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Das Zeitalter der Kohle
bis 11. November 2018

Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte

2018 ist das Jahr des Endes des deutschen Steinkohlebergbaus. Nach 150 Jahren Erfolgsgeschichte der Kohle folgten ab den späten 1950er Jahren jedoch 50 Jahre, in denen der Bergbau in eine anhaltende Krise geriet, als Zechen schlossen und Bergleute um ihre und die Zukunft ihrer Familien bangten. Das machte einen Strukturwandel besonders im Ruhrgebiet, aber auch in den Saarländischen, Ibbenbürener und Aachener Steinkohlenrevieren und in Europa unvermeidlich. Präsentiert werden rund 1.200 Exponate, vor allem aus den Beständen der beiden Museen sowie von über 100 regionalen, nationalen und internationalen Leihgebern. Das Spektrum der Ausstellungsstücke ist vielschichtig. Es reicht von Gemälden und Büsten der europäischen Zechenbesitzer, Bergbaurelikten und schweren Maschinen, Fahnen der Bergarbeitervereine und -bewegungen bis hin zu historischen Plakaten, Fotografien und Filmen.

Der Steinkohlenbergbau in Deutschland und in Europa ist aber viel mehr als Krise und Kampf um die Kohle. Er ist ein wichtiger Teil des europäischen Kulturerbes. Die Kohle hat nicht nur die Bergleute und ihre Familien geprägt, sondern ganze Regionen. Diesem Kulturerbe widmet sich nun die Essener Ausstellung.

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Holger Graf, Antriebshauer auf Prosper IV, Schacht 9, Bottrop, 6. März 2017 © Michael Bader

Mit dem Steigerlied in die Ausstellung

Schon auf dem Weg in die Ausstellung werden wir von Bergleuten wie Ingo Lasogga „begrüßt“, kommen wir doch an deren Porträts vorbei. Dank der Fahrt in der Standseilbahn gelangen wir in die eigentliche Ausstellung. Dabei haben wir begleitet vom Steigerlied eine Reise durch die Erdgeschichte zurückgelegt, ehe wir im Karbon angelangen. Farnbäume wurden aus dem Botanischen Garten Bochum in die Kokerei gebracht, um den Besuchern einen Eindruck von der Vegetation jener Zeit zu geben, die mit dem Ursprung der Kohle in Zusammenhang steht. Inmitten des „Farnbaumwaldes“ wurde ein riesiger Steinkohlebrocken platziert, der aus der Zeche „Prosper Haniel“ stammt und 2016 im konventionellen Streckenabbau gewonnen wurde. Präsentiert werden zudem Kohlefunde aus unterschiedlichen Gegenden der Erde. Kohlevorkommen in Europa erstrecken sich in einem Band von Belgien über Deutschland und Polen bis in die Ukraine. Betrachtet man die ausgestellten Exponate, so findet sich glänzende Kohle aus dem Ruhrgebiet neben gräulich-anthrazitfarbener aus Tschechien. Doch nicht allein in Europa, sondern auch in Asien und Australien, hier auf Tasmanien und in NSW, gibt es ansehnliche Steinkohlevorräte unter Tage.

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Versinterung einer Schachtfahrte © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok; Foto: Rainer Rothenberg

Ein Leben unter Tage

Auf dem Weg zum Bunker 34 sehen wir Fotos von der Grubenfahrt mit Lokführer, von einem Kumpel mit seinem Grubenpferd bei der verdienten Pause und kniende Kumpel im Streb. Beim weiteren Rundgang verdichtet sich die Annahme von der männlich dominierten Arbeitswelt, von Solidarität und Kameradschaft. Jeder war unter Tage auf den anderen angewiesen, auch bei der Sicherung der Stollen, beim Abtransport der Kohle in Loren oder beim Verbau mit Ständern, bevor der weitere Abbau beginnen konnte. Die Wichtigkeit der Grubenwehren wurde zudem betont. Der Kommunikation diente einst ein Siemens-Meldeempfänger, der unterschiedliche Signale aussendete, woraufhin sich die Wehren unter Tage sammelten.

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Dampfzylinder der Feuermaschine Saline Königsborn, 1797/99 © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok; Foto: Rainer Rothenberg ZdK_Bild_17 Werbeplakat für Gaskoks, 1924 © Museum für Gestaltung Zürich / Archiv ZHdK ZdK_Bild_

Arbeiten unter Gefahren

Ein sogenanntes Schleifbrett, das ausgestellt ist, diente vor Jahrzehnten der Bergung Verunglückter. Fotografien in Schwarz-Weiß verdeutlichen die Gefährlichkeit der Arbeit im Bergwerk. Um 1930 entstand die Aufnahme eines durch Giftgas getöteten Bergmannes. Auch die Leichenreste eines Verunglückten von Courrières sind auf einer Aufnahme zu finden. Eines der schwersten Grubenunglücke gab es am 20.2.1946 auf der Zeche Grimberg. 405 tote Bergleute waren zu beklagen, wie der interessierte Besucher der opulenten Historienschau erfährt.

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Ölsicherheitslampe (Bauart Davy), um 1820/25 © Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok; Foto: Rainer Rothenberg

Schlagwetter und Kohlestaubexplosionen waren die alltäglichen Gefahren beim Kohleabbau. Die Dahlbuschbombe war daher eine der wichtigsten Errungenschaften, um Bergleute aus der Tiefe der Stollen zu bergen. In einem Film kann man diese Bergung hautnah miterleben. Dass man Unglücke vermeiden wollte, war klar, Warnhinweise wie „Das Betreten mit offenem Grubenlicht ist verboten“ gehörten zu den vorbeugenden Maßnahmen. Dass man Kanarienvögel in Käfigen mitnahm, wenn man einfuhr ist, keine zusammengereimte Geschichte, sondern wahr. Lange konnte man nur so hohen Methangaskonzentrationen frühzeitig wahrnehmen. Allerdings gab dabei der Piepmatz sein Leben, wenn dann kein Wiederbelebungsgerät vor Ort zu Hand war.

