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Bremen
Paula-Modersohn-Becker Museum

Luigi Colani und der Jugendstil Natur Mensch Design
bis 19. Juni 2022

Der Designer Luigi Colani bestritt stets Vorbilder gehabt zu haben. Colani sah in der Natur die Antwort auf viele Herausforderungen der Gesellschaft und des Designs nach dem Zweiten Weltkrieg. Er selbst betitelte seinen Stil als "Biodesign". Geschwungene Linien, der Verzicht auf rechte Winkel: Viele von Colanis Produkten und Entwürfen erinnern an stromlinienförmige Silhouetten von Meerestieren wie Rochen oder Haien. Im direkten Gegenüber mit den Vasen, Möbeln und Skulpturen aus dem Bröhan-Museum Berlin und sammlungseigenen Werken von Bernhard Hoetger wird die verwandte Formensprache von Luigi Colani und dem Jugendstil deutlich.

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Luigi Colani, Kusch + Co, Liege TV-Relax, 1969, Meereskollektion, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH, Foto: Colya Zucker

Der in Berlin als Lutz Colani geborene Designer sah ähnlich wie die Gestalter der Jugendstils die Natur als Antwort auf viele Fragen, die sich nicht allein in der Entwurfsgestaltung, sondern auch in der Gesellschaft stellten. Colanis Bewunderung galt insbesondere dem Schöpfer der Gestaltung der legendären Metrostationen in Paris. So wundert es auch nicht eine der Arbeiten von Hector Guimard gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs zu Gesicht zu bekommen. Es handelt sich um ein florales Gitterelement vom Eingang einer Pariser Metrostation. Die Metrostationen in Paris wurden im Jahr der Weltausstellung 1900 eröffnet.

 

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Hector Guimard, 2 Gitter für die Pariser Métro, um 1900, Dauerleihgabe Sammlung Brockstedt, Bröhan-Museum Berlin, Foto: Colya Zucker


Bevor man die eigentliche Ausstellung betritt, hat man die Gelegenheit in zwei Sitzmöbeln Colanis Platz zu nehmen. Beide zeichnen sich durch organische Formen aus, die lanzettförmige Liege und der wulstige Sessel, der in der Form ein wenig an den Sessel „Blow-up“ erinnert. TV Relax Liege und Sessel werden im Übrigen seit 2005 wieder produziert. Damals war der Entwerfer Colani, der einst in Paris Ultraleichtbau und Aerodynamik studierte, schon hochbetagt. Ursprünglich stammen die beiden Möbelentwürfe aus dem Jahr 1968, einer Zeit als es um Sex, Drugs und Rock’n’ Roll ebenso wie um Pop-Art ging. Colani war ein radikaler Denker und hielt mit seiner Meinung auch nicht hinter dem Berg. Das unterstreichen einige markante Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung, die vom Bröhan-Museum in Berlin konzipiert und in Bremen den Gegebenheiten vor Ort angepasst wurde.


Ich bin einer unheimlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen, weil ich einer der letzten Terroristen bin, der geistigen Terroristen. Ich bin ‚Baader-Meinhof‘ des Designs! Wir haben immer Bomben gelegt, unheimlich Unruhe gestiftet.“ Luigi Colani


 

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inks Luigi Colani, Sessel Swinger (Prototyp), 2004, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH/ rechts Bernhard Hoetger, Armlehnenstuhl, 1924, Museen Böttcherstraße, Foto: Jürgen Nogai

 

 

Im großen Ausstellungsraum für Sonderausstellungen im Erdgeschoss des Museums blicken wir unter anderem auf die riesige Reproduktion von „Der Kuss“, eine Arbeit von Peter Behrens, der ganz wesentlich für das Produktdesign der AEG war, aber auch Tapeten entworfen hat. Vor der Wand füllenden Arbeit „Der Kuss“ hat man Luigi Colanis Sessel-Plastik (Prototyp) platziert. Beim Anblick dieses Stuhl darf man wohl auch an Designs von Verner Panton denken, oder?


