm Kunstmuseen Krefeld

Zum Schluss: Auf lange Saaltexte har man bei dieser Ausstellung verzichtet. Dafür gibt es ein Begleitbroschüre mit ausführlichen Texten zu den behandelten Themen. Es ist kostenlos an der Museumskasse erhältlich.

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Kunstmuseen Krefeld
http://www.kunstmuseenkrefeld.de/d/index.html

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