Bolivien - Teil 3

Im Land des Jaguars

Text und Fotos: Andreas Koslowski

Wild flackert der Schatten der zweimotorigen Propellermaschine des bolivianischen Militärs über den Kronen des Regenwaldes. Grün! Grün, mit all seinen Schattierungen, soweit das Auge reicht. Grün - nur unterbrochen von rotbraun mäandernden Flüssen, bereit zur großen Vereinigung im Amazonas. Unser Ziel heißt: Rurrenabaque im bolivianischen Tiefland. Dschungel, Schweiß, Piranhas, live. Eine Stunde dauert der im wahrsten Sinne atemberaubende Flug von La Paz nach "Rurre". Eine Stunde für fast 4000 Höhenmeter. 30°C, die das Thermometer unten im Wald mehr anzeigt als oben auf dem kargen, windigen Altiplano; ein Unterschied in der Vegetation, wie er größer nicht sein kann. "Beam me down, Scotty". Wir sind klar zur Landung. Nach tagelangen Regenfällen sind wir die ersten, die wieder auf dem saftigen, nassen Gras von Rurre landen können. Tropisch-feucht-heißes Klima und ein buntes Wirrwarr an schwirrendem Insektengetier verschlägt uns den Atem. Erste Rinnsale warmen Schweißes nehmen ihren unaufhaltsamen Lauf in Richtung Kimme. Kein Wind, die Sonne zu senkrecht, um Schatten zu spenden, betreten wir das Flughafengebäude: irgendwann einmal aus Holz gebaut, weiß lackiert, groß wie ein Einfamilienhaus und damit nicht groß genug, dem Durchzug eine Chance auf Abkühlung zu bieten.

Rurrenabaque, Bolivien

Urwaldapotheke in Rurrenabaque im Amazonastiefland

Rurrenabaque

Wir werden erwartet. In La Paz habe ich in den Wochen zuvor Jasmin Caballero kennengelernt. Sie ist Mitinitiatorin eines Beherbergungskonzepts, bei dem Ureinwohner zusammen mit dem Know-How von Fachleuten mitten im Urwald eine alternative Übernachtungsmöglichkeit geschaffen haben. Dort wollen wir hin und uns umschauen. Zwei Mitarbeiter holen uns mit Pickups ab und nach 10minütiger Fahrt erreichen wir das Zentrum des 9000-Seelen-Städtchens, eingerahmt von den Bergketten der Serranía de Mamuque und der Ensenada de Bala. Wir müssen uns beeilen, denn eine sechsstündige Bootstour steht uns noch bevor - hinein in den zu Fuß undurchdringlichen Madidi-Nationalpark, Refugium der sich hoffnungslos Verlaufenden, einer von 26 Parks und Biosphärenreservaten in Bolivien.

Madidi Nationalpark, Bolivien

Unterwegs auf dem Rio Beni

Ein paar Schritte noch sind es zum Flussufer, wo ein hölzernes Längsboot mit knatterndem Außenborder abfahrbereit daliegt. Jose, unser Schlapphut tragender Kapitän heißt uns an Bord willkommen. Los geht die Fahrt. Den Rio Beni flussaufwärts fahrend, kommen wir in zügigem Tempo voran. Schon nach wenigen Minuten sind wir außer Reichweite der Stadt und nur noch vereinzelt tauchen hie und da kleine Holzhütten am Flussufer auf. Vorbei geht es an schroffen Felsen und üppiger Vegetation. Angenehm der Fahrtwind, der uns ein wenig Abkühlung verschafft auf dem gemächlich dahinfließenden Wasser. Nach einer Weile erspähen wir die Mündung des kleineren Rio Tuichi und befahren ihn weiter Richtung Westen. Bekannt geworden ist dieser Fluss durch die Veröffentlichung des Buches von Israeli Y. Ginsburg, der in "Back from Tuichi" sein Verlaufen im Dschungel und die wundersame Rettung durch Einheimische beschreibt. Diese Geschichte war Auslöser für den gesamten Tourismus in dieser Region.

