Nur die Königin wird gesiezt

Eine City-Tour durch Kopenhagen

Text und Fotos: Beate Schümann

 

Dänemark Kopenhagen Wachwechsel

Jedes Mal im Hotel-Fahrstuhl ertönt der Vangelis-Song „Conquest of Paradise“. Dazu zeigt ein Video Bilder aus dem Film „Kolumbus“. Das stimmt auf Entdeckung und Eroberung ein. Gewiss, Dänemark war auch einmal Handels- und Kolonialmacht und herrschte zeitweise über halb Skandinavien, Island, Grönland, in Norddeutschland und der Karibik. Was man dem kleinen Land im Norden, das als Wohlfahrtsstaat bekannt ist, gar nicht richtig zutraut.

Ewig ist es her. Im Hafen von Kopenhagen ist das maritime Flair der Ostsee-Armada den großen Skandinavienfähren und den umherschippernden Ausflugsdampfern gewichen. Dann fällt der Blick auf die Copenhagen Card: Für 72 Stunden bietet sie mehr als siebzig Sehenswürdigkeiten und Museen an. Da braucht man allerdings echten Eroberungswillen.

Zum Glück sind die meisten Attraktionen der dänischen Hauptstadt so übersichtlich verteilt. Das macht die Sache leichter, wenn man Verzicht üben muss. Die vielen sehenswerten, gut bestückten Museen, wie das Louisiana-Museum für Moderne Kunst, das Danske Design Center oder das Eksperimentarium, fordern eine Entscheidung. Kopenhagen ist eine profilierte Kunst-, Kultur- und Designmetropole.

Dänemark Kopenhagen Warenbörse

Die Warenbörse

Die Altstadt ist Kopenhagens gute Stube, in der Generationen von verschiedenen Zeitepochen gemütlich-familiär beieinander sind. Brände haben großen Schaden angerichtet. Doch Kriege fanden meist woanders statt. Die moderne Großstadt tritt an den Rändern in Erscheinung, wo sich die Trabantenviertel und die großen Unternehmen, die weltweit als Hersteller von Insulin, Hörgeräten, Windkrafträdern, Thermostaten und Fenstern agieren, in neomodernen Büropalästen angesiedelt haben. Dorthin fährt eine führerlose High-Tech-Metro.

Sich bewegen, ohne die Ruhe zu verlieren

An der Christians Brygge sprengt der Neubau für die Königliche Bibliothek, “Schwarzer Diamant” genannt, den städtebaulichen Rahmen. „Innovation ist wichtig“, meint Designstudent Arne vor einem der restaurierten Packhäuser an der Lange Linie, der Kaianlage, wo Hotels und Museen eingezogen sind. „Aber mit Augenmaß. Nicht alles, was machbar ist, ist auch gut.“ Kopenhagen ist eine Stadt, die am Alten festhält und Neues wagt. Eine Stadt, die sich bewegt, ohne die Ruhe zu verlieren.

Dänemark Kopenhagen Komödianten

Straßenkomödianten auf dem Rathausplatz

Eigentlich heißt Kopenhagen richtig København, nämlich „Hafen der Kaufleute“. Kein Mensch weiß, wie die deutsche Sprache auf `hagen’ gekommen ist. Fischerei, Seefahrt und Handel waren seit der Gründung 1167 die Hauptbeschäftigung der am Wasser liegenden und von Kanälen durchzogenen Stadt. Die alten Kaufmannshäuser am Nyhavn-Kanal, wo Oldtimersegler ankern und Seefahrerromantik für Touristen verbreiten, und am szenigen Gammelstrand, wo König Christian IV. im 17. Jahrhundert einen für damalige Verhältnisse supermodernen Warenumschlagplatz anlegen ließ, ziehen heute nur noch Touristen und freiluftliebende Hauptstädter an. Sobald das Wetter es zulässt, bevölkern sie die Straßencafés. Wenn nicht Espresso, bestellen sie Carlsberg, Tuborg oder Faxe. Für alle Fälle liegen Wolldecken bereit.

