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GUM
Phallus - Norm und Form bis 8.1.2023

Der Penis scheint allgegenwärtig, in Höhlenzeichnungen, auf WC-Türen gekritzelt, in sozialen Medien. In wissenschaftlichen Untersuchungen wird dem männlichen Geschlechtsorgan im Vergleich zu den weiblichen Genitalien mehr Aufmerksamkeit geschenkt. In der aktuellen Ausstellungen richten Wissenschaftler und Künstler den Blick sozusagen nach unten, werfen Fragen auf, ob Sexspielzeuge Resultat wissenschaftlicher Untersuchungen sind. Dabei geht es in der Ausstellung nicht um Sex sells. Es gibt weder Soft noch Hard Core Pornos zu sehen. Im Gegenteil seriöse Wissenschaft trifft in der Schau auf Kunst, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Deshalb zeigt man neben wissenschaftlichen Exponaten auch Kunstwerke von Berlinde de Bruyckere (BE), Murielle Scherre (BE), Maria Fernanda Cardoso (COL/AUS), David Hockney (UK), Grayson Perry (UK), Man Ray (USA) und Jean Tinguely (SCHWEIZ).

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Wie gesagt, eine Galerie von Penissen unterschiedlicher Länge oder gar die im Netz kursierenden Dick Pics sind nicht Gegenstand der Ausstellung, wenn auch die Frage nach der Penislänge und danach, welche Größe im erigierten Zustand denn „normal“ sei, gestellt wird. Der Direktor des Museums GUM äußerte sich dazu wie folgt: "Wir untersuchen schon die Frage, ob die Form des Phallus wichtig ist und welche Rolle die durchschnittliche Länge spielt. Würde die Wissenschaft einen derartigen Messwert kommunizieren, dann würde das wohl als normal angesehen werden. Doch das ist es eigentlich nicht.

Was in der Ausstellung, die sich ja gemäß des Titels dem „besten Stück des Mannes“ widmet, allerdings auch zur Diskussion gestellt wird, ist die Frage nach der Vulva, also dem weiblichen Geschlechtsteil, dessen Untersuchung in der Wissenschaft bis heute eher nachrangig angesehen wird. Die Ausstellung steuert ein wenig dagegen und Marjan Doom betont: "Er sind mehr Vulvas zu sehen, als man das wohl erwartet. Und die Klitoris auch. Deren wissenschaftliche Untersuchung hat erst überaus spät stattgefunden. 2005 haben australische Wissenschaftlicher erstmals die Anatomie von Vulva und Klitoris wissenschaftlich untersucht, auch wenn es zuvor schon derartige Schritte gegeben hat, die aber offiziell nicht zur Kenntnis genommen wurden.“ Es scheint, dass weibliche Genitalien nur eine Nebenrolle spielen, derweil der Phallus im Mittelpunkt steht.

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PHALLUS. Norm & Form A N A T O M I C A L M O D E L O F A M A N I N P A P E R - M A C H É , L O U I S A U Z O U X , M I D 1 9 T H C E N T U R Y , G R O - N I N G E N U N I V E R S I T Y M U S E U M © G U M – P H O T O : M A R T I N C O R L A Z Z O L I

Gewiss ist das Modell des sogenannten Muskelmanns aus dem Universitätsmuseum Groningen ein Blickfang in der Ausstellung. Dieses anatomische Modell eines Mannes geht auf den französischen Arzt Louis Ouzo (1797–1880) zurück und wurde aus Pappmaché geschaffen. Auffallend ist der erigierte Penis, auf den der Mann blickt. Ansonsten entspricht die Figur einer antiken Skulptur, wenn auch nicht aus Marmor geschaffen. Und beim Anblick fragt man sich, ob es denn auch eine Muskelfrau gibt und worauf sich deren Blick wohl richtet. Beim Anblick des Muskelmannes scheint das Thema die Größe des Penis zu sein. Doch dass es die Form ist, die wichtig ist, das unterstreicht Maria Fernanda Cardoso, die die Fortpflanzungsorgane von tasmanischen Weberknechten auf menschliche Maße gebracht hat und in Reagenzgläser platzierte: „Es ist die Form und nicht die Größe, die zählt“ nennt sie ihre Arbeit. Dabei ist schon beeindruckend, in welcher Vielfalt bei diesem Spinnentier Fortpflanzungsorgane ausgebildet sind. Teilweise hat man den Eindruck, man sehe sprossende Keimlinge von Pflanzen und Karl Blossfeldt habe diese vor seine Kameralinse bekommen. Würde man die Penisse des Weberknechts beschreiben, so müsste man erwähnen, dass man Stachel, Kläppchen und Schaufelformen ausmachen kann.

