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Ausstellungsorte in Duisburg: Lehmbruck-Museum

Duisburg
Lehmbruck-Museum

Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne
bis 18. August 2019

Was ist schön?“ ist eine der meist gestellten Fragen der Kunst - bis heute. Dieser Frage geht nun auch die aktuelle Ausstellung auf den Grund, in der im Kern Arbeiten von Auguste Rodin und Wilhelm Lehmbruck in einen Dialog gesetzt wurden. An beiden Bildhauern schieden sich zu ihrer Zeit die Geister: "Verbrechen gegen die Kunst“ und „hysterische Deformation“ auf der einen Seite, „das Vollkommenste, das die Plastik seit Jahren hervorgebracht hat“ auf der anderen. Heute hat sich die Rezeption von Rodin und Lehmbruck dahingehend gewandelt, dass ihre Arbeiten als Ikonen der Skulptur des 20. Jahrhunderts angesehen werden.

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Wilhelm Lehmbrucks Betende und Besucherin (c) fdpphotos

Um es vorweg zu nehmen: Es ist eine sehr gelungene Ausstellung, die dank einer überlegten Ausstellungsarchitektur verschiedene Blicke und Blickwinkel auf die Skulpturen der beiden Bildhauer zulässt. Nein, „Der Kuss“ von Rodin und andere eher erotisch aufgeladene Arbeiten sind nicht Bestandteil der sehenswerten Schau. Dennoch gibt diese Ausstellungen einen umfänglichen Überblick über alle Schaffensperioden der beiden Künstler. Prominente Leihgaben u. a. aus dem Pariser Musée Rodin, dem Centre Pompidou, dem Musée Camille Claudel und der Pinakothek der Moderne in München werden mit Arbeiten aus der Sammlung des Lehmbruck Museums in Verbindung gesetzt.

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Rodins ehernes Zeitalter und Besucherin (c) fdpphotos

Was ist schön?

Der Begriff der Schönheit unterliegt gewiss einem Wandel. Über Jahrzehnte bestimmten allerdings der Klassizismus und die klassische Antike, was in der Moderne als schön galt. Rodin und Lehmbruck befreiten sich von derartigen dogmatischen Vorstellungen des Schönen. Das Konzept des Unfertigen stand ebenso auf der Tagesordnung wie auch die „Schönheit in den Seelen“. Der menschliche Körper wurde nicht so sehr als eine individuelle Ausformung begriffen sondern eher im Sinne einer Typisierung, gleichsam eines Zeichens verstanden.

Lebenswege zwischen Höhen und Tiefen

Wer sich mit den Lebenswegen von Rodin und Lehmbruck befassen möchte, der erhält durch Saaltexte mit ausführlichen Biografien dazu Gelegenheit. Essenziell zum begreifen der bildhauerischen Arbeiten scheinen sie nicht. Beide erlebten Höhen und Tiefen in ihren Karrieren, so wurde Rodins „Balzac“ geschmäht und verrissen. Lehmbruck hingegen schien nach dem Ende des I. Weltkriegs so desillusioniert zu sein, dass er sich das Leben nahm. Welche unmittelbare Ursache der Freitod hatte, geht aus der in der Ausstellung veröffentlichten Biografie allerdings nicht hervor. Gab es persönliche Gründe oder verzweifelte er an seinen künstlerischen Konzepten? Wenn man sich allerdings vergegenwärtigt, wie früh Lehmbruck bereits Erfolge verzeichnete und welche Förderer er hatte, bleibt diese Tat in gewisser Weise ein Rätsel. Auf der Sonderausstellung der Berliner Secession wurde Lehmbruck gefeiert. Ende 1916 wurde eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Mannheim organisiert. Aber das schien nicht auszureichen, um das Leben zu meistern. Vor hundert Jahren schied einer der wohl wichtigsten deutschen Bildhauer aus dem Leben.

