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Ausstellungsorte in Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte / Museum der Arbeit / Kunsthalle / Ernst-Barlach-Haus / MARKK

Hamburg
Museum für Kunst und Gewerbe

DRESSED 7 FRAUEN – 200 JAHRE MODE

bis 28. August 2022

DIE SPRACHE DER MODE
bis 31. Oktober 2022

Die eigene Garderobe gehört zum persönlichsten Besitz eines Menschen. Nichts ist uns körperlich näher. Neben ihrer praktischen Funktion ist sie außerdem ein nuancenreiches Mittel der Kommunikation und der Selbstgestaltung. Die Ausstellung Dressed. 7 Frauen – 200 Jahre Mode stellt sieben modebewusste Frauen und ihre Garderoben vor, beginnend im 19. Jahrhundert bis heute. Im Mittelpunkt stehen die Trägerinnen, die zugleich Performerinnen und Konsumentinnen von Mode sind, ihre Persönlichkeiten und ihre Biografien. Ob Haute Couture, Alltags-, Protest- oder Avantgardemode: So unterschiedlich wie die Lebensläufe sind auch ihre Kleider. Sie erzählen von Ehefrauen der gehobenen Gesellschaft, von einem durch Krankheit gezeichneten Dasein, von "Power Dressing" und Selbstbewusstsein in der Chefetage, von der Hamburger Punkszene und der widerständigen Ästhetik einer Kunst- und Designsammlerin.

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Ausstellungsansicht 6, Foto: Henning Rogge

Gleich zu Beginn der Ausstellung ist Folgendes zu lesen: „Kleidungsstücke sind Gebrauchsgegenstände. Ihr Gebrauch hinterlässt Spuren. Wiederkehrende Bewegungen prägen Falten ins Material …“. Wem kommt da nicht Loriot beim Hosenkauf in den Sinn. Aber humorig-satirisch ist die Ausstellung nicht konzipiert, sondern schon mit historischem Tiefgang. Es geht dabei nicht nur um Modegeschichte, sondern auch um Emanzipations- und Zeitgeschichte.

Die Garderobe von Elise Fränckel macht den Anfang. Sie repräsentiert den Geschmack der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu sehen ist der Nachlass einer Senatorentochter. Mit 19 Jahren hatte Elise den Buchdrucker Carl Fränckel geehelicht. Im besonderen Fokus stehen das Brautkleid nebst Unterkleid. Diese beiden gehören ebenso zur Sammlung des Museums wie auch etwa 80 Accessoires wie Spitzenkragen, die in Schubladen verwahrt werden, um sie nicht ständig dem Ausstellungslicht auszusetzen.

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Ausstellungsansicht 1, Foto: Henning Rogge

Ins Auge springt der Sonnenschirm mit giftgrüner Bespannung. Elisa trug nicht nur Mode aus Norddeutschland, sondern auch Schuhe aus Paris, wie wir beim Besuch der Ausstellung erfahren. Der besagte Schirm wurde im Übrigen aus Schirmseide, Seidenfransen, Fischbein und Messing gefertigt. Der ausgestellte Kaschmirschal war in der Biedermeiergarderobe von wesentlicher Bedeutung. Für die „ Musterbordüre“ – man sieht stilisierte Kalebassen – verarbeitete man Baumwolle und Seide. Zu sehen ist außerdem der Brautschleier aus gewebter Spitze. Auffallend sind die unterschiedlichen Sterndekors des Schleiers. Das beige-graue Hochzeitskleid wurde aus Seide, Seidentwill, Spitze und Seidenkordel genäht. Zur Ausstattung einer Dame im frühen 19. Jahrhundert gehörten auch sog. Capote – drei davon sind ausgestellt – und ein Damenhut mit Federgarnitur. Die Federn sind Straußenfedern. Ansonsten ist der Hut aus Seidengewebe und Seidenatlas gefertigt worden.

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Elise Fränckel (1807–1898), Damenhut mit Federgarnitur, um 1825–29, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

In einem kleinen Exkurs widmet sich die Ausstellung der Frage nach dem Zustandekommen der Ausstellung und den Recherchen zur gezeigten Kleidung und deren Trägerinnen. Teilweise mussten Fragen offen bleiben. Gehörte das schwarze Oberteil wirklich zur Ausstattung der jugendlichen Edith Gruson? Wieso wurde ein einzelner Handschuh aufbewahrt? Ist der kleine schwarze Pulli ein Lieblingsstück gewesen? Der Rückgriff auf eine historische Modezeitung mit Trachten aus der Zeit 1900 bis 1903 dienten dazu, Teile des Sammlungsbestandes besser einzuordnen. In einem Interview mit Angelika Riley (Leitung Mode und Textil) – der Text ist dank IPad nachzulesen – erläutert Details der Recherche zur Ausstellung, Stichwort „Hinter den Kulissen“.

