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Berlin
Aliiertenmuseum

100 OBJEKTE. Berlin im Kalten Krieg
bis 28. Januar 2018

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berlin zur sogenannten Vier-Sektoren-Stadt und schon bald zu einem Brennpunkt des Kalten Krieges. Die aktuelle Ausstellung beleuchtet die Schlüsselrolle Berlins im Kalten Krieg anhand von 100 ausgewählten Objekten, die jedes für sich eine ganz eigene Geschichte dieser Epoche erzählen und die Bedeutung der Stadt als Symbol, Front, Bühne, Schaufenster und Erinnerungsort des Kalten Krieges deutlich machen.

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Britische HastingsTG 503 , foto: fdpanther 2017

Um es voranzustellen: Der Ausstellungstitel scheint verengt. Die Schau zeigt ja eher Geschichtssplitter, die mit der Währungsreform beginnen, die den Mauerbau in vielfältiger Weise thematisieren und desgleichen die Spionageaktivitäten auf beiden Seiten. Es geht um Fluchtversuche durch Tunnelbau und Tunnelbau in den 1950er Jahren im Zuge von Spionage. Die Ausstellung zeigt außerdem „alliierte Spuren“ wie den dritten Pavillon am Checkpoint Charlie oder den Eskortzugwagen des Zuges, der fast 50 Jahre lang zwischen Straßburg und Berlin für die französischen Alliierten unterwegs war. Zu sehen ist zudem die britische Hastings TG 503 aus dem Jahr 1947, die am 21. September 1997 letztmals vom Flughafen Gatow in die Lüfte stieg. Insoweit streift die Ausstellung auch die Geschichte der Alliierten, der westlichen Alliierten, und deren Abzug nach der deutschen Wiedervereinigung.

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3. Pavillon Checkpoint Charlie, foto: fdpanther 2017

Aufgemacht wird die eigentliche Ausstellung, die nicht im Kino Outpost, sondern gegenüber im „Neubau“ des Museums beginnt, mit einem Brettspiel. Wenn man sich also in den Neubau begibt, trifft man auch auf Objekte der Schau, die im Freigelände zu sehen sind, darunter auch ein Wachturm der DDR-Grenzer sowie ein bemaltes Mauerteil, den oben bereits erwähnten Pavillon am Checkpoint Charlie sowie den französischen Eskortzugwagen. Auch das Kino Outpost , im typischen „Nierenstil-Design“ gehalten und am 5. Februar 1952 feierlich eröffnet, ist integraler Teil der Sonderschau, deren Besuch ebenso wie der der Dauerausstellung kostenfrei ist.

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Happenspieße in Form des Ostberliner Fernsehturms

Agentenspiele oder nicht?

Objekt Nr. 1 der aktuellen Sonderschau ist ein Brettspiel, ein eher außergewöhnliches Brettspiel, mit dem Titel „Die Mauer – Spannendes Agentenspiel“. Auf dem Brett entdecken wir einen geheimen Durchgang, eine Decodierzentrale, Doppelagenten mit einem besonderen „Innenleben“ - die „Spielsteine“ sind entweder blau mit rotem Innenteil oder rot mit blauem Innenteil. Insgesamt zwei Doppelagenten sind Bestandteil des Spiels, in dem es Code-Karten und Ereigniskarten gibt. Das Spielziel des 1987 erstmals verkauften Spiels ist die Überwindung der Mauer und die Einschleusung von Agenten in die jeweiligen Botschaften, die amerikanische bzw. die russische. Gelbe Spielfelder sind Agentenfelder, graue stehen für Agenteneliminierung. In der ideologischen Orientierung passt dieses Spiel in die Zeit wie eben auch „Monopoly“.

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Eskortzugwagen der franzöischen Alliierten, foto: fdpanther 2017

In einer Ausstellung über die Zeit des sogenannten Kalten Krieges darf auch John Le Carré nicht fehlen, der unter seinem Klarnamen David John Moore Cornwell Agent bei MI5 und MI6 war. Romane wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ durfte er nur unter seinem Pseudonym veröffentlichen und musste das Skript zur Prüfung seiner ehemaligen Dienststelle vorlegen. Ist also dieser Roman mehr als Fiktion? Man muss dies angesichts der „Zensurmaßnahme“ unterstellen.

