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Ausstellungsorte in Berlin: Bauhausarchiv / Berlinische Galerie / Deutsches Historisches Museum / Martin Gropius Bau / DDR-Museum / Museum der Dinge / Hamburger Bahnhof / Sammlung Scharf-Gerstenberg / Max-Liebermann-Villa / Medizinhistorisches Museum / Broehan-Museum / Kunsthaus Dahlem / Alliiertenmuseum

Berlin
Kunsthaus Dahlem


Neue/Alte Heimat. R/emigration von Künstlerinnen und Künstlern nach 1945
bis 17. Juni 2018

In der Ausstellung mit etwa 50 Werken werden unterschiedliche Gruppierungen von Künstlern beleuchtet: Emigrierte Künstlerinnen und Künstler, die nicht nach Deutschland zurückkehrten; Exilanten, deren Rezeption nach 1945 verhindert oder verzögert wurde, und willkommene Rückkehrer, deren Remigration gefördert wurde. Aber auch Künstlerinnen und Künstler, die sich in die innere Emigration begaben, werden gewürdigt. Die Künstlerinnen und Künstler, die mit Werken in der Ausstellung vertreten sind, sind: Jussuf Abbo, Theo Balden, Rudolf Belling, Erich Buchholz, Richard Engelmann, Paul Hamann, Eugen Hoffmann, Margarete Klopfleisch, Moissey Kogan, Will Lammert, Max Lingner, Emy Roeder, Peter Rosenbaum, Tisa von Schulenburg, Hugo Steiner-Prag und Christian Theunert.

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Die Ausstellung findet an einem historisch belasteten Ort statt, dem ehemaligen Atelierhaus des während des III. Reiches zu Ruhm und Ehre gekommenen Bildhauers Arno Breker. Die Werke, die nun zu sehen sind, stellen auch ästhetisch einen Kontrapunkt zu Brekers „arischen Herrenmenschen“ dar. Darüber hinaus beherbergt das nunmehr hier heimische Kunsthaus Dahlem auch eine umfängliche Sammlung von Werken Bernhard Heiligers wie seine überlebensgroße „Nike“. Zudem findet sich im Garten des Hauses eine Sammlung großformatiger Arbeiten für den Außenbereich, darunter auch intergalaktisch anmutende Objekte.

Der Ewige Jude und entartete Kunst

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Doch zurück zur eigentlichen Ausstellung. Sie ist insoweit auch bedeutsam, da Moissey Kogan, der nach Paris hat flüchten müssen und dort vollständig verarmtE, ehe er in ein Lager in Südfrankreich und dann nach Auschwitz deportiert wurde, in den 1920er JahreN freundschaftliche Beziehung zum „Nazi-Bildhauer“ Arno Breker unterhielt. Dieser porträtierte Kogan mehrfach. Kogan wurde, das hebt ein Text zur Biografie des Künstlers hervor, im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Nicht alle Künstler, deren Werke aktuell zu sehen sind, haben also das sogenannte III. Reich überlebt. Vielfach wurden ihre Werke in Gänze zerstört oder sie mussten ihre lebensgroßen Arbeiten aus Mangel an Lagerplatz selbst zerstören.

Ausstellungen wie „Der ewige Jude“ und „Entartete Kunst“ taten das ihre, um Arbeiten dieser Künstler des 20. Jahrhunderts zu diskreditieren und sie vergessen zu machen. Insoweit ist es zu begrüßen, dass der Fokus aktuell auf ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte gerichtet ist, der beinahe zu einem vollständigen Auslöschen eines wesentlichen Teils der Kunst der Moderne geführt hat. Angesichts des Vormarsches ähnlicher Gedankenwelten wie die der 1930er Jahre ist die Schau aus meiner Sicht auch Mahnung im Sinne von „Wehret den Anfängen“. Das mag nicht primäre Intention der Ausstellungsmacher gewesen sein, aber angesichts der jüngsten deutschen Geschichte, darf ein solcher Aspekt nicht völlig ausgeblendet werden.

