DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ausstellungsorte in Berlin Deutsches Historisches Museum / DDR-Museum / Museum der Dinge / Medizinhistorisches Museum / Topographie des Terrors / Berlinische Galerie

Berlin
Berlkinische Galerie

original bauhaus
bis 27. Januar 2020

Das Bauhaus bestand in Deutschland nur 14 Jahre, seine Ideen werden jedoch seit 100 Jahren weitergetragen, seine Produkte neu aufgelegt, imitiert oder weiterentwickelt. Anlässlich des 100. Gründungsjubiläums des Bauhauses zeigt die Ausstellung des Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in der Berlinischen Galerie über 1.000 berühmte, bekannte und vergessene Bauhaus-Originale und erzählt die Geschichte hinter den Objekten. Zu sehen sind Kunst und Design aus den Beständen des Bauhaus-Archivs, besondere Leihgaben aus internationalen Sammlungen und künstlerische Positionen, die das Bauhaus-Erbe neu betrachten.

breuer
Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer (um 1926), foto © fdpphotos 2019

Schon bei der Angabe der 1000 Exponate muss man aufhorchen. Welch eine Reizflut wird da wohl auf den Ausstellungsbesucher einwirken, fragte man sich im Vorwege, auch wenn ausgehend von 14 Schlüsselobjekten 14 Fallgeschichten erzählt werden sollten. Doch wirklich visuell auffallend wurden diese Geschichten nicht. Eher herrschte Fülle vor, hatte man beim Besuch den Eindruck; zugleich drängte sich auch der Eindruck auf, die Berlinische Galerie wolle das Bauhausarchiv ersetzen, das zurzeit wegen Umbau und Erweiterungsbau geschlossen ist. Wie im Bauhausarchiv in der Vergangenheit war die Nachfrage und somit der Andrang der Besucher auch in der Berlinischen Galerie sehr groß und das bei der Kleinschaligkeit verschachtelter Räume, die man per Ausstellungsarchitektur geschaffen hat. Nur im Treppenhaus atmete die Ausstellung Luftigkeit, auch wenn insbesondere die Medienplätze sehr begehrt waren. Bei ihnen ging es um die Frage, wie ein Vorkurs wohl heute ausschauen würde, dabei die moderne Medientechnik nutzend.

bauhaustreppe
Ausstellungsansicht "original bauhaus", Installation von Renate Buser,
Foto: Catrin Schmitt

Fragestellungen, die untergingen

Untergingen bei der Präsentation die wichtigen Fragen wie „Wie wurde die Sitzende im Stahlrohrsessel zur berühmtesten Unbekannten des Bauhauses?“ oder „Hat das Haus Am Horn in Weimar einen heimlichen Zwilling?“ oder „Wieso blieb Marianne Brandts Tee-Extraktkännchen, als Prototyp für die Industrie geschaffen, immer Unikat?“ Um diese Fragestellungen zu untermauern, hätten man farbige Ausstellungsinseln schaffen müssen, auch und gerade um die zeitgenössischen Interventionen sichtbarer zu machen, als das geschehen ist. Es ist ja durchaus der Bauhausidee zuträglich, wenn beispielsweise Anna Henckel-Donnersmarck das Haus Am Horn und seinen ungleichen Zwilling, das Landhaus Ilse, in einer Video-Installation vergleicht. Veronika Kellndorfer transferiert Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon ins Glas. Doch wenn es dazu keine visuellen Fingerzeige gibt, dann gehen diese Interventionen im überbordenden Konvolut der Ausstellungsstücke unter.

breuer-freischwinger
Stahlrohr-Armlehnsessel, Entwurf (1925) von Marcel Breuer,
Bauhaus-Archiv Berlin, Foto: Fotostudio Bartsch

Das Bauhaus diente nur den Meistern und nicht den Schülern

Was gleich zu Beginn durch Interviews mit Schülern des Bauhauses als Zeitzeugen deutlich herausgearbeitet wird, ist der Tatbestand, dass sich der Alltag im Bauhaus sehr häufig um die Meister und deren künstlerisches Schaffen drehte, ob Marcel Breuer oder Oskar Schlemmer. Vielfach wurden die Schüler zu Hilfskräften degradiert. Das postulierte Verhältnis auf Augenhöhe zwischen Meistern und Schülern scheint ein Ammenmärchen zu sein. Auch die Frage der revolutionären Ideen und Ansätze wird von einer Bauhausschülerin sehr negativ gesehen. Man sei, so sinngemäß, nur auf der Welle des Zeitgeistes geschwommen und habe wenig vorangetrieben. Sinngemäß sagt Ellen Auerbach, die nach Palästina emigrieren musste, dass man den Leuten nichts Neues gezeigt hätte, wenn nicht die Zeit für Neues dagewesen wäre. Zwischen den O-Tönen kann man Experimentalfilme von Walter Ruttmann anschauen, so „Opus IV“ von 1925.

repros Vorkurs
Ausstellungsinstallation zum Thema Vorkurs: Reproduktionen von histroischen Vorkursarbeiten foto © fdpphotos 2019

Menschenfeindlicher Purismus oder?

