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Brüssel
KMSK Brüssel


Rik Wouters
Retrospektive

bis 2. Juli 2017

Rik Wouters

Rik Wouters beherrschte gleichermaßen Malerei, Bildhauerei und Zeichnung, die ihn zu einem wesentlichen Vertreter der modernen Kunst in Belgien machte. Erstmals wird in einer Ausstellung die bedeutendste Werksammlung des berühmten belgischen Künstlers des frühen 20. Jahrhunderts präsentiert.

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De strijkster, (1912), olieverf op doek, 108,5 × 124,8 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, inv. 1932 © Lukas - Art in Flanders vzw. Foto Hugo Maertens

Das Werk des sehr jung verstorbenen, aus Mechelen stammenden Künstlers ist nicht geheimnisvoll. Es muss nicht dechiffriert werden, birgt keine Symbole oder Metaphern, sondern reflektiert schlicht das Leben des Künstlers und seiner Frau. Die Welt von Wouters ist überschaubar, mit welchem Medium - Aquarell, Radierung, Öl oder Bronze und Gips für die Skulpturen - er diese Welt auch einfing. Stets blickte er auf seine häusliche Umgebung, auf seine unmittelbare Nachbarschaft. Weltpolitik interessierte ihn nur als Teil seines eigenen Schicksals in den Kriegsjahren, in denen er interniert war. Das spiegelte er dann auch in einigen Momentaufnahmen wider.

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Portret van Rik (zonder hoed), (1911), olieverf op doek, 30 × 32 cm, privéverzameling © foto Vincent Everarts Fotografie, Brussel

Ja, Wouters war in Paris und bewunderte Cézanne. Ja, Wouters hat auch die Kölner Sonderbundausstellung gesehen und zeigte sich von den Expressionisten fasziniert. Doch anders als diese zog es ihn nicht in die Südsee. Auch in Südfrankreich war er nie, um das Licht des Südens zu erleben. Dennoch schuf er in einem vielleicht zehn bis fünfzehn Jahre währenden Künstlerleben einen beeindruckenden Kanon an Arbeiten, farbenfrohen zumeist, mit teilweise skizzierendem Duktus geschaffen, oftmals für den Außenstehenden unvollendet erscheinend.

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Dromerij, (1907), brons, 190 × 55 × 85 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, inv. 2056. Schenking Enrique Mistler, 1927 © Lukas - Art in Flanders vzw. Foto Hugo Maertens

Nur der erste „Ausstellungssaal“ wurde mit Zwischentexten versehen, gleichsam als Übersicht über das Leben des Künstlers gedacht, der infolge einer Krebserkrankung und einer fehlgeschlagenen Operation 1916 im Alter von nur 33 Jahren verstarb. Ähnlich wie bei den Zeitgenossen von Wouters, ob die ebenfalls jung verstorbenen Franz Marc, August Macke oder Wilhelm Morgner, mag man spekulieren, wie sich Wouters wohl weiter entwickelt hätte, hätte er länger gelebt. Dies aber ist eben pure Spekulation. So müssen wir das Werk nehmen, wie es ist. Dabei ist schon auffallend, dass auch in den zweidimensionalen Arbeiten stets das Volumen eine große Rolle spielt. Kein Wunder war doch Wouters in erster Linie ein Bildhauer, zunächst in der Möbelschreinerei seines Vaters, dann später auch akademisch in Brüssel ausgebildet.

Nel war seine Muse

Die Ausstellung – erstmals ist Wouters in dieser Breite öffentlich zu sehen – reflektiert in ihrer Inszenierung diesen Tatbestand. Skulpturen sind stets eingestreut in die verschiedenen Säle, Seite an Seite mit Radierungen, Tuschezeichnungen, Aquarell- und Ölgemälden. Opulent ist die Schau mit mehr als 200 Arbeiten, die alle Aspekte des künstlerischen Lebens von Wouters ausleuchtet und vor allem stets auch die Ehefrau von Wouters, Nel genannt, in den Fokus nimmt. Sie war Wouters Muse und sein Modell für viele Frauendarstellungen, auch für die überlebensgroße Skulptur „Häusliche Sorge“ oder auch die Gipsbüste einer sich zurücklehnenden Frau mit Dutt. Nel begegnen wir in dem Gemälde „Herbst“ ebenso wie in „Schwarz gekleidete Frau, lesend“.

