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Berlin
Deutsches Historisches Museum
Ausstellungshalle von I.M. Pei


Deutsche Geschichte vom frühen Mittelalter bis...
laufend
Fotos/Copyrights: DHM

Deutsche Geschichte vom ...

Mehr als 8 000 historische Exponate berichten von Menschen, Ereignissen, Ideen und Abläufen während rund 2 000 Jahren deutscher Vergangenheit, vom 1. Jahrhundert vor Christus bis in die Gegenwart. Angesichts dieses Konvoluts von Exponaten haben wir uns entschlossen, die Dauerausstellungen in einzelnen Zeitabschnitten nach und nach vorzustellen. Dabei soll auch untersucht werden, ob die hoch gesteckten Ziele des Museums erfüllt werden und aufgeworfenen Fragestellungen wie »Deutschland – Wo liegt es?«, »* Die Deutschen – Was hielt sie zusammen?« oder » Wer herrschte, wer gehorchte, wer leistete Widerstand?« schlüssig und ansprechend beantwortet werden. Schließlich soll, so das Konzept, auch den Fragen nachgegangen werden: » Was führt zum Krieg, wie macht man Frieden?« und « Wie verstehen die Deutschen sich selbst?«.


Adlerfibel, westgotisch, 500/600 n.Chr.

Der Gang durch die deutsche Geschichte vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis in die Gegenwart stellt eine Herausforderung dar, der man sich m. E. Schritt für Schritt stellen sollte. Daher soll in diesem Beitrag zunächst nur auf die Zeit bis 1500 eingegangen werden, also auf die Zeit der Kelten und Römer, von Karl dem Großen, der Kreuzzüge, der ständischen Gesellschaftsordnung, in der Kirche und Adel die Geschicke des Alltags bestimmten. Infosäulen nehmen Text- und Kartenmaterial auf und sind als Überblick über die jeweiligen Kapitel gedacht. Zusätzliche Vitrinentexte sind hilfreiche Ergänzungen. Allerdings sind Erläuterungstexte zu den Exponaten teilweise in Bodennähe platziert worden, so dass ein Lesen zumindest Bückhaltung verlangt. Audiovisuelle Medien stehen gleichfalls als Informationsquelle zur Verfügung. Ein eigener Raum ist der medialen Präsentation von historischen Schriften wie dem Sachsenspiegel oder der Bamberger Apokalypse vorbehalten. Saaltexte mit Zitaten aus der Germania von Tacitus beleben beispielsweise die wenig animierend ausgefallene Vitrinenschau. Sinnlich ansprechende Inszenierung wird man beim Besuch des nachstehend dargestellten Geschichtskapitels vermissen. Auffallend sind die zahlreichen Leihgaben wie beispielsweise aus Kalkriese, dem Ort der Varusschlacht. Das wirft die Frage auf, was dann am historischen Ort präsentiert wird, zumal wenn die Fundlage begrenzt ist. Und dies ist bei der Varusschlacht bezüglich spektakulärer Funde der Fall. In diesem Kontext ist die Gesichtsmaske eines römischen Helms zu nennen, die in Berlin als Leihgabe gezeigt wird.

Vielfach sind Vitrinen auch leer geblieben, ohne dass dem Besucher dafür eine Erklärung gegeben wird. Völlig unsinnig erscheint mir die Präsentation von Exponaten in Bodennähe oder Überkopfhöhe, wie dies bei den beiden Regalwänden der Fall ist, die sich mit Kelten und Römern befassen. Bei derartiger Ausstellungsarchitektur fragt man sich, ob die Macher des Deutschen Historischen Museum mit Ignoranz geschlagen sind. Ein Besuch im Westfälischen Archäologiemuseum in Herne oder im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart zeigt, wie man in ansprechender Weise Geschichte vermitteln kann. Zum einen kann dies in Form einer archäologischen Inszenierung geschehen, die den Besucher in die Rolle des Ausgräbers schlüpfen lässt, der durch Grabungsstrecken läuft, zum anderen, indem mit Rauminszenierung auch ein sinnlicher Eindruck von Geschichte ermöglicht wird. Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg bewegt man sich beispielsweise auf sprichwörtlich schwankendem Boden, wenn man die Zeit von 1848 durchschreitet. Die Chronik regionaler Industriebetriebe wird dank eines Hochregals mit vertikal verschiebbarem Monitor erlebbar, die die jeweiligen Produkte und die Firmengeschichte vor das Auge des Betrachters rücken.

