DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ausstellungsorte in Dortmund
Museum Ostwall /

Dortmund

Museum Ostwall im Dortmunder U / Ebene 6

"Ein Gefühl von Sommer" -
Niederländische Moderne aus der Sammlung Singer Laren"
bis 25.08.2019

Die thematisch gegliederte Wechselausstellung mit etwa 120 Werken aus der Sammlung Singer (Laren) bietet einen repräsentativen Überblick über die niederländische Malerei des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie spannt einen Bogen vom Naturalismus der Haager Schule zum Amsterdamer Impressionismus. Darüber hinaus ist die Malerei aus der Künstlerkolonie Laren und die niederländische Moderne mit Positionen aus dem Neoimpressionismus, Expressionismus und der geometrischen Abstraktion vertreten.

mauve
Anton Mauve: Das neugeborene Lamm, um 1884

Der Ausstellungstitel weckt Erwartungen, lässt an das Licht des Nordens denken, das bisweilen dem des Südens in nichts nachsteht. Doch wer sich in der Geschichte der Malerei auskennt und wer die Maler der Haager Schule kennt, der weiß, dass diese Künstlergruppe auch unter dem Begriff die „Graue Schule“ bekannt ist. Grau verhangene Himmel, Wolkenbänder, die Regen ankündigen, dunkle Wintertage – das findet man in der Malerei zahlreicher Künstler dieser Schule, die auch in der Ausstellung präsent sind. Ja, es gibt sie die pointillistische Malerei und die neoimpressionistischen Landschaften im Nachgang von Signac und van Rysselberghe, insbesondere wenn man an Arbeiten von Hart Nibbrig denkt. Doch das macht eben nur einen Teil des Konvoluts aus dem Museum Singer aus, das aktuell zu sehen ist.

maedchen
Albert Neuhuys: Mädchen mit Blume, um 1910

Der Hauch von Sommer ist also wirklich nur als ein Hauch spürbar. Dass ein gewisser sommerlicher Flair in Dortmund präsent ist, ist dem leidenschaftlichen amerikanischen Sammlerpaar Anna Singer-Brugh und William Henry Singer zu verdanken. William Henry Singer, dessen Porträt in der Ausstellung ebenso zu sehen ist wie das seiner Frau, war selbst bildender Künstler. Von ihm zeigt man neben der Ansicht des Künstlerateliers mit einigen gerahmten Werken an der Wand und dem Arbeitsplatz nahe der großen, mit Blei verglasten Fenster zudem eine ganz in Grünnuancen getauchte norwegische Landschaft im „Nordlicht“. Zu sehen ist außerdem die Arbeit „Zwei Kameraden“, eine winterliche Ansicht von zwei knorrigen, von Schnee bedeckten Bäumen vor der Silhouette einer alpinen Berglandschaft.

Blickfang ist zu Beginn des Ausstellungsrundgangs – er beginnt mit dem Thema „Die Künstlerkolonie Laren und das Sammlerpaar Singer“ – ein großes Ausstellungsplakat ganz in der Tradition von Toulouse Lautrec: Es weist auf eine Ausstellung im Hotel Hamdorff in Laren im Jahr 1915 hin. In einer großen Schwarz-Weiß-Aufnahme ist dieses im eklektischen Stil erbaute Hotel zu sehen, das so gar nicht zu dem eher dörflichen Laren zu passen scheint.

Laren war ein Bauern- und Weberdorf nahe der Festung Naarden vor den Toren von Amsterdam. Hier hatten sich die Singers 1902 niedergelassen, fernab der industrialisierten Städte und der urbanen Rastlosigkeit. Dabei wählte das Ehepaar Laren wohl auch deshalb aus, weil seit 1880 zahlreiche Künstler hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden hatten.

Schnell entwickelte sich das ortsansässige Hotel Hamdorff nebst angeschlossener Kneipe zu einem Treffpunkt der Künstler. Seit 1913 fanden in diesem Hotel regelmäßig jährliche Ausstellungen statt. Darauf verweist ein Plakat zu Beginn der Ausstellung: Auf diesem spielt ein Geiger auf, während eine Rotblonde in grünem Rüschenkleid den schwarzgekleideten bildenden Künstler anhimmelt, der gerade den Pinsel schwingt und die Palette festhält.

blaricum
Co Breman: Dorfansicht in Blaricum, 1899

Landschaft und Genre“ ist ein weiteres Thema der sehr sehenswerten Schau, die Arbeiten u. a. von George Hendrik Breitner, Isaac Israëls, Jacob Maris oder Anton Mauve, Evert Pieters und Albert Neuhuys, Bart van der Leck, Else Berg, Lou Loeber und Jan Sluijters vorstellt, Namen, die in der niederländischen Kunstgeschichte einen Klang haben.

