Buchbespechung

Wien - Stadtgeschichten

 

„Oh, Vienna ...“, sangen Ultravox 1980 ein wenig sehnsüchtig - allerdings offenbar ohne wirklich die Metropole in Österreich zu meinen. Dabei hätte sie es verdient, kann man sich doch dem Charme Wiens schwerlich entziehen. Moderne Kunst und Kultur auf der einen, Prachtbauten aus längst vergangener monarchistischer Zeit auf der anderen Seite, eine Reitschule von Weltruhm sowie eine ausgeprägte Kaffeehauskultur und - natürlich - der Wiener Schmäh. Also jede Menge Geschicht(en).

Während sich die einen eine Stadt ohne Plan erlaufen und sich treiben lassen, brauchen andere einen gedruckten Reiseführer in der Hand. Und wie das Reisen selbst, kann der ebenso vielfältig aussehen. Gerne als Einführung einen historischen Abriss bis zurück in die Steinzeit, danach eine detailierte Beschreibung aller großen und kleinen Sehenswürdigkeiten, natürlich umfassende Allgemeininformation, eine bitt’schön vollständige und aktuelle Liste aller Restaurants, Cafés inklusive Speise- und Getränkekarten mit persönlichen Empfehlungen, alle Unterkünfte zwischen Ortseingangs- und Ortsausgangsschild mit Klassifizierung und viiieeele Fotos in selbstverständlich großformatigem Hochglanzdruck, federleicht und handlich gebunden - und das Ganze für nur 2,99 Euro.(?) Äh, nein, gewiss nicht.

Wien - Stadtabenteuer. Judith Weibrecht

Der neu vorliegende Reiseführer (1. Auflage 2020) des für seine qualitativ höherwertigen Reisebücher bekannten Michael Müller Verlags macht auch gar nicht erst den Versuch, allumfassend und für jeden Wien zu präsentieren. Vielmehr lautet der Untertitel des Druckwerkes „Stadtabenteuer“.

Dass der Verlag für das Erleben und Schreiben der 33 Geschichten die weitgereiste und sprachbegabte Reiseautorin Judith Weibrecht gewinnen konnte, empfinde ich als Gewinn. Zwar merkt man der Aufmachung und dem Konzept des Reiseführers an, dass die Zielgruppe eher jüngere Menschen sind, dennoch lässt sich die erfahrene Autorin, die sonst bevorzugt mit dem Fahrrad die Welt erkundet, nicht auf einen Sprachjargon ein, der wie gewollt und nicht gekonnt erscheint, also peinlich. Vielmehr erzählt sie in lockerer unterhaltsamer Weise, oft mit reichlich Humor, Selbstironie und Sprachwitz garniert und in verständlicher Sprache, was sie in der Stadt und etwas jenseits der Stadtgrenzen erlebt hat. Dabei geht es um Abenteuer, die jede Besucherin und jeder Besucher selbst erleben kann und nicht um atemberaubende Höchstleistungen, wie frei zwischen den beiden Heidentürmen des Stephansdoms auf einem Seil zu balancieren. In einer Schauküche einen scheinbar profanen Apfelstrudel zu backen oder bei Taschenlampenbeleuchtung mit Dinos im Museum zu Übernachten sind keine Abenteuer? Lesen Sie selbst. Sich dann plötzlich mit reichlich Spezialwissen der kindlichen Nachtschwärmer bezüglich der alten Knochen konfrontiert zu sehen und das Gefühl zu haben, „ich fühle mich wie der letzte Dödel ...“, ist allzu menschlich. Also nur Mut und die Taschenlampe nicht vergessen.

