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Berlin
Flughafen Tempelhof

Bernar Venet RETROSPEKTIVE, 60 JAHRE PERFORMANCE, BILDER UND SKULPTUREN, 1961—2021
bis 30.05.2022

Die aktuelle Präsentation ist die erste in einer Reihe von Ausstellungen, die in den nächsten zwei Jahren in der Kunsthalle Berlin – Flughafen Tempelhof – den beiden großen Hangarhallen 2 und 3 des Flughafens Tempelhof – gezeigt werden. Dabei darf hier angemerkt werden, dass der Ort abseitig liegt, fern von Museumsinsel und Kulturforum in Berlin-Tiergarten, den Hotspots für Kunst in der deutschen Hauptstadt. Man muss diesen Ort zunächst einmal finden. Das beinhaltet Laufarbeit über das weitläufige Gelände des ehemaligen Flughafens, zum Beispiel vom nächsten U-Bahnhof. Die bisher größte und umfangreichste Retrospektive des französischen Künstlers Bernar Venet weltweit umfasst sein gesamtes komplexes und breit gefächertes Schaffen als Bildhauer, Maler, Performancekünstler sowie als radikaler Konzeptkünstler. Die Schau versammelt über 150 Werke, die die kompromisslose, fast obsessive Herangehensweise des Künstlers widerspiegeln, seine Umwelt durch Kunst ständig neu zu gestalten. Beginnend mit Arbeiten aus seinem ersten Atelier zeichnet die Ausstellung Bernar Venets Werdegang und die Entstehung eines Werks nach, das sich bis heute selbst immer wieder in Frage stellt.

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Installation view of Cardboard Reliefs, 1963-1965 and Tubes, 1966 Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022 • Cardboard Reliefs, 1963-1965 Industrial paint on cardboard Dimensions vary • Tubes, 1966 Painted steel Dimensions vary

Der Ort des Geschehens hat einen morbiden Charme, ist ein wenig ruinös, zeigt noch Spuren des Kalten Kriegs, als in den Hangars Einzelbunker platziert waren. Der Ort ist auch unwirtlich. Ein einst existierendes Café war zum Zeitpunkt des Besuchs nicht mehr in Betrieb. Die Garderobe war vorhanden, aber ohne Mitarbeiter. Schließfächer gibt es nicht. Inmitten dieser Szenerie, die durchaus mit aufgegebener Industriearchitektur des Ruhreviers zu vergleichen ist, ist nun das Schaffen Venets zu finden.

Venet scheint den Ort überaus geeignet, um seine gigantischen Werke aus Corten-Stahl und seine großformatigen Gemälde auszustellen: „Ich fühle mich sehr geehrt, meine Werke im Flughafen Tempelhof ausstellen zu dürfen, diesem historischen Ort, dessen verschiedene Missionen meine Generation im Laufe der Jahre erlebt hat. In diesen beiden riesigen Hangars, die heute für die Präsentation von Kunstwerken umgewandelt worden sind, finde ich die Möglichkeit, alle Aspekte meines Werks zu zeigen und seine Vielfalt zu inszenieren, von meinen ersten hypothetischen Experimenten bis hin zu meinen jüngsten Gemälden und Skulpturen, die sich in diesem so präsenten und physischen Raum behaupten. Eine Herausforderung von einer Dimension, die ich in der Vergangenheit nie gekannt habe. Die Ausstellung ist eine Hommage an Deutschland, das mir als erstes Land im Jahr 1970 eine Einzelausstellung in einem Museum gewidmet hat.“ (Bernar Venet)

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Domino Collapse, 2021-2022 Cor-ten steel Site-specific dimensions Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Einen Teil seiner Arbeiten, deren Kanon begrenzt ist und sich im Kern auf offene Bögen und auf den Domino-Effekt beschränkt, sind dem einen oder anderen auch aus dem öffentlichen Raum bekannt. Übrigens die Begrenztheit des Kanons gilt auch für andere moderne Bildhauer, ob Richard Serra, Bernhard Heiliger oder Otto Hajek. Die Werke kreisen um einen Inhalt und sind wie in einer Suite der klassischen Musik im wesentlichen Variationen eines Themas. Das ist stimmig. Nur sollte man wissen, was einen erwartet, auch bei Venet erwartet.

Ähnlich wie Pierre Soulages hat sich Venet in seinem Frühwerk mit „Balkenformaten“ und der Farbe Schwarz befasst. Bei Venet entstanden die ersten Arbeiten nach einem Besuch in einer Teergrube. Den Eindruck reflektieren Werke wie „Black Mirror“ und „Macadam noir“. Monocromem Schwarz steht man gegenüber, teilweise glänzend und spiegelnd, somit auch den Raum in sich aufnehmend. Inmitten dieser Kunstwerke sieht man den Rest von Abraum, sorgsam aufgeschichtet. Land Art oder nicht? – das fragt sich der Betrachter.

