Glas erleben mit allen Sinnen

Holmegaards „Lebendiges Glaswerk“ auf Seeland

Text: Hilke Maunder
Fotos: Visit Denmark

Im „Lebendigen Glaswerk“ der Manufaktur Holmegaard auf Seeland können die Besucher nicht nur eine Zeitreise durch 6000 Jahre Glasgeschichte antreten und bei der Produktion der Pretiosen zusehen, sondern auch selbst Glas blasen und schleifen wie die Profis.

Dänemark - Glasmaufaktur Holmegaard auf Seeland

© Visit Denmark

„Pust selv“ steht in großen Lettern auf dem Brennofen, in dem eine flüssige Masse rotglühend wabert. In der Gemengekammer waren zuvor die Rohstoffe für die Glasmasse gemischt worden: 56,3 Prozent Quarzsand, 14,6 Prozent Soda und 5,9 Prozent Dolomit, ferner 10,1 Prozent Schwerspat (Baryt) und 5 Prozent Pottasche. Metalloxide geben dem Glas die Farbe, „Holmegaards Geheimnis“ – 8,1 Prozent – sorgt für die berühmte Brillanz und Transparenz des Glases.

Heiß ist die Luft, trotz der geöffneten Fenster und Türen der alten Fabrik. Immer wieder füllen die Glasbläser ihre Flaschen an den allerorts angebrachten Wasserhähnen auf – und leeren sie in wenigen Schlucken, ehe sie mit ihrer „Pfeife“ wieder ein Klumpen Glas aus dem 1400° C heißen Ofen holen und das Mundstück des Blasrohres dem Besucher reichen. „Ganz ruhig und stetig blasen“. Langsam verwandelt sich der rotglühende Klumpen über eine gallertartige Blase in einen durchsichtigen, feinwandigen Ballon. Fertig! Ein Foto – und peng! Mit einem Knall zerschlägt der Glasbläser den Versuchsballon, kehrt die Scherben zurück in den Ofen und lädt den nächsten Besucher zum kostenlosen Selbstversuch.

Dänemark - Glasmaufaktur Holmegaard auf Seeland

© Visit Denmark

Wer sein Kunstwerk mit nach Hause nehmen möchte, kann für 129 DKK (17, 30 Euro) zwischen fünf Vasenformen wählen. Wieder wird ein glühender Glasklumpen aus dem Ofen geholt. Doch jetzt wird er nicht mitten in den Raum gehalten, sondern in eine feuchte Hohlform am Boden gesteckt, während des Blasens hin- und hergerollt, die Spitze mit einer Gerbaudmaschine vom Blasrohr geschnitten, das inzwischen zähe Werkstück erneut erhitzt und dann der Rand geformt. Mit einer Nummer versehen verschwindet die Vase für zwei Stunden in der Kühlbahn. Bei 500 – 600 ° C beginnt sie dort langsam zu erstarren und wird fest.

Nur in der kurzen Zeitspanne zwischen flüssiger und fester Form kann der Glasmacher das Glas formen und ihm seine ganz besondere Note verleihen. „Wir hauchen dem Glas bei unserer Arbeit unsere Seele ein“, ist Glasbläser Erik Engelbrechtsen (54) daher überzeugt. Nach den Entwürfen der 24 Produktdesigner der Manufaktur fertigt er seit 40 Jahren von früh bis spät Schüsseln und Schalen, Weihnachts- und Osterschmuck, Trinkgläser und Tischleuchten wie die minimalistisch-transparente „One“ von Maria Berntsen, deren Form die Quintessenz einer Leuchte widerspiegelt.

Begonnen hatte die Glasherstellung in Fensmark jedoch mit einfachen Flaschen – und einer Frau: Gräfin Henriette Danneskiold-Samsøe. 1823 hatte ihr Gatte Christian Danneskiold-Samsøe den dänischen König um eine Erlaubnis für den Bau einer Glasbläserei in Holmegaard Mose ersucht. Der Graf jedoch verstarb noch im gleichen Jahr, ohne die Einwilligung des Königs erhalten zu haben. Als die königliche Erlaubnis kam, setzte seine Witwe sein Vorhaben in die Tat um und ließ die Glashütte in der Nähe des Holmegaard Hochmoors errichten, da es dort genügen Brennstoff – Torf – gab, um die Schmelzöfen dauerhaft beheizen zu können.

