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Ausstellungsorte in Bielefeld: Kunsthalle / Hermann Stenner Kunstforum

Bielefeld
Hermann Stenner Kunstforum

Hermann Stenner und seine Zeit bis 10. Juni 2019

Während wegen umfangreicher Sanierungsmaßnahmen die Schließung der Kunsthalle Bielefeld bevorsteht, eröffnete nur wenige Schritte vom Skulpturenpark und der Kunsthalle entfernt ein neues Ausstellungshaus: das Kunstforum Hermann Stenner. Im Mittelpunkt der Eröffnungsausstellung steht der 1914 in den ersten Kriegsmonaten gefallene Künstler Hermann Stenner, der sich freiwillig zum Dienst für „Kaiser und Vaterland“ gemeldet hatte. Er stand am Anfang seiner Karriere und zugleich hatte er bereits ein beeindruckendes Werk hinterlassen. Neben ihm widmet sich die sehr sehenswerte Schau – zwölf ausgesuchte Exponate werden dem Besucher mittels App im Detail in Wort und Ton nahe gebracht – den Zeitgenossen Stenners und auch Stenners Lehrern wie Adolf Hölzel. Ohne die Sammlung Bunte wäre diese Ausstellung zur künstlerischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts nie zustande gekommen. Zu sehen ist nunmehr eine Ausstellung, die sich in zehn Themenblöcke gliedert, darunter auch das Thema Mystik und Religion.

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Ein Lebenswerk von fünf Jahren

Hermann Stenner, der nur 23 Jahre alt wurde, wird mit seinen frühen impressionistisch geprägten und den späteren expressionistisch angelegten Werken mit denen seiner westfälischen und süddeutschen Künstlerkollegen in einen Dialog gesetzt. So sind neben Arbeiten Stenners auch solche von Peter August Böckstiegel und Victor Tuxhorn, aber auch von Conrad Felixmüller, Ernst Sagewka, Wilhelm Schabbon, Heinz Lewerenz und Hermann Freudenau zu sehen, mal abgesehen von den Werken seiner Lehrer wie Hans von Hayek, Christian Landenberger und Adolf Hölzel.

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Eigentlich umfasst das malerische Lebenswerk Stenners nur fünf (!) Jahre und man fragt sich, was aus diesem Künstler noch hätte werden können, wäre er nicht so früh zu Tode gekommen. Von Bielefeld zog es ihn nach München und Dachau, schließlich zu Adolf Hölzel nach Stuttgart. Dabei ließ er sich durchaus von Hölzels Credo von Farbe, Form und Linie einnehmen. Willi Baumeister, der auch ein Hölzel-Schüler war, äußerte sich über Stenner mit folgenden Worten: „Alles war bei ihm voll Leben und Ausdruck allem Gelernten und Schematischen entgegengesetzt.“

Lichtregie und Komplementärfarben

Stenner verstand sich auf gekonnte Lichtregie und spielte mit Komplementärfarben. Farbliche Nuancierungen wie in „Damenbildnis mit Lilie“ sind bis heute bestechend. Dabei tauchte er die Dame in seinem Porträt in Tönungen von Petrolgrün bis Taubenblau. Taubenblau ist auch die gewählte Farbstufe für den ausgestellten Christuskopf mit rosa Wangen, hellblauer Gesichtsfarbe und sonnengelbem Strahlenkranz. Dessen rückwärtige Leinwand zeigt ein weiteres Damenbildnis in Blau. Religiöse Themen griff Stenner auch mit „Heilige von Engeln verehrt“ auf. Auch der heilige Sebastian, ein athletischer junger Mann mit nacktem durchgeformten Oberkörper und ohne die in seinen Köper eingedrungenen Pfeile, wie sonst in klassischen Darstellungen, gehört zum Opus Stenners. Sehr beeindruckend ist Stenners „Auferstehung“. Dabei ist nicht klar auszumachen, ob Christus im Fokus steht oder ein Engel. Die beiden kauernden Grabwächter haben Gesichtsformen und -züge, die an afrikanische Masken erinnern und teilweise auch an entsprechende Gestalten bei Pablo Picasso.

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Aber auch Landschaften und Stadtansichten finden sich bei Stenner, so das in Erdfarben getauchte „Meersburg“. Die gestufte Stadtkulisse unter feuerrotem Himmel ist wahrlich ein Hingucker. Sind da nicht auch Ansätze kristalliner Motivgestaltung vorhanden?

Beim Rundgang begegnen wir auch dem dandyhaften Hermann Stenner, der sich in einem Selbstbildnis in blauem Jacket skizzierte, Leicht arrogant erscheint Stenner in diesem Porträt. In gewisser Weise figurativ-abstrakt ist Stenners „Grüne Frau mit gelbem Hut“. Er scheint sich bei diesem Porträt obendrein der Geometrisierung des Bildinhalts verschrieben zu haben.

Impressionistische Frühwerke

Christian Landenberger hatte einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Stenners Frühwerk. Dazu gehören unter anderem „Wald mit Bach“ und „Boote an der Amper“ aus dem Jahr 1909. Welch ein Kontrast bildet dazu das farbflächig angelegte Gemälde „Dame mit Masken“, ganz fernab von James Ensors „Maskenbildern“ und eher in der Nähe zu Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff zu verorten, zumindest im Hinblick auf die Grellheit der Farbsetzungen.