Dieses negative Bild des Bauhauses deckt sich mit aktuellen Äußerungen von Architekten und Designer, die teilweise das Bauhaus als menschenfeindlich und kalt charakterisieren. Das Bauhaus war, so eine andere Äußerung, Pflichtprogramm in der Oberstufe. Begeisterung klingt anders! Purismus und Ganzheitlichkeit sind weitere Begriffe, die in den aufgezeichneten Interviews fallen. Von zeitlosen Entwürfen ist bezüglich des Bauhauses die Rede. Leider konnten vom Berichterstattung diese Äußerung nicht spezifischen Personen zugeordnet werden, denn die Videowand „7xbauhaus“ war beim Besuch defekt, sodass es nur den Ton der Aufzeichnungen zu erleben gab.

Wieso im großen Treppenhaussaal der Berlinischen Galerie das Thema „Familienähnlichkeit“ mit Schlemmer berühmter Bauhaustreppe vorgestellt wird, ist nicht wirklich nachzuvollziehen. Neben Oskar Schlemmers Skizze von Menschen im Treppenhaus ist auch das Gemälde seines Bruders Carl mit dem entsprechenden Sujet zu sehen. Auch Delia Keller hat sich Schlemmers Arbeit zum Vorbild für ihre Version in C-Print genommen.

Unsere Werkstätten sind eher Laboratorien als Ateliers, Studien- oder Vorlesungsraum. J. Albers

Vorkurse heute und gestern

Dass mit dem Vorkurs revisited und mit klassischen Vorkursarbeiten aufgemacht wird, ist nachzuvollziehen. Jeder Bauhausschüler besuchte derartige Kurse bei Johannes Itten oder Josef Albers. Jeder Besucher kann sich an Fotogrammen versuchen. Entsprechende Materialien liegen bereit, ob nun Tuch, Stäbchen, Gaze und Kordeln. Auf Augenmaß kommt es an, einen richtigen Kreis, eine Fläche von 10 qcm und das Spiegelbild eines geometrischen Körpers, der vorgegeben wird, mit dem Finger auf eine „Projektionsfläche“ zu bannen. Ob und wie man einen gleichförmigen Verlauf von Hell nach Dunkel auf einer „Farbskala“ erzeugen kann, ist eine weitere Aufgabenstellung.

vorkurs2
Takehiko Mizutani: Reproduktion einer eigenen Arbeit aus dem Unterricht Josef Albers (1927), 1938-1967, foto © fdpphotos 2019

Bei den „historischen Vorkursarbeiten“ ist unter anderem eine Studie aus feinem Drahtgeflecht zu sehen, aber auch Papierfaltarbeiten, die in Blech übertragen wurden, dank an Studierende an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Zu sehen sind aber auch Materialstudien von Takehiko Mizutani aus Messingscheiben, die aufgeschnitten und gewellt wurden. Solche und andere Arbeiten spiegeln den Unterricht von Josef Albers wider, der einer der Vorkursmeister am Bauhaus war. Gleichgewichtsstudien sind obendrein zu sehen. Sie wurden an der Hochschule für Gestaltung Ulm in den 1960er Jahren ganz im Geist von Moholy-Nagy geschaffen. Teilweise erscheinen uns diese Vorkursarbeiten heute als kleine Kunstwerke, obgleich sie als Studienobjekte angelegt wurden. Das gilt auch für Arieh Sharons Studie in Karton von 1926, die in einer Rekonstruktion in Kupfer ausgestellt ist, und für eine Holzarbeit von Roman Clemens. Farbübungen und Tierzeichnungen als Übungen reihen sich aneinander. Auch skizzierter Eiskunstlauf auf Papier wird gezeigt.

