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Hannover
Niedersächsisches Landesmuseum

nach italien eine reise in den süden bis 19.2.2023

er Duft von Zitronen, magisches Licht, verwunschene Landschaften: Sehnsuchtsort Italien! Lange bevor der Massentourismus das Reisen zur Normalität machte, pilgerten Adelige, reiche Bürgerliche und viele Künstler gen Süden. Die Ausstellung folgt ihnen in das Land ihrer Träume – zeigt aber auch den italienischen Blick auf die eigene Heimat. Piranesi, Ahlborn, Signac und Slevogt: Sie alle haben Landschaften, Licht und Leute Italiens auf ihre ganz eigene Weise eingefangen und damit persönliche Visionen ihres Sehnsuchtsorts geschaffen. In der Ausstellung werden die Italienreisen exemplarisch anhand von Gemälden, Graphiken, Münzen und Plastiken aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Die Kunstwerke stammen aus fünf Jahrhunderten und zeigen einmal mehr die kunsthistorische Bandbreite und herausragende Qualität der Landesgalerie.

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Isaac Israels, Dame am Strand von Viareggio um 1930 Öl auf Leinwand © Landesmuseum Hannover


Als Einführung werden in Überblendtechnik alte Ansichten gezeigt, zumeist aus der Zeit um 1900 stammend. Zu sehen ist beispielsweise die Insel Capri oder das Pantheon in Rom, aber auch die Standseilbahn, die einst Reisende auf den Vesuv brachte. Der Markusplatz in Venedig mit einer Frau, die die Taubenschar füttert, wird ebenso vorgestellt wie die Rivera de Levante. Ja, Italien, das Land, wo die Zitronen blühen, war über Jahrhunderte ein Sehnsuchtsort. Zu diesem zog es auch Johann Wolfgang von Goethe, dessen Reise und Italienaufenthalt drei Jahreseinkommen verschlang. Und der Dichterfürst verdiente mit 2000 Talern im Jahr nicht schlecht! Aber nicht nur ihn zog es in den Süden, sondern auch die Söhne reicher Eltern, die im 19. Jahrhundert zu einer Grand Tour aufbrachen, mit dem Ziel der antiken Stätten. Auch August Kestner, nach dem in Hannover ein Museum benannt ist, und der als Sammler der Stadt Hannover einen reichen Sammlungsschatz übereignete, gehörte zu den Italienreisenden.

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Wilhelm Ahlborn, Küstenlandschaft am Golf von Neapel 1832 Öl auf Leinwand © Landesmuseum Hannover

Aufbruch in den Süden lautet das erste Ausstellungskapitel: Zu sehen ist unter anderem Claude Lorraines „Flusslandschaft mit Ziegenhirt“. Überliefert ist, dass Goethe wie folgt über Lorraines Arbeiten urteilte: Die Bilder haben höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit.“ Sehr häufig waren Landschaftsgemälde jener Zeit Fantasie- bzw. Ideallandschaften, die teilweise nicht vor Ort entstanden, sondern nachträglich nach dem Ende des Italienaufenthalts im heimischen Atelier. Und was zeigt uns der Künstler? Eine ländliche Szene mit einem rastenden Hirten, der acht Ziegen und ein Zicklein hütet. An seiner Seite ist ein Hütehund. Hirte und Hund lagern zur Rast an einer Flussbiegung und haben die kleine Herde im Blick. In dem hellviolett ausgeschlagenen Saal ist zudem Lodewijk Toeputs „Landschaft mit Sturz des Phaeton“ zu sehen. Dabei wird ein mythologischer Stoff verarbeitet, der davon handelt, dass Phaeton die Kontrolle über den Sonnenwagen verloren hat und so die Welt in Flammen aufzugehen droht. Die Flusslandschaft im Vordergrund scheint nicht im Fokus zu stehen, sondern eher die grau-blauen, aufragenden Berge, über denen sich Gewitterwolken türmen. Wie bereits zuvor angedeutet, waren die Landschaften sehr häufig Ideallandschaften, wurden aber nur selten so bezeichnet. Das ist bei Gaspard Dughet anders, der uns ermöglicht, einen Blick auf einen Licht beschienenen Waldweg in seiner Arbeit „Ideale Landschaft“ zu werfen. Oberhalb der Waldung sieht man eine Gebäudeansammlung, die historisch schwer einzuordnen ist.

