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Herne

LWL Museum für Archäologie
Pest! bis 15.11.2020

Was ist die Pest? Welche Gegenmaßnahmen haben die Menschen früher ergriffen? Ist die Pest heute ausgerottet? Diese und weitere Fragen beantwortet die neue Sonderausstellung in einer Reise durch die Geschichte dieser Krankheit. Archäologische Funde sowie Objekte der Kunst- und Kulturgeschichte zeichnen den Weg der Pest von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Anschauliche Wachsmodelle und

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Eine sogenannte Schnabelhaube eines Pestarztes aus der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt, die vielleicht aus der Zeit um 1700 stammt.
Foto: Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt

Angesichts der Covid-19-Pandemie ist das Thema hochaktuell, insbesondere bezüglich der Frage, wie mit einer Pandemie umgegangen wird. Dabei scheinen sich die Muster zu gleichen. Dämonen, Hexen und Juden machte man für den Pestausbruch verantwortlich. Und heute macht man Bill Gates, die herrschende politische Elite und wiederum Juden für die gegenwärtige Pandemie verantwortlich. Verschwörungsmythen sind dabei Teil des Umgangs mit der Pandemie. Und auch darin liegen Parallelen zur Pest, die in drei großen Pandemien Millionen von Opfern zur Folge hatte.

Als Volks- bzw. Seemannslied kennen viele das Lied "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord". Und tatsächlich im Jahr 2017 brach auf Madagaskar erneut Pest aus, die laut RKI im November des gleichen Jahres unter Kontrolle gebracht werden konnte. Auf einer Weltkarte zeigt man in der Ausstellung die Ausbruchsgebiete der Pest in den letzten Jahren, wenn auch mit Daten von 2015. Auch in der Inneren Mongolei, die Teil der VR China ist, gab es Fälle von Pest, übertragen durch Murmeltiere, die verspeist wurden. Der letzte Fall datiert aus diesem Jahr. Diese spezifische Aktualität spart die Ausstellung aus, die überbordend gestaltet ist. Auf das zitierte Lied und den Hintergrund seiner möglichen Entstehung geht die Ausstellung nicht ein. Warum nur? Zu populistisch der Ansatz?

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Der Rattenfloh ist der hauptsächliche Überträger des Pes-terregers auf den Menschen. Stirbt sein Wirt, springt er auf den nächsten über - auch auf den Menschen. Foto: LWL/S. Leenen

Statt sich auf ausgewählte Leitexponate zu beschränken, wird der Besucher mit einer Fülle unterschiedlicher Exponate konfrontiert. Zum Konzept gehört ein 190-seitiges Buch mit Ausstellungstexten (- auch in einfacher Sprache !), die man mit sich durch die Ausstellung herumtragen muss, um bei Interesse mehr über einzelne Exponate zu erfahren. An einigen sieht man einen QR-Code, den man herunterladen kann, um dann einen gesprochenen Text zu hören. Das geschieht in der Ausstellung, was für Besucher, die nun gerade nicht am Objekt A oder Objekt B interessiert sind, störend ist, es sei denn diejenigen, die den Audiotext anhören, hören über Kopfhörer. Neben den beiden Medien Buch und Audiodateien gibt es dann noch mittig im Raum einen Touchscreen mit entsprechenden Abbildungen zu einzelnen zum Thema passenden Objekten als weiteres Medium. Warum haben sich die Ausstellungsmacher nicht darauf eingelassen, zu den jeweiligen Themen Abreißzettel im Saal zu platzieren? So könnte jeder vor Ort entscheiden, ob er weitere Infos lesen möchte. Das Herumtragen eines unhandlichen Buches mit Ausstellungstexten wäre dann überflüssig. Zudem muss man Rucksäcke u. ä. mit persönlichen Dingen mitnehmen, weil es im Museum augenscheinlich keine Schließfächer bzw. eine gesicherte Garderobe gibt. Will man sich in der Ausstellung hinsetzen, um sich in Themenbereiche zu vertiefen, dann musste man einen faltbaren Museumshocker mit in die Ausstellung nehmen. Diese "Hürden" bei einem Ausstellungsbesuch in Kauf nehmen zu müssen, spricht nicht für eine allgemeine Benutzerfreundlichkeit.