Dänemark - Glasmaufaktur Holmegaard auf Seeland

© Visit Denmark

1825 begann die Glasproduktion in Holmegaard. Am Anfang stellten die vier Glasmacher vor allem Flaschen und Gläser aus Grünglas her. 1839 – 14 Jahre später – waren bereits 150 Glasmacher bei Holmegaard tätig, die auf Wunsch der Gräfin Henriette jetzt auch Klarglas nach böhmischem Vorbild produzierten. Längst ähnelte die Glashütte einem eigenen Gemeinwesen: Es gab Arbeiterwohnungen, eine firmeninterne Landwirtschaft und eine eigene Schule. Mit dem 20. Jahrhundert erhielt eine neue Firmenphilosophie Einzug bei Holmegaard: Die Überhöhung des Alltags durch Design prägt seitdem das Schaffen. 1906 wurde als erstes Designobjekt die Weinglasserie „Margarethe“ von Svend Hammershøi auf den Markt gebracht – und blieb 40 Jahre lang ein Bestseller. 1923 holte Holmegaard Jacob Eiler Bang als ersten Designer fest ins Haus. Zu den großen Meistern jener Zeit gehörten auch Oluf Jensen und Orla Juuhl Nielsen. Heute geben Per Lütken, Torben Jørgensen, Verner Panton, Michael Bang und Rikke Hansen dem Holmegaard Glas seine unverwechselbare Handschrift. Ihre schönsten Stücke stehen neben den Exponaten der mehr als 180-jährigen Firmengeschichte im Glasmuseum, das sich an die Besichtigung der Produktion anschließt. Ausgestellt ist hier auch die einstige Hochzeitkapelle der böhmischen Glasbläser, die, da sie anders als die Dänen katholisch waren, auf Holmegard ihre eigene St. Franziskuskapelle für ihre Trauungen erhalten hatten.

Dänemark - Glasmaufaktur Holmegaard auf Seeland

© Visit Denmark

Ein abgedunkeltes, fantasievolles Glaslabyrinth beendet den Rundgang durch das 15.000 qm große Erlebnismuseum von Holmegaard, das seit Juni 2007 auch den Durst der Besucher stilgerecht stillen kann: im Holmegaard Bryghaus, einer gemütlichen Hausbrauerei in einer alten Schmiede von 1885. In ihren glänzenden Kupferkesseln kann Peer Holgersen in einem Durchgang 1000 l Bier brauen – das goldene Holmegaard Lager, das mahagonifarbene Holmegaard 1825 Classic und ein kühles, leichtes Summer Ale. Gezapft wird der Gerstensaft ins „Det Danske Ølglas“, das Holmegaard im Jahr 2004 in Zusammenarbeit mit der Foreningen Danske Ølentusiaster auf den Markt gebracht hatte – in Erinnerung an das berühmte Bierglas „Hogla“ (1923) von Jacob E. Bang.

 

Informationen

Holmegaard Det Levende Glasvaerk
Glasvaerksvej 54
Fensmark
DK-4684 Holmegaard
Tel. 0045/ 55 54 50 00
www.holmegaard.com

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Dänemark bei schwarzaufweiss

 

Kurzportrait Dänemark

Dänemark gehört zu den beliebtesten Reisezielen für einen Familienurlaub. Hoch im Kurs stehen die langen Dünenstrände, in denen sich gemütliche Ferienhäuser locker verteilen und in deren unmittelbarer Nähe die wilde Nordseebrandung einen ganz besonderen Badespaß bietet. Gefahrloser plantschen Kinder dagegen an den seichten Stränden entlang der Ostseeküste.

Kurzportrait Dänemark

Mehr lesen ...

Geduld wie ein Austernfischer. Mandø, ein einsames Eiland im dänischen Wattenmeer

Es ist fast wie in einer Großstadt – wer von Vester Vedsted nach Mandø fährt, hat die Wahl zwischen der rot-blauen Linie und der grünen Linie. Doch die beiden Verbindungen sind keine U-Bahn-Strecken. Nein, Traktoren mit Hänger sind im Angebot, wahlweise in rot-blau oder grün. Auch die Strecke variiert nicht sonderlich. Es gibt zwei „Straßen“ zur Auswahl.

Mandö

Mehr lesen ...

 

Urlaub bei Nachbarn. Dänische Südsee

Hemden mit Blumendruck, Shorts und Flip-Flops sind im Gepäck. Auch ein Sonnenhut und Creme mit Schutzfaktor 30. Es geht in die Südsee. Wir sind reif für die Inseln. Doch diesmal ohne Flugzeug, ohne Luxusliner. Diesmal starten wir von der Haustür weg mit dem eigenen Wagen. Die Strecke ist absehbar, und Windjacken haben wir auch dabei. Es geht in den Norden, nach Dänemark.

Dänemark Südsee

Mehr lesen ...

Urlaub in Thy. 11 Tipps für Individualisten und Neugierige

Die Ferienregion Thy im Nordwesten Dänemarks kann mit einer Besonderheit aufwarten: Hier wurde mit dem Nationalpark Thy im Jahr 2008 Dänemarks erster Nationalpark geschaffen. Eine beeindruckende Küsten-, Dünen-, Wald – und Heidelandschaft bietet Erholung pur. Die Landschaft lässt sich auf Wander- und Fahrradwegen durchstreifen, sogar Pferdeliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Dass es unendlich lange und breite Sandstrände gibt, versteht sich hier oben im Nordwesten Dänemarks von selbst.

Dänemark - Thy Tipps

Mehr lesen ...