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Max Slevogt, Der Maler auf Capri 1889 Öl auf Pappe Dauerleihgabe der Landeshauptstadt Hannover © Landesmuseum Hannover

Etwas irritierend mutet der Halbnackte an, der vor den Ruinen des Tempels der Minerva Medica Rast macht. Die Szenerie hat Bartholomeus Breenbergh um 1630 gemalt. Der Künstler lebte ein Jahrzehnt in Rom und gehörte zur Vereinigung niederländischer Künstler namens Bentveughels, eine Vereinigung, die feucht-fröhlichen Gelagen nicht abgeneigt war. Hinzuweisen ist außerdem auf eine italienische Hafenansicht; wahrscheinlich handelt es sich um Genua und wurde von Johannes Lingelbach konzipiert. Wir sehen eine trutzige Festung auf einem Felsmassiv thronend, im Flachwasser liegt eine abgetakelte Galeere. Werden da nicht gerade Passagiere ausgebootet? An Land begutachtet ein Herr die dort abgestellten Fässer. Auch Männer, die sich zum Kartenspiel am Hafen zusammengefunden haben, hat der Künstler in seinem Werk verewigt. Auch der aus Haarlem stammende Thomas Wyck hat sich mit Hafenansichten befasst, die gleichfalls in Hannover zu sehen sind.

Dass sich Italienreisende auch Souvenirs mitbrachten, scheint Praxis gewesen zu sein, wenn auch andere Souvenirs als die, die wir heute kennen. Ernst Friedrich Herbert Graf von Münster brachte sich die Statue einer sitzenden Frau mit. Diese Figur trägt obendrein den Untertitel Clio, allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Übrigens der obere Teil der Figur ist eine Ergänzung. Auffallend ist der ausgeprägte Faltenwurf, wie er typisch für Arbeiten aus der Renaissance ist.

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Carlo Grubacs, Der Dogenpalast in Venedig Öl auf Leinwand Dauerleihgabe der Stadt Hannover © Landesmuseum Hannover


Die Präsentation der sitzenden Schönheit bildet den Übergang zu einem Saal, der ausschließlich den Veduten von Giovanni Battista Piranesi vorbehalten ist. Nein, Piranesi hat nicht Venedig für die Nachwelt festgehalten. Das war Canaletto, eigentlich Joseph Smith. Giovanni Antonio Canal, vorbehalten. Piranesi führt den Besucher durch die ewige Stadt, zeigt uns nicht nur den Petersplatz, sondern auch die Piazza Navona. Um 1746/48 entstand die Radierung des Petersplatzes mit der Basilika und dem zentralen Obelisk auf dem Platz. Zudem sind die Säulenarkaden links und rechts des Sakralbaus auszumachen. Wie diese Ansicht stehen in anderen auch die Architekturen im Mittelpunkt, jedoch sind die Bauwerke stets in kleine Szenen eingebettet. Da sieht man pompöse Kutschen und ihre vornehmen Insassen, ein von einem Esel gezogener Karren, Menschentrauben und auch einzelne Reiter. Das gilt auch für die Ansicht der Basilika Sta. Maria Maggiore. Auch die Spanische Treppe hat der Künstler in einer Radierung festgehalten. Gleiches gilt für die Ansicht der Piazza Navona, die 1793 entstand und uns den Blick auf Sant’ Agnese ermöglicht. Betrachtet man die Wasserfälle von Tivoli, wie sie Piranesi sah, dann meint man, das unablässige Rauschen des Wassers zu hören.