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Aus dem Sichtfeld etwas herausgenommen steht auf einem hohen Sockel die Kopfbüste eines Afrikaners mit schmalem Gesicht, scharfer Kinnpartie und einem hohen Schädel. Jussuf Abbo, in Palästina als Sohn jüdischer Eltern geboren, ist diese Arbeit zu verdanken. Sie wurde aus Gips modelliert und farbig bemalt. Welchen Bezug hat Abbo zum Ausstellungsthema, wird der eine oder andere Besucher fragen. Hätte er nicht während seiner Tätigkeit als Steinmetz Otto Hoffmann in Jerusalem getroffen, so wäre er nicht nach Berlin-Charlottenburg und an die dortige Hochschule für Bildende Künste gekommen. Ein Stipendium ermöglichte dies. Fortan war Berlin Lebensmittelpunkt Abbos, der hier bei Cassirer und Flechtheim ausstellte. Nach 1933 waren der unterdessen staatenlose Abbo und dessen Partnerin Ruth Schulz antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Was blieb, war die Flucht der beiden nach Großbritannien. Dort musste sich Abbo bei anderen Künstlern verdingen, denn die finanziellen Mittel für ein eigenes Atelier hatte er nicht. Abbo durfte bei der erzwungenen Flucht weder eigene Werke mitnehmen noch seine Werkzeuge.

Nationalsozialistischer Bildersturm

Dass überhaupt einige seiner Werke den nationalsozialistischen Bildersturm überdauerten, scheint wie ein Wunder. So kann in der aktuellen Schau auch Abbos „Arbeiter mit Werkzeug“ gezeigt werden. Auffallend ist die Tektonik der Kleinskulptur, ein Mann, der einen Pickel über der Schulter trägt. Er hat nichts von einem Arbeiterheroen. Eher erscheint er verschlankt und fragil, anders als bei Constant Meunier, von Arno Breker und ähnlichen „Parteigängern“ ganz zu schweigen.

hamannMaterialmangel zwang Moissey Kogan dazu, sehr kleine Arbeiten zu fertigen. Dazu zählt auch die stehende nackte Figur, die ein wenig verloren erscheint. Zudem fällt ihre etwas gekünstelt erscheinende Körperhaltung auf. Kogan wurde in Bessarabien geboren und lebte ab 1903 in München. Van de Velde holte ihn als Lehrer an die Kunstgewerbeschule in Weimar. Bekannt wurde der Bildhauer durch vier Wandreliefs für Gropius‘ Fabrikgebäude auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung in Köln (1914) – davon gibt es leider in der Schau keine fotografischen Reproduktionen zu sehen.

Als entartet angesehen und ermordet

1937 bildete eine entscheidende Zäsur für die künstlerische Karriere Kogans: 40 seiner Arbeiten wurden beschlagnahmt. In Ausstellungen wie „Entartete Kunst“ wurden die Werke Kogans als Ausdruck krankhaften Wahnsinns dargestellt. Keine Frage, Kogan war in Deutschland nicht mehr sicher und floh daher nach Paris, wo er in verarmten Verhältnissen lebte, ehe er ins Lager Drancy und dann nach Auschwitz verschleppt wurde. Hier erwartete ihn die Gaskammer.

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Richard Engelmann war einer der Künstler, der als entartet angesehen wurde und der in der Folge Teile seiner Arbeiten selbst vernichten musste. Er war ein sogenannter „Judenchrist“: Er war evangelischer Christ mit jüdischen Wurzeln und kam aus der Nähe von Bayreuth. Seine „Schlafende“, die aus einem Block herausgeschält wurde, war auf der Sonderbundausstellung 1912 zu sehen. Zu seinen wichtigen Arbeiten gehören auch „Die Ruhende“ und „Die Trauernde“, die in ihrer Ikonografie an eine Mariendarstellung denken lässt. Engelmann entging zwar der Deportation, doch das Berufsverbot traf ihn ins Mark. Kirchzarten bei Freiburg wurde bis zu seinem Tod sein Rückzugsort. Über Engelmann hätte man gerne gewusst, ob er auch nach dem Ende des II. WK als Künstler an Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen konnte.

