Bolivien - Teil 2

Nur ein Tag mehr

Text und Fotos: Andreas Koslowski

Der Überlandbus steht abfahrbereit im Busbahnhof von La Paz. Weil ich nicht sicher bin, ob ich in den nächsten Stunden etwas zu essen bekomme, besorge ich mir noch schnell ein paar medialunas, halbmondförmiges Blätterteiggebäck, bevor ich es mir auf den braunen Kunstledersitzen bequem mache. Mit mir sind es ein Dutzend Passagiere, die sich auf den nächtlichen Weg Richtung Süden machen. Unser Ziel ist einer der größten Salzseen dieser Erde: der 11000 km² große Salar de Uyuni und die an Flamingos reichen Lagunen seiner Umgebung.

Bus in Bolivien

Ein alter Überlandbus in San Juan, im Hochland von Bolivien

An diesem späten Septembernachmittag verlassen wir auf dicken Profilreifen in einem höher gelegten Bus La Paz. Die Gletscher des 6440 m hohen Hausbergs Illimani strahlen in der untergehenden Sonne in einem prächtigen Orange, bevor es Nacht wird um unser rüttelndes Gefährt. Schotter, Schlaglöcher und Wellblechpiste lassen den Kopf vibrieren, während sich mehlfeiner Staub trotz zugeklebter Fensterrahmen im Innenraum verbreitet. Bei den anfangs stündlichen Pinkelpausen erntet jener Mitreisende die bösesten Blicke, der es nicht schafft, mit seinen Trekkingschuhen einem fetten Hundehaufen auszuweichen und somit dem Klima an Bord eine weitere Duftnote hinzuzusetzen hat. Ich verziehe mich auf eine der hinteren Bänke, wo es zwar weniger stinkt, dafür aber um so mehr rumpelt. An Schlaf ist deshalb kaum zu denken. Draußen kämpfen sich unterdessen zwei Lichtkegel unermüdlich durch dichten Staub, den ein Bus viele Kilometer voraus aufgewirbelt hat. Augen zu und durch.

In Uyuni

Es wird kälter! Eisblumen verzieren die Scheiben. Ich sitze mit Daunenjacke im Schlafsack, puste kalte Ringe vor mich her und bemitleide einen Mitreisenden, der zu allem Unglück noch Magenbeschwerden bekommen hat. Jetzt hockt er draußen unter´m Firmament und friert sich den Allerwertesten ab. Und hat sicher kein leichtes Geschäft bei minus 15 Grad. Die Fahrt geht weiter. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir Uyuni, 3670 m hoch in den Ebenen des Altiplano. Das Städtchen versprüht den spröden Charme eines Italo-Western-Nestes. Wind pfeift durch das alte Bahnhofsgelände mit seinen wartenden und bekritzelten Waggons. Verkäufer auf Dreirädern drehen mit billigem Eis ihre staubigen Runden und hoffen auf Schulschluss und schreiende Kinder. Peitschenlaternen begutachten mit ihren müde gewordenen Köpfen die Straße, nur wenig weiter liegt der rostende Eisenbahnfriedhof mit sterbenden Dampflokomotiven und Tendern. Wer ein bisschen Zeit mitbringt und wen Tristesse und Nebensächlichkeiten nicht abschrecken oder diese vielleicht sogar bewusst entdecken möchte, kommt in Uyuni auf seine Kosten.

Uyuni, Bolivien

Eine Chola in einer Seitenstraße Uyunis

1966 geboren, wurde dem Düsseldorfer Fotografen und Illustrator Andreas Koslowski der Reisebazillus mit in die Wiege gelegt. Schon den Winzling nahmen seine Eltern auf ihre Reisen durch ganz Europa mit, und davon konnte er, wie er sagt, "nie genug bekommen". "Das Unterwegssein war immer aufregend und spannend", erinnert Andreas Koslowski sich, und möglicherweise lag in diesem großen Interesse an allem, was die Welt zu bieten hatte, die Basis für seine spätere Karriere als Fotograf und Illustrator.

Später am Nachmittag sehe ich nach langer Zeit wieder bekannte Gesichter: wie schon in Deutschland verabredet treffe ich vier Freunde von mir wieder, um von hier gemeinsam zum Salar und den Lagunen zu reisen. In Uyuni gibt es dafür zahlreiche Tourenanbieter, die mit ihren 4x4-Geländewagen, auf mehr oder weniger identischen Routen dieses Gebiet befahren. Die Auswahl ist groß. Am besten informiert man sich im Ort bei den staubig Zurückgekehrten über die aktuelle Hitliste von Fahrer, Köchin und Anbieter. Und wenn man sich vorher noch angenehme Beifahrer ausgesucht hat, kann sie beginnen: die Fahrt in eine der landschaftlich spektakulärsten Gebiete unserer Erde.

