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Ausstellungsorte in Duisburg: Lehmbruck-Museum

Duisburg

Lehmbruck-Museum


Reichtum: Schwarz ist Gold
bis 7. Oktobert 2018

Der wertvolle Rohstoff Kohle ist Ursprung nicht nur des wirtschaftlichen und sozialen, sondern auch des kulturellen Wohlstands einer ganzen Region. Im Ruhrgebiet und auch in Duisburg hat die Kohlegewinnung einen wesentlichen Anteil am heutigen Reichtum der Kunstsammlungen der Museen. Doch mit der Kohleförderung ist es am Ende des Jahres vorbei. Strukturwandel ist angesagt und eine Reise ins Ungewisse, da in der Region Tausende von Industriearbeitsplätzen schon weggefallen sind. Die sozialen Verwerfungen, die vorhanden sind, sind aber im Gegensatz zur Ausstellung in Witten nicht Gegenstand der Ausstellung.

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„Das tiefe Schwarz der Kohle, ihre schimmernde Oberfläche und taktilen Qualitäten nutzten Künstler wie Marcel Broodthaers, David Hammons, Reiner Ruthenbeck, Richard Serra, Robert Smithson, Bernar Venet oder die Gruppe ZERO als ästhetische Ressource. William Kentridge reflektiert ihre Gewinnung mit kritischer filmisch-zeichnerischer Poesie. Jürgen Stollhans, Kalin Lindena und Frauke Dannert produzierten neue Werke speziell für die Ausstellung „Reichtum“ in Duisburg.“ So lesen wir es in der Pressemitteilung zur Ausstelluing

Nachstehend zunächst eine Übersicht über die in der Schau vertretenen Künstler/innen: Katinka Bock, Marcel Broodthaers, Peter Buggenhout, Frauke Dannert, Lara Favaretto, David Hammons, William Kentridge, Alicja Kwade, Kalin Lindena, Reiner Ruthenbeck, Richard Serra, Lucy Skaer, Robert Smithson, Jürgen Stollhans, Bernar Venet sowie die Gruppe ZERO – Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene.

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Mit den ZERO-Künstlern kann man den Rundgang durch die „Kunstwelt der Kohle“ beginnen: Dabei fällt der Blick nicht nur auf drei sich ähnelnde Entwurfszeichnungen für ein ZERO-Haus der drei genannten Künstler, sondern vor allem auf das Modell des ZERO-Hauses, das Heinz Mack zu verdanken ist. Gedacht war das Haus als ZERO-Museum. Doch eine Realisierung hat der aufgestelzte kubische Bau bisher nicht erfahren. Die äußere Hülle des Kubus sollte aus polierter Kohle bestehen. In den quadratischen Ausstellungsräumen sollten Werke der drei ZERO-Künstler ihren Ausstellungsort finden, wie das Modell zeigt. Darunter sollten auch die Nagelbilder Ueckers und die „Flammenbilder“ Pienes sein.

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Der Kubus ruht auf einem Glasquader, der wiederum von einer quadratischen Wasserfläche umschlossen ist - fürwahr ein avantgardistischer Entwurf. In einem Dialog mit diesem Kubus stehen die „Aschekegel“ von Reiner Ruthenbeck. Einer dieser Kegel wird von einem Drahtknäuel bekrönt, zwei weitere sind mit einer Brückenkonstruktion aus Bewehrungseisen miteinander verbunden. Wie die Halden im Revier als typische Landmarken, so ist auch Ruthenbecks Arbeit durchaus als Entwurf für eine Gestaltung der Industrielandschaft der Nachkohlezeit zu begreifen. Bernd und Hilla Becher sind in ihren fotografischen Arbeiten von Hochöfen in Gelsenkirchen und Duisburg eher als Dokumentaristen zu begreifen, die die Industriearchitektur mit der Kamera in Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten haben. Nebeneinander gehängt weichen diese Hochöfen in ihrer Gestaltung nur minimal voneinander ab. Das Funktionale bestimmte halt die Form, ganz im Gegensatz zu Maschinenhallen und Kesselhäusern wie auf der Zeche Zollern und Zeche Zollverein.

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Minimalistisch und in der Formsprache an Donald Judd erinnernd, schuf der Amerikaner Robert Smithson nach der Besichtigung einer Schlackekippe neben der Gutehoffnungshütte in Oberhausen seine mehrteilige Arbeit: Er fotografierte die postindustrielle Landschaft und sammelte Schlackebrocken, die als Abfallprodukt bei der Eisen- und Stahlproduktion entstehen. Diese wurden dann in Behältnisse unterschiedlicher Größe gefüllt und zur Installation „Nonsite Oberhausen“ vereint.

Was ist da denn zu hören? Jazz? Ist es Parker oder Coltrane? Es ist unter anderem eine Komposition von John Coltrane zu vernehmen und das zur Installation von David Hammons namens „Chasing the blue train“ - eine Anspielung auf „Blue Train“ von Coltrane. Doch auch Thelonious Monk mit seinem Bebop wird während der Fahrt des blauen Zugs eingespielt. Dieser dreht seine Runden und umfährt dabei vertikal aufgestellte Flügeldeckel, die an abstrahierte Hügel erinnern und eine bizarre Kunstlandschaft bilden. Ein Piano-Deckel liegt im übrigen flach auf der Erde. Die Lok durchfährt auch einen Tunnel, der mit Kohlebrocken bedeckt ist.