Zu sehen ist zudem ein Stuhl mit schwebenden Armlehnen, der auf die Zeit 1971/2 zurückgeht. Konfrontiert wird dieses Möbelstück entworfen im Jahr 1900: Es ist ebenfalls ein Armlehnstuhl mit trapezförmiger Rückenlehne und einem Bezug, das Schuppenmuster aufweist. Der Blick fällt zudem auf einen Schlaufenstuhl von 1968, eine Idee Colanis. Dank der durchbrochenen Strukturen erscheint dieser Stuhl leicht und beschwingt. Das bildet einen Gegensatz zu Bernhard Hoetgers Stuhl von 1924, der eine sich verjüngenden Sitzfläche und eine keilförmige Rückenlehne mit Flechtwerk aufweist . Dieses Möbel erscheint gleichsam bodenständig, fern ab von den schwungvollen Peitschenschlägen und vegetabilen Formen, die man zum Beispiel bei Victor Horta findet. Schließlich fällt auch Colanis Swinger-Sessel auf, der in Teilen an moderne Sitzdesigns in Autos und Zügen erinnert, oder?


Ich bin ein Bildhauer und kein schlechter. Luigi Colani

 

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Luigi Colani/ Burkhard Lübke, Plakat Der Colani, 1973, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH


 

Das für einen Bildhauer so Typische, das Skulpturale findet sich in Colanis Entwurf für ein TV-Gerät. „Alles fließt“ ist das Motto, gänzlich der Abschied vom Kasten als Grundmuster für Phono- und TV-Geräte, wie man sie noch bei Entwürfen Dieter Rams’ für Braun findet, einschließlich des legendären „Schneewittchensargs“. Der Stapelstuhl für Kinder, entworfen für Kinderlübcke, verdeutlicht, dass Colani nicht monothematisch dachte und entwarf. Das Möbelstück sollte nicht nur Stuhl, sondern auch Spielgegenstand sein, also multifunktional sein. Das Prinzip des Stapelbaren hatte ja bereits Wilhelm Wagenfeld für Geschirr, aber eben nicht für Möbel erdacht. Der stapelbare „Zocker“, so nannte Colani sein Möbel, hat den Vorteil, dass man Stühle platzsparend wegräumen konnte, um freie Spielflächen zu schaffen. In knalligem Pop-Art-Rot gehalten ist der Hochlehnstuhl, den wir ebenso sehen. Die linsenförmig durchbrochene Rückenlehne lässt das Möbelstück ein wenig leichter und luftiger erscheinen. Doch die Grundform schreit schon nach Raum und nicht nach einer 2-Zimmer-Neubauwohnung der 1950er Jahre mit Zimmergrößen zwischen 9 und 12 qm, oder? Na ja, der ebenfalls gezeigte Möbelentwurf von Bernhard Hoetger würde gar derartige Zimmer beinahe ausfüllen. Nicht für Kinder, sondern Erwachsene gedacht, ist „Der Colani“, Sitzmöbel und Tisch in einem. Dieses Möbel konnte man auch im Reitersitz nutzen und die breit auslaufende Lehne auch als Tisch mit Mulden für das Unterbringen von Schreibgerät nutzen.

 

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Luigi Colani, Villeroy und Boch, Doppelwaschbecken mit Spiegel in Currygeld, 1979, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH, Foto: Colya Zucker


Colani war wie ein Seismograph, und er nahm auch die aktuellen Debatten zu Form und Funktion sowie Funktionalismus in seine Entwurfsüberlegungen auf. In diesem Kontext nachstehend ein Zitat aus dem Katalog: „Ausgelöst durch den Vortrag „Funktionalismus heute“ von Theodor W. Adorno und die Ausstellung „Ornament ohne Ornament“ im Kunstgewerbemuseum Zürich entwickelt sich ab 1965 jedoch im deutschsprachigen Raum eine intensive Funktionalismusdiskussion. Sie gipfelt 1968 in zwei Ausgaben der Zeitschrift „form“, die sich explizit der Funktionalismusdiskussion widmet und Befürworter und Gegner zu Wort kommen lässt. So fordert Werner Nehls: „… Die neuen Formen sind gemalter, geformter und gebauter Protest, gegen die vergangene Epoche mit ihrer mechanistischen, rationalen, puritanisch-utilitaristischen, seelenlosen, unhumanen Umweltgestaltung. Seien es die einfalls- und endlos gerasterten, monotonen Glaskuben der Architektur oder die kalten, maschinenhaften, technoiden Designgegenstände, die jede menschliche Spur vermissen lassen. (…).“

 

Colani, Kind seiner Zeit, entsprach dem neuen Zeitgeist und versuchte dies in seinen Entwürfen, die sehr häufig solche blieen, umzusetzen. In seinem 120 Blätter umfassenden Manifest, in einem Kunststoffkoffer mit Henkel zum Aufhängen, spiegelt sich wider, was Colani bewegte und welche Visionen er hatte, nicht in Schriftform, aber in grafischen Blättern, die teilweise in der Ausstellung gezeigt werden. Der ansonsten sehr wortgewaltige Colani verzichtete also in seinem Manifest auf die Macht des Wortes. Diese findet sich an vielen Stellen im Katalog..