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Man mag es kaum glauben, aber Hummeln, die sich äußerlich zu gleichen scheinen, lassen sich anhand ihrer Geschlechtsorgane unterscheiden. In Bestimmungsbüchern findet man bei Insekten deshalb eine Menge Abbildungen von Phalli! Übrigens, im Laufe des Rundgangs müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass der menschliche Penis sehr einfach ausgebildet ist. Derweil gibt es im Tierreich gegabelte Penisse und eine Krebsart besitzt sogar zwei dieser „Begattungsorgane“. Dem Menschen ist der Penisknochen verloren gegangen. Hunde, Rotfüchse, Tiger und Löwen besitzen solche. Einige Exponate widmen sich gerade diesem Thema, so das Plastinat des Urogenitaltrakts eines Hundes und ein präparierter Flughund. Zu sehen ist auch das Feuchtpräparat eines Weißgefleckten Glatthais mit seiner knorpligen Verlängerung der Bauchflosse, sog. Klaspern. Beim Paaren penetrieren ein oder zwei Klaspern die Kloake des weiblichen Hais. Über die tiefen Rillen im Klasper bringt der männliche Hai sein Sperma in die Kloake ein, so liest man es in der Erläuterung zum Exponat. Und wie es der Mississippi-Alligator treibt, erfährt der Besucher obendrein. Übrigens, auch das Walross hat einen leicht gedrehten Penisknochen, der an eine Ahle erinnert, und das gute Stück ist 60 cm lang.

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In einer Dia-Serie wurden weibliche und männliche Genitalien für die Ausbildung angehender Mediziner festgehalten, auch um die Fragen der Intersexualität angehen zu können. Dabei wurde Jahrzehnte lang durch Mediziner eine normalisierende chirurgische Anpassung vorgenommen, zumeist im Säuglingsalter. Nur die Eltern bestimmten mit den Medizinern das Geschlecht, weit vor der Debatte über das Non-Binäre.

Eine historische Rarität ist „De humani corporis fabrica libri septem“, von Andreas Vesalius 1543 veröffentlicht. Es ist das erste Standardwerk zur Anatomie des menschlichen Körpers in der modernen Medizin. Für die wunderbaren Detailzeichnungen sezierte der Arzt Andreas Vesalius sogar selbst Leichen, was in seiner Zeit sehr ungewöhnlich war. Anerkennung fand er dafür nicht. Der Zeitgeist des 16. Jhs. stand dagegen. Damals meinte man, dass Männer warm und trocken,Frauen hingegen kalt und feucht sind. Und das hatte nun nichts mit den Anatomiekenntnissen von Vesalius gemein.

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In einer Videoinstallation von Murielle Scherre werden wir mit Rollenmustern konfrontiert bzw. mit dem Durchbrechen gängiger Rollenvorstellungen. Da sieht man zum Beispiel androgyne Männer sich in weiblicher Unterwäsche rekeln. Frauen tragen Tops, die die Brüste freilassen; Männer schlüpfen in schwarze Bodys.