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Giovanni Battista Piranesi Ansicht der Engelsbrücke und der Engelsburg 1750 /1751 Radierung Dauerleihgabe der Landeshauptstadt Hannover
© Landesmuseum Hannover


Weiter geht es auf dem Rundgang zu den Erwerbungen von August Kestner. Uns empfängt ein pistaziengrün ausgeschlagener Saal, in dem wir unter anderem den sogenannten Herrn von Santander finden, eine Arbeit von Anthonis van Dyck, 1618/20 in Öl gemalt. Wilhelm Busch muss das Werk gekannt haben, den er beschreibt es in einem Briefwechsel von 1891 sehr genau: „Bemerkenswertes Bildnis von Van Dyck, links roter Vorhang, rechts blaue Luft, dazwischen ein schwarzer Mann.“ Den weißen aufgefalteten Spitzenkragen hat Busch schlicht unterschlagen. Auf Pappelholz gemalt wurde ein weiteres Porträt und zwar das von Francesco Alunno. Dabei handelt es sich um einen Lexikographen aus Ferrara, den Lorenzo di Credo gemalt hat. Daneben sieht man auch Sakralkunst, die Kestner aus Rom mitgebracht und dann als Schenkung der Stadt Hannover vermacht hat. Darunter ist „Ecce Homo“ von Girolamo Romanino. Sehr beeindruckend ist das Brustbild des Niccoló Vespucci, der ein Gewand mit Hermelinkragen trägt. Auf der Brust prangt das achtspitzige Kreuz, das Vespucci als Mitglied des Johanniterordens ausweist.

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Jacopo Pontormo, Der hl. Hieronymus als Büßer 1528 /1529 Pappelholz Dauerleihgabe der Landeshauptstadt Hannover © Landesmuseum Hannover


Um 1800 lebte eine internationale Künstlerschar in Rom, sowohl die sogenannten Deutschrömer als auch die sogenannten Nazarener, denen die Ausstellung ein gesondertes Kapitel widmet. Zu sehen ist unter anderem Kestners Selbstbildnis von etwa 1848 sowie seine Darstellung von Maria mit dem Kinde. Kestner wie auch andere Zeitgenossen ging es um die Erneuerung der Kunst im Sinne des Christentums. Die Konvertierung zum katholischen Glauben machte Teil dessen aus, was die Künstler umtrieb. Sehr beeindruckend sind die Wasserfälle westlich von Tivoli, die Johann Martin von Rohden in Öl auf Papier und Leinwand gemalt hat. Unbändig scheint die Kraft des Wasser, das durch eine sattgrüne Landschaft strömt. Joseph Anton Koch verband in einem Gemälde eine Brunnenszene mit waschenden und tratschenden Frauen mit der Ansicht eines Klosters in den Albaner Bergen. In dessen Richtung sind einige Mönche unterwegs, die eifrig in der Bibel (?) lesen. Die Albaner Berge sehen wir nochmals in Heinrich Louis Theodor Gurlitts „Albaner Gebirge“. Dabei ist auffallend, dass der Flusslauf in der Bildmitte eher nach einer Meeresbucht ausschaut, über der Berge aufragen.

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Johann Heinrich Roos, Landschaft mit Tempelruine in Abendstimmung 1669
Öl auf Kupfer © Landesmuseum Hannover


Piranesi und Kestner sind nicht die einzigen Künstler, denen die Ausstellung ein eigenes Kapitel widmet. Dazu gehört auch Wilhelm Ahlborn. Doch welch Irritation, dass man zu Beginn dann ein Pastell von Lesser Ury zeigt. Es ist wohl eine spätsommerliche Ansicht des Gardasees, gestaltet mit dem Sinn für das gleißende Licht des Südens. Neben dem Skizzenbuch Ahlborns sieht man die ins zarte Sonnenlicht getauchten Ruinen der Villa Mills und von erhöhtem Standpunkt aus gemalt die Ansicht von Spoleto. Mit Sinn für Lichtregie entstand „Syrakus bei Morgenbeleuchtung“. Im Vordergrund sieht man zwei Wasserträgerinnen beim Schwätzchen und einen Mann, der seitlich auf einem Muli sitzend die Frauen passiert, die allerdings keinen Blick für den Reiter haben.