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Die Elfenbeinstatuette eines vermeintlichen Pestarztes
Foto: Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt

Die Ausstellung ist ausgehend vom mittig in den Ausstellungssaal gesetzten Thema „Erinnerung“ strukturiert. Es gibt historische Oberthemen wie 1., 2. und 3. Pandemie sowie Unterthemen wie „Bestraft die Schuldigen!“ und „Das Wissen der Pestdoktoren“. Hierzu finden sich ausführliche gut lesbare Saaltexte und eine Fülle von Objekten. Unter diesen wäre eine Ausdünnung notwendig, damit sich der Besucher auf das Wesentliche konzentrieren kann und sein Blick nicht von einem zum anderen Objekt wandert. Man hätte sich aufgrund des radialen Ausstellungsaufbaus außerdem ein prägnanteres Leitsystem für den Rundgang gewünscht, oder?

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Der in der Mitte des 14. Jahrhunderts angelegte Münzschatz aus dem Stadtweinhaus Münster könnte im Zusammenhang mit Judenpogromen stehen.
Foto: LWL/S. Ahlbrand-Dornseif

Zu Beginn der Ausstellung wird man nicht nur mit dem Aufbau des Bakteriums konfrontiert, das für den Ausbruch von Beulen- und Lungenpest verantwortlich ist, sondern auch mit historischen Texten, in denen Livius und Marc Aurel als Chronisten ihrer Zeit über den Ausbruch und den Verlauf der Pest berichten. Worauf soll man sich also konzentrieren, auf den naturwissenschaftlichen Aspekt des Themas Pest oder auf den historischen? Soll man sich also in den Wirkmechanismus vertiefen, der dazu führt, dass der Wirt des Bakteriums – Überträger ist u. a. ein Ratenfloh – deshalb Symptome entwickelt und zugrunde geht, weil auch die Fresszellen befallen werden, oder eher doch nicht? Wer war eigentlich derjenige, der im 19. Jahrhundert das Bakterium Yersinia pestis entdeckte? 1894 gelang Alexander Yersin diese bahnbrechende Entdeckung. Warum aber beschäftigte er sich mit der Erkrankung? Die Frage bleibt beim Besuch der Schau offen. Ja, unterdessen kann man Pest mittels Antibiotika behandeln, doch angesichts von zunehmenden Resistenzen fragt man sich wie lange noch. Ja, man sieht eine schematische Darstellung des Bakteriums und zudem einige Überträger wie Wanderratte und Wüstenrennmäuse, erfährt von den Übertragungswegen, aber von der Entwicklung des Antibiotikums oder vom jüngsten Ausbruch der Pest auf Madagaskar erfährt man nichts. Der naturwissenschaftliche Strang der Ausstellung - zu sehen sind u. a. Moulagen mit Pestsymptomen, aber kein Feuchtpräparat einer von Pest befallenen Lunge - bricht mehr oder minder abrupt ab und wird vom historischen Strang ersetzt. Das ist angesichts des Ausstellungsortes in einem archäologischen Museum durchaus naheliegend. "Wie lässt sich Pestgeschichte schreiben?" ist das erste historische Kapitel, das in der Schau aufgeschlagen wird. Ob man dazu neben einem Rollsiegel aus dem 9.-7. Jh. v. Chr. auch den Amarna-Brief und das Grimmsche Wörterbuch vorstellen muss, sei dahingestellt. Ist es nicht viel spannender dem Glauben an Dämonen wie Lamastu und Pazuzu im Detail nachzugehen? Die Dämonin Lamastu brachte fiebrige Erkrankungen, so glaubte man im Vorderen Orient in der Zeit 1000-500 v. Chr., und zudem den Kindstod. Um der Erkrankung zu entgehen, wurden Amulette mit dem Abbild der Dämonin und Beschwörungsformeln getragen. Darstellungen des altorientalischen Dämons Pazuzu dienten ebenfalls zur Abwehr der "bösen Dämonin" und der todbringenden Krankheiten. Ein Kopf Panzuzus ist in der Ausstellung zu sehen. Römische Chronisten wie Livius berichteten über die Pest, wie man projizierten Zitaten entnehmen kann.

