Mit dem Fahrrad durch Dänemark

Text und Fotos: Dirk Schröder

 

Radfahren ist in Dänemark "Mega-IN", das Angebot an beschilderten Radwegen dementsprechend groß. Dänemark per Rad in drei Wochen abzuhaken käme einer Tour de France gleich. Mehr Erholung verspricht es, nur eine Insel zu wählen, oder die Vorteile des Inselspringens zu nutzen.

EroRad1.jpg (22712 Byte)

Fahren wir nun rechts oder links?

Die nachfolgend beschriebene Route führt im wesentlichen über Dänemarks zweitgrößte Insel Fünen, mit An- und Abreise über die Inseln Lolland, Langeland und einem Abstecher nach Ærø. Wer nicht nur sportlich Kilometer "machen" möchte, kann seinen Urlaub auf Basis verschiedener geeigneter Stützpunkte in attraktiven Orten wie Kertemine, Lundborg oder Ærøskøbing planen. Von dort aus lassen sich wegen der kurzen Entfernungen die Badeplätze und Sehenswürdigkeiten der Umgebung als Tagestour ohne viel Gepäck erreichen.

Per Bahn bequem gen Norden

Lautes Quietschen der Bremsen reißt mich aus dem Schlaf. Sind wir schon am Ziel? anziehen, aussteigen, schnell, schnell...?! Nein, ein flüchtiger Blick aus dem Abteilfenster des IC senkt sofort wieder meinen Adrenalinspiegel - doch nicht verschlafen! Soeben ist der Zug in Puttgarden eingelaufen, wo die Waggons auf die Fähre rangiert werden. In aller Ruhe suche ich einen dicken Pullover aus den Satteltaschen, stecke Kleingeld ein, um dann noch etwas schlaftrunken in die Cafeteria zu wanken. Hier bestellt jeder von uns einen starken Schwarzen nebst einigen Brötchen, dann suchen Christiane und ich uns zum Frühstück einen windgeschützten Aussichtsplatz an Deck. Die Ostsee sieht heute geradezu harmlos aus. Mir kommt sofort wieder die letzte Überfahrt bei Windstärke sechs in den Sinn, als das Schiff wie ein Spielball auf den Wellen tanzte. Wie sehr hatte ich mir damals gewünscht, daß die geplante Landverbindung mit Deutschland bereits Wirklichkeit wäre. Doch das ist nach wie vor Zukunftsmusik. Lange vor der Ankunft in Lolland beobachten wir von Deck, wie sich die Windgeneratoren in Rødbyhavn unermüdlich drehen. Die Dänen hatten aus der Energiekrise in den 70er Jahren Konsequenzen gezogen und frühzeitig erste Versuche unternommen, sich vom Öl unabhängig zu machen. Heute ist das kleine Königreich führend in Sachen Windenergie und exportiert die moderne Technologie weltweit.

Flach wie eine Flunder – die Insel Lolland

In Rødbyhavn quälen wir uns durch den engen Gang des Waggons. Beladen mit einigen Satteltaschen, Rucksack, Lenkertasche und einer schweren Fotoausrichtung kommen wir uns vor wie zwei gestrandete Cowboys auf der Suche nach ihren Pferden. Schnell sind die Satteltaschen vorne und hinten angebracht, der Kilometerzähler montiert und die Lenkertasche samt Karte plaziert. Von dem freundlichen Dänen Ole Jansen im Touristenbüro Rødby werden wir reichlich mit Prospekten eingedeckt. Darin lesen wir, was uns an Sehenswürdigkeiten entgehen würde, wenn wir dessen ungeachtet die Insel Lolland sofort Richtung Westen verlassen: den Wolfspark beim Herrensitz Lungholm, den Safaripark mit Affenhorden in freier dänischer Wildbahn, eine Bahnfahrt im Oldtimerzug und so vieles mehr, was als Ziel erradelt sein möchte.

