Nordjütland

Auf der Sandwüste des Nordens

Text und Fotos: Beate Schümann

Am nördlichsten Zipfel Jütlands ereignet sich etwas Außergewöhnliches. Da stellen sich am Strand Menschen mit hochgekrempelten Hosen und nackten Füßen breitbeinig ins Wasser und lassen sich fotografieren. Weil sie mit dem einen Bein in der Ostsee, mit dem anderen in der Nordsee stehen.

Die Landspitze Grenen: Wo Nord- und Ostsee wild aufeinandertreffen. Nordjütland, Dänemark

Die Landspitze Grenen: Wo Nord- und Ostsee wild aufeinandertreffen

Und man kann das sehen. Im äußersten Norden des Nordens Dänemarks treffen sich bei Grenen Skagerrak und Kattegat, wie die beiden Meere auf Dänisch heißen. Nicht einfach so. Es ist eher eine dramatische Inszenierung der Naturgewalten. Die Wellen krachen von zwei Seiten mit Wucht gegeneinander, scheinen zu kämpfen, schleudern salzige Gischt in die Luft, dass es nur so schäumt: Wer ist der Stärkere? Die aufgewühlte Linie lässt sich kilometerweit verfolgen.

Die Landspitze Grenen: Wo Nord- und Ostsee wild aufeinandertreffen. Nordjütland, Dänemark

Baden ist hier verboten!

Grenen liegt auf der Landzunge Skagen Odde, die sich wie eine lange Nase ins offene Meer streckt und ganz und gar aus Sand besteht. Schaulustige spazieren über den breiten, kahlen Strand bis zur Spitze, um das Spiel aus Wind und Wellen zu beobachten. Oder sie lassen sich für ein paar Kronen vom Sandwurm-Traktor hinfahren. Badestellen liegen anderswo, an West- und Ostküste. Doch an diesem Punkt ist mit den Meeren nicht zu spaßen. Baden ist hier verboten!

Skagen mit typisch geld gestrichenen Häusern. Nordjütland, Dänemark.

Skagen mit typisch geld gestrichenen Häusern

Der nächstgrößere Ort auf der Sandwüste heißt Skagen. Das einstige Fischerdorf mit heute 8000 Einwohnern ist die nördlichste Stadt Dänemarks und die belebteste. „„Sgäen“ sagt man“, spricht Rita Eeg vor. „Bei uns mag man Konsonanten nicht so, dafür aber Umlaute.“ Die pensionierte Lehrerin bessert nicht nur den Wortschatz der Gäste auf, sie zeigt ihnen auch Nordjylland. Natürlich spricht man sich mit ‚Du‘ an. Gemütlich erobert man den alten Ortskern, natürlich auf dem Fahrrad, weil es dem Wesen der Dänen entspricht. Die rüstige Rita radelt an verträumten Häusern unter roten Ziegeldächern vorbei. Hinter den Holzzäunen blühen Stockrosen, an den Masten zappelt der Dannebrog, die Nationalflagge. „Sonnenblumengelb wurde vor ein paar Jahren zur Skagen-Farbe erhoben“, erklärt sie. Das harmonische Gelb löste das grelle Kalkweiß der Fassaden ab. Nun fügen sich die Häuschen noch harmonischer in die umliegenden Dünen ein. Eine Shoppingmeile mit Modeläden und Eisbuden gibt es, auch Autos. Aber häufiger sieht man Fahrräder.

Hinter der gelben Pfarrkirche am Kirkevej findet die hyggelige Idylle der Altstadt ein Ende wie Szenenwechsel im Theater. Skagens Hafen hat sich in gut hundert Jahren zum größten Umschlagplatz für Fisch des Landes entwickelt. Auf den Bänken der rustikalen Restaurants kann man den ganzen Tag an der Kaikante sitzen, Øl trinken, ein Bier, und abends frischen Fisch essen.

Abendstimmung im Hafen von Skagen. Nordjütland, Dänemark.

Abendstimmung im Hafen von Skagen

Wer nicht wegen des Naturspektakels der beiden Meere auf die dreißig Kilometer lange Landzunge kommt, kommt wegen des Lichts. Das war schon Ende des 19. Jahrhunderts so, als sich im abgelegenen Skagen eine Künstlerkolonie entwickelte. „An Küsten ist das Licht immer extrem stark“, erklärt Rita. „Bei uns ist es doppelt stark, weil wir zwei Küsten haben.“ Das zog die Maler an, die stetigen Wechsel, die tiefen Übergänge von Weiß zu Grau zu Anthrazit, dieses ganz besondere Hell, das zu Hüttenidyllen, Spalieren mit getrocknetem Fisch oder vornehmen Strandspaziergängerinnen leuchtete. Ihre Kollegen mochten in Paris oder Berlin die Moderne entwerfen, die skandinavischen Freilichtmaler lobten realistische Landschaften und Alltagsszenen.

Alte Mühle mit Bauernhaus in Skagen. Nordjütland, Dänemark.

