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ArtPort: Kunst fliegt vorbei
Die Kunstsammlung des Internationalen Flughafens Brüssel-Zaventem

Kunst und Flughafen – wie passt das zusammen? Doch es passt: Seit 1994 besteht das Projekt „Kunst im Flughafen“. Allerdings gibt es nicht nur im, sondern auch außerhalb des Brüsseler Flughafens Kunst zu sehen. Eröffnet wurde die Schau im Oktober 2002. Die Sammlung, die zur Zeit aus mehr als 200 Werken von 70 Künstlern besteht, wächst stetig. Gekauft wurde und wird nicht beliebig, sondern erworben werden nur solche Objekte, die mit Fliegen, Reisen und „kleinen Fluchten“ in Zusammenhang stehen. Da ein Teil der Werke vor dem Check-In und den Sicherheitskontrollen ausgestellt ist, können auch Nicht-Fluggäste einen Blick auf aktuelle belgische Kunst erhaschen. In der Sammlung sind die führenden Künstler Belgiens vertreten, darunter auch im Ausland bekannte wie Panamarenko, Jan Fabre, Vic Gentils und Pierre Alechinsky.


Noelle Koning: Ohne Titel

Fluggäste kommen und gehen, stehen auf der Rolltreppe, warten auf den Aufzug, tauchen hinab in die unterste Ebene des Flughafengebäudes, wo der Zug nach Brüssel wartet. Andere eilen zu parkenden Autos auf der Ebene 0. Einige Reisende laufen mit Aktenkoffern geschäftig durch das Gebäude, andere lassen sich auf Laufbändern von A nach B bewegen. Die Zeit scheint zu drängen. Manche warten auf Mitreisende, aber auch sie  schenken der „Signatur des Chaos“ keine Aufmerksamkeit. Es ist eines der Kunstwerke, die verteilt auf das Flughafengebäude zu einem Kunstbummel einladen.


Gabrielle Haardt: Verneigung vor Paul Delvaux

Konstruktiv und konkret
Hugo Duchateau ist der Künstler, der eine dreiteilige abstrakte Arbeit in leuchtenden, zerfließenden Farben und mit klassischen geometrischen Formen wie Dreieck und Quadrat ausstellt. Konkrete Kunst präsentiert uns Ron Van de Vyver, der in Beveren lebt: Mittig wird ein rotes Quadrat mit Schneckenlinien im Inneren von einer weißen Halbkreislinie durchschnitten. Links ruht ein orangefarbenes Dreieck auf einem schmalen hochkant gesetzten dunkelroten Quadrat. Eine tropfende blaue, diagonal verlaufende Linie liegt über dem Dreieck. Der Hintergrund ist in leuchtendem Gelb angelegt. Rechts wurde ein Kreissegment in Orange und Zitronengelb platziert.


Guy Vandenbranden: Lichtkathedrale

Strenge Geometrie macht auch das Gemälde „Lichtkathedrale“ von Guy Vandenbranden aus. Hochgestellte Trapeze geben die Dachlinien und Türme wieder, ein Quadrat, mit schwarzen Diagonalen durchzogen, den Kirchenraum. Auch Vincent van Gogh ist im Flughafen zugegen, wenn auch nur in Bildzitaten, die André Goezu für „Vincent fliegt davon“ zusammenstellte. Man sieht den rothaarigen van Gogh mit Palette und in einem Selbstbildnis in blauer Jacke. Auch die Sonnenblumen, die den niederländischen Expressionisten überaus bekannt gemacht haben, hat Goezu in seiner malerischen Collage verarbeitet.

Himmelsgucker und Flugpioniere
Thronsaal und Boudoir vereint Lionel Jadot in seiner Installation aus drei Thronsesseln, der eine grün und mit Blumen verziert, der andere mit einer fiktiven Fledermaus als Rückenlehne und der dritte mit Armstützen in Gestalt von Pferdeköpfen: „Barocke Spannung“ ist der Titel des Werks. Frans van Praet hat seine pilzförmigen Buntglaskristallgebilde im Aufgang zur Abflughalle nicht als Sitzmöbel konzipiert. Doch einige Reisende haben sich dennoch darauf niedergelassen und die Kristallkunst als postmodernes Sitzmöbel funktionalisiert.


Robert Groslot: Einschiffung nach Cythera bei Sonnenuntergang (2004)

Dem Quadrat hat sich Petr Schlosser verschrieben und präsentiert gleich neun farbige Quadrate. Das große Bildquadrat, einen Wolkenhimmel zeigend, ist von Namen wie Gagarin, Fabre und Hilton durchzogen. Jeweils am oberen und am unteren Rand, am Seitenrand und in den Ecken sind weitere Quadrate angesetzt, auf denen Menschen verschiedener Hautfarbe porträtiert sind, die in den Himmel starren. Wenige Schritte von diesem Gemälde entfernt sieht man den farbigen Kopf eines Mannes vor einer hohen grauen Mauer, ein Werk von Charles Szymkowicz mit dem Titel „Befreiung“, auch wenn der (Berliner) Mauerfall nicht zu sehen ist.