Apropos Stephansdom, weder der zentral gelegene Kirchenbau, noch die von der Autorin ebenfalls besuchte Spanische Hofreitschule liegen abseits touristisch ausgetretener Pfade, aber im Dom in die Katakomben hinab-, statt den Turm hinaufzusteigen ist vielleicht nicht unbedingt das, was alle machen. Dabei sind viele der Abenteuer kostenlos oder für kleines Geld zu erleben. Ob man dabei die „schiachsten“ Seiten der Stadt kennen lernen möchte, also die unschönen oder gar hässlichen, wie auf einer Tour mit einem Müllmann, muss wohl jeder für sich selbst erfahren, ungewöhnlich ist es allemal. Und es ist vielleicht nicht für jeden passend, auf Harry Limes Spuren wie in dem bekannten Film „Der dritte Mann“ durch Wiens Untertagewelt zu stiefeln und möglicherweise hinterher noch „a Eitrige“ mit „G’schissenen“ zu essen oder von einer Obdachlosen auf eine spezielle Tour geführt zu werden. Aber es gibt weit mehr zu entdecken und letztendlich ist für jeden etwas dabei, auch oder eben gerade, wenn man nicht mit dem Mainstream mitschwimmen möchte.

Sei‘s also drum, die Geschichten sind unterhaltsam zu lesen und man erfährt so eine ganze Menge über Stadt und Leute, ohne dass die üblichen klassischen Sehenswürdigkeiten unerwähnt blieben, nur werden sie nicht in der Breite wiedergekäut, sondern im Infoblock kompakt gereicht.

Überhaupt ist der Aufbau des Reiseführers sehr übersichtlich gegliedert. Dank der kapitelweisen Einteilung in Stadt- und Außenbezirke mit Kartenausschnitten sowie detaillierten Infos kann man sich als Leserin und Leser gut orientieren, muss nicht im Freien schlafen oder mit knurrendem Magen herumlaufen. Zur Not könnte man ja vor Ort auch jemanden fragen, ohne ein „Schleich di, Oida!“ als Antwort zu bekommen. Ja, ein kleiner kleiner Wiener-Dialekt-Kurs gehört auch zum Programm.

Wer nach der Lektüre der rund 240 Seiten auch mit begrenztem Budget keinen interessanten vielfältigen Stadtbesuch für sich auf die Reihe bekommt, hat jedenfalls definitiv etwas falsch gemacht.

Aber wo viel Licht, da auch Schatten: Nein, es muss kein Hochglanzdruck sein und es muss auch kein Stadtplan beiliegen, wie man ihn an jeder Touristik-Info oft kostenlos bekommt, aber die Bebilderung durch Fotos ist doch selbst für Verlagsverhältnisse etwas sehr spärlich ausgefallen. Das finde ich umso erstaunlicher, da man doch wohl eher jüngere Reisende ansprechen möchte, also Generationen, die ihre Smartphones fast immer zur Hand haben und sich und ihre Umwelt gerne in inflationärer Quantität ins Bild setzen, fast in Bildern leben. Als visuelle non-textuale Transportmittel für Informationen und vielfarbige emotionale Eyecatcher, die richtig Lust auf mehr machen, werden Fotos in diesem Buch jedenfalls nur vereinzelt eingesetzt, ansonsten sind sie ohnehin meist zu klein geraten, um groß zu wirken.

Stattdessen wird den vielfach skizzenhaften einfarbigen Illustrationen von Mirja Schellbach fast mehr Raum auf dem Papier eingeräumt. Manchmal werden mit wenigen Strichen Szenen, Gegenstände, Menschen dargestellt, manchmal detailreicher ganze Gebäude, das lockert auf und verhindert den Eindruck sich entfaltender sogenannter „Bleiwüsten“ (Oh, Gott, das soll ich alles lesen?). Die Zeichnungen sind gut gemacht, darum geht es nicht, sie ersetzen nach meinem Empfinden aber kein den Text illustrierendes oder gar in der Wirkung verstärkendes Foto.

Das Geschriebene zum Thema Bebilderung ist weniger der Autorin Judith Weibrecht anzulasten, als vielmehr dem Konzept geschuldet und meine ganz persönliche Meinung. Es wird die Verantwortlichen sicher nicht davon abhalten, auch in Zukunft neue Konzepte und Layouts auszuprobieren und das ist auch richtig so, denn Altbewährtes lässt sich immer wieder auch in der Gegenwart neu erfinden, um sich in der Zukunft als Altes zu bewähren.

Stephan Eigendorf @ saw

 

Wien. Stadtabenteuer. Autorin: Judith Weibrecht. Reiseführer im Michael Müller Verlag. 1. Auflage 2020. ISBN 9783956548291. 14,90 Euro. Weitere Infos unter stadtabenteuer.com

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

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