Anlass für das Zustandekommen der Ausstellung ist die Übereignung einer Kiste mit Bekleidung der 1946 an TBC verstorbenen Erika Holst. 2008 übergab der Sohn der Verstorbenen die Kiste dem MK&G. Die Kleidung war zwischen Zeitungspapier gelegt worden. Insgesamt waren es 60 Objekte, von denen einige wieder an den Schenker zurückgegeben wurden, unter anderem Pelzmäntel. Schuhe und Kleidung der 1930er und 1940er Jahre gingen in die Sammlung ein, schlossen sie doch einige Lücken betreffs Mode jener Periode. Die gezeigte Kleidung der sieben Frauen ist getragene Kleidung, die jedoch für die Aufnahme in die Sammlung konservatorisch behandelt wurde. Vor allem wurde die Kleidung bei 25 bis 38 Grad minus gefroren, um Schädlinge zu vernichten, vor allem Larven von Schädlingen.

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Erika Holst (1917–1946), Drei Tageskleider, um 1938–42, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Von Erika Holst sehen wir ein tannengrünes, bodenlanges Abendkleid, dass Frau Holst im Hamburger Modegeschäft der Gebrüder Robinsohn erstanden hatte. In der sogenannten Reichskristallnacht wurde dieses Geschäft verwüstet und geplündert – so eine Randnotiz zu dem gezeigten Kleid. Zu sehen ist zudem ein Parfümflakon Chanel Cuir de Russe mit Verpackung (1927). Frau Holst hatte Geschmack! Sie trug auch ein lilafarbenes Kleid mit breiter Taille-passe sowie einen Morgenmantel mit Rosenmustern in Schwarz und goldgerändert. Sehr schick ist auch das Wickelkleid mit kleinen Karomustern. Da Frau Holst schwer lungenkrank war, verbrachte sie lange Zeit in Sanatorien – auch in Davos – und Krankenhäusern. In jenen Tagen schrieb sie ihrem Mann Briefe, insgesamt 232, die in Teilen in einer Hörstation vorgelesen werden.

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Ausstellungsansicht 8, Foto: Henning Rogge

Ganz auf Yves Saint Laurent eingestellt war die Galeristin Elke Dröscher. 1968 erwarb sie das erste Kleid von diesem Pariser Modeschöpfer, der versucht hat, Männermode für Frauen tragbar zu machen. Das betraf vor allem Hosenanzüge. Insgesamt 120 Positionen aus dem Besitz der Hamburger Galeristin sind nun im Besitz des MK&G. Darunter ist auch der stark taillierte Nadelstreifenhosenanzug mit schmalem Revers des Jackett. Auch der Anzug im Safarilook trug einst die Galeristin. Zu sehen ist auch der erste Erwerb von Mode, die Saint Laurent schuf: ein braun-sandfarbenes Cape.

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Elke Dröscher (*1941), Zwei Zweiteilige Kleider, Yves Saint Laurent (1936–2008), Saint Laurent Rive Gauche, F/S 1973 und F/S 1979, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Repräsentieren musste die aus einer großbürgerlichen Magdeburger Industriellenfamilie stammende Edith Gruson, die mit 28 Jahren den Diplomaten Adolf Georg Otto von Maltzan ehelichte. Mit diesem ging sie nach Peking, Den Haag und Washington. Die Beziehung endete tragisch, verstarb der Diplomat doch 1927 infolge eines Flugzeugabsturzes. Gezeigt wird Mode aus der Zeit von 1895 bis 1950, die Edith Gruson getragen hat. Auch als Witwe achtete sie sehr auf exquisite Mode, wie die Ausstellung zeigt. Dass überhaupt Teile der Garderobe in den Besitz des MK&G gelangten, ist Grusons Tochter Edith von Bohlen und Halbach zu verdanken. Sie schenkte diese Teile 1972 dem Museum. Ein weiterer Teil ist im Fundus des Münchener Stadtmuseums vorhanden. In welchen Kreisen wir uns mit der Magdeburger Industrieellentochter bewegen, unterstreicht die Tatsache, dass zur Garderobe ein hellgraues Nachmittagskleid gehörte. Es besteht u. a. aus Seidensatin und Maschinenspitze u.a. für den Spitzenkragen. Augenscheinlich kleidete man sich während des Tages mehrfach um. Auch das blaugestreifte Mädchenkleid trug Edith Gruson einst. Da war sie gerade elf Jahre alt. Das Oberteil einer Gesellschaftstoilette verweist darauf, dass man in höheren Kreisen eben nicht in Straßenkleidung ins Theater ging, sondern in sogenannter Gesellschaftstoilette.