Rad1.jpg (18240 Byte)

TranekerSchloß.jpg (23188 Byte)Lange genug in der Bahn gesessen schwingen wir uns jetzt voller Elan in den Sattel mit Kurs West-Nordwest. Kaum haben wir die Polderlandschaft erreicht, bläst uns ein kräftiger Wind ins Gesicht. Spätestens jetzt wird uns klar, was es für Radfahrer bedeutet, daß Lolland flach wie ein Pfannkuchen ist. Bei der Planung zuhause am "grünen Tisch" entschlossen wir uns für einen gemütlichen Einstieg und haben aus diesem Grund die flachste Insel Dänemarks ausgewählt, auf der kein Hügel höher als 30 Meter verzeichnet war. Zusammengekauert liegen wir jetzt auf dem Lenker, um unserem Gegner möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, doch das beeindruckt ihn wenig. Mein Kilometerzähler zeigt schlappe 12 Km/h, dabei trete ich schon mit voller Kraft in die Pedale. Nicht umsonst wurden hier große Windmühlenparks zur Stromgewinnung angelegt!

Der Sprung hinüber zur Insel Langeland

Bei Kramniste legen wir eine Verschnaufpause ein, klettern auf den Damm und saugen die salzige Meeresluft gierig in unsere Lungen ein. Das Rauschen der Wellen wird vom Geschrei der Möwen, die über unseren Köpfen mit Flugkunststücken beeindrucken, übertönt - das ist Urlaub, frei auf zwei Rädern - Alltag ade! Am Horizont erstreckt sich die Insel Langeland, wie ein Flaggschiff mit voller Breitseite, nur 45 Minuten per Fähre von uns getrennt. Dort werden wir morgen dem Gegenwind trotzen, heute abend jedoch besichtigen wir Nakskov, die größte Stadt auf Lolland. In den Fabriken am Fjord werden aus Zuckerrüben feine weiße Körner, die dann als süße Würfel neben der Kaffeetasse liegen. Wir lassen die Räder, mehrfach mit Schlössern gesichert, am Eingang der Fußgängerzone zurück und entdecken schon nach wenigen Schritten alte Fachwerkfassaden und kunstvoll geschmiedete Ladenschilder.

Nach dem "Sprung" über den Bælt geht es zu unserer freudigen Überraschung mit Rückenwind über die Insel Langeland nach Norden. Die Entfernungen sind auf dänischen Inseln gering, das Meer nicht weit entfernt und was bei ordentlichem Gegenwind zur Strapaze wird, kann mit Rückenwind das reinste Vergnügen sein.

FünenWindmühle.jpg (17541 Byte)Im Fährort Spodsbjerg finden wir problemlos die Hinweisschilder Nummer 81, dem nationalen Radweg, der uns nach knapp 10 Kilometern zum Herrenhaus in Tranekær führt. Der leuchtend rot gestrichene Adelssitz zeigt sich bei einem Rundgang durch den Garten im englischen Stil von seiner schönsten Seite. In der zugehörigen Windmühle bespannt gerade der "Hobbymüller" die Flügel mit weißen Leintüchern - ein aufwendiges Unterfangen, das bei starkem Wind nicht ganz ungefährlich ist, wie er uns erzählt. Langsam setzt sich das "Ungetüm" in Bewegung, große Holzzahnräder beginnen innen zu rumpeln, breite Lederriemen übertragen die Kraft auf den Lastenaufzug, mit dem die Kornsäcke hochgezogen werden können. Nach einer Stunde verwandelt "unser Rückenwind" den Weizen in feines Mehl. Was man daraus alles köstliches backen kann, lassen wir uns in dem ungewöhnlichen Restaurant, eingerichtet im ehemaligen Pferdestall des Herrensitzes, schmecken. "In welche Box wollen wir uns setzen, zu Skold oder Lise"? frage ich Christiane. Schmiedeeiserne Gitter trennen sie voneinander, an der Wand die Ringe, mit denen die edlen Pferde angebunden wurden, darunter die Futtertröge, in denen jetzt Blumen die Boxen schmücken. Bunt bemalte Balken unter der Holzdecke, auf den Tischen weinrote Gedecke und Kutscherlampen. In der ehemaligen Box von Lise genießen wir schließlich Erdbeerkuchen und frisch gebackene Waffeln mit Sahne.