Der Text der Infosäule zum Zeitraum 100 vor bis 500 nach Christus befasst sich u. a. mit dem Limes – das dieser UNESCO-Weltkulturerbe ist, bleibt unerwähnt – und dem Verhältnis von Germanen und Römern. Außer einer kartografischen Aufbereitung jener Epoche findet man nicht etwa ein Modell des Limes oder gar eine Teilrekonstruktion eines Limesabschnitt. Betrachtet man die Karte der geopolitischen Lage in der Zeit des Römischen Reiches bis zur Absetzung des letzten römischen Kaisers 476 – dessen Name bleibt im Säulentext ungenannt (!) – dann muss man schon Adleraugen haben, will man die am Kopf der Karte platzierte Legende lesen. Und dies geschieht, obgleich am unteren Kartenrand genug Platz für die Legende gewesen wäre. Eingelassen in die erste sich dem Betrachter aufdrängende Infosäule sind einige Münzen, deren Bildprägung man erahnen, aber nicht gut erkennen kann. Sind Lupen und Vergrößerungsgläser zu kostspielig gewesen, um hier wie auch an anderen Vitrinen die gezeigten Münzen für jedermann besser sichtbar zu machen?

Auf einer Zeitleiste erfährt der Besucher die Namen und die Regentschaftszeiten römischer Imperatoren von Octavian bis Romulus Augustus. Doch wozu dient diese Auflistung historischer Personen? Und: Was sagen uns die Daten?

Neben kleineren Exponaten, die man in Vitrinen verbannt hat, kann man im Haus auch größere Exponate wie ein römisches Fußbodenmosaik mit Tierdarstellungen, die in Zopfbänder eingefasst sind, bestaunen. Warum jedoch hat man nicht ein großes Modell einer römischen Villa beschafft, das auch Schnitte durch eine derartige Anlage erlaubt. Nur so wäre nachzuvollziehen, in welchen Räumen Mosaike zur Raumausstattung gehören. Verloren steht man einem Meilenstein aus der Zeit Caracallas gegenüber, der die Länge zur nächsten Provinzstadt markierte. Knochenfunde und die bereits oben genannte Gesichtsmaske aus Kalkreise stehen für die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Germanen und Römern.

Mit authentischen Steinblöcken wurde das Tor von Phoebiana rekonstruiert. Doch das Tor ist in der Ausstellung nicht als Zugang zu einem besonderen Kapitel der germanisch-römischen Geschichte eingesetzt worden. Wenigstens in einer Power-Point-Präsentation kann man sich Informationen über das Thema Kastelle und Römerstädte aneignen.

Links und rechts des aus Trier stammenden, oben genannten Bodenmosaiks wurden verglaste Hochregale aufgebaut. Man findet darin eine Schnellwaage aus Köln, eine Amphore aus Trier, einen Nuppenbecher als typische römische Glasware und eine Handmühle zum Mahlen von Getreide. Mit diesen und anderen Exponaten ist das Thema römische Stadtkultur abgehandelt.

Die Kelten bringt uns das Deutsche Historische Museum u. a. mit der Präsentation eines Tüpfelbechers für die Münzprägung, von Münzen in Kleinstformat und Grabbeigaben aus einem Männergrab aus Manching näher. Schildbuckel, Schwert und Scheide wurde dem Mann für seine Jenseitsreise beigegeben.

Die Vermischung römischer und germanischer Kultur verdeutlicht man im Museum u. a. mittels eines römischen Bronzeeimers, der den Germanen als Trinkgeschirr, aber auch als Graburne diente. Dieser Eimer stammt wie auch Fibeln, Lanzenspitzen und eine Bartschere aus einem Hermunderengrab aus Fichtenberg (Elbe). Der ausgestellte Kupferbuckelschild hingegen wurde in Andernach geborgen.

Nachfolgend befasst sich die Dauerausstellung mit dem Thema Frankenreich. Dabei widmet man sich auch der Christianisierung durch die Missionare Pirmin, Kilian oder Bonifatius. Zentralfigur des Abschnitts ist Karl der Große, dessen Kaiserpfalz in Aachen dank einer CAD-Präsentation in Berlin zu sehen ist.


