Pilgern auf zwei Reifen

Auf Klostertour zwischen Weser und Teutoburger Wald

Text und Fotos: Manfred Lädtke

Bestimmt gibt es wuchtigere Klöster, die Besuchererwartungen an imposante Gemäuer erfüllen. Trotzdem würde ein Ostwestfale feststellen: „Kannste nix von sagen!“ Weil nirgendwo in Deutschland mehr Klöster auf engstem Raum stehen als in der Region Höxter.

Klosterregion Ostwestfalen - Die weitläufige ehemalige Klosteranlage Hardehausen diente nach 1938 als Trinkerheilanstalt und Erziehungsanstalt im Nationalsozialismus. Vor der heutigen Jugendbildungsstätte steht auf einer Stele in vier Sprachen die Mahnung „Friede auf Erden“

Die weitläufige ehemalige Klosteranlage Hardehausen diente nach 1938 als Trinkerheilanstalt und Erziehungsanstalt im Nationalsozialismus. Vor der heutigen Jugendbildungsstätte steht auf einer Stele in vier Sprachen die Mahnung „Friede auf Erden“

Was lange fehlte, war ein überschaubares, zielweisendes Wegenetz. Nun schlängelt sich zwischen Teutoburger Wald und Weserbergland eine 185 Kilometer lange Klosterroute zu den 28 Orten der Spiritualität. Sie stehen für tiefe Religiosität, sind Wallfahrts- und Veranstaltungsstätten, Besichtigungsobjekte, Herbergen und Hüter von Kunstschätzen. Deren Vernetzung war eine logische Folge des Ritterschlags für die ehemalige Reichsabtei Corvey zum Weltkulturerbe im Jahr 2014.

Eine schnurgerade Allee führt zu dem Schmuckstück von Corvey, das nahe der Stadt Höxter Besuchermagnet im touristischen Neuland Ostwestfalen ist. Am Ende der Straße erhebt sich die fast 900 Jahre alte Abteikirche aus rotem Bruchstein mit ihren markanten Doppeltürmen. Das symbolträchtige Westwerk haben die Baumeister als imposanten Kirchenraum vor die Basilika gestellt. Unter einem Torbogen wartet Josef Kowalski. „Früher siedelten hier heidnische Sachsenstämme. Ab dem 9. Jahrhundert war der Sitz von Benediktinermönchen dann Missionszentrum für die Verbreitung christlicher Religion in Nordeuropa“, empfängt der Klosterführer seine Gäste. Historiker nannten das Fleckchen Erde auch „westfälisches Pompeji“, eine Stadt mit 7000 Einwohnern, die 400 Jahre vor den Klostermauern existierte.

Das außen schlichte und wehrhafte, innen erhabene und würdevolle Welterbe sei ein Zeugnis karolingischer Baukunst und prägend für die abendländische Architektur gewesen. Erst der 30-jährige Krieg habe das Kloster bis auf das trutzige Westwerk zerstört, berichtet der Brigadegeneral a.D. weiter. Beim Wiederaufbau im 17. Jahrhundert sei schließlich die barocke, schlossähnliche Anlage mit Kaisersaal, prunkvollen Wohnräumen und der Fürstlichen Bibliothek entstanden.

Höxter - Das karolingische Westwerk von Corvey aus dem 9. Jahrhundert blieb von Kriegszerstörungen verschont. Heute ist es monumentales Denkmal und Weltkulturerbe

Das karolingische Westwerk von Corvey aus dem 9. Jahrhundert blieb von Kriegszerstörungen verschont. Heute ist es monumentales Denkmal und Weltkulturerbe

Irgendwann weckte der Bücherschatz auch das Interesse eines gewissen Herrn von Fallersleben. Als der Dichter des Deutschlandliedes nach Fürsprache seines Freundes Friedrich Liszt eine Stelle als Bibliothekar antrat, missfiel ihm sofort die „grauenhafte Menge an Romanen“, die der Germanist einen „Krebsschaden der Bibliothek“ nannte. Das sollte sich ändern. Als Hoffmann von Fallersleben 1874 im Alter von 75 Jahren starb und neben der Abteikirche begraben wurde, hatte er nicht nur 550 Kinderlieder wie „Alle Vöglein sind schon da“ und „Ein Männlein steht im Walde“ geschrieben, sondern die Sammlung mit 74 000 wissenschaftlichen Werken und prachtvoll illustrierten Ansichtsbänden auch zu einer der kostbarsten Privatbibliotheken Deutschlands ausgebaut. Das rote Sofa, auf dem der guten Zigarren und edlen Rheingau-Tropfen nie abgeneigte Genussmensch oft und gerne ausruhte, ist Blickfang in dessen ehemaligen Arbeitszimmer.