Dänemark Kopenhagen Marionettenspieler

Marionettenspieler in der Altstadt

Dass die Dänen früher keine Waisenknaben waren, belegt die Börse an der Børsgade. Ein prächtiger Renaissance-Bau mit einem Turm aus vier verschlungenen Drachen, die an die neuen Märkte in Übersee erinnern. Bauherr König Christian IV., der mit elf Jahren den Thron bestieg, 60 Jahre regierte und als mächtigster Mann Dänemarks in die Geschichte einging, finanzierte sie und die unzähligen anderen Prachtbauten durch den Handel mit Zuckerrohr, Sklaven, Waffen und Tuch und den Øresundzoll.

Der Direktor fährt Fahrrad

Wer den Mut aufbringt, die 87 Meter hohe Außenwendeltreppe der Frelser Kirke, der Erlöserkirche, hinaufzuklettern, überblickt den ganzen städtischen Nukleus, den Amsterdam-ähnlichen Stadtteil Christianshavn und Schloß Christiansborg, das das dritte an dieser Stelle ist. Unter ihm befindet sich der Ursprung der 500.000-Einwohner-Stadt: die über 900 Jahre alten Grundmauern der ersten Burg von Bischof Absalon. In den Räumen der oberen Stockwerke, wo heute das Parlament tagt und die Königin empfängt, votierten 1849 die Dänen für die konstitutionelle Monarchie. Seither haben die dänischen Könige nie wieder eine Krone getragen.

Dänemark Kopenhagen Wachsoldat

Er bewacht das Königshaus

Die Zeit der großen Taten ist heute vorbei. Die Kopenhagener lieben geradezu das Understatement. Am liebsten unkompliziert. Auch ein Direktor fährt Fahrrad und zieht sich den dicken naturfarbenen Wollpullover an. Wenn man schon zeigen muss, was man hat, dann soll es originell, nicht protzig sein. „Riemchenpumps unter der Punklederhose“, findet Inga, die mit Babywagen und eingetüteten Einkäufen am Nytorf-Brunnen entspannt. Für den altbackenen Vergnügungspark Tivoli hat halb Kopenhagen eine Jahreskarte, und nach der Arbeit tanzen Wildfremde miteinander zum Kurkonzert. „Bei uns steigen nicht nur die Kinder gern in die Achterbahn und essen Zuckerwatte“, verrät der Tivoli-Aufseher. Man grüßt mit „Heij“ und duzt sich; nur die Königin wird gesiezt.

Dänemark Kopenhagen Tivoli

Eingang zum Tivoli

Das Königshaus ist auch deshalb so gut angesehen, weil Margrethe II. mit ihrer Limousine wie normal sterbliche Autofahrer an der roten Ampel hält, weil sie eine bekennende Kettenraucherin ist, was ihr ebenfalls menschliche Züge verleiht, und sie ihre Bürger zweimal im Monat zur Audienz nach Christiansborg bittet – auch wenn die Sprechzeit nur Minuten beträgt. Die königliche Familie liefert offenbar selbst Anti-Monarchisten keinen Grund für fundamentale Kritik. Zum Wachwechsel der königlichen Leibgarde in den schwarzblauen Uniformen und der Bärenfellmütze vor Schloß Amalienborg samstags um Punkt zwölf kommen auch Kopenhagener gern.

