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Berlin
Medizinhistorisches Museum

Dauerausstellung
Dem Leben auf der Spur

Dauerausstellung
Dem Leben auf der Spur

Ohne Rudolf Virchow gäbe es die nunmehr öffentlich gezeigte Sammlung, vor allem die Vielzahl der ausgestellten Präparate, wohl nicht. Virchow war es, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts pathologisch-anatomische Präparate sammelte. Sie sollten nicht nur der Lehre dienen, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit, so wie heute auch, zugänglich sein. Über 20000 Präparate waren es schließlich, die bei der Eröffnung des neu eingerichteten Pathologischen Instituts zu sehen waren. Herzstück des heutigen Museums ist nach wie vor der Präparatensaal mit etwa 750 Exponaten, deren Herkunft nicht immer zweifelsfrei zu ermitteln ist. Neben dem Präparatensaal vermittelt der historische Krankensaal einen Einblick in ausgewählte Krankheitsbilder und deren Therapien. Die Geschichte der Charité kommt ebenso wenig zu kurz wie das Thema „Arzte im Nationalsozialismus“. Allerdings wünschte man sich beim letztgenannten Thema mehr Tiefgang im Hinblick auf Einzelbiografien von Tätern im weißen Kittel, darunter Max de Crinis.

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Vom Anatomischen Theater an Virchows Arbeitstisch
Foto: Thomas Bruns

Geschichte aufgeblättert

Beim Rundgang durch das Museum kann man auch einen Blick in die Hörsaalruine werfen, die Bestandteil des 1899 eröffneten Pathologischen Museums war. Hier fanden die Vorlesungen Virchows und seiner Nachfolger statt. Angeschlossen an den Hörsaal war ein Mikroskopiersaal mit rund 10000 Lehrschnitten für Studierende der Medizin. Neben Virchow begründeten Robert Koch, Otto Heubner, Ernst Bumm, Emil von Behring und Paul Ehrlich den Ruf der Charité. Dies kann man der ausführlichen „Zeitleiste“ zur Geschichte der Charité von den Anfängen als Pesthaus bis ins Jahr 2007 entnehmen. Zu den dunklen Seiten dieser Geschichte gehört auch die Entlassung von 145 Professoren und Dozenten aus politischen und „rassischen“ Gründen nach 1933, darunter Selmar Aschheim und Bernhard Zondek, die 1928 einen ersten Schwangerschaftstest entwickelt hatten. Zur Ärzteschaft der Charité gehörten der Psychiater Max de Crinis, der sich aktiv an der Ermordung seiner Patienten beteiligte, und der Rassenhygieniker Fritz Lenz. Auch dieser Mediziner war direkt in die „eugenischen Maßnahmen“ verstrickt. Vom aktiven Widerstand unter der Ärzteschaft gegen das Naziregime ist jedoch nur wenig bekannt, wie man einem Saaltext entnehmen kann.

Die Geschichte der Charité in DDR-Zeiten – u. a. die Wiederherstellung der roten Backsteinbauten 1960 und die Etablierung von 17 Kliniken – wird ebenso gestreift wie die Entwicklung vom Campus Virchow-Kliniken, vom Campus Buch und vom Campus Benjamin Franklin.

Es mutet ein wenig bizarr an, wenn man sich den Titel der Dauerausstellung vergegenwärtigt: „Dem Leben auf der Spur.“ Besucht man das Haus unweit des Berliner Hauptbahnhofs, so dreht sich doch alles um Krankheiten und um deren Behandlungen, oder?