Zwischen akademischem Naturalismus und Impressionismus changiert Singers Heidelandschaft nahe Blaricum: Grasende Schafe in einer sandigen, teilweise erodierten Heidelandschaft sind unter einem grau bedeckten Himmel zu sehen. „Am Strand entlang“ nannte Evert Pieters ein Gemälde, dass zwei Reiter zeigt, die auf ein gestrandetes Fischerboot zureiten. Das Sonnenlicht quält sich durch die dichten Wolken. Die See ist ein wenig aufgewühlt. Ein Sommer am Meer sieht wohl anders aus.

„Die Küste bei Deauville“ ist das Sujet, das Eugène Boudin gewählt hat. Das grünliche wellige Meer ist mit Schaumkronen bedeckt. Verhangen ist auch hier der Himmel. Eine maritime Ansicht ist Jacob Maris mit „Buiten Ij“ zu verdanken. Lastensegler sind wohl zu sehen, deren Segel im Wind stehen. Über ihnen zieht ein dichtes Wolkenband dahin. Nur hier und da ist es aufgebrochen, zeigen sich himmelblaue Flecken. Den Sinn für das Licht spiegelt Julien Duprés Ansicht von zwei auf der Weide liegenden Kühen wider, auf deren Rücken und Flanken sich Sonnenflecken zeigen. Das Klischee einer typisch niederländischen Landschaft findet sich in einer Polderlandschaft mit Mühlen, die Jan Hendrik Weissenbruch gemalt hat. Auch er gehört zur sogenannten Haager Schule.

badende
Jan Sluiter: Badende Figuren, undatiert

Dass wir eine fotografische Aufnahme von Max Liebermann, dem Nestor des deutschen Impressionismus, in seinem Atelier sehen, kommt nicht von ungefähr, führte ihn doch seine Hochzeitsreise 1884 erstmals nach Laren. Es folgten zahlreiche Sommeraufenthalte in den Niederlanden. Dabei entstanden zahlreiche Skizzen, die er im Berliner Atelier in Öl ausarbeitete. Zu sehen ist von Liebermann die kleinformatige Skizze „Schulgang in Laren“. Auf der genannten fotografischen Aufnahme aus Liebermanns Atelier entdeckt man dann das fertige Ölgemälde.

Modernes Leben“ fing der mit Liebermann befreundete Isaac Israëls in Gestalt von spielenden Kindern im Park ein. Freies Spiel war es nicht, was sich da unter den gestrengen Augen eines Kinderfräuleins (?) abspielte. Formen wurden gewahrt. Beim Anblick des ganz in Schwarz gekleideten Jungen mit Reifen denkt man eher an einen Sonntagsspaziergang im Park. Zu den städtischen Szenen, die in der Ausstellung zu finden sind, gehört auch die Darstellung einer Pariserin mit ausladendem blauen Hut auf ihrem Balkon. Sie scheint den Flaneuren zuzuschauen. Eine winterliche Amsterdam-Ansicht – wer genau hinschaut entdeckt einen Leichenwagen mit vorgespanntem Pferd – hinterließ George Hendrik Breitner. Und was hat das mit „Ein Gefühl von Sommer“ zu tun?

Erst im Kapitel „Moderne Landschaft“ werden wir mit Gemälden konfrontiert, die den Sommer einfangen. Das ist vor allem Ferdinand Hart Nibbrig zu verdanken, der als erster den sogenannten Luminismus in die niederländische Malerei einbrachte. In pastellene Violettstufen tauchte Hart Nibbrig die Ansicht vom Kneesweerd (um 1899). Laublose Bäume sind im rosavioletten Himmelslicht zu sehen. Gespenstisch mutet die Ansicht an und erinnert in Ansätzen an den poetischen Realismus von Franz Radziwill. Im dunklen Rot des hereinbrechenden Abends versinkt die Szenerie vor dem Streiktag, die Jan Toorop schuf. Während einige Landmänner noch bei der Arbeit zu sehen sind und sich im Hintergrund die Silhouette der Stadt abzeichnet, sieht man im Vordergrund ein beieinander sitzendes Paar, dem die Mutlosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. Entstanden ist das Gemälde im Kontext eines niedergeschlagenen Bergarbeiterstreiks im Jahr 1886.

