Buchbespechung

Abenteuer Dublin

Nach Wien hat nun ein weiterer Reiseführer der Abenteuer-Reihe aus dem Michael Müller Verlag unsere Redaktion erreicht: Dublin. Schreiberin der knapp 240 Seiten über diverse Abenteuer in der irischen Stadt ist die weitgereiste und langjährig erfahrene Reiseautorin Judith Weibrecht.

„Die Abenteuer-Bücher fangen dort an, wo die klassischen Reiseführer aufhören“, schreibt der Verlag auf dem Backcover und sagt damit auch indirekt etwas über eben jene klassischen Reiseführer, nämlich dass über die klassischen Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Destination bereits nahezu alles geschrieben wurde und sich für ein weiteres Buch die Sinn-Frage stellt. Tourist-Infos vor Ort in gut frequentierten Regionen sind heute oftmals mit reichlich kostenlosem Material zum Mitnehmen ausgestattet, inklusive kleiner Stadtpläne mit eingezeichneten Must-See Highlights, freilich meist ohne tiefergehende Infos zu liefern.

Ein weiterer Aspekt ist das Alter der Reisenden, das hat sich auch der Michael Müller Verlag gedacht und versucht, mit Blick auf jüngere Zielgruppen schon alleine haptisch und gestalterisch etwas anders zu machen. Beispielsweise wurde komplett auf Hochglanzpapier verzichtet und die Papierfarbe der Innenseiten versprüht mit einer leichten Tönung ein klein wenig den Charme von Recyclingpapier ohne Bleichmittel. Für den einzigen Glanz - rein optisch versteht sich - sorgt sparsam eingesetztes Embossing auf dem Frontcover.

Dublin Abenteuer - Judith Weibrecht

Das eingesetzte Druckpapier verändert natürlich auch die Wirkung der Fotos, die meist mit mindestens einer schrägen Schnittkante platziert sind. Letzteres weicht das übliche kantige Erscheinungsbild ein wenig auf, schafft einen Gegensatz zu den geraden Textzeilen und bringt so mehr Lebendigkeit in die visuelle Gestaltung der Seiten. Das tun die zahlreichen einfarbigen Strichzeichnungen, ein typisches Merkmal für diese Buch-Reihe, in noch größerem Maß. Gut gemacht, wie ich finde.

Dem einen oder anderen Foto hätte der Verlag allerdings etwas mehr Zeit für die Bildbearbeitung angedeihen lassen können. Damit meine ich nicht die Wirkung von Farbfiltern, die hier teilweise gezielt für Effekte eingesetzt wurden, sondern die basics. Ja, das Wetter ist nicht immer optimal, wenn man - in diesem Fall frau - auf Recherche-Tour fotografiert, aber das sollte m. E. nicht zu „abgesoffenen schwarzen“ und damit strukturlosen Bereichen auf Fotos im fertigen Printprodukt führen. Aber vielleicht gehört auch das zum Konzept der Reihe, sozusagen als Ansage an die Zielgruppen: Die Welt ist nicht perfekt, so kann es die Abbildung der Welt auch nicht sein. Dem wäre dann in der Tat wenig hinzuzufügen.

Meiner Kritik an anderer Stelle, dass ich die Anzahl der Fotos für zu gering und die Größe in vielen Fällen als zu klein für einen Reiseführer empfinde - offenbar ebenso ein Merkmal dieser Reihe und konzeptionell gewollt - möchte ich einen vielleicht abmildernden Aspekt zur Seite stellen. Jüngere Menschen sind in der Regel auch im Ausland immer online und haben ihr Smartphone in Griffweite, bei „Wissenwollen“ sind Fotos und Infos wie Öffnungszeiten mit flinken Fingern über die gängigen Suchmachinen u. U. schneller abgerufen, als die Seiten im Reiseführer umgeblättert.

Aber das Wichtigste eines Buches ist und bleibt ja nun der geschriebene Inhalt, auch wenn die Aufmachung ohne Zweifel etwas mit Lesenden macht. Judith Weibrecht hat sich in Abenteuer gestürzt und kann von Erlebnissen berichten, die man über Internetsuchmachinen nicht findet, so zumindest der Verlag. Und vieles davon sei sogar kostenlos oder koste nicht viel und sei familientauglich.

Das liest sich gut und tatsächlich kann die Autorin über - im wahrsten Sinne des Wortes - mitreißende Erfahrungen schreiben. Etwa beim Glockenläuten in der Christ Church Cathedral im Bezirk Temple Bar. Die schwerste der 19 Glocken im Turm wiegt über 2 Tonnen und leider hatte der Führer der Besuchergruppe wohl vergessen darauf hinzuweisen, dass man/frau auch mal loslassen können muss und so zog es die Autorin kurzzeitig mit dem Seil in die Höhe. Selber Glockenläuten ohne Anlass? Super. Akustisch dürften das nur die Geister von Tom und Jerry bemerkt haben, denn ihre sterblichen Hüllen befinden sich in der Krypta. Weder Maus noch Katze war Glück beschert, als sie einst in einer Orgelpfeife Zuflucht bzw. Beute suchten, starben und mumifiziert wurden.