Für die Frauen von Ravensbrück

Von dem Hagener Künstler Will Lammert ist unter anderem eine Studie für ein Mahnmal für die Frauen des KZ Ravensbrück zu sehen. Lammerts Tod verhinderte, dass er sein Werk abschließen konnte. Dennoch ist auch die Studie sehr beeindruckend, auch wenn sie nicht lebensgroß angelegt wurde. Es scheint, als seinen Mütter und Kinder auf dem Appellplatz angetreten und erwarteten die Weisung des (Todes)Marsches. Mütter kümmern sich fürsorglich um ihren Nachwuchs, halten die Kinder umarmt. Das Elend steht allen ins Gesicht geschrieben. Beim Anblick eines Kopfbildnisses von Lammert meint man den Galeristen Herwarth Walden zu sehen. Doch das ist falsch, Lammert scheint eine ähnliche Formensprache wie William Wauer für seine Walden-Skulptur bei der Darstellung der Tänzerin Ruth Tobi gewählt zu haben, wenn auch weniger in Gänze einer kubistischen Sprache unterworfen. Kopfhaltung, Halspartie und Frisur beider Arbeiten ähneln sich jedoch sehr stark.

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Lammert, der lange auf seine Rücksiedlung aus der UdSSR in die DDR warten musste, kehrte 1951 voller Hoffnung in das andere Deutschland zurück. Doch die Desillusionierung erfolgte für das KPD-Mitglied auf den Fuß. Ähnliches gilt auch für Eugen Hoffmann, von dem unter anderem ein Kopfbildnis des Malers Otto Dix zu sehen ist. Er erfuhr in der DDR die Ächtung als Künstler, weil er einem sogenannten verwestlichten Stil nachhing, so der pauschale Vorwurf.

Eine Stürzende

Theo Balden, als Otto Koehler in Brasilien geboren, ist die eindrucksvolle „Stürzende“ zu verdanken, die Wilhelm Lehmbrucks „Gestürzten“ in der Ausdruckstiefe in nichts nachsteht. Balden hatte kurz am Weimarer Bauhaus studiert, war 1933 im Widerstand aktiv und wurde 1934 deswegen verhaftet. Mit gefälschtem Pass gelang Koehler alias Balden nach der Haftentlassung die Flucht nach Prag, ehe er sich infolge der Kriegsereignisse in Mitteleuropa nach Großbritannien absetzen musste.

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Ein im Ausdruck nicht stimmiger Häftling

Eine der beiden in der Schau vertretenen Künstlerinnen ist neben Emy Roeder Margarete Klopfleisch, deren Rückkehr nach Dresden sich mehr als kompliziert gestaltete. Stimmig erscheint ihre Holzfigur eines KZ-Häftlings nicht. Zu wohlgenährt schaut er aus. Ja, es ist ein Barfüßiger dargestellt, aber wer die Bilder aus dem Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ kennt, hat eine andere Vorstellung von Häftlingen in den Händen von SS-Schergen. Prag und Großbritannien waren die Stationen, die Klopfleisch erdulden musste. Hätte sie im Exil in Roland Penrose nicht einen Förderer gefunden, ihr Leben wäre in anderen Bahnen verlaufen. So aber konnte sie an der Universität Reading studieren und sich als Hausangestellte nebenbei Geld verdienen. Dass sie als „enemy alien“ auf der Isle of Man inhaftiert war, gehört zu ihrer Biografie ebenso dazu wie die Reise mit ihrer Tochter nach Dresden im Jahr 1960, also ein Jahr vor dem Mauerbau! Diese Reise nutzte Klopfleisch, um in der DDR zu bleiben. Hinfort arbeitete sie am Staatstheater Dresden.