portrait
Jan Sluijters: Staphorster Mädchen, um 1915,
(c) VG BildKunst Bonn 2019

Nicht nur in der Arbeit „Auf den Dünen in Zandvoort“, sondern auch in „Zoutelande“ begegnet der Betrachter dem Pointillismus. Dabei werden farbige Bildpunkte dicht aneinander gefügt, um die Strahlkraft des Lichtes zum Ausdruck zu bringen. Flirrende Himmel in Rosa, Hellblau, leichtem Grün sind keine Seltenheit bei Hart Nibbrig. Er widmete sich vor allem der typischen Dünenlandschaft der Niederlande und setzte gleichsam als Staffage Personen in Tracht ins Bildgeschehen. Dass Piet Mondrian nicht allein der Meister der abstrakten Farbfelder war, die er durch starke Konturlinien voneinander schied, zeigt seine ausgestellte Landschaft an einem See mit Seerosen und einer dichten Laubbaumlinie am Seeufer. Nur eine einzige Badeszene findet man in der Schau, die doch den Sommer heraufbeschwört. Diese Arbeit von Willy Sluiter zeigt „Badende Figuren“ im seichten, küstennahen Meer.

Die Abstraktion, der deutsche Expressionismus mit seinen gefühlten Farben sowie der spezifische Symbolismus Ferdinand Hodlers finden sich in Spielarten und Variationen in einigen der ausgestellten Arbeiten niederländischer Künstler. In dem Zusammenhang sei an „Die Säerin“ von Herman Gouwe erinnert. Um die in jugendstiligen Formen gemalte Frauenfigur sieht man eine Art von Aureole in changierenden Farben. Gestisch im Duktus und in den Tuschkasten gefallen, so erscheint die Malerei von Nico van Rijn, der eine Dorfansicht von Laren für die Nachwelt festgehalten hat.

In die Welt der prismatischen und kubistischen Formen entführt uns Else Berg mit ihrer Arbeit „Mallorca“. Sind da nicht Figuren in langen Gewändern zu sehen, die an Mönche in ihren bodenlangen Kutten erinnern? Ähnlich wie bei Lyonel Feininger hat Lodewijk Schelfhout seine Ansicht der Ardennen mit kristallinen Bildbrechungen gestaltet. An Beckmanns Weltentheater fühlt man sich beim Anblick des Triptychons von Henri Le Fauconnier erinnert. Er zeigt uns den „Traum des Vagabunden“. Der Mittelteil des Werks entführt uns in die Zirkusarena mit Clowns und Artistinnen. Die linke Tafel zeigt das Schicksal einer Mutter mit Neugeborenem und die rechte zwei miteinander Kämpfende, von denen einer den Dolch gezückt hat.

muehle
Lou Loeber: Mühle, 1922, (c) Vg BildKunst Bonn 2019

Die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner in Davos inspirierte Jan Wiegers zu seinen Landschaftsansichten, die die gefühlten Farben Kirchners aufnehmen, auch schlieriges Rosa-Violett als Teil der Laubflächen von Wäldern. Zum Schluss sei noch auf die niederländischen Abstrakten, vor allem auf Lou Loeber hingewiesen, der unter anderem mit „Kopf“ und „Lesende“ die Blicke auf sich zieht.

Die Ausstellung ist gut strukturiert, aber am Thema vorbei gesetzt. „Der Hauch von Sommer“ durchzieht eben nicht alle Kapitel, sondern nur ein einziges. So eingängig der Titel auch für eine Sommerausstellung sein mag, der Besucher erlebt ihn eher nicht, sondern wird auch mit dem grauen Himmel und winterlichen Ansichten konfrontiert, aber nicht mit goldgelben Ähren im Wind, mit sonnenblumengelben Feldern im Sinne van Goghs, mit in grellen Farben getauchten Gärten oder mit ausgiebig im Meer sich vergnügenden Sommerfrischlern.

Zum Schluss: Die Themen werden den Besucher in jedem Raum mit entsprechenden „Abreißzetteln“ in Deutsch und Englisch vermittelt. Diese Handreichungen sind auch zwingend notwendig, denn den wenigstens ist die Haager Schule oder die Vereinigung De Ploeg aus Groningen, deren Vertreter in der Ausstellung auch präsent sind, ein Begriff.

Text: © ferdinand dupuis-panther

DORTMUNDER U Zentrum für Kunst und Kreativität / Museum Ostwall
http://www.dortmunder-u.de/partner/museum-ostwall

zur Gesamtübersicht Ausstellungen