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Anne Lühn (*1944), Kleid, Yohji Yamamoto (1943), H/W 2001/02, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Der Frack von Adolf Georg Otto von Maltzan wurde nie getragen, denn er wurde erst nach dem Tod von Herrn von Maltzan geliefert. Aus dem Jahr 1927 stammt das ausgestellte Tanzkleid, auch als Charleston-Kleid zu bezeichnen. Es ist ein formloses Kleid im Hemdschnitt aus Goldspitzenstoff und Perlenschnüren. Schließlich gehörten einige Abendkleider zur Ausstattung von Frau Gruson verh. von Maltzan, die sie sich nach dem tragischen Tod ihres Gatten anfertigen ließ.

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Anne Lühn (*1944), Kostüm: Jacke und Wickelrock, Rei Kawakubo (*1942), Comme des Garçons, H/W 2000, Herren-Anzug: Comme des Garçons Shirt, H/W 2000, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

In der Welt der Mode war Angelica Blechschmidt verwurzelt, war sie doch die Chefredakteurin der deutschen „Vogue“. Ihre Garderobe war stilbildend und bestand unter anderem aus Entwürfen von Karl Lagerfeld und Alberto Feretti. High Heels gehörten ebenso zum Outfit wie die Löwenmähne und der auffallende Schmuck. Blechschmidt ist die sog. Backstage-Fotografie zu verdanken. Mit ihrer Kamera hielt sie alles fest, was sich jenseits des Laufstegs der Modeschauen abspielte. Ihre Bckstage-Fotos fanden Eingang in der Vogue-Kolumne „Flash“. Schwarz war eindeutig die Farbe, die Angelica Blechschmidt liebte. Man fragt sich nur, wie häufig eigentlich die einzelnen Kleider getragen wurden. Einmal? Mehrmals? Waren sie Teil der Alltagsgarderobe der Art-Direktorin und Chefredakteurin der „Vogue“? Darüber erfährt man in der Ausstellung nichts.

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Angelica Blechschmidt (1942–2018), Nachtblaues Satinkleid, Karl Lagerfeld (1933–2019), Chanel, H/W 2004, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Anne Schönharting

Anne Lühn – auf einem Ausstellungsfoto in einem weißen Sessel sitzend und mit leuchtend rotblonden Haaren – steht wie Angelica Blechschmidt auf die Farbe Schwarz und vermachte einen Teil ihrer Kleider, die von Rei Kawakubo und Issey Miyake entworfen wurden, dem Museum. Die Designs sind solche jenseits von Mode mit Sexappeal. Einige Kleidungsstücke gleichen Textilobjekten. Schließlich sei noch auf die eigenen Entwürfe von Ines Ortner verwiesen, die in ihre Designs Symbole der Punkbewegung integriert hat.

Und wie sah nun eigentlich die Mode der Frauen aus, die als Hausfrauen, Bandarbeiterinnen, Stewardessen, Grundschullehrerinnen, Ärztinnen in den letzten Jahrzehnten durchs Leben gingen und heute gehen und nicht in eher privilegierten Positionen waren wie die sieben Frauen der aktuellen Ausstellung? Wäre das nicht auch mal eine Ausstellung wert?

© ferdinand dupuis-panther

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DIE SPRACHE DER MODE

Unter dem Titel Die Sprache der Mode präsentiert das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) seine jüngsten zeitgenössischen Neuerwerbungen für die Sammlung Mode und Textil zusammen mit weiteren herausragenden Objekten – darunter Entwürfe etablierter Designer*innen wie Walter Van Beirendonck, Coco Chanel, Jean-Charles de Castelbajac, Jean-Paul Gaultier, Tom Ford, Karl Lagerfeld oder Martin Margiela und aufstrebender Nachwuchsdesigner*innen wie Edda Gimnes und Flora Miranda Seierl. Die Ausstellung beleuchtet die Bedeutung von Text auf Modeerzeugnissen und widmet sich mit über 35 Exponaten aus dem 19. Jahrhundert bis heute dem spielerischen Umgang mit Sprache und der facettenreichen Gestaltung von Markennamen oder Logos, politischen Botschaften und Typografie im Modedesign.

