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Donaueschingen
MuseumArt.Plus
Vollgas – Full Speed bis 11.04.2021

Bisweilen muss man den Blick nicht auf die kulturellen Angebote in den deutschen Metropolen richten, sondern sich in die sogenannte Provinz aufmachen, in diesem Falle nach Donaueschingen. Hier widmet man sich dem „Tanz um das Goldene Kalb“ namens Auto im engeren wie auch weiteren Sinne. Vollgas wird im Museum gegeben, so jedenfalls verspricht es der Ausstellungstitel.

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Jinmo Kang: Steinportait und Baumportrait, © fdpanther2020

Dass im MuseumArt.Plus, einem schlichten klassizistischen Putzbau, eine erstklassige Ausstellung zu sehen ist, kann man nur ahnen, wenn man sich dem Museum nähert. Wo einst Filme gezeigt wurden, ist nunmehr die Kunst zu Hause. Die Kunst säumt auch den Weg entlang der Brigach, der zum Museum führt. Man findet in dem kleinen Wiesenfluss Brigach, der viel später zur Donau wird, inmitten des Wassers die Lichtskulptur „Gulff“ von Paul Schwer. Ist es Malerei? Ist es Skulptur? Bemalte und verformte PET- und Plexiglasplatten sind die Materialen, aus denen das „Flussgebilde“ besteht. Im nahen Umfeld vom Museum entdeckt man nicht nur das antik anmutende Donautempelchen, unter dem das Wasser der Donauquelle in die Brigach rinnt, sondern auch beim Zugang zum Schlosspark die Edelstahlskulpturen von Jinmo Kang, der mit diesen ein Abbild der Natur geschaffen hat. „Steinporträt“ und „Baumporträt“ nennt der Künstler seine Arbeiten, die zum Klettern animieren. Doch das ist ausdrücklich untersagt.

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David Nash: Lithning Strike © fdpanther2020

Steht da nicht auf dem Museumsvorplatz eine stählerne Giraffe? Man könnte es beim Anblick der Arbeit von David Nash denken. Doch weit gefehlt! Nash hatte zunächst mit der Kettensäge eine entwurzelte Esche bearbeitet und diese auf die Krone gestellt. Nach dem Vorbild der Holzskulptur wurde dann die Version aus Cortenstahl geschaffen, die wir nun sehen. Und der Name des Werks? „Lightning Strike“!

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Eingangsbereich Museum Art.Plus mit Lichtinstallation von Chris Nägele © Museum Art.Plus & Chris Nägele

Im Foyer des Museums stoßen wir auf einen umgestalteten Motorroller, dessen Vorbau zu einem Loop geformt wurde. Fahrtüchtig ist dieses Fahrzeug nicht mehr, aber Fingerzeig darauf, was Mobilität bedeutet: Schneller, schneller, schneller um jeden Preis und da verwandelt sich eine rote Vespa schon mal in „ein Gefährt im Looping“. Geschaffen hat diese „Installation“ Stefan Rohrer. Wer nach diesem Künstler im Netz sucht, wird weitere aus der Form geratene fahrbare Untersätze finden. Dass in der Welt der Kinder das Auto auch eine zentrale Rolle spielt, unterstreicht der Künstler mit seiner ganz eigenen Carrera-Bahn. Diese ist auf dem weiteren Rundgang zu entdecken. Zum Geschwindigkeitswahn – man erinnere sich an den Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ - passt auch das Modell eines „Tropfenwagens“, das Gianni Piacentino zuzuschreiben ist. Beim Anblick muss man eher an ein Torpedo und eine Rakete denken. Lichtkunst von Chris Nägele ist im Foyer des Hauses auch zu sehen. Und was hat das mit „Vollgas“ zu tun? Soll die Assoziation zwischen Licht und Lichtgeschwindigkeit geweckt werden?

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Friedemann Flöther, Pole positions, 2005 © Museum Art.Plus

Neben dem Skulpturalen finden sich in der sehr sehenswerten Schau auch zahlreiche, großformatige Fotografien, so auch von Robert Häusser, der uns einen schnellen Flitzer in einer Verpackung bzw. Verhüllung vorstellt. Dabei ist die Verbindung zu einem Sarg gegeben, und zwar deshalb, weil in dem abgebildeten Lotus der österreichische Rennfahrer Jochen Rindt bei einer Fahrt im Geschwindigkeitsrausch den Tod fand. In Nachfolge der Ready mades von Marcel Duchamps sind Arbeiten des belgischen Künstlers Thierry Ysebart zu begreifen, der schlicht einen Motorblock zum Kunstgegenstand erhebt. Mit bunten Neonröhren bildet Chris Nägele die Rennstrecken dieser Welt nach. Das erscheint als Pop-Art pur. Dabei sind die Strecke von Spa ebenso abbildet wie die von Hockenheim. Passend dazu sieht man einen weißen Alfa Romeo Giulia Sprint Speciale von 1965. Da schlagen nicht nur Herzen von Oldtimer-Fans hoch, auch der Puls von Formel1-Fans schnellt in die Höhe. Was so aussieht, als wären es Pirelli-Rennreifen; ist in Wahrheit eine bildhauerische Arbeit aus Marmor (sic !!) von Fabio Viale. Bereits oben kurz erwähnt wurde das im weiteren zu sehende Werk „Carrera 2“ (2006), eine Wandinstallation in Blaugrau und Orange. Dabei sind in der Installation zwei Spielzeugautos eingefügt, die festgegossen in der Installation platziert wurden. Geschwindigkeit und Vollgas muss man sich dazu denken!

