Bolivien - Teil 1

Sternchen sehen in La Paz

Text und Fotos: Andreas Koslowski

Dröhnender Umkehrschub. Die nur halbvolle Maschine rüttelt und wackelt, und Dank des fehlenden Luftwiderstandes in dieser Höhe scheint es eine Ewigkeit zu dauern, bis wir endlich stehen. Mein Puls rast. Die Anschnallzeichen erlöschen und auf dem Weg nach draußen werfe ich noch schnell einen Blick ins offene Cockpit. Dort sitzen zwei offensichtlich ermattete Piloten, mit Atemmasken im Gesicht und nuckeln genüsslich an ihrer Portion Sauerstoff. Willkommen in La Paz!

La Paz, Bolivien

Baumloses La Paz

Die Luft ist dünn in gut 4000 Metern Höhe und so mancher Neuankömmling wird beim Tragen seiner Reisetaschen den Flughafen mit weichen Knien verlassen. Gehirn und Lunge schreien förmlich nach mehr Luft, der Kopf pocht und bedachte Bewegungen im Zeitlupentempo führen einen auf die Reihe wartender Taxis zu. Geschafft! Ich sitze und in rasanter Fahrt geht es von der Hochebene El Alto hinein in das gewaltige Tal von La Paz. Wie eine überdimensionale Satellitenschüssel liegt die Stadt eingebettet zwischen Sechstausendern, grau bis an den Schüsselrand. Gäbe es den Mann im Mond wirklich, würde ich ihm seinen Antrittsbesuch auf der Erde in La Paz empfehlen, so unwirklich und extra-terristrisch wirkt die Stadt, wenn man sich ihr zum ersten Mal nähert.

Für die nächsten Tage gönne ich mir Ruhe, um mich zu akklimatisieren. Das heißt: viel schlafen und Wasser trinken, Zigaretten und das Glas Bier für später aufheben. Gut tut auch der bewährte mate de coca; heißes Wasser, mit ein paar Kokablättern, die man hier überall bekommt, und einem Schuss Honig. Ansonsten sei gesagt, dass jeder auf die Höhe anders reagiert.

Bolivien

Schmeckt ausgezeichnet: ein frischer Mate de Coca

Die einen laufen bereits nach zwei Tagen voller Tatendrang durch die steilen Straßenschluchten der Stadt, während die anderen sich nach einer Woche noch nächtens in ihren Betten wälzen und sich an ihren schlimmsten Kater erinnert fühlen. Angeblich hat ein neuseeländisches Wissenschaftler-Team heraus gefunden, wie man schon zu Hause feststellen kann, ob man höhentauglich ist oder nicht. Finger in den Hals stecken und am Rachenzäpfchen kitzeln! Wen starke Würgegefühle überkommen, der hat angeblich ein größeres Problem mit der Höhe als Nichtwürger. Wer´s glaubt? Mir jedenfalls geht es schlecht, ich sehe Sternchen und appelliere an meine roten Blutkörperchen sich schleunigst zu vermehren, um mich von der soroche, dem Höhenflash, zu befreien.

Ein Bett des im Kolonialstil erbauten Hostal República wird mir dabei behilflich sein. Das recht einfache Hotel liegt im Herzen von La Paz, hat aber zwei wunderschöne, ruhige Innenhöfe, die zum Verweilen einladen. Draußen auf der Straße wildes Gehupe, gemischt mit dem Geschrei aus Dutzenden von Sammeltaxi-Beifahrerkehlen mit der Ankündigung des nächsten Ziels. Ich schlendere durch das Auf und Ab der Straßen.

Getrocknete Lamaföten und andere Kuriositäten

La Paz ist keine Schönheit und so sind es wieder einmal die inneren Werte, die mein Herz höher schlagen lassen. Urige Lokale, kleine Gässchen und die vorwiegend indigene Bevölkerung ziehen mich in ihren Bann. An jeder Ecke sitzen cholas, Frauen der Aymara-Indianer, mit ihren typischen Bowler-Hüten und verkaufen ihre Waren. Pyramidenförmig gestapelte Apfelsinen in der Früchtestraße, Kochtöpfe, der Größe sortiert, in der Blechstraße, Glühbirnen in der Elektrostraße - alles in der Nähe der Calle Sagárnaga. Und wer der wichtigsten Gottheit der Hochlandindianer, der Pachamama, etwas Gutes tun will, der besorgt sich Opfermaterialien auf dem Hexenmarkt. Getrocknete Lamaföten, Lamafett, mystische Gewürze, Koka-Blätter und Fläschchen mit Heiligenbildern in geweihtem Öl. Ein Sammelsurium mystischer Kuriositäten.