Besucher gehen auf den Strich

Am Platz Kongens Nytorf stellen wir uns bei einem gelben Pølservogn für die obligatorische rote Wurst im Brötchen mit Ketchup, Senf, Mayonnaise, Röstzwiebeln und Gurkenscheiben an. Es gibt sie noch die traditionellen Würstchenbuden auf Rädern! Obwohl die Kopenhagener patriotisch sind und sogar Geburtstagskuchen und Weihnachtsbäume mit dem Danebrog schmücken: die nationale Lieblingsspeise leidet unter der Konkurrenz der Fastfood-Ketten, Döner- und Asia-Imbisse. Beim Warten erzählt die blonde Dänin vor uns, dass es obendrein Ärger mit der EU gebe, weil zu wenig Fleisch drin sei. „Bei uns haben die Bäcker gewonnen“, lacht sie und verschwindet mit ihrem Hot Dog und der verbreiteten EU-Skepsis auf eine Ruhebank unter dem Reiterstandbild Christians V.

Dänemark Kopenhagen Würstchenbude

Die klassische Würstchenbude

Dänemark hat 5,3 Millionen Einwohner und zehn Millionen Fahrräder, fällt uns ein, als wir beim Überqueren der Ringstraße am Kongens Nytorf vor einem anarchistischen Radfahrer flüchten. Für jeden Fuß ein Fahrrad. Wahrscheinlich ist das „City Bike“ doch die beste Art, die Stadt zu erobern. Seit neun Jahren stehen an 110 Parkplätzen in der Stadt Fahrräder, die man sich ähnlich wie im Supermarkt die Einkaufswagen mit einer Pfandmünze leihen kann. Innovativ, unkompliziert und sozial. Zumal die Stadtväter es mit Parkplatzbegrenzung und hohen Strafen ohnehin geschafft haben, einem das Autofahren madig zu machen.

Dänemark Kopenhagen City Bike

Allgegenwärtig: das City Bike

Zu guter Letzt muss jeder Besucher noch auf den Strich. Nicht weil Kopenhagen eine tolerante, freizügige Stadt mit Erotikmuseum ist und bereits 1989 die ersten Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen wurden. Sondern weil mit Strich die StrØget, die drei Kilometer lange Einkaufs- und Fußgängerstraße ist. Wie bei allen Steuern langen die staatlichen Zahlmeister auch bei der Mehrwertsteuer kräftig zu: 25 Prozent. Da machen sowohl das Royal Shopping, wie der Einkauf bei Margrethes Hoflieferanten genannt wird, Spaß noch das Design-Shopping von origineller Mode, witzigen Assessoires und schnörkellosen Dekors nur noch halb so viel Spaß. Wenn man das Geschäft wieder verlassen hat, trösten draußen die vielen Flanierer, Bummler, Verweiler, die Straßenkomödianten, Marionetten-Spielern, Musikanten und Artisten.

Dänemark Kopenhagen Meerjungfrau

Wer kennt Sie nicht?

Jeder Kopenhagenbesuch führt auch zur meist fotografierten Dame der Stadt. Klein, bescheiden und unspektakulär sitzt sie seit mehr als achtzig Jahren auf einem Steinfels am Rande der Langelinie. Der Künstler Edvard Erikson goss sie nach einem Märchen des Dichters Hans Christian Andersen. Lille Havfrue, kleine Meerjungfrau, nennen die Kopenhagener sie und haben sie zu ihrem Wahrzeichen ernannt.

 

Reiseinformationen

Auskunft:
Dänisches Fremdenverkehrsamt, Glockengießerwall 2, 20095 Hamburg, Tel. 040-32 02 10. www.visitdenmark.com, www.visitcopenhagen.dk .

Copenhagen-City-Card:
Sie gilt 24 Stunden und bietet freien Eintritt in 40 Museen und Attraktionen sowie Rabatte für 11 Sehenswürdigkeiten. Die „Copenhagen Card Plus“ gilt 72 Std. und gewährt freien Eintritt in 70 Museen und Attraktionen sowie Rabatte in 17 Kulturinstitutionen und Sehenswürdigkeiten.

City-Bike-Saison:
5. Mai – 15. Dezember. 110 Parkplätze, 2.500 ständig auf Sicherheit kontrollierte Fahrräder. Pfand erforderlich.

 

Website der Autorin: http://www.beate-schuemann.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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