Bildung beginnt mit Entdeckungen. J. Albers

Welche Rolle DADA zur Zeit des Bauhauses spielte, untersucht die Ausstellung unter anderem anhand von Hanah Höchs Collagen und Montage. Diese werden zum Beispiel mit Herbert Bayers fotografischer Collage eines Selbstbildnisses konfrontiert. Irene Hoffmann steuerte zum Thema Collage und Montage ihre von einer Frau mit Teewagen und Freischwinger bei.

junggesellenscharnk
Kleiderschrank auf Rollen für Junggesellen, Entwurf von Josef Pohl, 1930, Bauhaus-Archiv Berlin / Fotostudio Bartsch

Das Funktionale und Einfache

Der Junggesellenschrank spiegelt wider, dass die Form der Funktion zu dienen hat und dass die Form einfach gehalten sein muss. Josef Pohl konzipierte den raumsparenden, auf Rollen montierten Kleiderschrank mit Regalteilen und Schuhablage. Sigurd Larsen schuf als Reflexion auf dieses Möbelstück seinen eigenen Junggesellenschrank als Tastmodell. Dieses „Möbel“ ist eher Kunstobjekt denn funktionales Möbel. Pohls Entwurf skizzierte den Moment, als am Bauhaus die Ära der Stahlrohrmöbel von Breuer und van der Rohe zu Ende ging. Pohls Arbeit lässt sich bestens dem Credo von Hannes Meyer, einer der Leiter des Bauhauses in dessen kurzer Geschichte, unterordnen: Volksbedarf statt Luxusbedarf. Möbel sollten einfach konzipiert seinleicht zerlegbar und klappbar, um auf engstem Raum Verwendung zu finden, so auch der Klappstuhl von Wils Ebert. Ein Foto zeigt den Entwerfer in seinem Stuhl Zeitung lesend. Zu sehen ist in einer Fotografie aber auch das spartanische Zimmer, das Hannes Meyer für sein mobiles Wohnen eingerichtet hat.

larsen
Sigurd Larsen, Junggesellenschrank by hand, 2019, verstärkter Beton, Gummi, Sperrholz, Messing, Stahl, 151,5 x 61,3 x 73,3 cm, für original bauhaus
© Sigurd Larsen

Original oder Reproduktion

Die künstlerische Intervention von Uli Aigner, die für ihre Installation sechs Bauhausgefäße, die eigentlich in Gusstechnik entwickelt wurden, in Handarbeit nachformte und vervielfacht auf ein Gestell mit Brettern platziert hat, wirft die Frage von Original und Reproduktion auf. Zur Frage von Unikat und Massenware zeigt man hingegen Marianne Brandts Teeextrakt-Kännchen, die ab 1924 in der Metallwerkstatt in Handarbeit entstanden und nie in Serie gingen. Die acht bekannten Kännchen sollten Prototypen für die industrielle Fertigung sein. Doch zu dieser kam es nie. Ganz im Gegensatz dazu sind die Wasserkessel, die Peter Behrens für die AEG konzipierte, trotz anderen Anscheins Industrieprodukte, die nur so scheinen, als sei hier Hand angelegt worden.

Bauhaus und Frauen: das Beispiel Marianne Brandt

In einem O-Ton äußert sich die Designerin zum Umgang mit ihr im Bauhaus. Dort durfte sie nämlich beinahe wie am Fließband handgetriebene Halbschalen anfertigen. Eine Frau gehört auch im Bauhaus nicht in die Metallwerkstatt. Dieses Statement reißt nur das gespaltene Verhältnis der männlichen Bauhausmeister zur Geschlechterfrage an. „Man gestand mir das später ein und hat dieser Meinung Ausdruck zu verleihen gewusst, indem man mir vorwiegend langweilige, mühsame Arbeit auftrug. Wie viele kleine Halbkugeln in sprödem Neusilber hab ich mit größter Ausdauer ... geschlagen.“

behrens
Peter Behrens: Tee- und Wasserkessel, AEG 1908-1910, foto © fdpphotos

Weitere Themen der Ausstellung sind „Produktion und Reproduktion“, aber auch die Rolle von Mies van der Rohe.

Eine Ausdünnung der Exponate hätte der Ausstellung ebenso gut getan wie eine stärkere Strukturierung mittels Farbsetzungen. Statt der Saaltexte hätte man sich eine handliche Broschüre zu den Themen der Ausstellung gewünscht. Wie man eine Ausstellung zum Bauhaus auch konzipieren kann, zeigt das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld mit sorgsamer Auswahl von Exponaten.

ausstellung1
Besucherin betrachtet ein Gefäß aus der Installation von Uli Aigner
foto © fdpphotos 2019

© ftext erdinand dupuis-panther

Berlinische Galerie
https://berlinischegalerie.de/home/

zur Gesamtübersicht Ausstellungen