Bolivien

Lamaföten und anderes Getier auf dem Hexenmarkt von La Paz

Beim Überqueren einer Strasse fällt einem Mann eine unscheinbare Plastiktüte auf den Boden - direkt vor meine Füße. Ich rufe und pfeife hinterher, während sich jemand neben mir im dunkelblauen Anzug und kanariengelber Krawatte danach bückt. Was jetzt folgt, nennt sich die "Geschichte des Onkels" und es gibt verschiedene Varianten in den Städten Süd-Amerikas. Diese hier geht so: der seriöse Herr, um die 50, erblickt den Inhalt der Tüte und es bleibt ihm die Spucke weg. Weil er ein feiner Kerl ist, darf auch ich einen Blick in die Tüte werfen. Unglaublich! Bündelweise Bolivianos und Dollars. Und er macht mir das Angebot, alles zu teilen. Wie großherzig! Spätestens jetzt sollten alle Alarmglocken klingeln und schleuniges Abhauen ist angesagt. Falls man doch darauf eingeht, wird der Señor kurz darauf mit dir in einen entlegenen Hauseingang gehen, die Türen hinter euch schließen und dich bitten neben ihm auf der Treppe Platz zu nehmen, um in Ruhe das Geld zu zählen. Wenn man das macht, hat man verloren. Nur etwas später hält der "Onkel" dich im Schwitzkasten, zwei weitere Männer kommen durch die Haustüre hereingestürmt und es ist zumindest mit dem Verlust des Portemonnaies zu rechnen. Mein Glück war, dass die Vorsicht doch vor dem vermeintlichen Geldsegen siegte und ich mich nicht zu ihm setzte. So konnte ich, als seine Gehilfen die Szenerie betraten, schleunigst Reißaus nehmen und durch den Hinterhof entkommen. Schwein gehabt!

Am späten Abend, es ist schon dunkel, stehe ich auf einem kleinen Platz tief unten in der Stadt und schaue nach oben. Funkelndes und flackerndes Firmament, scheint es. Doch es sind die Lichter der tausenden und abertausenden von kleinen Häusern, die sich die kahlen Hänge hochziehen. Für mich sind es die Sterne von La Paz. Ein talwärts fahrendes Auto am Horizont fungiert als Sternschnuppe und ich wünsche mir Glück!

Auf zum Titicacasee

Am nächsten Morgen geht es früh raus. Ich sitze im Bus und die Fahrt geht zum Pilgerort Copacabana am Titicacasee. Einer Legende nach verließen einst drei Männer Copacabana Richtung Rio de Janeiro und aus Heimweh und zu Ehren der hiesigen Jungfrau errichteten sie dort in Strandnähe eine kleine Kapelle, die diesem Ort den heute so weltbekannten Namen gab. Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel und ich entschließe mich, für gut eine Woche das Leben der 1000-Seelen-Gemeinde zu erkunden.

Copacabana, Bolivien

Copacabana vom Horca del Inka gesehen

Beschauliches Copacabana

Die meisten Reisenden verbringen hier höchstens zwei Tage mit Besuch der Isla del Sol bzw. sind auf der Durchreise von oder nach Peru. Doch wenn man Zeit hat, lohnt es sich auf jeden Fall ein paar Tage länger als geplant zu bleiben und sich im fast mediterranen Klima in 3800 m der Sonne näher zu fühlen als der Erde. Und dazu gibt es keinen besseren Platz als das Hostal "La Cúpula" am Fuße des Kreuzberges, bestimmt einer der angenehmsten Orte, in Bolivien die Nacht zu verbringen. Den Inhaber Martin Strätker hat es vor ein paar Jahren aus dem Ruhrgebiet hierhin verschlagen und aus einer fixen Idee entstand ein wunderbar ruhiges Haus mit zwei markanten, weiß getünchten arabischen Kuppeln. Es beherbergt ein nettes Restaurant, ein Lesezimmer, eine kleine Küche, Waschgelegenheiten und ein paar kleine und große individuell eingerichtete Zimmer mit Aussicht auf den Lago Titicaca und Copacabana. Der beschauliche Ort wird überragt von der im Barock- und Renaissancestil errichteten Kathedrale. Jeden Samstag und Sonntag finden auf dem Vorplatz festliche Autoweihen statt. Dann stehen hier in Zweier- und Dreierreihen große und kleine Wagen, geschmückt mit bunten Blumen, Miniaturfiguren und Papierrosetten und warten auf den allmächtigen Segen.

