DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


Hannover
Sprengel Museum


Michel Majerus zum 20. Todestag bis 30.10.2022

VOM BEGINNEN
50 JAHRE SPECTRUM PHOTOGALERIE bis 30.10.2922

Michel Majerus (1967 bis 2002) hat in seiner kurzen Lebenszeit – er starb im Alter von 35 Jahren bei einem Flugzeugunglück – eines der prägnantesten malerischen Werke der 1990er-Jahre geschaffen. Majerus vereint in seiner Malerei Elemente des Abstrakten Expressionismus und der Pop Art. In spielerischer Leichtigkeit gesellen sich Firmenlogos, Nationalflaggen, Grafikelemente aus Computerspielen, Comicfiguren, Streetart-Versatzstücke und andere Bildelemente aus unterschiedlichsten Quellen in Kunst, Werbung und Alltag dazu. Michel Majerus erzeugt damit einen ebenso leichtfüßigen wie dichten Bild(er)strom, der wie kaum ein anderer das Lebensgefühl einer nach dem Mauerfall aufbrechenden Jugendkultur um die Jahrtausendwende trifft. Zwölf Werke der hauseigenen Sammlung werden in der sogenannten oberen Sammlung präsentiert

majerus01

Michel Majerus, Ohne Titel (A2), 2000 / 2002, Siebdruck auf Spiegelkarton, 42 x 59,4 cm, edition of 529, Sprengel Museum Hannover, Schenkung GriffelkunstVereinigung, Hamburg; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Gwose, Sprengel Museum Hannove

Das Sprengel Museum Hannover ist eines von 13 Museen in Deutschland, die anlässlich des 20. Todestages von Michel Majerus ihre gesamten Bestände präsentieren. In einer gemeinsamen Publikation werden alle Präsentationen dokumentiert. Einzelausstellungen in den Kunstwerken Berlin / KW Institute for Contemporary Art, im Hamburger Kunstverein und in der Galerie Neugerriemschneider in Berlin, die sein Werk vertritt und den Nachlass betreut, ergänzen dieses Projekt zur bislang umfassendsten Präsentation der Arbeiten von Michel Majerus.

majerus02

Michel Majerus, Ohne Titel 764, 2001, Acryl und Bleistift auf Baumwolle, 60 x 60 cm, Sprengel Museum Hannover, Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover, 2016 Kauf von Neugerriemschneider, Berlin; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover

In den letzten Jahrzehnten gab es zwei große Retrospektiven in den Hamburger Deichtorhallen und im Kunstmuseum Stuttgart. In beiden waren die Großformate von Majerus zu sehen. In Hannover sind nunmehr mit einer Ausnahme die kleinteiligen Arbeiten ausgestellt. In dem gezeigten Großformat aus der Sammlung des Hauses bündelt sich all das, was Majerus’ Ikonografie ausmacht, nämlich Bildzitate, Text, Comicanleihen und Street-Art.

majerus06

Michel Majerus, Massnahmen..., 1994, Acryl auf Baumwolle, zweiteilig, gesamt 303 x 476 cm, 2-teilig, je 303 x 238 cm, Sprengel Museum Hannover, Leihgabe aus Privatbesitz; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover

Wir lesen am Bildrand von Maßnahmen gegen Konvention, Establishment und Bürokratie, sehe eine Art Hommage an ein Quadrat im Geiste von Josef Albers, entdecken zwei überdimensionierte Videoüberwachungsaugen. Als Glyphen entdecken wir einen durchbrochenen Ring in Orange und ein auf dem Kopf stehendes L. 1992 entstand dieses zweiteilige Werk.

majerus03

Michel Majerus, Ohne Titel 1081, 2002, Acryl auf Baumwolle, 60 x 60 cm, Sprengel Museum Hannover, Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover

Ansonsten sehen wir kleinformatige Arbeiten. Zumeist sind die Arbeiten ohne Titel geblieben, ob nun ein in Himmelblau und diagonal ins Bildformat gesetztes Zuckerkuchenherz auf die Leinwand verewigt wurde oder aber ein Reklameschild in Schwarz mit der Aufschrift Wheel World. Ist das eine Persiflage auf die allgegenwärtigen Billboards entlang amerikanischer Highways? Ein vielzackiger Stern auf rosa Hintergrund wurde auch von Majerus gemalt. Er gleicht der Symbolik für eine Explosion in gängigen Comics. Nur das Peng mit Ausrufezeichen fehlt, um den Bezug zur Welt der Bildergeschichten vollkommen zu machen.

majerus04

Michel Majerus, Ohne Titel (Wheel World Vii), 2001, Siebdruck auf Baumwolle, 60 x 60 cm, Sprengel Museum Hannover, Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover

In einer Reihe von Arbeiten hat Majerus Varianzen seiner Nachnamensignatur moduliert. Silberfolienkarton diente als Grundlage für den Siebdruck mit entsprechenden Signaturen. Von überdimensionierten Visitenkarten könnte man angesichts dieser Werke sprechen. Ob Majerus die Typografie selbst entwickelt hat oder aber auf Ansätze von Max Bill zurückgreift, muss mit einem Fragezeichen versehen werden.

