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Ausstellungsorte in Bielefeld: Kunsthalle

Bielefeld
Kunsthalle

Bilder einer Sammlung bis 27. Januar 2019

Die Kunsthalle Bielefeld feiert im Jahr 2018 ihr 50jähriges Jubiläum. Am 27. September 1968 wurde das markante Gebäude des amerikanischen Architekten Philip Johnson eröffnet. Die aktuelle Ausstellung blickt auf die Geschichte der Kunsthalle und deren Direktoren zurück. Dabei eröffnet sie nur einen sehr ausgewählten Eindruck vom Konvolut, über das die Kunsthalle verfügt.

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Auffallend ist, dass nicht der White Cube als Ausstellungskonzept im Fokus steht, sondern die Ausstellungsgestalter mit Farben nicht geizen. In Altrosa, Feuerrot, Zitronengelb und tiefes Himmelsblau ist ein Teil der Innenwände der äußerlich als Trutzburg und Mausoleum erscheinenden Kunsthalle getaucht.

Auf Pop-Farben kommt es an

Amerikanische Kunst wie sie mit dem Werk von Frank Stella in der aktuellen Ausstellung das Foyer bespielt – dialogisch mit einer der letzten Arbeiten des bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen luxemburgischen Künstlers Michael Majerus – wurde vor allem von 1974 bis 1994 unter Ulrich Weiser erworben. Betritt man das Foyer, so erblickt man die oben genannten Werke. Beiden ist die Farbigkeit bei Formreduktion gemeinsam. Majerus wählte als Bildformat ein großes Dreiecksformat – das Dreieck ist rechtwinklig und gleichschenklig. Dieses Dreieck als Malgrund wurde mit diagonalen Streifungen gegliedert, ob nun in giftigem Gelbgrün oder grellem Pink. Auch Frank Stella traf aus einer ähnlichen Farbpalette eine Auswahl, um seine abstrakte Torbaugestaltung zu beleben. „Khurasan Gate I“ erinnert an das Reich der Abbasiden im heutigen Irak. Auch Design finden wir im Foyer. Aus Dreieckelementen und zwei trapezförmigen Elementen hat Konstantin Grcic seinen „chair one“ konstruiert. Der Stuhlsockel besteht aus Zement. Druckgussaluminium ist das Material für Lehne und Sitzfläche eines Stuhls, der nicht sehr bequem aussieht. Leider kann man als Besucher keine Sitzprobe machen.

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Abstraktionen von Gerhard Richter und …

Abstraktion schafft Gegenständlichkeit – so könnte man umreißen, was uns Gerhard Richter unter anderem mit „Kelch“ vor Augen führt. Aus geschickt angelegten und „abgekratzten“ Farbschichten in dunklen Farben schält sich ein Kelch heraus, mehr zufällig und nicht als gegenständliche Malerei zu begreifen. Es ist eher ein gelb-roter Raum, der sich von dem grau-schwarzen absetzt. Daneben erblicken wir Richters „Rakel-Gemälde“ namens „Kurs“, das an einen schlierigen „Vorhang“ erinnert, an „Strippenregen“ im Dauerguss. Sigmar Polke ist in der Sammlung mit „Negativwert“ vertreten, allerdings kein Gemälde, das wie sonst bei Polke in Bildpunkten aufgelöst ist. Mit grobem Pinselschlag wurden braune und violette Farbnuancen auf die Leinwand aufgetragen. Betrachtet man die Arbeit, so könnte man sich vorstellen, Polke habe hier eine malerische Umsetzung von Free Jazz oder Neuer Musik geschaffen, oder? Ähnlich gestisch im Duktus ist auch Emil Schumachers informelle Arbeit angelegt. Ist es eine Landschaft mit schwarzen Linien, die wir sehen? Sind da gar in hellem Ocker Fabelwesen in der Landschaft eingebunden?