Und dann geht es auch immer wieder um andere Aspekte von Norm, so auch in Wachsmodellen von Penissen. Der deutsche Modellbauer Rudolf Pohl modellierte diese Wachsmodelle wahrscheinlich anhand medizinischer Abbildungen. Pohl schuf, so erfahren wir zudem, neben anatomischen

Objekten auch Modelle bekannter Menschen und Perücken-Köpfe. Er verkaufte seine Arbeiten vor allem an Schausteller, Frisöre und Modehäuser. Hinzuweisen ist auch auf die Roca Sammlung (1860–1935). Die Sammlung enthält Präparate und Abbildungen der menschlichen Anatomie sowie Darstellungen von Missbildungen und durch Syphilis oder Alkoholismus verursachten Krankheitsbildern. Diese Sammlungsobjekte, mit denen der Eigentümer der Sammlung auf Jahrmärkten auftrat, diente dazu auf das Abwegige hinzuweisen und vor den Risiken von Sex und Drogen zu warnen.

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Binäre System ja oder nein – auch das thematisiert die Ausstellung ganz offen und jenseits der aktuellen Debatte, u. a. auch anhand von Blütenmodellen einer Feldulme. Immer wieder stößt man beim Rundgang auf das Thema Maßstab des Penis. Dabei taucht dann auch die Frage auf, wie man die Länge eines Penis bestimmt, ob an dessen Ober- oder an dessen Unterseite. Und bei welcher Temperatur misst man? Misst man den erigierten oder den nicht-erigierten Penis?

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Und was ist das da? Ja eine „Galerie“ von 33 unterschiedlichen Penissen, die das Ergebnis einer Studie von 2015 sind, bei der 75 Frauen nach der idealen Penisform für erfüllten Sex gefragt wurden. Blaue Tast-Penes geben einen Einblick in das Befragungsergebnis, auch wenn den ausgestellten Phalli die anatomischen Details fehlen. Nur auf Dicke/Umfang und Länge kam es an. Aber auch die Klitoris hat in der Ausstellung ihren Platz. Entsprechende Scans verhalfen zu einer 3D-Darstellung, die auch deutlich macht, dass die Klitoris nicht ein Mini-Penis ist, sondern viel mehr. Zu sehen sind unter anderem Klitorides von drei Individuen, eine Rekonstruktionen aufgrund von MRT-Scans im 3D-Druck. Das Team der Schweizer Gynäkologin und Wissenschaftlerin (Fachbereich weibliche Genitalverstümmelung) Jasmine Abdulcadir ließ drei Testpersonen unter dem MRT-Scanner Platz nehmen und machte eine Aufnahme ihrer Klitoris. Jede Klitoris ist ein wenig anders.

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Und immer wieder wird der wissenschaftliche Diskurs durch künstlerische Interventionen durchbrochen: Zu nennen ist da der aus Fribourg/Schweiz stammende Jean Tinguely, der eine Vorzeichnung für seine „La Vittoria“ anfertigte. Nur diese Radierung ist in der sehenswerten Schau zu sehen, nicht etwa die gigantische goldfarbene Konstruktion, die nicht eine Siegesgöttin darstellt, sondern einen Riesenphallus. Dieser wurde 1970 vor dem Mailänder Dom enthüllt. Gedacht als Spektakelmaschine ging der Riesenpenis alsbald in Rauch und Feuerwerk auf. Von Berlinde De Bruyckere stammt „Palindroom“ (2019). Bei der Skulptur aus Wachs, Eisen, Textil, Leder und Epoxidharz handelt es sich um eine Phantom-Stute, eine Attrappe für die Gewinnung von Hengstsperma zur künstlichen Besamung. Zu sehen sind auch die Läsionen, die die wilden Hengstsprünge hinterlassen haben.

Nachsatz: Die Zitate von Marjan Dooms sind sinngemäße Übertragungen aus dem Niederländischen. Es gibt zur Ausstellung eine Begleitbroschüre in Deutsch, die unbedingt während des Rundgangs gelesen werden sollte, da die dort enthaltenen Informationen die Exponate im Detail erläutern.

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Info
https://www.gum.gent/en

 

 

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