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Fotoplane für die Radaranlagen auf dem Teufelsberg

Glockenläuten, Geldverlockungen und ein Scheitern

Was macht eigentlich ein blaugrauer Anzug aus Schurwolle in der Schau, der so ausschaut, als sei er kaum getragen worden? Er gehörte Robert W. Rynerson, der, statt in Vietnam gegen den Vietcong zu kämpfen oder beim AFN Frankfurt zu arbeiten, nach Berlin kam und dort als Agent arbeitete. Von Vorteil war dabei, dass er Russisch beherrschte. Offiziell diente er bei der Infanterie, tatsächlich aber war er Teil des G-2-Stabes der Berliner Brigade. In dieser Funktion spionierte er. Er kaufte sich den ausgestellten Anzug 1969, um ihn in seiner Freizeit und beim Ausgehen zu tragen.

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Wer in Berlin aufgewachsen ist, kennt die Freiheitsglocke im Turm des Schöneberger Rathauses. Sie schlug jeden Tag um genau 12 Uhr. Eine Nachbildung in Porzellan ist in der sehenswerten Schau ausgestellt. Auf ihr kann man den Sinnspruch: „Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben.“ entdecken. Die 10 Tonnen schwere Originalglocke wurde wie auch „Miss Liberty“ in Großbritannien gegossen. Am 24. 10. 1950 schlug sie erstmals und galt am Sitz des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin als Mahnung für den Frieden.

Dass ein Kofferradio der Marke Stern Elite etwas mit Fluchtgedanken und einer mehrjährigen Haftstrafe für Republikflucht zu tun hat, erfährt der Besucher der Schau, wenn er mit dem bereitgestellten „Infofächer“ durch die Ausstellung wandert. Am Anfang der Geschichte stand die Auslobung von einer Mio. DM für denjenigen DDR-Bürger, dem es gelingen sollte, mit einem selbst gebauten Helikopter auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhauses an der Kochstraße zu landen. Michael Schlosser folgte dem Aufruf und scheiterte gleich mehrfach an der Aufgabe, zuletzt durch Denunziation seiner Arbeitskollegen.

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Wrackteil eines us-amerikanischenm Jagdbombers als Geschenk Vietmams an den Magristart von Berlin, Hauptstadt der DDR

Auch der Wettkampfspeer des DDR-Athleten Uwe Hohn ist ausgestellt. Er warf bei einer Veranstaltung im Jahr der Olympischen Spiele von Los Angeles 104,80 m, derweil der Olympiasieger 18 m weniger warf. Doch Hohn war nicht in Los Angeles, denn die DDR boykottierte diese Spiele, wie vier Jahre zuvor die westlichen Staaten die Spiele von Moskau boykottierten. Ein Stück der Verhüllung des Reichstags – Christo hatte die Idee – scheint wenig mit Kaltem Krieg zu tun zu haben. Auch das Kölsch-Bierglas des Lokals „Ständige Vertretung“ scheint zwar zur Geschichte der deutschen Teilung und Wiedervereinigung zu gehören, aber doch nicht zum Kalten Krieg im klassischen Sinne, in dem es um die ideologische Auseinandersetzung der Systeme, um Wettrüsten und um Kriegsgetöse ging.

Weiße Kreuze und ...

Mit der Konfrontation Ost-West jedoch hat ein weißes Kreuz zu tun, mit dem an unbekannte Flüchtlinge erinnert wird, die an der innerdeutschen Grenze ums Leben kamen. Das hier gezeigte Kreuz stand in der Nähe des Reichtagsgebäudes an der Spree.

Dass es bei der Auseinandersetzung Ost-West auch weitere Opfer zu beklagen gab, die wenig bekannt sind, zeigt ein weiteres präsentiertes Objekt: der Purple-Heart-Orden von Major A.D. Nicholson, der in Ausübung seiner Aufgabe der militärischen Inspektion in der DDR getötet wurde. Während er ein Panzerdepot bei Ludwigslust in Augenschein nahm, wurde er von einem Rotarmisten durch Schüsse tödlich in der Brust getroffen.