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Das Kreuz auf dem Pestfriedhof beim westfälischen Leiberg steht noch heute dort und erinnert an den Ausbruch von 1635.
Foto: LWL/S. Leenen

Die erste Pandemie kann man auf die Steinzeit und Frühbronzezeit datieren, ob in Göteborg oder im armenischen Kapan und Haunstetten bei Augsburg. Gezeigt werden Feuersteinabschläge, die als Beigabe des ältesten deutschen Pestgrabes gefunden wurden. Welchen Sinn solche Beigabe hatte, wird nicht thematisiert. Weiterhin trat die Pest zurzeit des oströmischen Kaisers Justinian auf und verschwand im 8. Jh. ganz plötzlich. Gab es eine Eiszeit nach einem Vulkanausbruch, sodass die klimatischen Bedingungen für die Wirtstiere unwirtlich wurden? Es wird so vermutet, wie man einem entsprechenden Begleittext entnehmen kann. Die Pest hatte sich im Übrigen zwischen 574 bis ins 8. Jh. von Ägypten aus nach Konstantinopel, heute Istanbul, ausgebreitet. Was ein Spielstein aus Elfenbein, eine Halskette aus Glasperlen und ein Bimsstein mit einem Birkenblattabdruck mit diesem Teil der Pestgeschichte zutun haben, erschließt sich nicht zwingend.

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Der menschliche Unterkiefer stammt aus dem Grab eines Toten in Aschheim bei München, der nachweislich an der Pest verstorben ist. Foto: AschheiMuseum/A. Pütz

Sehr beeindruckend ist jedoch ein rekonstruiertes Grab mit zwei Personen und deren Grabbeilagen aus der Periode der Justinianischen Pest. Gefunden wurde das Grab in Erding-Altenerding. Aus den Zähnen der weiblichen Verstorbenen konnte das Pest-Genom isoliert werden. Welches Ziel wurde damit verfolgt, fragt sich der interessierte Besucher, ohne eine Antwort zu erhalten. Hier wäre doch der Ansatz gewesen, den archäologischen Aspekt der Schau zu vertiefen, oder?

Im 14. Jh. kamen mongolische Reiterhorden aus Fernost auf die Krim, wo die Genueser eine Kolonie besaßen. Diese Reiternomaden waren mit dem Pesterreger infiziert und verbreiteten die Seuche bis in den Mittelmeerraum, nach Genua und Marseille. So nahm die 2. Pandemie ihren Anfang. In wenigen Jahren wurden 25 Mio. Menschen durch die Seuche dahingerafft. Der sogenannte Schwarze Tod hatte dabei auch Bewohner deutscher Städte nicht verschont. Den Zorn Gottes sahen die Menschen in dieser Seuche. Als Zeichen dieser Strafe galt damals der sogenannte Rattenkönig – ein entsprechendes Feuchtpräparat kann man in Augenschein nehmen. Wenn Ratten beengt in einem Bau zusammenleben, dann verkleben sich deren Schwänze durch Schmutz und Nahrungsreste. Der Rattenkönig wurde in der frühen Neuzeit als schlechtes Omen und als Strafe für menschliche Sünden angesehen.

