Buchbesprechung

Ist das Jazz oder kann das aus?

 

Der Autor Claudius Reimann, selbst Musiker, erzählt von den Höhen und Tiefen des Musikerlebens. Protagonisten seines Briefromans sind die Grundschullehrerin Jule Kleba und Hugo Buriem, der Jahr für Jahr in Briefen aus seinem bewegten Leben als Saxofonist berichtet. Es sind Briefe, die Jule erst nach dem Tod ihres Vaters in dessen Haus findet. Diese stammen vom Saxofonisten Hugo Buriem aus Recklinghausen. Die schrecklichste Tanzmusik zwischen dem südlichen Ruhrgebiet und dem südlichen Münsterland, so erfährt der Leser, ist das, was ihn gemeinsam mit einem Orgel- und Keyboardspieler über Wasser hält. In E-Dur und A-Moll geht der Musikeralltag seinen Gang.

Ist das Jazz oder kann das aus?

Stück für Stück arbeitet sich Jule durch die Berge von Briefen, erfährt so vom Versuch Hugos, mit Jazzmusik seinen Lebensunterhalt zu verdienen. „All of me“ und „Waltz for Debbie“ lösen „Strangers in the Night“ ab. Erster Gig in seiner Jazzmission ist ein Auftritt bei der amerikanischen Woche bei Kaufhof in Neuss. Und nach dem Kaufhofauftritt folgt ein Feuerwehrfest für die Mission Jazz. Nach und nach fragt sich der Leser beim Durchblättern der Seiten, was eigentlich Jule mit Hugo verbindet. Ein einziges Mal hatten sie sich getroffen, für eine Spritztour mit Jules Spider durch das Ruhrgebiet. Ach, noch ein Bindeglied gibt es zwischen den beiden: der jeweilige Akkordeonunterricht. Musik war im Hause Kleba wichtig, denn Vater Kleba war nicht nur Landwirt, sondern auch passionierter Blasinstrumentenfertigmacher, so liest man es. Hugos Vater hingegen war Trommler in einer Bergkapelle.

Jule ist die Adressatin für Hugos Episoden mit der Band Nordquartett. Mit dieser scheint er seine Berufung gefunden zu haben. Doch auf diese Episode folgt die Gründung der Fusionband Patchwork, die bescheidene Erfolg verzeichnet. Freude-Friede-Eierkuchen gibt es in den Bands nicht. Sie gleichen Zweckgemeinschaften, mehr nicht. Über den Bassisten, der bei der Bundeswehr ist, schreibt Hugo: „Wieso dürfen solch farblose Typen eigentlich Stücke wie „Blue Monk“ und „My Funny Valentine“ spielen? Die Stimmung ist oft so eisig, dass ich denen ein „Summertime“ einfach nicht abkaufe.“ Das Gefeilsche um Gagen ist ein fortwährendes Thema. Und manchmal ist die Band gegenüber dem Kneipenwirt auch im Soll, so geschehen in Paderborn. In diese Welt von Hugo taucht Jule derart ein, dass sie sogar vergisst, sich krankzumelden und für die Unterrichtsvertretung in ihrer dritten Klasse zu sorgen. Doch im Kern dreht sich alles um den Saxofonisten Hugo, der augenscheinlich nicht einmal erwartet, auf seine Briefe eine Antwort zu bekommen. So erscheinen seine Briefe eher Aufzeichnungen, die auch in einem Tagebuch gefunden werden könnten.

Jule und Hugo - das sind unzählige Briefe, in die sich Jule vertieft, auch auf ihrer Fahrt zu Hugo nach Gelsenkirchen. Sehr humorig geschildert ist die Taxifahrt zum dortigen Consol-Theater. Im Autoradio plärrt Matthias Reim „Verdammt ich lieb dich ...“, und der Taxifahrer stimmt mit ein. Jule entscheidet sich, auszusteigen und nach einer Portion Pommes im Hellasgrill mit der 301 weiterzufahren. Und dann, ja dann ist der Moment gekommen, dass Jule ein Konzert von Hugos Band 2 aus der Sogra City live erleben darf. Doch ein Wiedersehen bei der Buchsignierung nach dem Konzert erstaunt schon: Hugo erkennt seine Briefbekanntschaft nicht. Happy Ending sieht anders aus, aber das Leben kennt eben ungewöhnliche Wendungen. Und das Finale: Jule kehrt in ihr Leben in Flensburg zurück und schickt Hugo von dort eine Motivpostkarte. Diese treibt ihm die Tränen in die Augen, ist es doch eine Aufnahme vom Konzert im Consol-Theater. Damit endet auch das Soziogramm zweier Personen, die wie die bekannten Königskinder nicht zueinanderfinden können. Jeder ist zu sehr in seinem eigenen Kosmos gefangen. Dieses Dilemma hat der Autor gekonnt eingefangen. Die Beschreibung des Musikerlebens ist treffsicher beobachtet und niedergeschrieben worden, teilweise auch mit anekdotischem Duktus. Irrungen und Wirrungen und schließlich die Passion für den Jazz hat der Autor sehr gut beschrieben und mit der Kunstform des Briefromans eine Form des Dialogischen gewählt, die in der Literatur eher selten ist.

© ferdinand dupuis-panther

 

Claudius Reimann: Ist das Jazz oder kann das aus. Die kurzen Briefe des Hugo Buriem, Ventura Verlag

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

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