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Herford
marta

Glas und Beton
bis
4.10.2020

Zwischen fragiler Zartheit und kühler Erhabenheit, zwischen schillerndem Glanz und spröder Oberfläche: Wie kaum ein anderes Material versinnbildlichen Glas und Beton sowohl Macht und Wohlstand als auch gesellschaftliche Utopien. Aus architektonischer Perspektive revolutionierten die beiden Stoffe gerade auch aufgrund ihrer optischen Unterschiede den Hochbau und ebneten den Weg für völlig neue Bauformen und Gebäudefantasien. Aber auch Künstler*innen setzen sich in der heutigen Zeit, in der die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten lebt, mit diesen bedeutenden Materialien auseinander. Kritisch thematisieren sie in dieser Ausstellung sowohl die Schönheit farbigen Glases als auch die raue Eleganz von Beton, um die Betrachter*innen in die Rolle des träumenden, visionären Weltenbauers zu versetzen und zugleich diesen "schönen Schein" energisch zu zerschmettern. Dazu versammelt die Ausstellung 85 Skulpturen, Installationen, Videos und Malereien.

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Ausstellungsansicht: Daniela Friebel, Reflexion V (Marta), 2020, Digitalfotografie auf Vliestapete © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Zerbrechlich und beinahe unverwüstbar, kristallin und grau-trotzig – das kennzeichnet die beiden Materialien, aus denen die ausgestellten Kunstwerke geschaffen wurden. Neben Skulpturalem und Plastischem gibt es auch Malerei und Videoinstallationen zu sehen. Durch die aktuelle Pandemie ist jedoch die „Insel im Marta“ außer Funktion gesetzt worden. Dennoch soll darauf verwiesen werden: „Die Insel im Marta” wurde 2020 vom belgischen Künstler und Architekten Adrien Tirtiaux geschaffen. Innerhalb dieser Installation können Besucher*innen in Workshops Beton gestalten, so war die Prä-Corona-Idee. Nach Tirtiaux' Vorstellungen entstand ein scheinbar idyllisches Eiland aus Sand und Kies sowie einem Holzsteg. Nur das Rauschen der Wellen vermisst man. Und auf der inszenierten Insel sieht man noch etwas, was eher irritiert: eine eigenwillige Palmenstruktur und Säcke mit Zement. Das interaktive Moment und das museumspädagogische Konzept der Auseinandersetzung der Besucher mit dem Thema Beton ist momentan nicht zu realisieren.

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Ausstellungsansicht: Stephan Huber, Arbeiten im Reichtum 3 und 7, 1983, verzinkte Schubkarren, Kronleuchter, Foto: Marta Herford, Hans Schröder © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Im sogenannten Inselraum findet man auch ein Video mit einer virtuellen Führung durch die Ausstellung. Dass dies am Ende der Schau zu sehen ist, scheint widersinnig, sollte diese Führung doch durch die Ausstellung leiten. Auch ohne derartige textliche Erläuterungen erhellt sich das Konzept der Ausstellung. Gewiss, insbesondere die Kunstwerke aus Beton sind provokant, aber nicht gänzlich ohne Alltagsbezug, leben doch die Besucher in urbanen Räumen, um nicht von betonierten Stadträumen zu reden.

Elín Hansdóttir kennt sich mit Gewicht und Gegenwicht aus, denn nur so kann sie die Betonsegmente übereinanderstapeln, ohne dass die Konstruktion ins Wanken gerät. „Conteract“ ist ein gut gewählter Titel für ihre Arbeit aus dem „spröden“ Material Beton. Im Dialog zu dieser Arbeit aus Beton ist Stephan Hubers Installation aus zwei Schubkarren und zwei Kristalllüstern zu sehen. Der eine hat seinen Platz in der Karre, der andere scheint aus der Karre abgekippt worden zu sein. Der Titel des Werks „Arbeiten im Reichtum 3 und 7“gibt Rätsel, oder? Stehen die Lüster für Reichtum und die Schubkarren für die Arbeit? Man muss es wohl annehmen.

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Ausstellungsansicht: Vincent Ganivet, 3 arches stopped by straps, 2019, Betonsteine, Spanngurte, Foto: Marta Herford, Hans Schröder
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Während des Rundgangs durch die Ausstellung werden wir immer wieder mit Zementschüttungen konfrontiert, die auf Plattformen aus der Wand ragen. Teilweise scheint es sogar so, als würden wir Schüttungen sehen, die auf Transportbänder abgeladen worden sind, die durch die Wände führen. Lena von Goedeke ist diese mehrteilige Arbeit zu verdanken, deren Charakter durchaus als minimalistisch bezeichnet werden kann. Welch einen Kontrast bildet diese Arbeit zu Mona Hatoums „Turbulence“, bestehend aus unterschiedlich großen Glasmurmeln. Nein, es ist keine kinetische Arbeit, was bei dem Titel naheliegend wäre, sondern ein auf dem Boden aus Glasmurmeln gebildeter Kreis. Durch die Platzierung von Murmeln unterschiedlicher Größe ergibt sich eine gewisse Dynamik. Eine Archiskulptur aus Hohlblockelementen wird durch Gurtbänder fixiert, sodass die angedeuteten Bögen nicht zusammenfallen. Vincent Ganivet erdachte sich diese drei Bögen, die eine Ecke des ersten Ausstellungssaals bespielen.