Die Sache hat nur einen Haken. In der Hauptsaison, von Juli bis September, sind manchmal bis zu 20, 30 Autos gleichzeitig auf der Strecke und die Fahrer machen sich einen Spaß daraus möglichst als erster den abendlichen Schlafplatz zu erreichen, um dann in Ruhe das geschundene Vehikel reparieren zu können. Wir überlegen uns deshalb, die normalerweise viertägige Tour im voraus um einen Tag zu verlängern, um so der 'Rallye' zu entgehen und den Nissans und Toyotas immer ein paar Stunden voraus- oder hinterher zu fahren. Nur ein Tag mehr. Aber der soll es bringen!

Salar de Uyuni, Bolivien

Zwischenstopp auf dem Salar de Uyuni

Am nächsten Tag gehen wir auf den Markt, um uns mit frischem Obst und Wasser einzudecken; den Rest besorgt unsere Köchin Anjelica. Sie und ihr Mann Jorge, der Fahrer der Tour, beide Ende 40, werden uns in den nächsten Tagen durchs Hochland führen. Wir verstauen das Gepäck in und auf dem Auto und mit Peñamusik aus dem Rekorder verlassen wir die Stadt Richtung Salar de Uyuni: zur größten Salzwüste der Anden, fast 3700 m hoch gelegen und beinahe 20 mal so groß wie der Bodensee.

Salar de Uyuni, Bolivien

Morgendämmerung am Salar de Uyuni

Salz, so weit das Auge reicht

Die Augen brennen, als wir zum ersten mal den Wagen verlassen, knirschendes Salz betreten und den Horizont erahnen. Gleißendes Weiß: ein Meer aus Salz. Meine Pupillen bemühen sich, ihre kleinsten Öffnungen zu erzeugen, doch ohne Sonnenbrille sieht man fast nichts. Wir begegnen Salzarbeitern, die mit Äxten kofferradiogroße Blöcke aus der Salzmasse hauen, zwei Stunden mit ihren Fahrrädern vom nächsten Ort entfernt. Auch das mittlerweile schon recht bekannte "hotel de sal" mit seinen paar Zimmern aus Blocksalz liegt auf unserem Weg. Dann verlassen wir die übliche Route und fahren weiter Richtung Nordwesten. Nach gut vier Stunden werden wir von der Salzwüste, die in der Regenzeit von November bis März zum knietiefen See wird, wieder ausgespuckt. Jorge macht uns den Vorschlag, zu einer kleinen, spärlich bewachsenen Anhöhe zu gehen. Er spricht von einer angeblich uralten Vor-Inkasiedlung. Und tatsächlich entdecken wir auf einer Kuppe alte Steinmauern mit Fensternischen, Andeutungen von Räumen, vereinzelt bemalte Tonscherben und etwas unterhalb der Anlage unter kleinen Vorsprüngen zahlreiche Knochen und menschliche Schädel... Eine einfache Unterkunft für die Nacht finden wir im fast menschenleeren Dörfchen Jiriri am Fuße des Vulkans Tunupa. Nach einer Portion Nudeln mit Lamafleisch kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Die Nacht ist klar und ziemlich kalt.

Zur Isla Pescado

Zwei Stunden vor Tagesanbruch klingelt der Wecker. Mit Handschuhen, Daunenjacke und Stirnlampe packen wir unsere Ausrüstung auf das Autodach. Die Vorfreude auf einen Sonnenaufgang an der Isla Pescado, einer kleinen Insel mitten im Salar, ist groß. Wie im Helikopter über die Arktis gleitet unser Wagen vollkommen erschütterungsfrei über die weiße Ebene. Keine Straßen, keine Schilder, nichts Vertikales, wir scheinen wirklich zu fliegen! Sprachlos blicken wir durch beschlagene Fenster. Es dämmert bereits. Die Insel, die wir schon vor einer halben Stunde zum ersten mal erblickt hatten, scheint nicht wirklich näher zu kommen. Bei solch klarer Luft täuscht der Raum das Hirn, die Zeit und die Entfernung. Doch auf einmal liegt sie vor uns, die Isla Pescado, wie ein Krokodil auf weißem Zucker. Den Rücken bestückt mit pelzigen Kakteen. Wir steigen aus und sind allein, als die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickt. Unsere Schatten sind kilometerlang! Wabenartige, Quadratmeter große Netzstrukturen aus Salzkristallen erstrecken sich bis ins Unendliche. Da bin ich auf einmal Teil einer surrealen Bilderwelt, wie sie den Gedanken eines Dalí entspringen mochte, während mein Kopf mich fortwährend in verschneite Pol-Landschaften schicken will, in Erwartung von Walen, die durchs Packeis brechen. Ich bin fasziniert und fühle mich ganz klein beim Eindruck und der Schönheit dieses Morgens.