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Tuxhorn und andere Zeitgenossen Stenners

Mit forschem Farbstrich gestaltete Victor Tuxhorn seine Landschaft mit Bäumen. Sehr dynamisch ist der Duktus des Gemäldes, sodass man noch den Wind durchs Laubdach der Bäume rauschen hören kann. Sehr nahe an Rohlfs‘ Soester Ansichten gestaltete Victor Tuxhorn seine Lüneburger Impression mit der Kirche St. Johannis, die er wie die beistehenden Häuser in Rot und Violett tauchte. Einen Blick wert sind auch Tuxhorns grafische Arbeiten, so der Farbholzschnitt von einem Pferdemarkt.

Expressionistisch ausgeführt wurde die Landschaft mit Kopfweiden, die Ernst Sagewka zu verdanken ist. Dass es nicht nur die Faszination des Licht des Südens gibt, sondern auch die des Nordens unterstreicht die Arbeit „Schnitter“, in den Gelbtönen van Goghs Feldern farblich sehr ähnlich. Eher gefühlten Farben verbunden ist Wilhelm Dietrich Schabbon in seiner Landschaftsdarstellung eines Feldes, durch das ein Mann schreitet.

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Westfälische Expressionisten

Diesen Künstlern widmet sich die Ausstellung in einem gesonderten Kapitel. Dabei darf dann auch der aus Soest stammende Eberhard Viegener und dessen 1919/20 entstandene Soester Stadtansicht nicht fehlen. Conrad Felixmüller ist zu nennen, der unter anderem eine Lithographie von seinem Malerkollegen Peter August Böckstiegel und Hanne, Felixmüllers Schwester, schuf. Von Böckstiegel zeigt man unter anderem ein Stillleben mit Pickelhaube und Äpfeln, die in ihrer Farbgestaltung und in ihrem Glanz an Cézannes Stillleben denken lassen.

Besonders gelungen sind die Porträts, in deren Mittelpunkt der Silberschmied und Juwelier Rudolf Feldmann steht. Neben den Originalschmuckstücken sieht man diese Pretiosen in den Porträts der Familie Feldmann, die von Conrad Felixmüller stammen.

Stenners Zeit im Hölzel-Kreis

So lautet ein weiterer Themenblock der Schau, die hier nur skizzenhaft wiedergegeben werden kann. Zu opulent ist sie gestaltet. Zu sehen sind in diesem Kontext unter anderem Ansichten von Monschau, die von Stenner, aber auch von Josef Eberz stammen. Auffällig ist dabei Stenners Aufschau mit „Fischaugenobjektiv“! Zu sehen sind aber auch Hölzels „Dachauer Moos“, ein Gemälde, das teilweise die unbemalte, grundierte Leinwand in den Fokus rückt. Stenner hingegen widmete sich einer Landschaft mit Rotkohl.

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Zum Hölzel-Kreis gehörten auch Oskar Schlemmer und Willi Baumeister, der einen Nachmittag im Schlossgarten mit expressiven Duktus auf der Leinwand festhielt.
Auch einen weiteren Lehrer Stenners an der Stuttgarter Akademie, Christian Landenberger, stellt die Schau vor und zeigt unter anderem das beinahe neoimpressionistisch gestaltete Gemälde „Badende Knaben am Seeufer“.

hl. Sebastian

Mit dem Thema „Mystik und Religion“ schließt die umfängliche Ausstellung. Hier sind Arbeiten zu sehen, die im Umkreis der Kölner Sonderbundausstellung von 1914 entstanden, so auch Stenners „Erschießung der Hl. Ursula“, aber auch Hans Spiegels eher kubistisch ausgerichtete „Vertreibung“.

Die Ausstellung ist eine Symphonie der Farben und Formen und sicherlich auch einen zweiten und dritten Besuch wert. Zudem darf man auf das weitere Ausstellungsprogramm gespannt sein. Die Eröffnungsschau macht neugierig, keine Frage.
Text © ferdinand dupuis-panther

Bildnachweise von oben nach unten

Kunstforum Hermann Stenner, Ansicht Eröffnungsausstellung "Hermann Stenner und seine Zeit" © Foto: deteringdesign

Hermann Stenner Skizze zu einem Selbstbildnis, 1912 Öl auf grober Sackleinwand 65 x 47 cm Sammlung Bunte © Foto: Margot Schmidt, Hamburg

Hermann Stenner Kaffeegarten am Ammersee, 1911 Öl auf Leinwand 51,5 x 69 cm Sammlung Bunte © Foto: Karlheinz Grünke, Hamburg

Hermann Stenner Rote Blumen in weißem Krug, 1911 Sammlung Bunte © Foto: Ingo Bustorf

Hermann Stenner Dame mit Masken, 1913 Öl auf Leinwand 81 x 93 cm Kunsthalle Bielefeld © Foto: Philipp Ottendörfer

Hermann Stenner Auferstehung, 1914 Öl auf Leinwand 167 x 163 cm Sammlung Bunte © Foto: Karlheinz Grünke, Hamburg

Hermann Stenner Heiliger Sebastian, 1911/12 Öl auf Leinwand 95,5 x 74 cm Sammlung Bunte © Foto: Ingo Bustorf

Informationen
Hermann Stenner Kunstforum
https://kunstforum-hermann-stenner.de

 

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