Wirklich eine revolutionäre und avantgardistische Formensprache entwickelte Rudolf Belling, dem der Hamburger Bahnhof bis in den Herbst 2017 HINEIN eine Retrospektive gewidmet hatte. Zu sehen sind „Aufbruch, Kristalline Form“ (1962) und „Weiblicher Torso“ (1953). Ähnlich avantgardistisch erscheint obendrein Erich Buchholz‘ „Glasscheibenplastik“ (1957).

Aus dem Amt gedrängt

An der Person von Christian Theunert – und nicht nur an ihr – zeichnet die Ausstellung nach, dass und in welcher Weise die Diskriminierung während des sogenannten III. Reichs unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus eine, wenn auch anders gelagerte, Fortsetzung fand. Theunert, der am Institut für Kunsterziehung an Schulen in Potsdam unterrichtete, wurde Sabotage der Erziehungsbestrebungen der DDR unterstellt. Das war Grund genug, ihn kaltzustellen.

Als Schlosser, Bauer und Imker musste Theunert für seinen Lebensunterhalt während der NS-Zeit und nach seiner Entlassung in der DDR sorgen. Sein Werk war fast vollständig während der Herrschaft der Nationalsozialisten zerstört worden. Erst mit der Übersiedlung nach West-Berlin und der Überlassung eines Ateliers im heutigen Kunsthaus Dahlem konnte er wieder künstlerisch arbeiten.

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Zum Schluss

Man hätte sich hier und da einige O-Töne, wenn sie denn vorhanden sein sollten, gewünscht. Wie haben die Betroffenen ihre erste und ihre zweite Ausgrenzung erlebt? Welche Auswirkung hatte dies auf ihr Schaffen und die ausgewählten Motive? Gab es Künstler, die nach 1945 nicht mehr künstlerisch tätig waren? Wie viel Erbe ist noch von denen gesichert worden, die in Konzentrationslagern ermordet wurden? Hätte nicht auch Otto Freundlich in die Reihe derer gepasst, die aktuell mit einigen Arbeiten zu sehen sind? Dies sind nur einige Fragen, die beim Rundgang durch die sehenswerte Schau gestellt werden müssten. © ferdinand dupuis-panther

 

Bildnachweise von oben nach unten

ussuf Abbo Büste eines Schwarzen Mannes (1920er Jahre) Bust of a Black Man (1920s) Gips bemalt/ Painted PLaster, H: 28 cm Nachlass/ Estate Abbo, Brighton

Jussuf Abbo (Abbo_2) Büste/ Bust (1920er Jahre/ 1920s), Bronze, H: 23,5 cm Nachlass/ Esate Abbo, Brighton

Will Lammert Modell für Ravensbrück (2. Fassung), (1957) Model for Ravensbruck (2nd version) Posthumer Bronzeguss/ Posthumous cast, 2 parts Bronze, je/ each 39 x 29 x 80 cm Privatsammlung/ Private Collection Foto: Richard Kurc

Paul Hamann: Kleine Golferin (1940) Estate Paul Hamann, London Photo: Guy Harrop

Will Lammert, Halbfigur II (1957), Bronze, H: 51 cm, Foto: Richard Kurc, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Emy Roeder: Bildnis Erich Heckel (1951/52) Museum Kulturspeicher Würzburg

Christian Theunert, Sitzender Mann (1952), Bronze, H: 38 cm, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Margarete Klopfleisch-Grossner: Festessen der Emigranten (1936), Aquarell, 20,5 x 26,2 Sammlung Gerd Gruber
 

KUNSTHAUS DAHLEM
KÄUZCHENSTEIG 8
14195 BERLIN-DAHLEM
http://kunsthaus-dahlem.de/informationen/oeffnungszeiten/


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