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Auguste Rodin, Je suis belle, Musée Rodin Paris, Foto Christian Baraja

Mutter und Kind – Frauenbild

Widmen wir uns also im Weiteren der Präsentation der künstlerischen Positionen der beiden „Ikonen der Bildhauerkunst“ der Moderne: Unser Blick fällt zunächst auf „Die junge Mutter“. Sie sitzt auf einem Sockel und hält ihr Kind auf den Knien. Das Gesicht des Kindes ist fest an das der Mutter gedrückt, dabei Intimität und ein geschlossenes Verhältnis, eine Symbiose, gar eine Einheit signalisierend. Die szenische Darstellung trifft auf „Suzan“, ein Porträt in Gestalt einer Kopfbüste. Lockig sind die Haare der Dame. Der Kopf ist leicht schräg gestellt. Rodin scheint dabei durchaus einen Sinn für Details zu haben. Das ist bei der tief dekolltierten „Gracie“ von Lehmdruck schon anders gelagert.

Beim anschließenden Rundgang stehen wir der „Knienden mit Kind“ gegenüber, 1907 entstanden und an eine Darstellung der Pietà angelehnt. Vergleicht man diese Lehmbruck-Arbeit mit Rodins „Junger Mutter mit Kind“, so bemerkt man bei Lehmbruck eine gewisse Distanz von Mutter und Kind. Beinahe klassisch antik wirkt Lehmbrucks Porträt von Anita Lehmbruck.

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Wilhelm Lehmbruck mit der Badenden, 1902-09

Im Rahmen der Ausstellung streift man auch historisch bedeutsame Ausstellungen wie den Pariser Salon, wenn Rodins Arbeiten vor einer historischen Aufnahme des Salons denen von Lehmbruck zur Seite gestellt werden. Die „Stehende weibliche Figur“ trifft dabei auf Rodins „Das eherne Zeitalter“, eine Arbeit, die auf Augenhöhe zum Besucher gezeigt wird. Eine Aufsockelung gibt es nicht. Doch würde man bei dem Titel „ehernes Zeitalter“ nicht eher einen älteren, gestandenen und vom Leben gezeichneten Mann statt eines muskulären jungen Mannes erwarten?

Männerbild/Menschenbild

Rodin zeigt uns einen wohl geformten Mann mit sogenanntem Six-Pack – durchaus ein modernes Männerbild und mit dem von heute vergleichbar. Die Augen des Mannes sind geschlossen. Der rechte Arm liegt angewinkelt auf dem Kopf, in einer Haltung, so als würde sich der Mann von etwas abwenden. Durch und durch weiblich erscheint Rodins „Eve“, die ihre Arme um ihren Oberkörper geschlungen hat, gleichsam sich schützend. Oder soll damit Schamhaftigkeit ausgedrückt werden?

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Wilhelm Lehmbruck, Selbstporträt, 1898, Foto Bernd Kirtz

Raumgewinn suggeriert der Torso eines schreitenden Mannes, für den Rodin verantwortlich zeichnet. Doch warum wählte er den Torso als Darstellungsprinzip? Konfrontiert wird diese Arbeit mit Lehmbrucks „Der Mensch“. Dabei scheint der Moment des Losgehens eingefroren zu sein. Man betrachte dazu den leicht vom Boden abgehobenen linken Fuß.

Die Betende und der Denker

Völlig in sich ruhend und mit Bodenhaftung ausgestattet ist die „Betende“ von Lehmbruck. Es scheint, betrachtet man die Haartracht, dass die Dame aus der Renaissance entsprungen ist. Sie trägt einen langen Haarschleier, so der Eindruck, und betet erhobenen Hauptes, ohne die Hände zum Himmel zu recken. Ein Klassiker im Werkkanon Rodins ist „Der Denker“, der in der Ausstellung nicht fehlt. Dieser wird mit dem sitzenden Jüngling von Lehmbruck konfrontiert, der eher als ein Verzweifelter, ein Gestrandeter zu begreifen ist, auch wenn er nachsinnend zu Boden schaut. Rodin hingegen zeigt uns Nachdenklichkeit hautnah. Man kann die Gedankengänge des Denkers erahnen.