Albrecht Dürer: Kaiser Karl der Große, Gemälde, 1514

Die Epoche 500 bis 900 ist die Zeit der Ausdehnung Frankens bis nach Italien – man denke an die Einverleibung der Lombardei ebenso wie der Romagna. Aug’ in Aug’ steht man Karl dem Großen gegenüber, nähert man sich dem Standbild dieses Frankenkaisers, das aus der Klosterkirche St. Johannes in Müstair (Schweiz) stammt. Albrecht Dürer schuf ein Idealbild nicht nur dieses Kaisers, sondern auch von Heinrich von Luxemburg, der als Kaiser die Kronjuwelen nach Nürnberg schaffen ließ. Dort erfuhren sie gleichsam wie Reliquien eine besondere Verehrung durch die Untertanen des Kaisers.

Wer in die Alltagskultur des Mittelalters eintauchen will, der sollte die Hörstation nutzen, die der Geschichte der deutschen Sprache gewidmet ist. Verse der Kölner Stadtchronik werden ebenso vorgelesen wie Passagen aus dem Arzneibuch von Ortolf von Baierland. Kein Funke springt über, wenn man vor der Vitrine zum Thema »Haus und Hof« steht und strohgemengten Lehm mit Rundholz, eine Schüsselscherbe und einen Hohlziegel erblickt. Auch der Kugeltopf mit Sieblöchern und eine Bügelschere erscheinen nur als stumme Zeugen der Vergangenheit. Repros eines Gemäldezyklus der vier Jahreszeiten müssen genügen, um anschaulich vom mittelalterlichen Landleben zu erfahren.

Thematisiert wird die Wahl des Königs als oberster weltlicher Herr und die Rolle der kirchlichen Würdenträger in der Gesellschaft. Überaus kurz geraten ist das Kapitel Kreuzzüge, dem man eine schmale Vitrine mit drei Objekten eingeräumt hat. Dass die Kreuzzüge oftmals auch Judenpogrome bedeuteten, wird nur mit einem (!) Satz erwähnt. Unter den ausgestellten Objekten steht das Reliquienkreuz mit der Darstellung des heiligen Stephanus für diesen Zeitabschnitt des Mittelalters. Bedenkt man, dass man sich erst in Oldenburg und dann in Mannheim in einer eigenständigen Ausstellung mit Saladin und den Kreuzfahrern befasst hat, dann ist die in Berlin präsentierte stenografische Erwähnung der Kreuzzüge eine Zumutung für den an Geschichte interessierten Besucher.


Pikenierharnisch, um 1600

Die Welt der Ritter wird nicht nur anhand der Entwicklung des Baus von Burgen, sondern auch medial durch die Präsentation von Burgen zwischen Auersberg und Wimpfen vermittelt. Wie in einem Zeughaus zeigt man Helme, Rüstungen und Waffen. Man staune, ein nachgefertigtes Kettenhemd darf der Besucher auch in die Hand nehmen, um zu begreifen, wie schwer ein solcher Körperschutz war: 10 bis 13 Kilo. Zur Ausrüstung des Ritters gehörte der Schaller, ein »spitzschnabliger« Helm, ebenso wie der Streithammer als Nahkampfwaffe. Zur höfischen Kultur zählten Prunksattel, Armbrust und Olifant aus Elfenbein. Ein Reiter mit Feld- und Rossharnisch ist d e r Blickfang zum Thema Ritter. Doch warum hört man keinen Minnegesang?

Einzige Inszenierung in diesem Abschnitt der Dauerausstellung ist die zum Thema Wohnkultur. Hier hat man einen Raum mit Lavabo, Trippen, Holzschale, Büfettschrank, eiserner Uhr und aufgeschlagener Schedelscher Weltchronik auf einer Rollentruhe ausgestattet. Mit den Themen Buchdruck sowie die Kirche als Lebensform beschließt man die Zeit bis 1500.

Ich vermisse eine deutliche Lenkung der Besucher durch den Parcours zum Beispiel mittels farblicher Absetzung der Einzelthemen oder ein durch Piktogramme nachvollziehbares Wegesystem. Bereits der Beginn der Dauerausstellung scheint mir fragmentarisch, mal abgesehen von der mangelnden sinnlichen Erlebbarkeit. Und die Frage bleibt: Wird sich das aus meiner Sicht mangelhafte Konzept durch alle Epochen hindurch wiederfinden lassen? Die Beantwortung dieser Frage ist der weiteren Berichterstattung überlassen. © fdp / Fotos/Copyrights: DHM

Historisches Museum'
https://www.dhm.de/

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