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Krankheitsbilder mittels Wachsmoullagen dargestellt
Foto: Thomas Bruns

Erforschen der Körpermaschine

Schon früh begann man sich in der modernen Medizin für Reizzustände von Nerven und Muskeln zu interessieren und konstruierte jeweils Maschinen wie zum Beispiel einen Muskelschreiber, um derartige Erscheinungen empirisch zu untersuchen. Der von F. Sauerwald um 1860 entwickelte Apparat war in der Lage isolierte Muskeln „abzugreifen“ und über Schreibzeiger die jeweiligen Reizzustände aufzuzeichnen. Aufsteckbare Lautgewichte dienten hingegen dazu, akustische Reize auszulösen, die man anschließend maß. Emil du Bois-Reymond und Johann Georg Halske unternahmen ihrerseits Reizversuche an Nerven und Muskeln mit dem von ihnen konstruierten Schlitteninduktorium. Ein um 1910 entwickelter Handkraftmesser mit zwei beweglich gelagerten Bügeln diente dazu, den entstandenen Druck der zusammengepressten Hand und der daran beteiligten Muskeln zu erfassen. Für die empirischen Datenerhebungen in der Medizin hat man heute andere technische Möglichkeiten, dank sei MRT und CT – und auch das wird beim Rundgang dem Besucher vermittelt.

geburtshilfeGeburtshilfe, ein Aspekt der Dauerausstellung "Dem Leben auf der Spur", Foto. Thomas Bruns

Arsen als Heilmittel

Dass man sich in früheren Jahrzehnten nicht viele Gedanken um die Nebenwirkungen von Arzneien machte, wird deutlich, wenn man an Paul Ehrlichs Versuche mit Arsen erinnert wird. Ehrlich suchte nach einer Substanz, die das Bakterium im Körper der Kranken gezielt aufsuchte und auch in der Lage war, in Erreger einzudringen und diesen abzutöten. Seit 1910 setzte man u. a. gegen Syphilis Arsen als „Heilmittel“ ein, die Nebenwirkungen dieser Substanz dabei billigend in Kauf nehmend. 1929 wurde Arsen bei der Behandlung einer solchen Geschlechtskrankheit von Penicillin abgelöst, und gegen Infektionskrankheiten kamen ab 1939 Sulfonamide zum Einsatz. Neben Laborinstrumenten wie Glaskolben, Pipetten, Dosierlöffel und Rundkolben mit Destillierapparat veranschaulichen auch einige Verpackungen von Salvarsan das Thema „Arsen als Heilmittel“. Mit Bakterien befasste sich auch Robert Koch. Insbesondere die Erreger von Milzbrand, Tuberkulose und Wundinfektionen beschäftigten diesen renommierten Mediziner, dem in der Dauerausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Ein Durchbruch in der Medizin: die Strahlen des Herrn Röntgen

Heute genießen Patienten den technischen Fortschritt, sind bildgebende Verfahren aus der Diagnostik nicht mehr wegzudenken. Doch als Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die Vorteile von X-Strahlen „entdeckte“, war dies ein Quantensprung in der medizinischen Diagnostik. Allerdings mussten Strahlenschäden und Verbrennungen beim „Durchleuchten“ in Kauf genommen werden. Mit welchen einfachen Mitteln man sich noch 1950 gegen Strahlungen schützte, zeigen die Blei-Leder-Handschuhe, die Ärzte bei den Untersuchungen trugen.

Willige Helfer des Massenmords

Nach 1933 und insbesondere im Zuge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses beteiligten sich Mediziner an der systematischen Ermordung von Sinti, Roma, Psychiatriepatienten und anderer Bürger, die nicht in das Bild der Nazis passten. Auch an den etwa 350000 Zwangssterilisationen waren Mediziner beteiligt. Mediziner infizierten KZ-Häftlinge bewusst mit Fleckfieber oder sezierten wie der Pathologe Berthold Ostertag ein getötetes Kind. Dabei ließ er ich auch noch fotografieren ließ so, als wäre es kein Verbrechen, sondern ein ganz normaler Vorgang im Rahmen der Untersuchung post mortem. Nüchtern-bürokratisch wurde mit „unwertem Leben“ umgegangen, das belegen ein Versandschein für einen Kinderkopf und der von Dr. Mengele unterzeichnete Beleg für histologische Schnitte, die an ermordeten „Zigeunern“ aus dem Lager Auschwitz II vorgenommen wurden. O-Töne von Opfern von Zwangssterilisationen und Hinterbliebenen von „Euthanasie-Opfern“ gehen dem Besucher unter die Haut. Lange wurde geschwiegen und erst in den letzten vier Jahrzehnten erfolgte Stück für Stück eine Aufarbeitung dieses Kapitels der Geschichte des „SS-Staates“.