Rio Beni, Bolivien

Längsboote am Ufer des Rio Beni

Der Fluss wird schmaler und flacher. Ein paar von uns müssen raus, um das Längsboot über Stromschnellen zu hieven, in der Hoffnung, dass sich Kaimane, Piranhas und Stachelrochen heute eher in einem ruhigeren Abschnitt aufhalten. Und sie tun uns den Gefallen. Kurz bevor die untergehende Sonne die höchsten Wipfel des Waldes berührt, erreichen wir den Landepunkt - eine Sandbank im Nirgendwo. Nur zwei kleine Kaimane gähnen gelangweilt auf der gegenüberliegenden Uferseite. Wir packen unsere Sachen zusammen und nach zwei Kilometern Fußmarsch, vorbei an Lianen und Farnen, erreichen wir nass geschwitzt unser Ziel. Vor uns liegt im letzten Licht des Tages, silbrigglänzend, von Arapaaren und Tukanen umflogen, eine große, palmenumsäumte Lagune im Regenwald.

Laguna Chalalán, Bolivien

An der Laguna Chalalán mitten im Urwald

Die Ecolodge Chalalán

An der über 1 km langen Lagune liegt, idyllisch an einer Uferlichtung, die Ecolodge Chalalán. Das sind fünf, sechs traditionell aus Holz und Palmblättern erbaute Unterkünfte, High-Tech-modern versorgt mit Solarenergie. Wir sind Gäste eines Pilotprojektes. Ein Projekt in einem der noch ursprünglichsten Urwaldregionen dieser Erde. Ein Projekt, das in absehbarer Zeit in den Fluten eines geplanten Stausees untergehen wird, wenn sich die bolivianische Regierung nicht noch durch die Argumente zahlreicher Umweltorganisationen umstimmen lässt. Trotz dieser ungewissen Zukunft versucht man in Chalalán, die hier ansässigen Indigenos mit ökologischem Tourismus vertraut zu machen - vorerst in Kooperation mit den Projektinitiatoren, bald in Eigenverwaltung. Das relativ umweltverträgliche "Erforschen" des Primärregenwaldes soll hier, zum einen, gewährleistet sein durch den recht hohen Aufenthaltspreis und zum anderen durch die Abgeschiedenheit und die eingeschränkten Kapazitäten. Aber das Beeindruckendste ist vielleicht, dass es hier nichts Beeindruckendes gibt. Keine spektakulären Wasserfälle, keine imposanten Cañons und offensichtlich auch kein Tier, was nicht stechen kann. Hier gibt es nur eins: die Geheimnisse des Waldes. Und die artikulieren sich eher über das Riechen, das Hören, das Schmecken und Fühlen, Schwitzen und Staunen. Meine verkappten Sinne und Empfindungen: ich spüre sie wieder! Und Gott sei´s gedankt für die fünf Liter eisgekühlten Zitronenwassers, die uns zur Begrüßung gereicht werden. Tut das gut! Die Kraft reicht gerade noch, um sich in die nächste Hängematte fallen zu lassen und im Zwielicht der Dämmerung den Geräuschen des Urwaldes zu lauschen. Welch eine Symphonie!

Chalalán, Bolivien

Vollmond und solargekühltes Bier im Haupthaus von Chalalán

Durch den Urwald

Die nächsten Tage verbringen wir damit, mit unserem Buschführer (guía) Ovideo den Wald zu durchstreifen. Vor Sonnenaufgang setzen wir mit einem Einbaumkanu auf die andere Seite des Sees über und folgen angelegten Pfaden, mehr als 25 Kilometer sind angelegt. Manchmal taucht ein einzelner Sonnenstrahl den Waldboden in ein unwirkliches Licht, während übergroße Blätter geräuschvoll niedersinken. Hier riecht es nach 20 Rosenstöcken und dort nach Pilzen und Verfall.