Alte Mühle mit Bauernhaus in Skagen

Im Skagens Museum, eine gewagte Architektur im beschaulichen Skagen, sind Exponate der Malerschule von 1870 bis 1920 zu bestaunen. Das berühmteste Gemälde der 9000 Werke umfassenden Sammlung ist „Sommerabend am Südstrand von Skagen“, 1893 von Peder Severin Krøyer gemalt, das einmal dem Verleger Axel Springer gehört hat. Ein zentraler Fixpunkt ist der original erhaltene Brøndumsche Speisesaal von 1891, an dessen Wänden Künstlerporträts angebracht sind, darunter die Malerpaare Ancher und Krøyer sowie Laurits Tuxen oder Holger Drachmann.

Dem Leben und Wirken der Skagen-Maler können Besucher heute im Anchers Hus noch nachspüren, dem Wohnhaus von Anna und Michael Ancher. Sie bezogen das Haus 1884. Mobiliar, Einrichtung und Atelier sind so belassen, als könnten sie gerade noch hier gesessen haben. Anna war die Tochter des Wirtes vom Brøndum-Hotel war, wenige Meter von hier entfernt.

St. Laurentius-Kirche von 1387, der "Versandete Kirche. Skagen, Nordjütland, Dänemark.

St. Laurentius-Kirche von 1387, die "Versandete Kirche

Südwestlich von Skagen kommt man dem Phänomen Sand wieder auf die Spur. Der Weg durch Dünen, Strandhafer, Heidekraut und Krüppelkiefern führt zu St. Laurentii von Vendsyssel. Oder besser: was von ihr übrig ist. Der weiß getünchte Turm der gotischen Backsteinkirche erinnert als Mahnmal an die Flugsand-Tragödie im 16. Jahrhundert, der Skagen Odde seine Existenz zu verdanken hat. Damals fegte ein Sandsturm über das Land, der fast zwei Jahrhunderte anhielt und das Gotteshaus um 1770 erreichte. „Der Flugsand wirbelte durch die Luft, legte sich auf Ackerland und ganze Dörfer und erstickte alles Leben“, berichtet Rita, was in Chroniken zu lesen ist. Als sich der Eingang zur Kirche nicht mehr freischaufeln ließ, wurde sie abgerissen.

Die Wanderdüne Rabjerg Mile, die größte Nordeuropas. Nordjütland, Dänemark.

Die Wanderdüne Råbjerg Mile, die größte Nordeuropas

Wenige Kilometer südlich wird im grünen Landesinneren der Halbinsel die Macht des Sandes noch bewusster. Dort befindet sich die Wanderdüne Råbjerg Mile, die ebenfalls ein Erbe der mittelalterlichen Verwehungen ist. Ein riesiger Sandberg türmt sich wie eine Sahara des Nordens auf. Mühsam steigt man hinauf, die Füße verschwinden bei jedem Schritt tief im feinen Sand. „Die Düne wandert von West nach Ost“, sagt Rita und liefert die Daten: Breite 1000 Meter, Länge 1000 Meter, eine Höhe bis zu 40 Metern und ein Volumen von gut vier Millionen Kubikmetern. Diesen Sand, der einst alles vernichtete, haben die Menschen schon vor mehr als hundert Jahren unter Naturschutz gestellt. Und er bewegt sich. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Metern jährlich wendet er sich dem Kattegat zu. Wieder deckt der Sand alles zu, was sich ihm in den Weg stellt – Bäume, Leuchttürme, Häuser. Unaufhaltsam. Im Jahr 2160 wird man sie wohl am Kattegat bestaunen können. Dann soll sie auf der anderen Küstenseite von Skagen Odde angekommen sein.

Leuchtturm an der Landspitze Grenen. Nordjütland, Dänemark.

Dieser Leuchtturm ist noch nicht von Sand bedeckt: Leuchtturm an der Landspitze Grenen

 

Informationen

Anreise

Nach Skagen fährt man am besten mit dem eigenen Wagen und immer in Richtung Norden. Hinter Flensburg geht es auf der E45 zur dänischen Grenze, nach Aalborg und Frederikshavn. Die Route 40 führt bis nach Skagen. Auskunft: Visit Denmark, www.visitdenmark.de.

Über Nacht

Hotel Brøndum
Anchersvej 3
Skagen
www.broendum-hotel.dk
Das Hotel pflegt das Flair der Künstlerkolonie verbunden mit modernem Komfort.

Hjorts Badehotel
Kandebakkevej 17
Skagen
www.hjortshotel.dk
In einsamer Strandlage sind Ruhe, Abschalten und Gourmet-Küche das Konzept.

Sehenswert in Skagen

Skagens Museum
Brøndumsvej 4
www.skagenskunstmuseer.dk

Anchers Hus
Markvej 2-4
Skagen
www.skagenskunstmuseer.dk

Sandormen oder Sandwurm-Traktor fährt bis 26. Oktober vom zentralen Parkplatz nach Grenen, www.sandormen.dk.

Essen & Trinken

Skagen Fiskerestaurant
Fiskehuskajen 13
Skagen
www.skagenfiskerestaurant.dk
Die Tische stehen im Sand, auf den Tellern kommen gute Fischgerichte.

Iscaféen
Oddevej 2A
Tel. 0045-98 44 21 08, keine Website
Spezialität sind üppige Variationen vom dänischen Smørrebrød.

Auskunft

Visit Denmark, www.visitdenmark.de

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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