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Installation View: BERNAR VENET. 1961 – 2021 | Kunsthalle Berlin – Flughafen Tempelhof.
Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn
©Bernar Venet, ADAGP 2022

Ähnlich wie bei Soulages stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass Venets Teerbilder, „Goudrons (Tar)“, Strukturen aufweisen, nicht einfach nur Leinwände oder andere Malgründe in Schwarz sind. Ganz deutlich wird das auch bei einer Collage mit Wellpappe, die in Teer getaucht wurde. Da ist die Form der Riffelung deutlich zu erkennen. Auf einem der Werke sieht man erhabene Strukturen. Sie scheinen aus zusammengepresstem Papier zu bestehen. Also klassisch monocrom ist anderes. „Industrial Paint on Cardboard“ gleicht durch die mittige, vertikale Freistellung von Farbauftrag einem Diptychon

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Installation View: BERNAR VENET. 1961 – 2021 | Kunsthalle Berlin – Flughafen Tempelhof. Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Gestisch und in situ entstanden sind drei Arbeiten, in der Schwarz nicht die Farbe der Wahl ist. Mittels eines Stahlkantstabes, der als Pendel fungiert, hat Venet Farbfächerungen auf die weiße Wand gebracht. Nicht der Spachtel, nicht das Rakel, sondern der Stahlstab wurde zum Malwerkzeug für großflächige Malerei. Dabei scheint auch das Prozessuale durch, auch wenn wir beim Rundgang durch den Hangar dem Endprodukt gegenübertreten.

Unbestimmte Linien beschäftigen Venet auch. Mal sind es sechs, mal vier und mal eine Linie, die im Mittelpunkt eines Werkkomplexes stehen. Es sind Linien aus Stahl, übereinandergelegt, dabei gegeneinander verschoben und aufrecht an die Wand gelehnt. Kreisförmig sind die Gebilde die wir sehen. Sie haben ewas Organisches und zugleich auch wieder nicht. Materiallager, aus dem Venet schöpft, oder Ergebnis einer Aktion, das fragt sich der Besucher angesichts der übereinander gestapelten, nach dem Zufallsprinzip gestapelten Corten-Stahlbögen: „Zusammenbruch: Bögen“ (im Original „Effondrement: Arces“) lautet der deutsche Titel des Werks, das aus dem Jahr 2022 stammt. Einige der Werke, die in Gruppen als Ensemble präsentiert werden, erscheinen wie Tunnelsegmente, wie der Ausbau von Schachtanlagen unter Tage.

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Bernar Venet GRIB 4, 2012 Torch-cut steel with patina 252 x 271 x 3.5cm Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Mit hohem Aufwand werden derartige Bogensegmente aufgerichtet, um dann mittels Gabelstapler zu Fall gebracht zu werden. Es ist Organisation, Desorganisation, aber auch Desintegration, gebündelt in Aktionen. 30 Tonnen Cortenstahl werden bewegt, zu Fall gebracht wie in einem Riesendomino ohne Dominosteine. Ein Video lässt den Besucher an einer Aktion teilnehmen. Kommentiertend hören wir dazu den Künstler. Dass es nicht Stahlbögen bedarf, um den Domino-Effekt zu belegen, zeigen die aufgerichteten Stahlstangen, die Venet in einer anderen Aktion mittels Muskelkraft zum Stürzen bringt: „Accidents“ ist der Titel des Werks, das auch im Flughafenhangar zu sehen ist, nebst Video von der entsprechenden Aktion.

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Installation view Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Zu sehen sind aber auch Formen, die an Baumscheiben von riesenhaften Kauri erinnern: „Indeterminate Surface“. Geschaffen wurde die Arbeit aus gewachstem Stahl und dank eines besonderen Schneideverfahrens. Wie ein Graffiti-Tag nur in Stahl wirkt „GRIB1“. Beinahe vegetabil mutet „Continuous Curve“ an. Ein an die Wand gelehntes, spiralförmiges Gebilde, eher flächig als dreidimensional erhielt von Venet den Titel „GRIB3“ (2012). Es finden sich in der Ausstellung gestapelte Spiralformen, aber auch „Two Indeterminate Surfaces“. Diese Arbeit lässt an einen geologischen Schichtenschnitt denken. Hat hier Venet das Thema Steinbruch vielleicht gebündelt?

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Installation view, Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Formelwerke zieren Gemälde von Venet, die gleichfalls ausgestellt sind. Auch ein Gemälde mit Audiodateien auf hellblauem Grund ist Teil der Präsentation. Allerdings lassen diese Arbeiten den Betrachter doch eher ratlos zurück. Sind es fiktive oder vorhandene Formeln? Sind die Graphen von Geräuschen konstruiert? Da sind doch die Arbeiten aus Stahl eher fassbar, auch die beiden ineinander geschobenen Winkel von 40,3 Grad, oder? Dass Stahl nicht der einzige Werkstoff ist, auf den Venet baut, unterstreicht eine Arbeit aus Grafit auf Holz, das „vernetzte“ Bögen zeigt, die wie Teile eines Schneckengehäuses erscheinen.

© ferdinand dupuis-panther

Kunsthalle Berlin - Flughafen Tempelhof Hangar 2 (Eingang) und 3 Columbiadamm 10, 12101 Berlin

www.stiftungkunst.de

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