Copacabana, Bolivien

Ein indianischer Hohepriester gönnt sich einen Schluck Bier

Franziskanerpater Bernardino gibt alles! Der 87-jährige macht sich einen Spaß daraus Mensch und Maschine mit einer Flut aus geweihten Wassertropfen zu benetzen, und wer nicht andächtig genug dreinschaut bekommt eine Extraladung auf den geneigten Kopf. Weiter oben am Kreuzberg geht es anders zu. Dort vermischen sich indianische und christliche Glaubensvorstellungen. Yatiris, indianische Priester und Wahrsager, begleiten einen auf den Weg ins Übersinnliche. Die Reise wird erleichtert und Götter gnädig gestimmt durch Trinken und Versprühen mehrerer Flaschen Bier, während etwas abseits Jesus in einer Schatulle unbeeindruckt vor sich hinschlummert. Auch ich bekomme eine Bierdusche ab und man wünscht mir Wohlstand und Gesundheit. Dabei schaut mich der Hohepriester mit seinen bierdämmrigen Augen an...

Schilfbootbau am Titicacasee

Wenn man Copacabana mit einem Sammeltaxi Richtung Norden verlässt, kommt man nach einiger Zeit in den kleinen Ort Sicuani. Hier treffe ich die Ehefrau von Señor Hilario Quispe, einer der wenigen, die noch das traditionelle Handwerk des Schilfbootbaus beherrschen. Ich begleite seine Frau zum Ufer des Sees, der für soviele Kulturen der Himmel der Götter war, Geburtsort der Erde, der Sonne und der Sterne. In einem für diesen See so typischen Totoraboot paddeln wir auf türkis- und dunkelblauem Wasser auf eine Landzunge zu. Und ich erfreue mich an der wunderbaren Unbeschreiblichkeit des Seins. Nach einer Weile treffen wir ihren Mann, den Bootsbauer. Er steht am Ufer und lässt mit seiner Steinschleuder Wasserringe entstehen. Herzlich werden wir empfangen und schon nach kurzer Zeit vertraut er mir seine Visionen an, hier einen Ort für viele, viele Touristen entstehen zu lassen. Mit Zeltplätzen und Anlegestellen. Ich wünsche ihm viel Glück, hoffe aber insgeheim, dass sein Traum nicht allzu schnell in Erfüllung gehen möge. Nicht zuletzt, weil es bedeuten würde, dass ein weiterer Bootskonstrukteur sein Handwerk aufgibt.

Titicacasee, Bolivien

Im Totora-Boot auf dem Titicacasee unterwegs

Hochzeit in Copacabana

Zurück in Copacabana wird eine Hochzeit gefeiert. Schon seit Tagen zieht eine Blaskapelle mit einem Drei-Lieder-Repertoire durch die staubigen Gassen. Doch mit jedem Tag mehr scheint sich der Alkohol gegenüber den Noten durchzusetzen und die Darbietung der Melodien wird schräg und schräger. Heute am Abend der Hochzeit bin ich eingeladen, in der offenen Dorfhalle mitzufeiern. Es wird getanzt und unglaublich viel getrunken. Frauen drehen sich wie Kreisel in reich verzierten Wollumhängen, ihre Männer, in feinsten Anzügen, klatschen dazu.

Am Titicacasee, Bolivien

Hochzeit in bunten Llicllas (Webtücher), Copacabana

Die Kapelle ist trotz geschätzter 3,0 Promille noch immer nicht am Ende und ich bekomme eine chicha, ein fermentiertes Maisgetränk, nach der anderen gereicht. Irgendwann ist zumindest für mich Schluss. Ich wanke mit etwas Schlagseite Richtung Bett und auf einmal sind sie wieder da. Ich brauche noch nicht einmal den Blick in den Himmel zu werfen: die Sternchen von La Paz.

 

Teil 1: Sternchen sehen in La Paz
Teil 2: Nur ein Tag mehr
Teil 3: Im Land des Jaguars
Teil 4: Flucht aus dem Paradies

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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