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Ausstellungsorte in Bochum: Kunstmuseum

Ausstellungsorte in Duisburg: Lehmbruck-Museum


Bochum
Kunstmuseum

SICHTBAR
Die Sammlung in der Villa Marckhoff
laufend

Anlässlich seines 60. jährigen Jubiläums präsentiert das Kunstmuseum Bochum erstmals den städtischen Kunstbesitz als Dauerausstellung der Öffentlichkeit. Unter dem Ausstellungstitel "sichtbar" sind u.a. bekannte Künstlerinnen und Künstler wie František Kupka, Ernst Ludwig Kirchner, Willi Baumeister, Asgar Jorn, Louise Nevelson, Francis Bacon, Kuno Gonschior, Gerhard Richter, Ulrich Erben und Anton Corbijn zu sehen.

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Heinz Breloh: Lebensgröße I, Foto: (c) fdp

Körperarbeit trifft auf Serielles

Heinz Breloh besticht durch die Tektonik seiner Arbeiten, die Ausdruck seiner „Körperarbeit“ ist, wie man einem Video über die Arbeit des Künstlers entnehmen kann. Der Künstlerkörper ist das Werkzeug des Arbeitsprozesses, der zu Arbeiten wie „Lebensgröße I“ führt. Dabei schuf Breloh eben nicht streng figurative Arbeiten, sondern eher organisch anmutende, die die Spuren vom Hintern, Kopf und Nacken des Künstlers aufweisen. Breloh bezeichnete sich selbst als Sechsender, der mit Kopf, Armen und Beinen und Geschlecht in den Entstehungsprozess der Kunst einbezogen ist. So entstanden Ring-Zopfgebilde mit konischen Zusätzen. Bisweilen hat man den Eindruck, dass auch Schachtelhalme Vorlagen für das Plastische waren. Neben dem bildhauerischen Werk sind auch Arbeiten auf Papier zu sehen, die z.B.einen badenden Bildhauer als Sechsender zeigen. Die Arbeiten Brelohs sind in einen Dialog mit der konkreten Kunst von Frank Stella gesetzt worden. Dabei handelt es sich vor allem um Seriegrafien, unter anderem „Fortin de la Flores“, eine Abart der Hommage an ein Quadrat vom Bauhausmeister Josef Albers. Dessen Arbeiten sind gleichfalls Teil der herausragenden Sammlung des Kunstmuseums.

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Zofia Kulik: Wer erobert die Welt, 1994, Foto (c) fdp

Nicht nur „Wer erobert die Welt“

Auf die Künstlerinnen in der Sammlung sei an dieser Stelle verwiesen. Transparent wirken die Farbstiftschraffuren, die Evelina Cajacob schuf. Die gezeichneten Strukturen breiten sich wie eine Wand aus Schleiern aus, lassen keinen klaren Blick zu, verbergen etwas, schließen ein und nicht auf. „Melancolia“ nannte die Künstlerin ihre Arbeit. Tektonisches aus Papier und Kunststoff schuf Angela Glajcar: „Terforation“. Dieses Werk erscheint wie ein in die Tiefe gehendes wandelbares dreidimensionales Bild, das den Blick in eine Eishöhle in einem Gletscher freigibt. Kinetisches präsentiert Terry Haass. Dabei geht es ihr auch um die Materialisierung aus Licht und Raum in der Verarbeitung von gedrehtem Plexiglas auf schwarzem Rundsockel. Nicht in gefühlten Farben, sondern in Schwarz und Graustufen gehalten, ist „Licht IV“ von Gabriele Elger. Auf Zink und in Salzaquatinta hat Barbara Grosse den heiligen Berg Japans festgehalten. Er erscheint nicht als der bekannte Kegel mit Schneekappe, sondern eher als in Regen bzw. Ascheregen getaucht. Farblithografien sind Katharina Grosse zu verdanken. Diese sind expressiv und ausdrucksstark. Eine Art Theaterguckkasten schuf im Stil der Art Brut Ursula Schultze-Bluhm. Einem Wandteppich mit Bordüre gleicht „Wer erobert die Welt“ von Zofia Kulik. Die Bordüre besteht aus Geschosshülsen. Verarbeitet wurden aber auch Totenschädel und florale Elemente, die aus Verdüren geläufig sind.

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Skulpturenterrasse Kunstmuseum Bochum (c) fdp

Die Sammlung; sichtbar

Auch die Dachterrasse des Museums wird mit Kunst bespielt. Max Bill mit seiner rotgefärbten Granitkonstruktion – eine Ähnlichkeit zur Möbiusschleife ist nicht von der Hand zu weisen – ist ebenso zu sehen wie der von Johannes Brus geschaffene reitende „Falkner“, der Patina aufweist. Am Rand steht Marino Marinis „Pomona“, nicht gar so körperfüllig wie die von Aristide Maillol. Oskar Zadkine schuf den „Dichter“ - in der Formensprache dem „Großen Orpheus“ im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl nicht unähnlich -, und Dietrich Koch ist die geometrische Arbeit „Würfel XIV“ zu verdanken.