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Ausstellungsansicht 2, v. l. n. r.: Cozette McCreery, Sid Bryan, Joe Bates/Sibling, Jean-Paul Gaultier (1952), Tom Ford (1961), Karl Lagerfeld (1933–2019)/Chanel, Gabrielle "Coco" Chanel (1883–1971), André Courrèges (1923–2016), Foto: Henning Rogge

Um es gleich voranzustellen, Alltagskleidung gibt es nicht zu sehen, sondern nur Designs namhafter Modeschöpfer, ob Coco Chanel, Tom Ford oder Walter van Beirendonck. Zugleich sind auch einige weitere Vertreter der Antwerpener Modeszene zu sehen, angeführt von dem bereits erwähnten van Beirendonck. Dieser präsentiert uns ein Outfit, dass an eine „Vogelscheuche“ erinnert. Auffallend ist die „T-Shirt-Brustplatte“, gleichsam ein Panzer, auf dem sich van Beirendonck dreimal porträtiert findet. „I hate Fashion Copycats“ ist der Titel der Arbeit. Zu dem Ensemble gehören auch mit Dornen bewährte klobige Schuhe. Bezüglich sprachlicher Botschaft als Teil der Arbeit ist darauf zu verweisen, dass man neben „Choose Life“ auch „WAR“ als Schriftzüge entziffern kann.

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Jean Charles de Castelbajac (*1949), Damenjacke, 1983, Baumwollgewebe, bedruckt, Polyester-Plüsch, MK&G, © Jean Charles de Castelbajac, Foto: MK&G

„WAR“ steht dabei für „Walter about Rights“. Der Titel für den Entwurf, „I hate Fashion Copycats“, bezieht sich auf die Trittbrettfahrer in der Mode, die Entwürfe kopieren, mit leichten Wandlungen vermarkten und sich dann als Urheber gerieren. Auffallend ist, dass es sich um eine Ganzkörperverhüllung handelt, die man so eher in Latex aus der SM-Szene kennt. Ob van Beirendoncks Idee wohl alltagstauglich ist? Oder soll die „Verhüllung“ überhaupt getragen werden oder ist das „gute Stück“ nicht eher als Kunstobjekt gedacht?

Projektionsfläche für Botschaften findet sich auf dem „Airnail Dress“, einem überdimensionierten, auseinandergefalteten Luftpostbrief gleichend. Ausgedacht hat sich das Ganze Hussein Chalayan. Schaut man sich die Arbeit genauer an, muss man auch an Schnittmuster denken, oder? Von Dolce & Gabbana stammt ein T-Shirt, graumeliert und mit dem Aufdruck „Fashion Victim“, versehen. 2003 wurde es auf den Markt gebracht. Van Beirendonck ist noch ein weiteres Mal in der Schau zugegen, dieses Mal mit einem von ihm entworfenen Mantel, Hemd und Hose. Der Mantel ist aus Jacquard-Gewebe. Als „Teil des Designs sehen wir zwei naiv gestaltete Leoparden, die auch von Henri Rousseau stammen könnten, sowie große „Augen“. Sind es Augen einer Katze? Steht da nicht auf dem 2/3 Top: „Warning Explicit Beauty“?

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Papierkleid „Time Magazine“ (1967), Vlies bedruckt, MK&G, Eigentum Campe’sche Historische Kunststiftung, Foto: MK&G


Ein Hemd und ein Jackett mit Backsteinmauerwerk-Muster war die Idee von Rossella Jardini. Und was lesen wir auf dem „Mauerwerk“? Hm, das sieht aus wie ein Tag. Von wem es stammt, ist ungewiss. Und welche Botschaft wird da eigentlich transportiert? Von Sprache kann jedenfalls nicht die Rede sein, denn es fehlt die Konvention der Verständigung über Form und Inhalt.

Für ein Papierkleid als Werbeträger entschied sich das Time-Magazin zum Valentinstag. Alle Abonnenten erhielten dieses Geschenk, das zugleich Werbezwecke erfüllte. Die Art der Gestaltung greift Momente der Op-Art auf. Erst auf den zweiten Blick kann man überhaupt den Schriftzug entdecken. Zuvor hat man eher den Eindruck einer strengen schwarz-weißen Musterung oder eines Rapports. Werbung in eigener Sache durch die Einbindung eines Logos machte André Courrèges, der zu seinem Design in Schwarz noch eine Umhängetasche in Rot hinzufügte. In der Gürtelschnalle und auf der Tasche findet sich das Logo des Designers.