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Auguste Rodin, Le penseur, Musée Rodin Paris, Foto Christian Baraja

Salonkunst und das Thema „Alter“

Auch der sogenannten Salonkunst widmet sich die Schau. Darunter sind Arbeiten von Auguste Rodin und auch Reinhold Begas sowie Alfred Boucher zu finden. Man sieht Träumende genauso wie Badende. Rekonstruiert wurden auch Teile der „Armory Show“. Vor einer Fotowand in Schwarz-Weiß, die die Ausstellungsinszenierung zeigt, wurden Arbeiten von Lehmbruck und Brancusi platziert, die in der Schau einst zu sehen waren.

Überaus beeindruckend ist das Ausstellungskapitel Alter, wenn man bedenkt das Schönheit in unseren Tagen mit Jugend gleichgesetzt wird. Lehmbrucks Porträt einer alten Frau mit Duttfrisur ist unter anderem zu sehen. Deren Oberlippe scheint eingefallen. Hat sie keine Zähne mehr? Ihre Augen sind geschlossen. Wartet sie auf den Tod? Noch beeindruckender ist „Die einst schöne Helmschmiedin“ mit ihrem eingefallenen Körper, den Rodin geformt hat. Hängende Brüste und ein ausgemergelter Körper stehen im Fokus des Betrachters.

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Wilhelm Lehmbrucks Emporsteigende (c) fdpphotos

Tanz und Bewegung

Die Thematisierungen innerhalb der Schau setzen sich im Kapitel „Bewegung und Tanz“ fort, getreu dem Motto von Rodin „Leben ist Bewegung“! Zu sehen sind zum Beispiel drei tänzerische Posen in Bronze. „La Valse“ von Camille Claudel ist gleichfalls Teil dieses Ausstellungskapitels und zeigt ein eng aneinander geschmiegtes Paar. Auffallend ist das lange „Schleppenkleid“ der Tänzerin. Von Rodin wird das große Modell der Tänzerin präsentiert.

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Im Blick einer Besucherin: b. Hoetgers Torso (c) fdpphotos

Torso und Fragment sind seit der Antike bekannt, und auch die Moderne hat sich dieses Themas bemächtigt. Über all dem steht „Alle Kunst ist Maß“ (Wilhelm Lehmbruck). Blockhaft erscheint Bernhard Hoetgers Torso, der auf dem Pariser Herbstsalon 1906 ausgestellt war. Eher organisch ausgerichtet ist dagegen der kniende Torso von Rodin, den man benachbart zu Hoetgers Arbeit zeigt. Formenreduziert und eigentlich eher einer flachen, senkrecht gesetzten Lanzette gleichend ist der Torso von Alexander Archipenko aus dem Jahr 1914. Geschlechtsmerkmale sind nur durch Einritzungen definiert. An die Formensprache von Léger scheint sich Archipenko bei „Femme qui marche“ (1912) zu orientieren. Knospend-organisch kommt Hans Arps Torso daher, den man gleichfalls in der Ausstellung zeigt.

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Alexander Archipenko: Torso gedreht 1921/22 (c) fdpphotos

Insbesondere die Öffnung der Schau hin zu Positionen von Zeitgenossen Lehmbrucks und Rodins gibt der Ausstellung eine eher unerwartete Wendung. Vom Titel der Schau war eher eine konzentrierte Werkschau von Rodin und Lehmbruck zu erwarten. Doch die Wendung hin zu eher abstrakten Arbeiten von Arp und Archipenko ist reizvoll und schreit eigentlich danach, das Thema Torso umspannender aufzugreifen, vielleicht in einer nächsten Schau in Duisburg.

© ferdinand dupuis-panther – Der Text und die Fotos sind nicht public commons! Die Rechte an den Werken liegen in den Händen der Künstler, Verwertungsgesellschaften und Rechtenachfolgern.


Informationen
http://www.lehmbruckmuseum.de/

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