© Ferdinand Dupuis-Panther

majerus05

Michel Majerus, Ohne Titel 1039, 2002, Siebdruck auf Baumwolle, 60 x 60 cm, Sprengel Museum Hannover, Sammlung Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; © Michel Majerus Estate, 2022; Foto: Herling / Herling / Werner, Sprengel Museum Hannover

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

VOM BEGINNEN 50 JAHRE SPECTRUM PHOTOGALERIE

Vor 50 Jahren wird mit der spectrum Photogalerie Hannover die erste nichtkommerzielle, vereinsgetragene Fotogalerie Deutschlands ins Leben gerufen. Die Ausstellung anlässlich ihrer Gründung im Jahr 1972 präsentiert künstlerische Positionen, die in den 19 Jahren des Bestehens ausgestellt worden sind. Die Schau gibt in konzentrierter Form Einblick in die Geschichte der Galerie und veranschaulicht ihre Bedeutung für die Arbeit des Sprengel Museum Hannover bis in die Gegenwart. legt darüber hinaus die sich vollziehende künstlerische Emanzipation der Fotografie dar, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vornehmlich als angewandtes Medium begriffen wird.Die Präsentation anlässlich der Gründung der spectrum Photogalerie gibt mit etwa 90 Werken aus den Beständen des Museums, darunter mehr als 40 Werke aus der Sammlung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover und acht Werke Hein Gornys aus der Dauerleihgabe der Pelikan GmbH Hannover, in konzentrierter Form Einblick in die Geschichte der Galerie und veranschaulicht ihre Bedeutung für die Arbeit des Museums bis in die Gegenwart.

spectrum06

Der zweigeschossige Ausstellungsraum der Spectrum Photogalerie im Untergeschoss des Sprengel Museum Hannover (1979-1991): Peter Gauditz (stehend), Joachim Giesel (links) und Heinrich Riebesehl, 1979, Archiv Joachim Giesel; © Thomas Weski

Da wäre zunächst Umbo, eigentlich Otto Umbehr, 1921 bis 1923 Bauhausschüler und erst 1979 mit einer Einzelausstellung wieder entdeckt, nachdem er ab 1933 seine Karriere abrupt beenden musste. Diese Einzelausstellung fand im Übrigen ein Jahr vor seinem Tod statt! Zu sehen ist ein Selbstbildnis, das durch den Schattenwurf von Kamera und Fotografen verfremdet wird. Surrealistisch mutet „Pantoffeln“ (1928) an: Zu sehen sind zwei schlanke Frauenbeine, die in plüschigen Pantoffeln stecken, gewissermaßen ein fotografischer Torso. Fast ungeschminkt stand Clown Grock dem Fotografen Umbo Modell. Inszeniert mit Puppen und vor die Linse geholt wurde von Umbo „Tanz der besseren Damen“.

spectrum02

Walter Ballhause, Ohne Titel, aus der Serie Großstadtszenen , 1930 / 1933 / um 1972, Silbergelatineabzug, 33 x 22,3 cm, Sprengel Museum Hannover, Schenkung Schnakenwinkel 2011; © Walter-Ballhause-Archiv, Plauen

Walter Ballhaus, der 1931 Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands war, ist in der Schau mit seinen dokumentarischen Fotografien vertreten. „Die Hakenkreuzfahne wird aufgezogen“ – und das unter den Augen adrett gekleideter Herren mit steifen Hüten. Und einige Radler folgen der Szenerie. Auch der Angriff der SA auf das Gewerkschaftshaus in Hannover entging Ballhaus nicht. Er hatte seine Kamera dabei und hielt den Vorfall fest. In Reih und Glied sind die Männer des Sturms angetreten. Das scheint Normalität, denn keiner der sonst Anwesenden scheint Widerstand zu zeigen. Auch ein Fotograf der Neuen Sachlichkeit, nämlich Hein Gorny wird in Hannover vorgestellt. Er entführt den Betrachter in die Welt der Pelikan-Werke. Zu sehen ist eine Maschine zum Testen von Tinte ebenso wie Pelikan-Zeichenblöcke oder eine Etikettiermaschine. Steril, fremd wirken die Aufnahmen, vor allem weil sie ja nur Ausschnitte zeigen und nicht einen gesamten Prozess, nur Maschinenästhetik zelebrieren.