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Sebastian Kuhn, Z4UTURNAROUNDROTATION, 2011© VG Bild-Kunst, Bonn 2019 & fdpanther2020

Beim nachfolgenden Rundgang stoßen wir auf zerbeulte schwarze Motorhauben, die nicht von César, sondern von Friedemann Flöther stammen. Wie ein Slick von Pirelli mutet eine weitere marmorne Arbeit von Fabio Viale an. Eine „Collage“ aus BMW Karosserieteilen fügt Sebastian Kuhn zu „Z4UTURNAROUNDROTATION“ (2011) zusammen. Da scheint sich das Drama einer Massenkarambolage in einem dreidimensionalen Bild wiederzufinden, oder? Der in New York und Berlin beheimatete Maler Rainer Fetting präsentiert uns in Acryl „Jack in the car“. Manisch erscheint der Gesichtsausdruck von Jack, der mit gelb unterlaufenen Augen hinter dem Steuer sitzt. Das Gefährt, das er steuert, gleicht eher einem Panzerfahrzeug als einem Automobil; es gleicht einer tödlichen Waffe im Verkehrsalltag. Nostalgisch muten dagegen die Fotografien alter Tankstellen in Gießen und Hannover an, die Tim Hölscher im Bild festgehalten hat. Das Design der 1950er Jahre – in Deutschland die Jahre des Aufbruchs und des beginnenden Wirtschaftswunders – sind heute längst verschwunden. Wenn man sie findet, sind sie Fußnoten deutscher Architekturgeschichte und erinnern daran, dass in jenen Jahren die Automobilität der Massen noch in den Kinderschuhen steckte.

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Besucherin vor den "Kussmündern" von Friedemann Flöther:, © fdpanther2020

Meeresgetier aus Karbon in windschnittigen Formen – von Alistair Gibson entworfen – trifft in einem weiteren Raum auf knallrote Autoteile, die FriedemannFlöther zu einem Bardot-Kussmund geformt hat. Wie gefaltete „Papierflieger“ sehen großdimensionierte Arbeiten von Fabio Viale aus. Geschaffen wurde „Aereo“ aus weißem Marmor. Betrachtet man Viales Arbeiten, dann muss man an einen gelandeten Segler und im nächsten Moment auch an einen Senkrechtstarter denken. Bei „Torso subito“ dient ein Spiegel dazu, einen „Papierflieger“ zu vervollständigen.

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Dario Escobar, Turbulence IV, 2008 © Museum Art.Plus

Ein Raum ist den Arbeiten von Pierre Soulages gewidmet, für den Schwarz das Licht repräsentiert. Seine Arbeiten gelten als monochrom, obgleich sie durch Ritzungen und Einkerbungen sowie Falzungen strukturiert und beinahe plastisch sind. Die Schaffenskraft des französischen Künstlers ist beeindruckend. In seiner Karriere, die mehr als sieben Jahrzehnte umspannt, hat er mehr als 1000 Kunstwerke geschaffen. Obgleich das Schwarz ja Licht absorbiert, gelingt es Soulages, Licht aus dem Schwarz strömen zu lassen. Und das ist nicht etwa eine optische Täuschung oder dem Oberlicht in dem Ausstellungssaal geschuldet. In diesem stößt man auch auf einen schwarzen Ford Mustang, der von Caroll Shelby zu einem Rennwagen getunt wurde.

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Einblick in den Anbau mit Werken von Pierre Soulages © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & Museum Art.Plus/Art.Plus Foundatio

Begibt man sich in die erste Etage des Museums, dann traut man seinen Augen nicht. Im Stil des Historismus ist der sogenannte Spiegelsaal mit seiner Kassettendecke und seinen kannelierten Säulen mit vergoldeten Kapitelen gehalten. Und mitten im Saal findet man das „Goldene Kalb“, wenn auch nicht im Wortsinn. Eine vergoldete Porsche-Karosserie zieht die Blicke der Besucher auf sich. Nach dem Sonnengott „Helios“ benannte Stefan Rohrer sein mit Blattgold (!!) belegtes „Auto“. Im Obergeschoss finden sich weitere Flitzer aus Zuffenhausen, einen Porsche 1600 in Aquamarin metallic und einen weiteren in Schwarz metallic. Ach, ist da nicht auch wieder Viale mit seinen Marmorarbeiten, die der Wirklichkeit so täuschend echt nachempfunden sind? Ja, es sind zwei ineinander verkeilte Autoreifen. Und was sprudelt denn da? Es ist ein Reifenbrunnen, aus dem nicht Wasser, sondern Altöl quellt. Und das ist auch zu riechen! Zu verdanken ist diese „Hymne“ an den fahrbaren Untersatz dem us-amerikanischen Künstler Rob Pruitt.

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Besucherin im Spiegelsaal vor Stefan Rohrers Helios, 2013 © fdpanther2020

Provozierend ist die Ausstellung hier und da. Nachdenklich macht sie gewiss und stellt dem Besucher die Frage, nach dem Preis für die Automobilität, die stets mit Geschwindigkeit einhergeht. Zu empfehlen ist der Besuch auf alle Fällen, wenn nicht allein die herbstlichen Donaueschinger Musiktage auf dem Besuchsprogramm stehen.

Teilnehmende Künstler: Axel Bleyer, Dario Escobar (GT/ MX), Rainer Fetting, Jáchym Fleig, Friedemann Flöther, Ileana Florescu (IT), Alastair Gibson (ZA / GB), Patrick Gutenberg (CH), Robert Häusser, Tim Hölscher, Sebastian Kuhn, Jürgen Knubben, Gerhard Langenfeld, Chris Nägele, Rob Pruitt (US), Stefan Rohrer, Fabio Viale (IT), Markus Willeke, Thierry Ysebaert (BE) u.a.

© Fotos – wenn gekennzeichnet - und Text ferdinand dupuis-panther.

Informationen
MuseumArt.Plus
www.museum-art-plus.com

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