Im Norden riecht es nach Fisch

In dem beschaulichen Fischerort Lohals an der schmalen Nordspitze der Insel sind die Männer dabei, ihren Fang aus den Netzen zu fieseln, ein mühseliges Geschäft. Christiane spricht genau das aus, was ich denke: "laß uns zwei frische Schollen einkaufen und heute Abend hier bleiben". Mit zwei, drei Handgriffen nimmt uns Knut Larsen flink die Malzeit aus, dabei jammert er über die immer schlechter werdende Ausbeute. Inzwischen bietet er auch Angelfahrten für Touristen an, denn schließlich kennt er die besten Fanggründe von Dorsch und Meerforelle. Auch wenn der größte Dorsch von 61 Pfund ganz im Norden Jütlands, vor der Jammerbucht gefangen wurde, gelten die Untiefen im Großen Belt als besonders erfolgreich. "Die besten Fanggründe befinden sich im Süden", verrät er uns hinter vorgehaltener Hand.

Fischer.jpg (19901 Byte)

Die beiden Fische unter der Gepäckspinne eingeklemmt, machen wir uns auf die Suche nach einem Laden. Schließlich muß ein Fisch schwimmen und das kann er am besten in Aquavit... Der nächste Zeltplatz befindet sich in unmittelbarer Nähe und eine gemütliche Campinghütte scheint auf unseren Besuch gewartet zu haben.

Abwechslungsreiche Tage auf der Insel Fünen

Die Sonne meint es heute gut mit uns und zeigt, daß man sich auch in Dänemark einen ordentlichen Sonnenbrand holen kann. In anbetracht des kaiserlichen Radelwetters lassen wir eine Schloßbesichtigung in Nyborg ausfallen und treten voller Elan in die Pedale - schließlich sind wir den ganzen Vormittag nur Boot gefahren. So halten wir beschwingt Kurs auf die Badestrände im Norden und genießen den kühlen Fahrtwind auf unserer Haut. Im beschaulichen Küstenstädtchen Kerteminde werden wir unser "Basislager" in einer der gut ausgestatteten Campinghütten einrichten, um dann gemütlich ohne Gepäck die Gegend zu erkunden. Bei einem abendlichen Bummel durch den Ort entdecken wir alte Prachtfassaden, die von einer blühenden Vergangenheit erzählen. Bei einem øl (sprich Öl = Bier), das an so einem heißen Tag die Kehle schmiert wie Öl, lesen wir in der Touristenbroschüre, daß Kerteminde im 16. Jh. drittgrößte Stadt der Insel war. Von hier wurde Getreide nach England und Norwegen geschifft, bis der Schwedenkrieg 1660 den Aufschwung schlagartig beendete.