Westfalen sagt man nach, sie seien Dickschädel, seien hartnäckig und streitbar. Dass dies hilfreiche Tugenden beim Ringen um einen Eintrag des Klosters in die Unesco-Liste waren, will Kowalski nicht von der Hand weisen. Jedenfalls durfte er nach Anerkennung von Corvey als Weltkulturerbe viele von den bisher fast 200 000 Besuchern hinter die alten Mauern führen. Wenn Corvey, warum dann nicht auch andere Klöster zu Ausflugszielen aufrüsten, sahen Touristiker die Zeit für eine heilige Allianz in der Region gekommen, wo sich bislang nur Fledermaus und Hase gute Nacht sagten. Zwar sind nicht alle Anlagen wie Corvey auch mit dem Schiff erreichbar, dafür sind sie mit übersichtlich beschilderten Radrouten verbunden. Manchmal winden sich die Wege durch uralte Laubwälder der romantischen Hügellandschaft im Weserbergland. Am stimmungsvollsten ist eine Radtour am Morgen. Wie schlafgelähmt liegen dann die Wälder im Licht der frühen Sonne, nur ein paar kreischende Krähen flattern durch das Idyll.

Klosterregion Ostwestfalen - Kloster im modernen Ambiente: Abtei vom Heiligen Kreuz in Herstelle

Kloster im modernen Ambiente: Abtei vom Heiligen Kreuz in Herstelle

Wer eine andere Landschaftsperspektive bevorzugt, nutzt bei Corvey den beschaulichen Wasserweg auf der Weser für einen Ausflug nach Beverungen-Herstelle. Wo sich im Dreiländereck NRW, Hessen und Niedersachsen treffen, thront über dem Fluss die Benediktinerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz. Seit 120 Jahren leben an diesem Platz der Stille Benediktinerinnen ihren Glauben.

Der moderne Neubau und gut sortierte Souvenirladen neben der Bartholomäus-Kirche wirkt zunächst befremdlich auf Besucher, die hier Alltag und Kommerz entfliehen wollen. Auf den ersten Blick erinnert nichts an „ora et labora“. Die Zimmer sind zweckmäßig eingerichtet, das Frühstück ist überschaubar und ausreichend. „Unsere Gäste sollen hier zur Ruhe kommen“, sagt Schwester Lucia. Biblische Veranstaltungen seien ein unverbindliches Angebot, jeder solle im klösterlichen Lebensrhythmus seine Spiritualität entdecken. Manchmal öffnen sich ganz tief in der Seele verschlossene Kammern oder längst verschwommene Bilder gewinnen wieder Konturen, glaubt die Benediktinerin. Manch einem Pilger mag es da schon genügen, jene Atmosphäre und Reduziertheit eines Tages zu erleben, wie sie ihn in unbekümmerten Jugendjahren in Landschulheimen begleitet hat.

Klosterregion Höxter - Erzählte Geschichten an Wänden im Kloster Herstelle

Erzählte Geschichten an Wänden im Kloster Herstelle

Bei einem Spaziergang durch den Klostergarten und über den alten Friedhof bekennt die gelernte Apothekerin und Theologin, dass sie und ihre 37 Mitschwestern einen Weg gewählt haben, auf dem sie zwar freiwillig auf manches verzichten – aber verzichten, um das Wesentliche zu gewinnen. Fotografien in einem Mini-Museum zeigen aber auch, dass viele Klöster wie vor der Säkularisation wieder ertragreiche Wirtschaftsbetriebe sind und von Nonnen und Mönchen mehr verlangt wird, als andächtig auf einer harten Bank zu beten. Die Bilder dokumentieren eine stets dem Gottesdienst nachgeordnete Glaubenswelt mit Pflichten im Maschinenraum, in der Seifenmanufaktur, Küche oder Kerzenwerkstatt, im Büro, Garten oder Souvenirladen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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