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Die Moderne trifft die Gegenwart

Auguste Rodin, der Wegbereiter der modernen Bildhauerei, ist nicht nur mit dem „Denker“ – er steht vor dem kolossalen Kunsthallenbau – in der Sammlung vertreten, sondern auch mit dem für die „Höllenpforte“ konzipierten Kopf der Schauspielerin Elenore Duse. Sie steht sinnbildlich für Verzweiflung und Schmerz, schält sich gleichsam aus dem Material heraus, mit geschlossenen Augen, geneigtem Kopf und geöffnetem Mund. Bewusst scheint die Konfrontation mit Gegenwartskunst wie der Videoarbeit von Kanako Hayashi und „The Daughter of Time“ gesucht worden zu sein. Was sehen wir eigentlich in den bewegten Bildern: Beim Herumgehen um einen Baum wickelt eine Frau den Faden ihres Kleides auf, entkleidet sich gleichsam. „handy#2“ nennt sich ein Wertk von Esther Kläs: Ein bronzener Arm ist zu sehen und dazu eine Keramikscherbe, die in der Hand gehalten wird. Ist das eine Ironisierung des „Handykults“ unserer Tage?

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Gegenüberstellungen von klassischer Moderne und Moderne

Die klassische Moderne hat in der Sammlung selbstverständlich ihren Platz, so auch Edvard Munchs „Dorfstraße in Kragerø“. Die Figuren sind bei Munch eher „Typen“ ohne individuelle Gesichtszüge. Das gilt auch für den Mann im blauen Anzug und mit blauem Hut – eine Selbstdarstellung des norwegischen Malers, der sich in Kragerø niedergelassen hatte. Daneben ist ein Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker zu sehen, das gegenüber Munchs Farbigkeit eher blass wirkt. Auch von Jawlenskys Porträt einer Russin schwelgt in Farben, man möchte sagen in Farbflächenmalerei, die durch schwarze Konturen eingefasst wird. Das Groteske spiegelt sich in dem plastischen „Head IV“ von de Kooning wider, der gleichfalls Bestandteil der Sammlung ist.

Gründungsdirektor der heutigen, 1968 eröffneten Kunsthalle wurde Joachim Wolfgang von Moltke, dem es gelang, Schmidt-Rottluffs „Georgien in Vase“zu erwerben, ein Gemälde, das von den Nazis der entarteten Kunst zugerechnet und aus dem Bestand der Hamburger Kunsthalle entfernt wurde. Ein amerikanischer Sammler erwarb dieses Kunstwerk, das nach mehreren Stationen schließlich seinen Verbleib in Bielefeld fand. Gab es für die Kunsthalle Hamburg eine Kompensation? Wie ist es um die Provenienzforschung bestellt? Das sind Fragen, die beim Besuch der Schau offenbleiben.

beckmannEine der wenigen erhaltenen neusachlichen Arbeiten von Julius Bissier, nämlich sein Mädchenbild, ist gleichfalls aktuell zu sehen. Das neusachliche Frühwerk Bissiers ging bei einem Brand im Jahr 1934 fast vollständig verloren, sodass Bissier vor allem mit seinen abstrakten Arbeiten in Sammlungen vertreten ist. Maskenhaft erscheint Marlene Dumas‘ Kinderporträt. Man meint, man stehe einer gemalten Totenmaske gegenüber, wenn man „Helena‘s Dream“ betrachtet. Trifft hier Neue Sachlichkeit auf eine moderne Rezeption von Neuer Sachlichkeit?

Konzeptkunst oder?

Für überraschende Hingucker ist die Schau auch stets gut: Saâdane Afif präsentiert und ein Ready Made ganz im Sinne von Duchamps. Er stellt ein weißes Rennrad zur Schau, dessen einer Rahmenholm mit schwarzem, weißen und blauen Klebeband umwickelt ist. Soll das Kunst sein? Ohne Begleittext wüssten die Besucher nichts vom Bezug dieser Arbeit zu André Cadere, der als Konzeptkünstler mit Farbbändern umwickelten „Wanderstäben“ umherreiste, die er an bestimmten Orten hinterließ. Wandern beinhaltet den Moment der Langsamkeit. Afif transferiert diese in die Schnelligkeit unserer Zeit, daher auch das Rennrad als Symbol von Geschwindigkeit, mit der man Orte entdecken kann. Der Titel von Afifs Werk lautet schlicht: „Für André“!