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Präparatensaal Foto: Thomas Bruns

Krankheiten und Entstellungen heilen

Verschiedene inszenierte Krankenlager mit Kranken wie Adam Heinrich L., der unter dem rechten Rippenbogen einen schmerzhaften Tumor hatte und entsprechend behandelt wurde, zeigen anschaulich Krankheitsbilder und Therapien. Was es mit der Behandlung von Grünem Star auf sich hatte und welche Rolle Albrecht von Graefe dabei spielte, ist eine weitere Station im historischen Krankensaal. Dass von Graefe für die Behandlung die Peripherie der Regenbogenhaut kleinteilig einschnitt und über ein Loch das Augenkammerwasser abfließen konnte, ist heute allerdings nur noch eine Fußnote der Medizingeschichte. Doch im 19. Jahrhundert profitierten davon jährlich 50000 Patienten.

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Inszenierung "Historischer Krankensaal" in der Dauerausstellung
"Dem Leben auf der Spur" Foto: Thomas Bruns

Der Vater von Albrecht von Graefe war in der plastischen Gesichtschirurgie tätig und beseitigte zahlreiche entstellende Gaumenspalten, wie der Besucher erfährt. Zwischen Schockbehandlung mit Insulin und Elektroschocks waren und sind in der Psychiatrie gang und gäbe. Antidepressiva kamen und kommen zum Einsatz. Doch mehr und mehr auch Psychotherapie und Beschäftigungstherapie, mit denen u.a. die Gabe von Haloperidol ersetzt wird. Ein Reizstromgerät, was der Besucher sieht, diente dazu Krampfanfälle auszulösen und zur elektrischen Entladung im Gehirn beizutragen. Ob das gegen seelische Leiden half, scheint mehr als fraglich.

Zur aktuellen Berichterstattung erreichte uns eine Mail vom Leiter des Museums, Dr. Thomas Schnalke, die wir nachstehenden veröffentlichen möchten: Unter der Überschrift "Arsen als Heilmittel" mag sich beim Leser der Eindruck einstellen, dass die Medizin tatsächlich mit Arsen therapiert hat. Tatsächlich handelte es sich um eine im Labor durch Paul Ehrlich stark modifizierte Arsenstruktur, die als Salvarsan (und später auch als Neosalvarsan) zum Einsatz kam. Richtig ist, dass die Hoffnung Ehrlichs, durch dieses Mittel eine Art "Zauberkugel" ohne Nebenwirkungen gefunden zu haben, nicht erfüllten. - Für die Präparate, wie wir aus der Zeit zwischen 1933 bis 1945 im Präparatesaal zeigen, haben wir anhand der vorhandenen Sektionsprotokolle die Herkunft geprüft. Sie stammen von Patienten, die in der Charité behandelt und verstorben sind und deren Leichnam sodann am Institut für Pathologie der Charité im Rahmen einer klinischen Sektion eröffnet worden. Sie stammen damit nicht von verfolgten Gruppen oder aus Dr. Mengeles Menschenversuchen in Auschwitz. Diesem Umstand trägt der in der Ausstellung angeführte Hinweis Rechnung: "Der zur damaligen Zeit am Institut für Pathologie der Charité übliche und dort auch während des Nationalsozialismus sowie in der DDR praktizierte Umgang mit Präparaten menschlicher Herkunft fußte nach gegenwärtigen Erkenntnissen nicht auf menschenverachtenden oder gar kriminellen Praktiken." Darin kann ich keine "halbherzige Erklärung" erkennen.