Überhaupt hat die Autorin viele klingende Abenteuer erlebt, wie eine Stadtführung bei der gemeinsam gesungen wird, eine Bingo-Veranstaltung bei der Drag-Queens zum Playback die schrägen Unterhalterinnen geben, ein Abend mit Ukulele zum Mitmachen auf für Nichtkönner*innen oder ein Besuch in den Windmill Lane Recording Studios in den Docklands, wo Größen aus der Vergangenheit wie Van Morrison bis zu aktuellen Künstlern wie Ed Sheeran ihre Musik aufgenommen haben.

Natürlich bleibt auch das leibliche Wohl nicht auf der Strecke, Fish & Chips von einer der angesagtesten Imbissbuden inklusive munterer Plauderei in der Warteschlange, auf ein Bier in die urigen traditionsreichen Pups in Temple Bar oder zur Tea Time in den fahrenden Doppeldeckerbus Pauline, Besuch mit Verkostung in einer Brennerei - Frau Weibrecht musste nicht darben. Vielmehr begab sie sich noch auf eine von einer Französin geführte Delicious Food Tour durch Dublin, den Text sollte man besser nicht lesen, wenn man leichten Appetit verspürt, die Geschäfte geschlossen haben und der Kühlschrank leer ist.

Kalorien wollen gerne wieder abgearbeitet werden und so hat sich die Autorin nicht nur zu einer Stadtführung mit E-Bike angemeldet, sondern hat es auch mit Irish Dance versucht und ist mit dem Kajak mitten durch die Innenstadt gepaddelt.

Um schließlich im Knast zu landen, aber das ist eine andere Geschichte und im übrigen ebenso im Buch nachzulesen.

Wie viele weitere Geschichten auch. Und die sind überwiegend absolut kurzweilig dank der lockeren Erzählkunst von Judith Weibrecht mit viel Humor und Selbstironie. Aber nicht dass der Verdacht aufkommt, inhaltlich ginge es in dem Buch nur um oberflächliche Belanglosigkeiten und die Befriedigung eines Spaßbedürfnisses. Der Besuch im Irischen Emigrationsmuseum zeigt, dass es den Iren nicht immer gut ging, Mitte des 19. Jahrhunderts verließen unfassbar viele Menschen ihre Insel, um einer scheinbar ausweglosen Zukunft zu entgehen. Ein Thema, das heute weltweit brandaktuell ist. So erfahren Lesende auch tiefgründiger etwas über Geschichte und Gegenwart der Iren allgemein und Dublins im speziellen, etwa auf geführten Touren, ohne dass es sich zur Geschichtsstunde auswächst. Für mich passt die Mischung.

Mein anfängliches Gefühl der Unstrukturiertheit des Reiseführers bei einem Schnelldurchgang ist fix gewichen. Ohne großes Geschwafel bekommt man auf den ersten wenigen Seiten viele Antworten auf die W-Fragen. Wer genau hat’s geschrieben, was möchte der Verlag uns damit sagen, wo geht es denn hin und wie komme ich dahin.

Und dann geht es auch schon los durch die 8 Bezirke, jeder eingangs mit einer kleinen übersichtlichen Straßenkarte. Darauf folgen jeweils mehrere vierseitige Abenteuer, wobei die erste Seite die Überschriften, ein grafisches Element und einen Steckbrief mit den wichtigsten Infos beinhaltet, auch zu den zu erwartenden Kosten. Am Ende der vierten Seite gibt es in einem farblich abgesetzen Kasten einen Tipp für weitere Unternehmungen unter dem Motto: „Wenn man schon mal hier ist“.

Praktische Tipps finden Lesende in einem übersichtlichen, nicht ausufernden Maß am Ende unter den Rubriken Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen und Schlafen. Unter „Sehen“ tauchen sie dann natürlich kurz doch auf, die klassischen Sehenswürdigkeiten. Gut so, sie gehören einfach dazu. Alle anderen Tipps sind eine Auswahl der Autorin und darunter finden sich auch solche, wie shoppen bei Dublin Food CO-OP, einer Non-Profit-Organisation die mit ökologischen und lokalen Lebensmitteln ohne Verpackung handelt. „Gut für nachhaltig hergestellte Mitbringsel und irische Spezialitäten wie Käse“, befindet Judith Weibrecht. Das passt auch gut für Menschen, die heute anders reisen und vermutlich zu einer der Zielgruppen dieser Reiseführer gehören.

Mein Fazit:

Man muss auch mal etwas anders machen. Die klassischen Sehenswürdigkeiten einer Destination nehmen zahlenmäßig erfahrungsgemäß nur in einem sehr begrenzen Maß zu, durch altersbedingten Verfall auch mal durchaus ab. Aber Menschen schaffen in Städten und Regionen immer wieder Neues, das sich zu entdecken lohnt. Einen Teil davon gibt es in diesem Reiseführer zu entdecken mit Spaß, aber auch mit Tiefgang und Hintergrund. Was aus Judith Weibrechts Abenteuern in Dublin Lesende förmlich anspringt ist die Gemeinschaft, zusammen etwas zu erleben, durch Kommunikation Wissenswertes zu erfahren, ja, auch wenn es der Tipp für die ultimative Fish&Chips-Bude ist, oder einfach nur mit anderen eine schöne Situation zu teilen im Hier und Jetzt. Man muss sich nur trauen oder manchmal überwinden und zulassen, alte Steine angucken ist natürlich einfacher.

Stephan Eigendorf @ saw

Dublin Abenteuer, Judith Weibrecht, Michael Müller Verlag, 1. Auflage 2023, 240 Seiten , ISBN 9 783966 850964, 17,90 €

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Reisemagazin schwarzaufweiss

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