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Der Einsame und das Bombardement von Guernica

Die Präsentation der Sammlung, die thematisch strukturiert ist, aber auch bildende Kunst dialogisch und kontrovers setzt, zeigt auch zwei Arbeiten von Ernst Barlach, „Der Einsame“ und „Der Zweifler“, die durch starke Gestik auffallen. Zur Seite gegeben wurde diesen Skulpturen ein Ölgemälde von Max Pechstein namens „Das Paar“, dessen Geschlechtszuweisung nicht ganz eindeutig ist. Eine Person mit Kimono bekleidet erblickt der Betrachter ebenso wie eine weitere in einem Negligee. Handelt es sich um ein Frauenpaar oder ein Paar mit einem androgynen Mann und einer Frau? Neusachlich erscheint Kurt Weinholds „Der Materialist“, ein adrett gekleideter Herr, hinter dem Jesus steht. Glaube und Geld als Gegenstand der Malerei? 1937 entstand Josef Piepers Gemälde "Familie". Pieper scheint typisch für die Ausrichtung der damals bestehenden Städtischen Gemäldegalerie der Gauhauptstadt Bochum. Richart Reiche hatte als Direktor für die Gleichschaltung und völkische Ausrichtung der Galerie gesorgt. Nein, Pieper verzichtet auf Nazi-Insignien und der Vater ist nicht in SA-Uniform zu sehen, sondern im Anzug eine Pfeife rauchend. Kleinbürgerliche Familienidylle pur spiegelt sich im Werk. Doch das war gesellschaftskonform, passte zu Ausstellungen wie „Deutsches Volk – Deutsche Heimat“, die man nach 1933 in Bochum zu sehen bekam. Konfrontiert wird die „heilige Familie“ mit einer Plastik von Mutter und Kind, die ängstlich gen Himmel schaut. In Erinnerung an das Bombardement von Guernica schuf Lázló Peris diese Arbeit.

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Willi Baumeister, Laternen auf Blau 1955 Malerei Öl auf Leinwand 65 x 54cm Inv.-Nr. 789 © VG Bild-Kunst, Bonn

Auch ein Gemälde des Literaten Peter Weiss, der wenig als bildender Künstler bekannt ist, findet sich in der Sammlung: „Jüngling am Straßenrand“. Mit dieser Arbeit scheint an die neue Sachlichkeit und den Symbolismus angeknüpft zu werden, steht doch der junge Mann allein und verloren auf einem mit Bäumen bestandenen Platz. Nahebei sind seelenlose rechteckige Wohnbauten zu sehen. Georg Meistermann, der durch seine Glasfenster Bekanntheit erlangte, ist mit einem Gemälde präsent. „Bewegtes Ziel“ bewegt sich in der Formensprache der Abstraktion und weist durchaus Anleihen an Wassily Kandinsky auf. Konrad Lueg porträtierte den Sammler Herbert Klinker, von dem es auch ein von Gerhard Richter geschaffenes Porträt in der Sammlung zu sehen gibt. „Mikroklima“ von Jan Hoeft, eine Installation aus vier Ventilatoren und einem „Wolkenstoff“ bildet den Übergang in den Altbau des Museums.

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Gerhard Richter, Bildnis Helmut Klinker Malerei Öl auf Leinwand 100 x 80cm Inv.-Nr. 2568 © Gerhard Richter

Expressives Farbfeld und ein Helmkopf

Ein expressives Farbfeld ist Kuno Gonschior zu verdanken, der eine Landschaft in Blau und Orange tauchte. Norbert Tadeusz zeigt ein gestürztes Pferd, das auf dem Rücken liegt. Es ist ein Opfer des weltberühmten Palio. Allerdings verweigert der Künstler das Setting von Siena, sondern schließt sein Gemälde oben mit einer „Landschaftsbordüre“ ab. Zum Thema Köpfe finden wir nicht nur das übermalte Selbstbildnis von Arnulf Rainer, sondern auch Warhols Porträt von Joseph Beuys und die Bronze „Helmkopf“ von Henri Moore. Informel und Bauhaus vereinen sich in dem Gemälde der „Laterne auf Blau“ von Willi Baumeister und der Ode ans Quadrat von Josef Albers, der ein himmelblaues Quadrat von rostrotem, schwarzem und pertrol-grünem Rahmen einfassen lässt.

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Die Malerei des Gestischen findet sich nicht nur bei Ernst Wilhelm Nay, sondern auch bei Emil Schumacher, der eine tiefrote Landschaft mit schwarzen Vernarbungen schuf und dieses Werk „Libya“ nannte. Eigentlich würde man angesichts der Farbwahl eher auf Titel wie Arkansas und Utah mit deren bizarren Felsenlandschaften kommen, oder? Gestisch agierte auch Gerhard Hoehme, als sein aufsteigendes Blau entstand, ein ganz eigenes Wolkenbild, verwischten Farbwolken gleichend.

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Die Maler der Gruppe CoBrA sind auch in der Sammlung vertreten. Darunter sind Werke von Lucebert, Asgar Jorn und Constant, der uns in einer gewissen naiven Malweise seinen Sündenbock vorführt. Schließlich sei noch auf einige Gemälde der Maler der Brücke verwiesen, darunter Heckel und Kirchner. Heckel zeigt uns dabei eine Nacktbadeszene. Skandalös in den Tagen der Brücke, aber nicht mehr heute. © fdp

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Ausstellungsimpression u. a. mit Werken von Otto Gutfreund

Die Innenansichten des Kunstmuseums: : © Stadt Bochum / Lukas Fischer Die Bildrechte liegen bei den Künstlern, deren Rechtevertreter bzw. VG BildKunst Bonn 2020

Informationen
www.kunstmuseumbochum.de

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