Die Eiserner Lunge als Überlebensgarantie

Der kleine Hans G, der im Dezember 1958 an einer Hirnhautentzündung erkrankte, überlebte wohl nur dank der Eisernen Lunge im Kaiserin-Augusta-Victoria-Krankenhaus. Eine solche Eiserne Lunge ist im sogenannten Krankensaal ebenso zu sehen wie das Krankenbett von Karl R., der sich zwei Splitter in die Hand eingefangen hatte und an einer Sepsis in Arm und Hand litt, als man ihn stationär aufnahm. Wir erfahren zudem von Moritz B. und dessen Tuberkulose, die mit Liegekuren an der frischen Luft kuriert wurde.

Rachitis, Gehirnhautentzündung und Zystenleber

Trocken- und Feuchtpräparate gibt es im Museum recht zahlreich zu sehen. Dabei sind die Präparate der menschlichen Anatomie zugeordnet, u. a. Präparate des Schädels, des Skeletts und des Gehirns. Zugleich beleuchten die Präparate auch bestimmte krankhafte Veränderungen wie Arthrose und Arthritis. Für zartbesaitete Gemüter ist der Besuch dieses Abschnitts des Museums nicht zu empfehlen. Kindern unter 16 Jahren ist der Zugang zum Museum auch in Begleitung von Eltern eh nicht gestattet. Und das ist auch gut so.

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Feuchtpräparate in der Schau "Dem Leben auf der Spur"

Zu sehen bekommt man einen bösartigen Tumor der Mundhöhle ebenso wie das Plastinat einer 12 kg schweren Zystenleber. Ein Becken mit Strahlenschäden nach der Behandlung eines bösartigen Scheidentumors und ein Knochentumor am rechten Schambein werden durch die entsprechenden Präparate sichtbar gemacht. Gleiches gilt für das Phänomen der Gehirnerweichung und für die eitrige Gehirnhautentzündung eines 10 Monate alten Jungen. Auch ein gutartiges Geschwulst der sogenannten Dura Mater – eine Erkrankung der äußersten harten Hirnhaut – kann man dank der gezeigten Präparate in Augenschein nehmen. Gleiches gilt für ein Astrozytom, der am häufigsten auftretende hirneigene Tumor.

Bei diesen Präparaten wünschte man sich für Nicht-Mediziner den Vergleich mit entsprechend nicht erkrankten Präparaten bzw. entsprechenden Organaufnahmen. Insbesondere bei den präparierten Föten mit Fehlbildungen wie Exenzephalie oder Anenzephalie wüsste man doch gerne, ob derartige Fehlbildungen auch heute noch auftreten. Wenn ja, welche Maßnahmen der pränatalen Medizin greifen heute? Müssen betroffene Schwangere derart missgebildete und zum Tode verurteilte Föten austragen?

Zum Schluss: In einem Saaltext „Zum Gedenken“ wird darauf hingewiesen, dass zwar die Einverständniserklärung der Verstorbenen zur öffentlichen Zurschaustellung von präparierten Organen in der Mehrzahl der Fälle nicht vorliegt, man aber ausschließen könne, dass derartige Organpräparate im Zuge krimineller Machenschaften in den Bestand des Museums gelangt sind. Das verwundert, bedenkt man, dass dieses Land eine Zeit kannte, als Menschenversuche an Sinti, Roma, seelisch und geistig Kranken legitimiert wurden. Ist also völlig auszuschließen, dass unter den Präparaten nicht auch solche sind, die das Resultat der Menschenversuche von Dr. Mengele sind? Ist man ganz sicher, dass kein Präparat im Zuge der Aktion T4 in die Sammlung gekommen ist? Es täte dem Museum gut, der Herkunft der Präparate akribischer auf den Grund zu gehen und es nicht nur bei einer eher halbherzig anmutenden Erklärung zu belassen. © fdp

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
http://www.bmm-charite.de/oeffnungszeiten.html

 

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