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sa Genzken, Ohne Titel, 2017, Beton, Rollbrett, 193,5 x 60,5 x 35 cm, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York © die Künstlerin / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Oliver Boberg scheint mit seinem zehnteiligen Werk so gar nicht zum Ausstellungstitel zu passen. Auf weißem Grund hat er in „WORTE-ORTE“ Begriffe wie Werkstor, Kellertreppe, Dachterrasse, Bolzplatz, Rollstuhlrampe und andere stadträumliche Begriffe verewigt. Der Besucher muss seiner Fantasie nun sehr viel Raum lassen, um Bilder von Beton und Glas zu diesen Begriffen entstehen zu lassen. Die sich immer neu erfindende Stadt, die stets auf Umbau und Neubau ausgerichtet ist, findet sich in der Arbeit von Philipp Hennevogl, der einen Linolschnitt mit Baukränen und Baugerüsten vorlegt. Dabei hat man den Eindruck, dass die Gerüste in Bewegung geraten sind. Ausdruck des dynamischen Umbaus?

Einer Platz- oder Gartenskulptur mit stufig gestapelten Betonplatten und bunten, amorphen Glasformen gleicht die Arbeit, die die Saalmitte des ersten Ausstellungssaals einnimmt. Es handelt sich um ein mehrteiliges Kunstwerk von Kai Schiement. Dabei treffen „Big Four Colours II“ auf „Coloured Cut-in V Steine I, II, II, IV (2016).

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Ausstellungsansicht: Kilian Rüthemann, Heart to heart, 2018, Stahl, Brandschutz, Pigmente © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Manchmal schaut ein Kunstwerk auch nur so aus, als bestünde es aus Beton. In Wahrheit ist das „Monument“ von Jakub Geltner aus Pappe und Karton geschaffen worden. Es handelt sich um „Bauklötze“ mit aufgeklebtem Fensterbild, die da kreuz und quer in einer Vitrine ihren Platz gefunden haben. Nein, nicht Markisenstoff ist diesmal der Stoff, aus dem Daniel Buren ein Kunstwerk konzipierte, sondern eine runde, frei hängende Buntglasscheibe, einer Domrosette gleichend. „TONDO NoXH 7“ lautet der Werkstitel. Sonst kennt man derartige Bodeninstallationen von Robert Long. Diesmal aber hat Louisa Clement eine derartige Skulptur konzipiert. Dazu hat sie ein Rechteck aus durchaus scharfkantigen Glasbrocken zusammengestellt. In diesen Glasbrocken ist Sarin, ein Nervengift, eingebunden, das auch im syrischen Bürgerkrieg eingesetzt wurde. Das Material, das zu sehen ist, stammt von einer Entsorgungsfirma aus Munster, die sich mit der Beseitigung chemischer Kampfmittel befasst.

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usstellungsansicht: Louis De Cordier, Solo-Sleepmodule, 2003, Beton © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Tatiana Trouvé mischt Ready Mades wie Schuhe, Torstangen aus Eisen, Taschen und eine Flasche mit zwei unterschiedlich dimensionierten Regalvitrinen, die aus Plexiglas bestehen und auch als Raumteiler in einem Büro durchgehen könnten. „Les Indefinis“ ist eine der komplexeren Arbeiten, die aktuell zu sehen sind. Beton und Glas kombiniert Túlio Pinto für „Complicity“; dabei wird ein schräg stehender Betonblock mittels Verschnürung mit einem Doppelglaskörper verbunden. Werfen wir noch einen Blick auf eine ganz individuelle Behausung, auf Louis De Cordiers „Solo-Sleepmodul“, das auf einer Europalette ruht und eigentlich nur für eine sehr kleine Person Unterschlupf bietet. Zu vergleichen ist die Form der speziellen Unterkunft mit einem riesigen Kokon.

"Glas ist jener Baustoff, der Materie und doch mehr als gewöhnliche Materie bedeutet." (Bruno Taut, 1919)

Mundgeblasenes Buntglas in bauchigen und tropfigen Formen, drapiert auf einem runden Tisch finden wir außerdem in der sehr sorgsam gesetzten Ausstellung. Matti Braun gab seiner Arbeit keinen Titel. So kann jeder Besucher sich einen eigenen Werktitel ausdenken. Das Modell einer Betontreppe ist Wolfgang Schlegel zu verdanken.

An die Wände gespritzter Zementputz in X-Form bespielt eine Wand des vorletzten Ausstellungssaals. Urheber dieser beinahe gestischen Arbeit ist Kilian Rüthemann. Im Fokus steht in diesem Saal jedoch eine Glasinstallation, die verformte Industrieglasformen wie große Kolben und andere Gefäße mit und ohne Skalierungen zeigt. „Solvent Scala“ nannte Martin Walde sein Werk.

Zum Schluss des Rundgangs steht man dann im Raum mit der Marta-Insel, die im Moment „verwaist“ ist, wie bereits zu Anfang des Beitrags ausgeführt. © fdp

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Ausstellungsansicht: Tatiana Trouvé, Les Indéfines, 2018; Martin Mühlhoff und Christian Vossiek, Ruinen, Bielefeld, 2003/2007 © Marta Herford, Foto: Hans Schröder

Künstler*innen Francis Alÿs, Peter Bialobrzeski, Oliver Boberg, Matti Braun, Andreas Bunte, Daniel Buren, Louisa Clement, Louis De Cordier, Alia Farid, Nina Fischer & Maroan el Sani, Thomas Florschuetz, Daniela Friebel, Vincent Ganivet, Jakub Geltner, Isa Genzken, Elín Hansdóttir, Mona Hatoum, Philipp Hennevogl, Stephan Huber, Thomas Huber, Aernoudt Jacobs, Jeffrey James, Isa Melsheimer, Jan Muche, Martin Mühlhoff & Christian Vossiek, Olaf Pernice, Túlio Pinto, Robin Rhode, Kilian Rüthemann, Kai Schiemenz, Wolfgang Schlegel, Adrien Tirtiaux, Tatiana Trouvé, Lena von Goedeke, Martin Walde (in Kooperation mit Bernd Weinmayer)

Informationen
www.marta-herford.de

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