Auch ein surrealer Pierrot im Bestand

Beim Rundgang begegnen wir den „Kopfständen“ von Baselitz und den beinahe apokalyptisch zu nennenden Arbeiten Kiefers wie „Waterloo“, ein geschichtsträchtiger Ort, den Kiefer allerdings nicht in Blutrot taucht, obgleich es auf diesem Schlachtfeld wahrlich ein Gemetzel gab. Warum verzichtet Kiefer auf diese Farbsetzung?

Im Fokus der Ausstellung steht auch das erste Bild, die Nummer eins im Sammlungsinventar, das Gemälde«Am Waldesrand» des Münchener Malers und Mitbegründers der Münchener Secession Ludwig Dill aus dem Jahr 1900. Dieses Bildwerk kam im Jahr 1905 nach Bielefeld. Das naturalistische Gemälde bildet einen schroffen Gegensatz zu der aufgeschlitzten Leinwand von Lucio Fontana oder dem spiralförmigen Nagelbild von Günther Uecker, die beide gestisch die Leinwand zerstören, um neue Dimensionen, nämlich das Räumliche, sichtbar zu machen.

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Peter August Böckstiegel

Die ersten Jahre der Bielefelder Kunstsammlung wurden von Dr. Heinrich Becker bestimmt, der als ehrenamtlicher Kustos tätig und mit dem Maler Peter August Böckstiegel befreundet war. Dem zeichnerischen Werk dieses westfälischen Malers ist ein gesamter „Saal“ gewidmet. Hier sind nicht nur Zeichnungen von Böckstiegels Eltern, die einfache Bauern waren und bei denen das entbehrungsreiche Leben tiefe Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen hat, zu sehen, sondern auch Porträts von Lydia Becker und eine Aktzeichnung von Hanna. Hervorzuheben sind besonders die sehr eindrücklichen Zeichnungen „Meine liebe gute Mutter“ und „Mein Elternhaus“.

Die Avantgarde: Farbe und Bewegung

Einige Werke von Sonia und Robert Delaunay beleuchten die französische Avantgarde, werfen einen Blick auf den Kontext von Form, Bewegung und Farbe, so auch bei Sonia Delaunays „Bal Bullier“. Fließende Formen greifen Bewegung auf, abstrakt und abstrahierend vom Figurativen. Dynamik wird zweidimensional gebunden. Die Rhythmisierung der Farben steht im Vordergrund des künstlerischen Schaffens in den 1950er Jahren, also nach einer Zeit, in der das Figurative propagandistisch missbraucht worden war. Das war einer der Beweggründe, dass sich bildende Künstler der Abstraktion verschrieben, nicht immer so farbenfroh wie bei Robert Delaunays „Rhythme sans fin“.

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Text © ferdinand dupuis-panther – Der Text ist nicht public commons!

Bildzeilen von oben nach unten

Frank Stella: Khurasan Gate I

Gerhard Richter: Kelch, 1981

Georg Baselitz, Ein Versperrter

Marlene Dumas: Helena's Dream

Max Beckmann: Italienische Fantasie

Anselm Kieffer: Urd Werdandi Skuld,1979/80

Georg Baselitz:Tablett mit drei Orangen,1982

Fotos: Ingo Bustorf / Philipp Ottendoerfer

Copyrights für die Gemälde bei den Künstlern, deren Rechtenachfolgern bzw. VG BildKunst Bonn 2018/2019

Informationen
Kunsthalle Bielefeld
https://www.kunsthalle-bielefeld.de

 

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