Mechanik statt Handarbeit

Dass nicht nur Pickel und Schaufel sowie Loren unter Tage eingesetzt wurden, sondern der technische Fortschritt auch am Bergbau nicht spurlos vorbeiging, wird angesichts der Dynamoelektrischen Zündmaschine deutlich, mit denen Sprengungen vorgenommen werden konnten. Zur Mechanisierung der Kohlegewinnung dienten Walzschrämmlader und Kettenschrämmmaschine. Beide sind in Modellen zu sehen.

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Aspirin-Verpackung, um 1900 © Bayer Business Service GmbH / Corporate History & Archives

Die Gegenüberstellung einer Röntgenaufnahme eines an Silikose erkrankten Bergmannes und verschiedener Schnupftabakdosen hat schon etwas Bizarres. Nun ist es nicht so, dass man sich vonseiten der Unternehmen nicht um die Gesundheit sorgte. „Bergauf – Deine Schutzseife“ wurde entwickelt und auch Bergauf-Augenreinigungssalbe.

Begeben wir uns über Treppen auf die nächste Ausstellungsebene, so sehen wir im Treppenhaus aufgehängte Gerätschaften wie Bohrer, Pickel, Schaufeln und …

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Bewohner der Bergarbeitersiedlung Orléans in Denain, um 1900 © Centre historique minier, Lewarde (F)

Verbrannte Wälder

„Energiespeicher Kohle“ lautet das nächste Ausstellungskapitel, das dann vor unseren Augen aufgeschlagen wird: Scheinbar unerschöpflich schien der Vorrat an Kohle, an in Kohle gespeicherter Sonnenenergie, die auf 300 Mio. Jahre zurückreicht. Kohle, die Jahrhunderte lang verbrannt wurde, sind die vorzeitlichen Wälder, Wälder auch aus Farnbäumen, wie wir sie zu Beginn des Ausstellungsbesuchs gesehen haben. Sehr sehenswert ist in diesem Kontext der Film „Die Entstehung des Steinkohleflözes“.

Veredlungen und Nebenprodukte

Eine Vielzahl von Gaslaternen und ein Gas-Badeofen verweisen in der Ausstellung darauf, dass die Kohleveredlung mit diesen modernen Errungenschaften einherging. Die erste deutsche Stadt, die in der Dunkelheit erstrahlte, war übrigens Hannover, das ab 1824 über Gaslaternen verfügte.

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Akkordeon eines polnischen Bergarbeiters aus dem Nord-Pas-de-Calais, um 1930 © Centre historique minier, Lewarde (F)

Zu den Nebenprodukten der Kokereien gehörte Montansalpeter, mit dem man Guano als Düngemittel ersetzen konnte. Aus der Kohleverflüssigung konnte man, so ist zudem zu erfahren, synthetische Seife, wie Warta-Seife, gewinnen.

Hingucker der Schau

Ein wahrer Hingucker der Ausstellung ist das Kunstobjekt „Dark Star“: Der aus dem walisischen Bergbaurevier stammende Künstler Jonathan Anderson hat dieses Objekt aus Fiberglaskern mit Kohlestaubbeschichtung geschaffen. Ähnlich spektakulär ist die Panoramawandtapete, auf der unter anderem die Eisenbahnlinie Lyon-St. Etienne zu sehen ist. Sie diente in der ersten Hälfte des 19. Jhs. dem Kohletransport durch das Rhonetal.

Aus Bakelit

Was ein Rasierpinsel, Mokkamühlen, ein Schreibtischorganisator und eine Spritzbeutelgarnitur aus Bakelit sowie Perlon-Strümpfe mit dem Thema „Zeitalter der Kohle“ zu tun haben, bleibt beim Ausstellungsrundgang kein Rätsel. „Beiprodukte“ wie Steinkohleteer, Phenole und Formaldehyd waren notwendig, um Kunststoff wie Bakelit herstellen zu können.

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Plakat der neu gegründeten RAG, 1968 © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Schlotbarone und Bergleute

In einer Porträtgalerie begegnen die Besucher den Schlotbaronen wie John Cockerill und Franz Haniel. Diese werden mit Aufnahmen von Streiks der Bergleute in einen Dialog gesetzt. Doch auch das Alltagsleben und -vergnügen wie Ponyrennen oder aber das Schießen mit einem Schießautomaten – Gewinn 1 Glas Bier oder Cognac oder zwei Zigarren beim Einsatz von 5 Pfennigen – werden in der Schau thematisiert. Zum Vergnügen des kleinen Mannes gehörte auch der Besuch des Wanderkinos, das ein Wittener Kohlehändler betrieb.

Das Thema „Krieg und Kohle“ bleibt ebenso wenig ausgespart wie die Nachkriegsentwicklung, die ganz und gar auf Kohleförderung ausgerichtet war, wie man einigen Propaganda-Plakaten entnehmen kann, Stichwort: „Der Bergbau braucht dich“.

Abgerundet wird die Schau durch das Thema „Menschen im Bergbau“. Dabei sind O-Töne von Zeitzeugen zu hören.

Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons.

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Hochvakuumwaage zur Ermittlung von Feststoffpartikeln in der Luft, Sartorius AG, Göttingen, 1955 © Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV), Essen; Foto: Piet Kremer & Jens Nober

Ruhr Museum Zollverein A 14
https://www.ruhrmuseum.de/startseite

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