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In wandfüllender Originalgröße zeigt das in situ geschaffene Fresko „… mit schlagartiger Schwerkraftentladung“ einen Güterwaggon, der jahrzehntelang für den Transport abgebauter Kohle eingesetzt wurde. Jürgen Stollhans nutzte die Silhouette des Waggons als Projektionsfläche für Zeichnungen mit weißer und schwarzer Kreide. In diesen spiegelt sich die Geschichte des Bergbaus wieder. Vorlage für die beeindruckende Arbeit – sie zeigt den Kohlewaggon in Originalgröße – war das historische Foto eines Eisenbahnwaggons, auf dem Bergleute mit Kreideschrift stolz die Förderung der 500000sten Tonne Kohle anzeigen.

Stollhans zeigt uns nicht nur den Karbonwald, aus dem die Kohle vor Jahrmillionen entstand, sondern provoziert auch mit einer Inschrift wie „Urlaub an der Emscher“. Schattenrisse von Bergleuten unter Tage sind in dem Fresko zu sehen, aber auch eine moderne Tanztruppe. Ins Auge springt zudem die Zeichnung des Buchs „ Der Bergbau in der Kunst“.

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Vier Arbeiten des belgischen Surrealisten Marcel Broodthaers – längst nicht so in aller Munde wie sein Landsmann René Magritte – sind auch Teil der sehenswerten Schau. Neben einem Emaille-Schild mit dem Titel „Modèle charbon“ – hier tanzen unter anderem Kohlebrocken über Notenlinien – zeigt man in Duisburg auch „Two Pieces of Coal wrapped in Cotton Wool“ (1967). Dabei erinnern die beiden in einer Vitrine liegenden umhüllten Kohlestücke an Schokocroissants!

Das soziale Elend in den Kohleminen Südafrikas fing William Kentridge mit seinem zeichnerischen Filmwerk ein, das die Toten in den Stollen unter Tage zeigt, aber auch den im Bett liegenden, geldgierigen Grubenbesitzer, der sich zum Schluss dank des angehäuften Reichtums ein Nashorn als Haustier halten kann. „Begleitet“ wird dieses Filmwerk von einer Reliefarbeit Lehmbrucks, einen Bergmann mit Grubenlampe zeigend.

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Dem Zugriff der Ausstellungsbesucher entzogen ist Emil Schumachers „Tastobjekt 57/12“ - welch Widersinn und Konterkarierung. Mit den Begrifflichkeiten Kohle und Gold spielt Lara Favaretto bei der Installation abgewetzter gebrauchter Tische, auf die Goldstaub gestreut wurde, was man erst beim Nähertreten wahrnimmt.

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Schließlich werden wir noch mit Richard Serras schwarzen „Kohlebildnissen“ „Mic Mac (no. 1)“ und „Dead weight II (Coptic)“ konfrontiert. Der Stahlbildhauer Richard Serra hat Zeichnungen in tiefstem Schwarz geschaffen, in denen Farbstoff und Büttenpapier eine dunkle Einheit eingehen. Ähnlichkeiten mit Schumachers „Tast-Objekt“ sind wohl eher zufällig, aber vorhanden. Im gleichen Raum finden wir auch das riesige Kohlestück mit Diamantschliff. „Lucy“ nannte Alicja Kwade ihr Werk. Zu diesem gesellt sich noch ein Kohlehaufen, der scheinbar achtlos im Raum verteilt wurde. Berner Venet hat sechs Tonnen (?!) der berühmten Ibbenbürer Kohle zu einem fettig schwarz glänzenden Haufen aufgeschüttet zusammengefügt, Erinnerung an die erfolgreichen Zeiten des Steinkohlebergbaus, der in diesem Jahr zu Grabe getragen wird.

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Zum Schluss stoßen wir in einer durchfensterten Raumnische auf vergoldete Union-Briketts: Alicja Kwade verwandelte so Kohle in einen inszenierten Luxusartikel. Die Union-Briketts wurden einst im Rheinischen Braunkohlerevier in der Kölner Bucht produziert. Solche zu Briketts gepresste Kohle diente lange Zeit als bevorzugtes Brennmaterial zum Heizen. Doch das ist bei uns nunmehr die Ausnahme. In Alicja Kwades Geburtsland, Polen, bildet Kohle jedoch weiterhin den wichtigsten Brennstoff.

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther Text und Fotos sind nicht public commons.

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Bildnachweis von oben nach unten. Bildrechte der Werke liegen bei den Künstlern, den Rechtenachfolgern und/oder der VG BIldKunst

Heinz Mack: Modell ZERO-Haus, 1963-97, ZERO Foundation Düsseldorf

Reiner Ruthenbeck, Aschehaufen IV über Drahtknäuel, 1968, Lehmbruck-Museum Duisburg sowie Doppelaschehaufen, 1968 und Robert SAmnithson, Nonsite Oberhausen, 1968

Frauke Dannert, o.T. 1968

Reiner Ruthenbeck, Aschehaufen IV über Drahtknäuel, 1968

Jürgen Stollhase, "… mit schlagartiger Schwerkraftentladung", 2018

Marcelö Broodthaers, Modèle charbon

Wilhelm Lehmbruck, Sitzender Bergmann mit Grubenlampe, 1905/ 1906

Richard Serra, Dead Weight II (Coptic) und Berner Venet, Pile of Coal, 1963/2018

Richard Serra Mic Mac No 1, 1990 und Berner Venet, Pile of Coal, 1963/2018

Lucy Skaer, Black Alphabet, 2008

Informationen
http://www.lehmbruckmuseum.de/

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