Im Urwald Boliviens

Affen entdeckt!

Der Weg führt immer weiter in den Wald hinein. Wir überqueren barfuss einige kleine Bäche, immer einen Stock in der Hand, um uns abzustützen und versteckte Stachelrochen, pacú, aufzuscheuchen. Ab und zu bleiben wir stehen und lauschen ins Grün. Wir sind Gäste in einer Welt von Zikaden. Das klingt wie in einem Sägewerk oder wie eine überlastete Oberleitung. Oder dort: der Bohrmaschinenprüfstand von Black&Decker. Ein Surren, Zirpen, Schwirren ohnegleichen. Dann, ein neues Geräusch - Affen! Spider-Monkeys turnen in den Wipfeln. Ohne Ovideos geübten Blick hätten wir sie nicht entdeckt. Kurze Zeit später hören wir laut schreiend ein Paar Aras über unsere Köpfe zischen; zwei-, dreimal blitzt es rot auf, dann sind sie wieder weg. Schon ist man wieder alleine - meint man. Doch nur ein Blick auf den Boden gibt einem Unrecht.

Mal ein kleiner Käfer, mal zwei große; Spinnchen und Spinnen, Schmetterlinge und die, die es werden wollen; Tausendfüßler und Ameisen, so groß wie Hummeln. Oder die faszinierenden Blattschneiderameisen. Mit großem Staunen beobachten wir das Treiben einer Kolonie: Kiloweise werden Blätter eines bestimmten Baumes zersäbelt, ameisenhandlich transportiert und unter Tage befördert. Auf Ameisenautobahnen. Nach ein paar Stunden kommen wir an einen Fluss. Zig Fische sind zu sehen, blaugefärbte Falter säumen das Ufer. Hier endet der Weg und vor uns liegt Niemandsland, das Land des Jaguars, den es hier noch gibt. Wir kehren um, damit wir vor Sonnenuntergang zurück sind. Es gibt frischgefangenen Fisch. Einen Yatorana in einem mandelförmigen Patuju-Blatt - sieht aus wie Seewolf in Banane - und schmeckt köstlich! Und dazu ein solargekühltes Bier. Am letzten Abend, es ist Vollmond, paddeln wir mit dem Einbaum mitten auf den See. Windstille. Wir legen die Paddel hoch und schließen die Augen. Traum. Nachtvogelrevier. Die Temperatur liegt immer noch bei fast 30°C. Der Verrückteste unserer kleinen Gruppe springt zuerst ins dunkle Wasser. Welch eine Erfrischung! Und kleine Fische zwicken einem an den Waden. Da leuchtet einer von uns mit der Taschenlampe ans Ufer. Wie gespenstisch! Es funkelt hellgrün. Es sind die Augen von kleinen Krokodilen...

Rio Tuichi, Bolivien

Fahrt mit dem Einbaum auf dem Rio Tuichi

Es ist zwei Stunden vor Sonnenaufgang: Wir schälen uns aus den Mahagonibetten, den bequemsten im ganzen Amazonasgebiet. Zeit zum Aufbruch. Sieben Tage sind wir jetzt hier und haben alle Mücken und Krokodile überlebt. Mit Stirnlampen ausgerüstet machen wir uns auf den Weg zurück zum wartenden Boot. Ein sehr seltener Buschhund kreuzt zum Abschied noch unsere Route. Wir schieben mit allen Kräften das Längsboot ins Wasser und flussabwärts geht es wesentlich schneller zurück nach Rurrenabaque, als auf der Hinfahrt. Unbeabsichtigt erschrecken wir noch zwei Tapire bei der Morgentoilette, bis wir dann gegen 10.30h im Kleinstadttrubel zurück sind. Urwaldentspannt und beeindruckt!

 

Teil 1: Sternchen sehen in La Paz
Teil 2: Nur ein Tag mehr
Teil 3: Im Land des Jaguars
Teil 4: Flucht aus dem Paradies

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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