Mit Reisen und Mobilität wird man beim Ausstellungsrundgang außerdem konfrontiert. In dem in Senfgelb gehaltenen Saal stößt man unter anderem auf Johannes Wilhelm Schirmers „Gegend bei Terni“ und Carlo Grubacs „Der Dogenpalast in Venedig“. Die historische Ansicht entspricht all den Fotos von heute, die vom gleichem Standpunkt aus gemacht werden, den auch der Künstler eingenommen hatte.

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Gotthold Ephraim Lessing war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und ein leidenschaftlicher Italienreisender. Diese Silbermedaille mit seinem Portrait wurde anlässlich seines Todes 1781 in Braunschweig geprägt. Die Italienreise von Lessing kostete allein für Bücher 90 Zecchinen, also 315 g Gold. Umgerechnet hat dieser Unghero des 17. Jhs. der EsteDynastie dasselbe Gewicht von 3,5 g und den Feingehalt von 24 Karat wie eine Zecchine aus dem 18. Jh

Bei dem Thema „Die Münzseite des Reisens“ sei erwähnt, dass für zwei Baiocchi des Kirchenstaates ein Italienreisender 5 Artischocken und 230 g Brot kaufen konnte, wahrlich eine karge Mahlzeit. Für den Ausflug zu den Wasserfällen von Terni waren übrigens für den örtlichen Diener 4 Ungheros zu bezahlen. Von Lessing investierte bei seiner Italienreise in den Kauf von Büchern 90 Ungheros oder 270 Taler, mehr als ein Zehntel des Jahresgehalts von Goethe.

Schließlich endet die Ausstellung mit dem Kapitel „man reist ja nicht um anzukommen“ und nicht mit dem Boom der Italienreisen, als in den späten 1950er Jahren das Wohlstandswunder in Deutschland ausgebrochen war. Es gibt also keine Italiensouvenirs aus jenen Tagen und auch keine bunten Postkarten von Rimini oder Ravenna in der Ausstellung zu sehen. Auch die Fahrt mit dem Gogo oder dem VW über die Alpen wird nicht thematisiert. Das ist bedauerlich. Vielleicht hätte man durch einen Aufruf, die Hannoveraner in die Ausstellung einbinden können, wenn man nach entsprechende Fotos und Souvenirs gefragt hätte.

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Paul Signac, Sta. Maria della Salute in Venedig 1908 Öl auf Leinwand Dauerleihgabe der Landeshauptstadt Hannover © Landesmuseum Hannover


Stattdessen zeigt man einen beeindruckenden Bildbestand, ob nun eine Strandszene von Issac Israels oder die Lichtimpressionen eines Paul Signac, der Sta. Maria della Salute in Venedig in den Fokus gerückt hat. Maurice Denis malte die Geschlechtertürme von San Gimignano, die in den Himmel ragen, einer höher als der andere und Ausdruck, dass man steinreich war. Als Kulisse im Hintergrund erscheinen diese Türme in Paul Baums postimpressionistischer Ansicht der Stadt. Baum war in Marburg ebenso wie in San Gimignano zuhause. In der deutschen Kunst ist Baum übrigens der einzige Vertreter des sog. Pointillismus.

Übrigens: Die Ausstellungsüberschrift und die Saaltexte sind alle in Kleinbuchstaben gehalten. Warum bloß? Eine ästhetische Marotte?

Zum Schluss: Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Kern die ausgestellten Werke vorstellt. Neben einem Vor- und einem Grußwort enthält die Veröffentlichung auch eine Einführung ins Thema. Viele der abgebildeten Werke sind mit kurzen erläuternden Texten versehen worden. Kapitel nach Kapitel wird man durch die Ausstellung geführt. Vorangestellt sind jedem Kapitel kurze Einführungstexte. Mehr: Katja Lembke (hrsg.): nach italien – Eine Reise in den Süden, ISBN 978-3-929444-48-3.

© ferdinand dupuis-panther

 


Info
https://www.landesmuseum-hannover.de/ausstellungen/

 

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