 

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Luigi Colani, Zocker und Der Colani, 1972 bzw. 1973, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH, Foto: Colya Zucker


Die Tatsache, daß dem Designer im Gegensatz zum Technokraten vielerDummheitsschattierungen eine völlig unterbewertete Rolle bei der Erdenkung von Gesamtvorgängen eingeräumt wurde, ist unsere große Chance. (…) Dieses evolutionär-romantische, rehabilitations-exhibitionistische, optimistische, utilitaristische, hedonistisch-epikuräische Pamphlet ist mein Sandkorn zu der abzutragenden Pyramide.“ Luigi Colani


Für die Betrachtung der Sitzlandschaft „Pool“ – sie kann nicht ausprobiert werden – müssen wir das PMBM verlassen und ins Roselius-Museum gehen, Durch diese Inszenierung wird der Rundgang fragmentiert. Hätte man diese Landschaft des Sitzens und Liegens nicht in den ersten Raum mit den Gemälden von Paula Modersohn-Becker platzieren können, um einen stringenten Rundgang zu ermöglichen?


70 Prozent meiner Dinge sind nicht in Serie gegangen. Das waren Appetit-Anreger für die Industrie. Arschtritte, Backpfeifen, Schmähungen für die Industrievorstandsetagen.“ Luigi Colani


Nicht nur Colani-Designs sind in der Schau zu sehen, sondern unter anderem auch eine Liege von Paul Iribe aus dem Jahr 1913, mit altrosa „Noppenbezug“ versehen. In einer Ausstellung, die Colani und den Jugendstil vorstellt, fehlt selbstverständlich der sechsarmige Kandelaber von van de Velde nicht. Beim weiteren Rundgang entdeckt man die erotischen Reliefs und Skulpturen Colanis, die in Dialog mit Arbeiten Hoetgers gesetzt sind. Letzterer schuf eine Bronze kleiner Nymphen und einen weiblichen Torso, der nicht dem superschlanken Idealbild einer Frau der 1960er und 1970er Jahre entsprach. Auch Colani verfiel nicht dem Modell „Twiggy“, sondern zeigte schlanke, weiblich gerundete Frauenkörper, zumeist Torsos.

 

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Luigi Colani, Zeichnung aus Ylem, Vorschlag eines elektronisch angetriebenen Kleinstadtfahrzeugs, 1971, Sammlung POPDOM, © Colani Design Germany GmbH

 


Schließlich findet man in der Ausstellung auch ein Kapitel zur Mobilität, insbesondere der Automobilität, zu der sich Colani auch so seine Gedanken gemacht und zu Papier gebracht hat. Zum Abschluss der Ausstellungsbesprechung sei noch ein Zitat von Colani angefügt, das dessen Bezug zum Jugendstil und dessen Vision von Design verdeutlicht.


Und wie im Jugendstil, als angewandte Künstler, Bildhauer und Designer gegen industrielle Massenware revoltierten, müssen auch wir heute einen neuen Jugendstil entwickeln.“ Luigi Colani


Eine Frage bleibt: Gibt es eine Fortsetzung von Colanis Ideen?

 

 

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Luigi Colani, Rohkarosserie Colani GT, um 1960, Sammlung POPDOM, Foto Colya Zucker, © Colani Design Germany GmbH

 

Hinweis: Mehr in Luigi Colani und der Jugendstil: Katalog zur Ausstellung im Bröhan Museum, Berlin 2020/2021 | Hoffmann, Tobias, Hoffmann, Tobias | ISBN: 9783868326000 .... Die obigen grau unterlegten Zitate Luigi Colanis sind dem sehr opulent bebilderten Katalog entnommen worden.


© ferdinand dupuis-panther



Info
https://www.museen-boettcherstrasse.de/information/oeffnungszeiten-und-eintrittspreise/

 

 

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