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Teil der Berliner Mauer mit Grenzwachturm, foto: fdpanther 2017

Sektorengrenze auf Türkisch …

Skurril mutet der in Türkisch gehaltene Hinweis auf die Sektorengrenze an, der in Kreuzberg und Neukölln seinen Platz hatte. Grenzmarkierung war auch eine Tonne, die im Griebnitzsee schwamm und damit eine Markierung der 155 km langen, bewachten Grenze war. 38 km davon waren Gewässer wie der genannte See, der zur Hälfte in der DDR lag.

Was man mit einem minifon P55 anstellen konnte und warum, erfährt man auf seinem Rundgang ebenso wie Näheres zu den in den USA gedruckten Mark-Banknoten, die vor der Währungsreform in 23000 Kisten nach Bremerhaven verschifft wurden. Einen Hohlblockstein von der ersten Phase des Mauerbaus bekommt man ebenso zu Gesicht wie ein Stück Stacheldraht. Außerdem erfährt man Interessantes über die Flucht der Familie Aagaard, die unter dem Vorwand den eigenen Friseursalon auszubauen gleichzeitig Material anschaffen konnte, um einen Tunnel von Glienicke nach Reinickendorf zu graben und zu sichern. Durch ihn gelangten 13 Personen nach West-Berlin, nachdem im März 1963 der Tunneldurchbruch gelungen war. Dieses Stück Geschichte wurde übrigens 2011 archäologisch untersucht, und der Tunnel wurde als Zeugnis der Geschichte freigelegt.

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Grenzmarkierung nach dem Mauerfall auf der Glienicker Brücke

Eine Kniegeige aus Polen steht für die Einreise polnischer Dissidenten nach West-Berlin, wie die Ausstellungsbesucher erfahren. Diese Einreise steht im Kontext des Kriegsrechts in Polen und des Verbots von Solidarność. In die Zeit des Kalten Kriegs fällt auch die Entwicklung der Antibabypille wie Anovlar 21, 1964 vertrieben vom in West-Berlin ansässigen Pharmaziekonzern Schering. Allerdings wurde das Medikament offiziell bei Menstruationsbeschwerden verschrieben und nicht etwa zur Verhütung. Ähnliches galt für ein entsprechendes Präparat, das 1964 in der DDR entwickelt und als „Wunschkindmedikament“ verkauft wurde. Hat das etwas mit Kaltem Krieg zu tun? Daran darf doch Zweifel angebracht werden.

Stets im Einsatz

Das Thema im engeren Sinne trifft schon eher auf die Panzerkappe zu, die französische Soldaten trugen, die mit Panzern AMX-30 in Berlin unterwegs waren. 39 dieser Panzer besaß die stationierte französische Armee in Berlin. 30 Mann und drei Panzer waren in ständiger Rufbereitschaft. Die Soldaten gingen bekleidet mit Uniform und Stiefeln ins Bett. Innerhalb von 15 Minuten sollte diese „schnelle Eingriffstruppe“ an jeder Stelle des französischen Sektors sein. Den Ost-West-Konflikt spiegelt das Wrackteil eines F-106-Jagdbombers wider, ein Geschenk Vietnams an den Magistrat von Berlin, der Hauptstadt der DDR, so die Inschrift auf dem Wrackteil.

oskar
Karikatur von Oskar

Sehr beeindruckend ist das Segment eines Spionagetunnels, der 1956 entdeckt wurde und den die sowjetische Besatzungsmacht für den Besuch freigab. Er ist im Gegensatz zu anderen Objekte in die Dauerausstellung integriert. Dieser Tunnel diente den westlichen Alliierten dazu, in Ostberlin Telefone anzuzapfen. 2012 wurden übrigens weitere Tunnelteile im Wald von Pasewalk entdeckt.

Wie bereits angedeutet, sind die Objekte sicher auch Zeugnisse des Kalten Krieges, aber vor allem der deutsch-deutschen Geschichte und der Auseinandersetzung der Blöcke hüben und drüben. © ferdinand dupuis-panther, fotos, wenn nicht angegeben, alliiertenmuseum berlin!

Alliiertenmuseum
Clayallee 135 14195 Berlin
http://www.alliiertenmuseum.de

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