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Ausstellungsansicht 4, v. l. n. r.: Devon Halfnight LeFlufy (1984), Raf Simons (1968)/Sterling Ruby (1972), Papierkleid Time Magazine (1967), Devon Halfnight LeFlufy (1984), Rosella Jardini (1952)/Moschino, Foto: Henning Rogge

Ein Pailletten-Kleid für Twiggy oder was? Das fragt man sich angesichts des Entwurfs von Tom Ford. Als Aufdruck auf dem Kleid findet sich nicht nur der Name des Designers, sondern auch das Wort Molly durchgestrichen und die Zahl 61. Impuls fürs Design gab Jay-Z mit seinem Rap-Song „Tom Ford“. Molly steht übrigens als Slangbegriff für Ecstasy! 61 bezieht sich auf das Geburtsjahr von Tom Ford. Ohne ein Begleitheft zur Schau wüsste der gemeine Besucher davon nichts. Diesmal ist das Begleitheft wahrlich kein Sammlerstück, sondern essentiell für das Verständnis der Ausstellung.

Der aus Viskose-Lurex-Bändern in Schwarz mit aufgedruckten Schriftzügen entworfene Overall, erdacht von Flora Miranda Seierl, zieht die Blicke des Besuchers auch an. Tragbar oder nicht – das ist die Frage. Die Botschaften lassen sich übrigens auf diesem Kleidungsstück nur schwerlich ausmachen. Quo vadis?

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aw collection 2020-2021, Walter Van Beirendonck (*1957), W.A.R. - Walter About Rights, 'I hate fashion copycats', MK&G, Eigentum der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen, Foto: Dan Lecca for Walter Van Beirendonck

Die Taube als Friedenssymbol, weiß auf blauem Grund und bisweilen mit einem Palmzweig im Schnabel, kennt man. Doch die Taube auf dem T-Shirt von Yossi Lemel kennen nur die, die in der Hamburger Ausstellung waren oder dem Designer in Jerusalem schon mal über den Weg gelaufen sind. Die Taube ist in Abschnitte eingeteilt und gegliedert, die Fingerzeige für das Tranchieren von Geflügel sind. Was lesen wir eigentlich auf dem T-Shirt? „Piece of Dove“ – ein Wortspiel mit Peace (Frieden) und Piece (Stück).

Und was fehlt? Wäre es nicht sinnvoll gewesen jenseits der von renommierten Designern entworfenen Kleidungsstücke, die Botschaften sprachlicher Art transportieren, auch solche der Alltagskultur zu zeigen, ob T-Shirts mit dem Aufdruck „Atomkraft – nein danke“, mit dem Konterfei von Che oder Gaymanns Hühnercartoons? Und auch die finnische Stadt Turku, schwedisch Abo, weiß mit „Aboriginals“ als T-Shirt-Aufdruck für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Brauerei Het Anker aus Belgien, dem Land der Biere, proklamiert auf schwarzen T-Shirts in Goldbuchstaben „STRONG BELGIAN (M) ALE“.


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Flora Miranda (*1990), Overall „Machine Learning Applied“, 2019, Gestrickte Bandagen aus Viskose und Lurexgarn; Body aus Polyamid-Tüll, MK&G, Eigentum der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen, © Flora Miranda, Foto: Laetitia Bica

Und es gibt auch T-Shirts, da bekennen die Träger „Ich bin stolz auf meine Gehirnzelle“. Oder wie wäre es mit „„Haltet Bochum sauber – esst mehr Tauben“. Das ist nun nichts für Veganer, woll. Oder wie wäre es mit dem Konterfei von Marx, Engels und Lenin mit der „Botschaft“: „Alle reden vom Wetter – Wir nicht.“? Zur Debatte wäre auch ein T-Shirt geeignet, auf dem es heißt: „Politik ist nicht die Lösung, sondern das Problem.“ Und schließlich auch das kann man auf T-Shirts lesen: „Chemiker haben für alles eine Lösung.“

Zu einer solchen Konzepterweiterung hätte man die Hamburger und Hamburgerinnen aufrufen können, ihre Kleiderschränke nach entsprechenden Kleidungsstücken zu durchsuchen und diese beim Museum vorbeizubringen. So hätte man auch eine Bindung zu diesem Hamburger Museum herstellen können, oder?

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.mkg-hamburg.de/de/

 

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