Tim und Struppi
In der Abflughalle mit den Schaltern zum Check-in angekommen, fällt der Blick auf Oliver Strebelles riesige geschwungene Plastik, die sich mit dem Thema Fliegen befasst. Blickt man von der dritten Etage, wo das Werk seinen Platz hat, hinauf in die vierte, entdeckt man Tim und Struppi, eine Arbeit von Nat Neujean. Auf einem Podest sieht man zudem eine Installation mit einem Kinderpaar, einem Mann und mehreren Frauen aus Holz, die Yves Bosquet zu verdanken sind. Hätten die Figuren Koffer oder Reisetaschen in der Hand, so könnte man sie für Fluggäste halten.

Hat man die erste Kontrolle passiert und sich per Rolltreppen eine Etage nach unten bewegen lassen, so sieht man Catherine Warmoes’ Gemälde „Der Flug“. Doch kein Flugzeug ist zu sehen, sondern ein kubistisch anmutendes, turmähnliches Flughafengebäude in zarten Beige- und Braun- sowie Grautönen. Die Künstlerin zeigt nicht nur die Gebäudehaut, sondern schneidet diese auf, lässt den Blick in ein Treppenhaus zu. Gabrielle Haardt verneigt sich mit ihrer Marmorskulptur, die eine Gruppe sich nahe stehender Menschen zeigt, vor einem der Väter des belgischen Surrealismus: „Hommage an Paul Delvaux“ nannte sie ihre Arbeit.


Pol Mara: Aus der Büchse der Pandora

„Aus der Büchse der Pandora“ lässt Pol Mara in einer Art gemalter Collage Postkarten- und Modellwelten entweichen. Ganz eigene Ideen zum Fliegen hat der aus Havanna stammende und in Gent arbeitende Ricardo Brey, der auf kleinen Schnipseln Büttenpapier Reihen von Insekten mit großen Flügeln gemalt hat.

Kaum einer wirft einen Blick auf den Vogelkopf, eine plastische Arbeit von Jef van Tuerenhout von 2002: Ein Vogelkopf mit Papageienschnabel sitzt auf einem weiblichen Körper mit entblößten Brüsten. Mit gestischem Farbauftrag hat Frieda van Dun eine Winterlandschaft geschaffen, bei deren Anblick man an Schneetreiben in Hochlagen denkt. Das Thema Fliegen greift Charles Szymkowicz mit seiner gemalten Hommage an Antoine de Saint-Exupery auf: Ein Pilot mit abgenommener Sauerstoffmaske schaut in den tiefblauen Himmel, in den ein zweimotoriges Flugzeug immer höher aufsteigt.

Eine farbenfrohe Arbeit von Noëlle Koning bleibt unbetitelt, obgleich man beim Betrachten den Eindruck gewinnt, man habe ein verlassenes Haus vor sich, dessen Mauerwerk mit zahleichen Graffitis übermalt wurde. Unter der Rolltreppe schleppt auf dieser Ebene, die alle aufsuchen müssen, um zu ihren Abflügen im Bereich A des Flughafens zu kommen, ein Mann eine Matratze auf den Schultern. Philip Aguirre y Otegui ist der Schöpfer dieses plastischen Werkes, dass eine bauliche Nische des Flughafens bespielt.


Frans Van Praet: Kristallstraße

Der Deich, die Seevögel und der Euro
Auf der nächsten Ebene, dort, wo Laufbänder die Wege schnell und bequem überwinden helfen, stehen Reisende dem siebenteiligen Werk von Philippe Decelle gegenüber, das den Titel „Der Deich, Seele des Marschlandes“ trägt: Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten als Lichtkasteninstallation im klassischen Sinne. Tritt man heran, dann erkennt man, dass es sich weder um Glasätzungen noch Hinterglasmalerei handelt. Es scheint, als habe der Künstler für seine laubgrünen Bäume, für die schnurgeraden Alleen und für den Segler auf dem von Pappeln bestandenen Kanal dünne Neonröhren verwendet. Deutlich sind die mit roten Bändern stilisiert angedeuteten Ackerfurchen zu erkennen und am Horizont erhebt sich die Silhouette eines Kirchleins.