Isla Pescado, Bolivien

Wanderung an der Isla Pescado

Beeindruckende Einsamkeit

Einige Stunden halten wir uns hier auf, erklimmen die Insel und umrunden sie, und fahren, bevor die ersten Autos mittags auftauchen werden, weiter Richtung Westen, wiederum abseits der üblichen Route. Der Rest des Tages führt uns durch aride, staubige Gras- und Gerölllandschaften, öde und doch beeindruckend durch ihre Einsamkeit. Eine angenehme Bleibe für die Nacht findet sich bei Teofilo Yucra im kleinen Dorf San Juan mit seinen Häusern aus Adobe, getrocknetem Lehm mit Stroh, und den Dächern aus Pajagras. Am nächsten Tag erreichen wir Vormittags den rauchenden Vulkan Ollagüe. Zum ersten mal sehen wir andere Fahrzeuge am mirador, dem Aussichtspunkt. Wir lassen alle passieren und fahren nach ein, zwei Stunden hinterher. Es ist der Tag der Lagunen.

Die Lagunen geben dem Altiplano mit ihrem Wasser das Leben, und die in ihnen gelösten Mineralien lassen sie teilweise in unglaublichen Farben erleuchten. Eingebettet liegen sie zwischen hohen Gipfeln, türkis, blau, ultramarin, kupfergrün bis rostrot, nur mühsam zu erreichen über holprige Wege und Pässe in fast 5000 Metern Höhe. Die Autofederung und unsere Hinterteile müssen einiges erdulden und manchmal weiß man nicht, wer lauter ächzt. Wir durchqueren die Pampa Siloli, ein wüstenartiger, unfruchtbarer Höhenlandstrich, der so rau ist, dass weder Tiere noch Pflanzen gedeihen können, bis wir abends bei stürmischem Wind unser Camp vor der Laguna Colorada erreichen. Die einfachen Holzbehausungen und die klirrende Kälte lassen einen an Wodka, traurige Lieder und Sibirien denken. Rot und violett verabschiedet sich der Tag.

Altiplano, Bolivien

Yareta-Moos in 4500 Meter Höhe

Faszinierende Hochgebirgslandschaften

Laguna Salada, Bolivien

Endlich wieder sauber! Ein wohltuendes Bad in der Laguna Salada

Der Wind hat die Abendwolken vertrieben und der Ausblick aus dem klapprigen Fenster unserer Hütte ist grandios. Hunderte von Flamingos erwarten anscheinend sehnsüchtig die ersten wärmenden Strahlen des Tages und halten derweil umtriebig eine Rinne im See eisfrei, nur um kurz darauf mit lautem Geschnatter eine kleine Aufwärmrunde zu fliegen. Sicher ist sicher. Wir lassen uns genug Zeit, das faszinierende Leben und Überleben dieser Vögel, von denen es hier drei Arten gibt, zu beobachten. Am wahrscheinlichsten trifft man auf den etwa 120 cm großen Andenflamingo, etwas kleiner ist der Chilenische und nur noch sehr selten ist der James Flamingo zu erblicken.

Laguna Verde, Bolivien

Laguna Verde, die Grüne. Im Hintergrund der 6000 Meter hohe Llincancabur

Vor mittlerweile zwei Stunden hat das letzte Auto das Camp an der Lagune verlassen. Wir sind wieder alleine und fahren dem gesamten Tross hinterher. Sie alle sind uns wieder Kilometer voraus, so dass wir an diesem Tag allein sind in einem Vulkanfeld mit Geysiren, Rauch und Schlammgeblubber, allein und nackt sind beim Baden in der lauwarmen Quelle der Laguna Salada, allein sind auch am Endpunkt unserer Reise, der Laguna Verde an der chilenischen Grenze, smaragdgrün und windgepeitscht vor dem Bilderbuchvulkan Llincancabur, von dessen 6000m hohen Spitze man den Pazifik sehen kann...

Laguna Colorada, Bolivien

Atemberaubende Farben an der Laguna Colorada

Die letzte Nacht verbringen wir nochmals an der Laguna Colorada, um am Tag darauf die Heimreise nach Uyuni anzutreten. Gerüttelt und geschüttelt, aber mit unvergesslichen Eindrücken einer herb-schönen Hochgebirgslandschaft kehren wir zurück. In Uyuni beschließen wir, mit dem Zug Richtung La Paz zurückzufahren. Welch unbeschreiblicher Komfort! Bei einer Reisegeschwindigkeit von knapp 50 km/h lassen sich die Fenster ganz herunterschieben und man genießt die Sonne im lauen Fahrtwind. Und mit etwas zugekniffenen Augen erkenne ich in der vorbeiziehenden Landschaft zwei Reiter, mit langen Mänteln und Hüten, wie Cowboys sie tragen. Es sind Butch Cassidy & Sundance Kid, die es tatsächlich vor langer Zeit bis hierher, bis in den Süd-Westen Boliviens verschlagen hat. Ich träume, aber nur einen Tag mehr und ich wär´ wieder da, im Land, das einem den Atem nimmt.

Bolivien

 

Teil 1: Sternchen sehen in La Paz
Teil 2: Nur ein Tag mehr
Teil 3: Im Land des Jaguars
Teil 4: Flucht aus dem Paradies

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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