Bilderbuchkulisse auf der Landzunge Hinstholm

Von Sonne am nächsten Morgen geweckt, schwingen wir uns gleich nach dem Frühstück wieder auf die Fahrradsättel, um in einer großen Runde die gerade mal 25 Kilometer lange Halbinsel Hindsholm zu erkunden. Sanft wellige Landschaft bis zum blauen Horizont, fast jede Biegung sorgt auf den abgelegenen Straßen für neue Überraschungen: einmal ist es ein Bauernhof mit verziertem Rieddach, mal ein Grabhügel im gelb leuchtenden Rapsfeld. Der kleine Ort Viby, sechs Kilometer nach Kerteminde, gleicht einem Musterdorf dänischer Gemütlichkeit. Schnuckelige Fachwerkhäuser und die Windmühle am Dorfrand versetzen uns für Augenblicke in eine Bilderbuchkulisse aus dem letzten Jahrhundert. Die grünen Hügel des Nordzipfels fallen schließlich steil in der gut 25 Meter hohen Klippe Fyns-Hoved zum Meer hin ab. Wir jonglieren unsere Bikes über ausgewaschene Feldwege bis weit an den Strand. Was für mich auf dem Rennrad zur Tortur wird, meistert Christiane auf ihrem Mountainbike problemlos. Unter einer ausladenden Pinie taucht dann schließlich ein schattiges Picknickplätzchen mit Meerblick auf. In der Lagune tummeln sich hunderte von Seevögeln - jetzt hätte ich gerne das Fernglas, das aus Gründen der Gewichtsersparnis zuhause im Schrank liegt. Mit bloßem Auge lassen sich dafür die großen Frachter beobachten, die behäbig durch die wichtigste Schiffahrtsroute der Ostsee tuckern. Auf unserm Rückweg machen wir einen Stop in der Steinzeit: wenige hundert Meter abseits der Straße wurde bei Martofte das größte Hünengrab der Insel entdeckt. Mit unserer Fahrradleuchte ausgerüstet, kriechen geht es durch den 7 Meter langen Zugang tief in den Grabhügel hinein. Zusammen mit zwei anderen Radlern, die sich ebenfalls hier umschauen, beginnt das Rätselraten darüber, wie die tonnenschweren Decksteine vor 3000 Jahren wohl so präzise zusammengefügt wurden.

Rad2.jpg (15368 Byte)

Erwin und Claudia sind mit dem Tandem in Dänemark unterwegs. Sie haben schon Seeland durchstreift und erzählen begeistert von der fahrradfreundlichen Hauptstadt Kopenhagen. Nach kurzer gemeinsamer Fahrt müssen wir feststellen, daß die Beiden mit vereinten Kräften unschlagbar schneller sind und lassen sie davonziehen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Dänemark bei schwarzaufweiss

 

Kurzportrait Dänemark

Dänemark gehört zu den beliebtesten Reisezielen für einen Familienurlaub. Hoch im Kurs stehen die langen Dünenstrände, in denen sich gemütliche Ferienhäuser locker verteilen und in deren unmittelbarer Nähe die wilde Nordseebrandung einen ganz besonderen Badespaß bietet. Gefahrloser plantschen Kinder dagegen an den seichten Stränden entlang der Ostseeküste.

Kurzportrait Dänemark

Mehr lesen ...

Geduld wie ein Austernfischer. Mandø, ein einsames Eiland im dänischen Wattenmeer

Es ist fast wie in einer Großstadt – wer von Vester Vedsted nach Mandø fährt, hat die Wahl zwischen der rot-blauen Linie und der grünen Linie. Doch die beiden Verbindungen sind keine U-Bahn-Strecken. Nein, Traktoren mit Hänger sind im Angebot, wahlweise in rot-blau oder grün. Auch die Strecke variiert nicht sonderlich. Es gibt zwei „Straßen“ zur Auswahl.

Mandö

Mehr lesen ...

 

Urlaub bei Nachbarn. Dänische Südsee

Hemden mit Blumendruck, Shorts und Flip-Flops sind im Gepäck. Auch ein Sonnenhut und Creme mit Schutzfaktor 30. Es geht in die Südsee. Wir sind reif für die Inseln. Doch diesmal ohne Flugzeug, ohne Luxusliner. Diesmal starten wir von der Haustür weg mit dem eigenen Wagen. Die Strecke ist absehbar, und Windjacken haben wir auch dabei. Es geht in den Norden, nach Dänemark.

Dänemark Südsee

Mehr lesen ...

Urlaub in Thy. 11 Tipps für Individualisten und Neugierige

Die Ferienregion Thy im Nordwesten Dänemarks kann mit einer Besonderheit aufwarten: Hier wurde mit dem Nationalpark Thy im Jahr 2008 Dänemarks erster Nationalpark geschaffen. Eine beeindruckende Küsten-, Dünen-, Wald – und Heidelandschaft bietet Erholung pur. Die Landschaft lässt sich auf Wander- und Fahrradwegen durchstreifen, sogar Pferdeliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Dass es unendlich lange und breite Sandstrände gibt, versteht sich hier oben im Nordwesten Dänemarks von selbst.

Dänemark - Thy Tipps

Mehr lesen ...