Unterwegs zu den Wartezonen A 30 bis A 72 begegnen dem Fluggast vier riesige Seevögel, die aus Karton mit kartografischen Aufdrucken bestehen und unter der Decke „dahinschweben“. Der Künstler Urbain Mulkers nannte dieses Kunstwerk ganz nahe liegend „kartografische Vögel“ (2000). Bevor man sich durch die Sicherheitskontrolle begibt, fällt der Blick auf Guy van den Bulckes Ode an den „Euro“: Ein riesiges „Geldstück“, auf dem rechts das schwarze € und links eine Flagge mit der Aufschrift EURO zu sehen ist. Mittendrin erblicken wir eine halbnackte Europa, ein spindeldürres Model vom internationalen Mode-Laufsteg, möchte man meinen.


Leo Dohmen: Präkolumbische Kopie
einer posdtkolumbischer Taube

Transparenz, eine Tänzerin und ein präkolumbisches Ei
Auch hinter den Sicherheitsschleusen wird Kunst gezeigt: In hyperrealistischem Stil malte Jef van Grieken die „Aerostation Zaventem“ in dem Augenblick, als gerade zwei Einmotorige dicht hinter einander zum Landeanflug ansetzen. In einem Triptychon bearbeitete die in Paris 1929 geborene und nun in Brüssel lebende Colette Bitker in Aquarelltechnik das Thema „Wegfliegen“. Zu sehen ist eine Dorflandschaft vor begrünten Hügeln und eine aus dem Ort führende, gewundene Straße. In einem Teil des Gesamtwerkes ist eine junge Mutter mit dem Kinderwagen auf der Straße unterwegs. Im Mittelteil sieht man – eingearbeitet in die Dorfansicht – ein sich umarmendes Paar, vor dem eine aufgeschlagene Zeitung liegt. Folgende Zeile ist zu lesen: „Avec toi a tour du monde – Mit dir auf Weltreise“. Und schließlich kann man im dritten Bildteil noch ein sich umarmendes Paar mit dem Rücken zum Betrachter sehen, das die Enge des Dorfes verlässt. Aus der Luft aufgenommene Schlammmassen wälzen sich durch das Wasser, so meint der Betrachter, der vor der Arbeit des Brüsseler Fotografen Hervé Charles mit dem Titel „Transparenz“ steht.

Im Wartebereich von A42 bis A72 fällt der Blick auf eine Bronze von Marietta Teugels, die die Tänzerin Isidora Duncan zeigt. Völlig gelöst und heiter schwingt die Dame ein Bein in die Höhe, stellt sich mit dem anderen graziös auf den zylindrischen Sockel, und man meint, gleich würde sie sich von ihrem Platz lösen und in der Wartehalle Pirouetten drehen. Im Bereich A40 steht auf einem niedrigen zylindrischen Sockel ein mit Flügeln versehenes Riesenei, eine surrealistische Arbeit, die sich auch René Magritte hätte ausgedacht haben können. Doch das rostrote Ei stammt von dem 1999 verstorbenen Antwerpener Künstler Leo Dohmen und heißt: “Copie precolombienne d’une colombe postcolombienne“ (Präkolumbische Kopie einer postkolumbischen Taube).


Félix Rolin: Entkleide mich

Gelangt man zu A 35, so stößt man auf ein Werk von Félix Roulin, der mit seiner Kunst auch die Metrostation Thieffry bereichert. Eine gekrümmte Wand aus rostigem Cortenstahl ist an zahlreichen Stellen aufgerissen. In den Rissen der Wand nimmt man Teilansichten einer Frau wahr, die ihren Pullover über den Kopf zieht und ihre Brüste entblößt. Auch das Öffnen der Jeans und das Hochheben des Rockes  ist in „Zieh mich aus“ dargestellt. Die Hände verschlungen, der Körper elastisch gedehnt und gedreht, so steht sie da die Verkörperung der „Frühlingssymphonie“, eine „transparente“ Bronzefrau, die von Hélène Jacubowitz 1998 geschaffen wurde.

In unmittelbarer Nähe ist das vierteilige Materialbild von Monique Muylaert zu sehen, die sich mit skurrilen Flugobjekten beschäftigt. Und auch Irène Sturbelle widmet sich dem Fliegen: Über der Savanne schwebt ein grünes Kleinflugzeug. Erschreckt hebt ein Elefant seinen Rüssel. Eine Gruppe von Giraffen beobachtet den „fremden Vogel“ – so auch der Werktitel des großformatigen Gemäldes. Während wir noch vor diesem Gemälde stehen, hören wir den Aufruf zum Boarding. Adieu Brüssel, Adieu Artport …
(Text und Fotos: ferdinand dupuis-panther Copyrights bei den Künstlern und Rechtenachfolgern )


Paul Van Hoeydonk: Der Roboter und sein Planet

Brüsseler Flughafen
BE-1930 Zaventem
http://www.brusselsairport.be



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