spectrum01

Heinrich Riebesehl, 6 / 2 / 69, aus der Serie Menschen im Fahrstuhl , 1969, Silbergelatineabzug, 19,8 x 13,2 cm, Sprengel Museum Hannover, Archiv Heinrich Riebesehl, Leihgabe Land Niedersachsen; © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Albert Renger-Patzsch wird mit seinen Aufnahmen von Industriedenkmälern mit den Aufnahmen des Ehepaars Becher konfrontiert, die in der aktuellen Schau mit der Architektur von Kohlebunkern präsent sind Wie bei Renger Patzsch wird dabei deutlich, das Industriearchitektur durchaus ein individuelles Design aufweist. Darunter ist nicht nur das Neue Bauen zu verstehen, wie es sich in der Förderanlage Ernst Tengelmann widerspiegelt, von Renger-Patzsch fotografiert. Dabei handelt es sich um Aufnahmen aus den 1950er Jahren, als von dem Niedergang von Kohle und Stahl noch nichts zu erahnen war.

spectrum04

Umbo, Clown Grock, aus der Reportage Dr. phil. H. c. Grock , aus dem Portfolio Umbo. 10 Fotografien 1927 1930 , Galerie Rudolf Kicken, Köln 1980, 1929 / 1979 / 1980, 29,2 x 21,8 cm, Sprengel Museum Hannover, 2016 erworben von Phyllis Umbehr mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung der Länder, der Landeshauptstadt Hannover, des Landes Niedersachsen und der Stiftung Niedersachsen als Teil des Nachlasses des Künstlers; © Phyllis Umbehr / Galerie Kicken Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Niedergang spiegelt sich auch in den Aufnahmen von Lee Friedländer nicht, die in der Autostadt Detroit unterwegs war, um schnittige Straßenkreuzer der Marke Chrysler auf Fotofilm zu bannen. Unterdessen jedoch ist dies längst eine Fußnote der Geschichte.. Chrysler Imperial und 300 lassen jedoch bis heute die Herzen von Oldtimer-Freunden höher schlagen. William Eggleston durchstreifte mit seiner Kamera den Süden der USA und hielt durchaus banale Motive im Bild fest, so auch aus Senatobia (Mississippi). Eine gewisse Banalität sieht man auch in den Meeresblicken, die André Gelpke zu verdanken sind. Dabei sind Architekturfragmente Teil der „Seestücke“, ob es sich nun um Mexico, Rimini oder Ostia handelt. Der studierte Chemiker und Galeriegründer Wilhelm Schürmann hingegen, hielt in Momentaufnahmen Eupen ebenso bildlich fest wie Dorumersiel. In Hannover schoss er ein Foto von einem in einem Röhnrad montierten Auto. Kunstaktion oder was?

spectrum03

Umbo, Selbstporträt, aus dem Portfolio 1927 1930 Kicken, Köln 1980, um 1930 / 1979 / 1980, 28,8 x 22 cm, Sprengel Museum Hannover, 2016 erworben von Phyllis Umbehr mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung der Länder, der Landeshauptstadt Hannover, des Landes Niedersachsen und der Stiftung Niedersachsen als Teil des Nachlasses des Künstlers; © Phyllis Umbehr / Galerie Kicken Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Porträts entstanden durch Diane Arbus, auch von New Yorker Hausfrauen. Bekannt wurde die durch Freitod aus dem Leben geschiedene Fotografin erst nach ihrem Tod durch die Präsentation auf der 36. Biennale Venedig. Sehr beeindruckend ist die Aufnahme eines Jungen mit Strohhut, der 1971 auf den Abmarsch einer Pro-Vietnam-Kriegs-Demo wartet. Eine fehlgeleitete Seele möchte man kommentierend hinzufügen, denn der Krieg war bereits aussichtslos, die Verluste hoch und die Bombardements mit Agent Orange und Napalm weltweit geächtet. Ein us-amerikanisches Trauma nahm jedoch noch weitere Jahre seinen Lauf.


spectrum05

Karin Blüher, Ohne Titel (Umbo bei Ausstellungsaufbau spectrum Photogalerie Hannover), 1972, Silbergelatineabzug, 24 x 18 cm, Sprengel Museum Hannover, 2016 Schenkung Phyllis Umbehr anlässlich der Erwerbung des Nachlasses des Künstlers; ©Karin Blüher

Psychogramm und Dokumentation zugleich – das sind die Aufnahmen von Menschen im Fahrstuhl, die Heinrich Riebesehl zu verdanken sind. Er ist eine der Zentralfiguren der spectrum Photogalerie und zeigt uns, dass Menschen im Fahrstuhl sich in den Ecken des Fahrstuhlkorbes aufhalten, mit dem Rücken zu den Wänden des Fahrkorbs und nie mitten im Fahrkorb stehend. Ist das einem menschlichen Schutzreflex geschuldet?

© ferdinand dupuis-panther

spectrum08

Außenansicht der spectrum Photogalerie Hannover, Karmarschstraße 44, 1972, Archiv Peter und Romi Gauditz; ©Peter Gauditz

Infos
https://www.sprengel-museum.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

zur Gesamtübersicht Ausstellungen