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In der Ausstellung ist es möglich, sich das (natürlich abgetötete) Pestbakterium unter dem Mikroskop ganz genau anzusehen.
Foto: LWL/S. Leenen

Wer ist schuld an der Pest? Diese Frage wurde beantwortet: die Juden, die aus den Zünften ausgeschlossen, lediglich als Geldleiher und Bankiers arbeiten durften. Habgier und Neid kanalisierten sich unter dem Vorwand, die Schuldigen der Pestausbreitung zu finden. Judenpogrome waren keine Seltenheit. Bereits in Zeiten der Kreuzzüge endeten machen Feldzüge nicht in Jerusalem, sondern im Getto. Stellvertretend für die eine Politik der Sündenböcke steht ein kaiserlicher Erlass von Kaiser Karl IV. betreffs der Judenhabe: Er verpfändete im Jahr 1349 den Besitz der Juden der Stadt Frankfurt und billigte auch Pogrome. Dafür erhielt der Kaiser 15200 Pfund Heller. Straffreiheit für diejenigen, die sich an Mord und Plünderung beteiligten, wurde durch den Kaiser garantiert. Zu finden ist dies in der Schau in einer faksimilierten Urkunde. Und was hat die Frage nach den Schuldigen der Pest mit dem staatlichen Münsteraner Goldschatz zu tun, der auch noch zu sehen ist? Um einen Juden konnte es sich nicht gehandelt haben, denn denen verweigerten die allmächtigen Zünfte Zugang zu Handwerk und handwerklichem Gewerbe. Wie man selbst Grabsteine plünderte, um sie beim Bau einer Burg zu verwenden, zeigt das Kapitel zur Burg Hülchrath. Hier wurden Fragmente von Grabsteinen des jüdischen Friedhofs in Köln für den Bau verwendet.

Medizinhistorisch ist dann das nachfolgende Kapitel über das Wissen der Pestdoktoren wie eines gewissen Doktor Schnabel ausgerichtet. Winde und Dämpfe hielt man im Mittelalter und zu Beginn der Moderne für die Übertragung krankmachender Substanzen verantwortlich. Die mit Kräutern und Essenzen gefüllte Schnabelmaske – mit diesen ist eine gesamte Trennwand bestückt – sollte die Übertragung verhindern. Zudem versprach man sich von Aderlass und Beulenschnitt – ausgestellt sind entsprechende medizinische Werkzeuge wie Schröpfschnepper – die Heilung. Doch Flucht war wohl der bessere Ratgeber, dem auch 20000 Londoner folgten, als die Pest diese englische Metropole erreichte. Pestmessen, Pestprozessionen und Pestgeißelung hielt man für ein weiteres Allheilmittel. Pestordnungen wurden erlassen – die von Münster und Bologna zeigt man aktuell – und der Denunziationskasten – nur als Abbildung zu sehen – dienten dazu Verstöße gegen die Verordnung zu melden.

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Aus dem 16. Jahrhundert ist ein Rezept für den sächsischen Kurfürsten überliefert, das eine Heilung der Pest versprach: Es bestand aus damals sehr teuren Zutaten wie z. B. Blattgold und "Einhorn" (fossiles Mammut).
Foto: LWL/. R. Pieper

Bestattungen von Pestkranken erfolgten ohne Würde. Die Leichen wurden in Massengräbern bestattet, eine Lage Erde, eine Lage Tote wie bei einer Lasagne wie der florentinische Chronist Marchionne di Coppo schrieb. Lange Greifzangen dienten dazu, die Leichen zu greifen und zu transportieren. Um der Toten Herr zu werden, wurde durch den in Avignon residierenden Papst die Rhône gesegnet, sodass auch hier Tote ihre letzte Ruhe finden konnten. Eine Flasche mit geweihtem Wasser steht stellvertretend für diesen Vorgang.

Das Ende des Schwarzen Todes markiert das Jahr 1894. Doch was hat der Rasenmäher am Ende der Ausstellung mit dem Thema zu tun? Eine Frau aus Kalifornien infizierte sich 1995 mit der Pest, als sie ein infiziertes Grauhörnchen überfuhr. So folgt die Pest dem Menschen bis in die Gegenwart. Und dazu kommen die anderen modernen Seuchen wie Dengue-Fieber, Lassa-Fieber, Ebola, HIV etc. Doch das ist ein anderes Thema. © ferdinand dupuis-panther


Informationen
LWL Museum für Archäologie
https://www.lwl-landesmuseum-herne.de

 


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