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De dame met het gele halssnoer [Interieur D], 1912, olieverf op doek, 121,5 × 109,8 cm, Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel, inv. 4741. Schenking mevr. Gabrielle Giroux, Brussel, 1928 © Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel / foto : J. Geleyns - Roscan

Zeitgenossen von Wouters

Der eigentlichen Schau vorangestellt, sind Arbeiten von Zeitgenossen Wouters, u. a. Georges Lemmen („Korb mit Pfirsichen“), Ferdinand Schirren, Jean Brusselmans und Georges Vantongerloo („Dröhnendes Gelächter“). Nachfolgend stößt man auf ein inszeniertes Atelier, das von den Besuchern genutzt werden kann, um mit und ohne Anleitung in die Rolle von Wouters zu schlüpfen und selbst künstlerisch zu agieren.

Kein malender Bildhauer, kein bildhauernder Maler

Malerei, Zeichnung, Grafik, Skulptur sind bei Wouters als gleichwertig anzusehen. Zu Beginn seiner Karriere war er Holzbildhauer. Stets war er auch bei seinen Zeichnungen,. Radierungen und Ölgemälden, die er mit beinahe wässrigen, den Malgrund durchscheinen lassenden Farben fertigte, mit dem Blick eines Bildhauers am Werk.

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Vrouw met mantilla, (1913), pastel op karton, 760 × 555 mm, Luik, Musée des Beaux-Arts de La Boverie, inv. AW 2190 © Luik, Musée des Beaux-Arts de La Boverie

Ein glücklicher Umstand war es gewiss, dass er 1904 seine Muse und spätere Ehefrau Hélène Duerinckx (Nel) traf. Sie war ihm eine stete Quelle der Inspiration. Noch akademisch und weitgehend tonig geriet Wouters das früh geschaffene Porträt eines Mannes mit weißgrauem Schnauzbart, einer seiner ersten Schritte als Maler. Porträts prägten auch sein bildhauerisches Werk, so das 1907 in Gips entstandene Porträt einer jungen Frau, niemand anderer als Nel, oder? Leicht nach hinten gebeugt ist die überlängte, sehr schlanke weibliche Figur, die Wouters zum Thema „Meditation“ schuf.

Der Krieg blieb weitgehend ausgeklammert

Den Ersten Weltkrieg hat Rik Wouters nie in dessen eigentlicher Dimension begriffen. Er sah sich eher als hilfloser Spielball und als Opfer. Das reflektieren auch die wenigen gleichsam chronistisch zu verstehenden Arbeiten aus jener Zeit, so „Nippes verkaufender Soldat, Baracke 18, Camp Zeist“ und „Frau vor dem Camp“ (1915). Das sind wenige Momente, die das Schicksal Wouters im Krieg andeuten, war er doch wie andere belgische Soldaten auch im Camp Zeist (Niederlande) interniert, ehe Nel und er im Juni 1915 ein kleines Appartement in Amsterdam bezogen.

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Naaldbomen in het woud, s.d., potlood en aquarel op papier, 216 × 355 mm (dag), Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel, inv. 11575. Schenking Provincie Brabant, Brussel, 1994 © Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel / foto : J. Geleyns-Roscan

Diese Welt des Krieges, des Umbruchs, der Verzweiflung, des Elends schien Wouters gänzlich fremd. Lieber „flüchtete“ er in einen Kokon, wie beispielsweise an der Radierung „Rand des Waldes“ abzulesen. Selbstporträts auch in Bronze und Porträts in Kreide von Nel oder aber Radierungen von Mechelner Ansichten („Umzug auf der Hoogbrug in Mechelen“) waren Wouters näher als der Alltag des blutigen Stellungskrieges in Flandern.

Farbenfrohe Arbeiten

Wouters Jahre als Künstler waren entbehrungsreich und von Armut geprägt. Erst durch die Bekanntschaft mit dem Galeristen Giroux änderte sich dies, da Giroux als Mäzen die Arbeit Wouters unterstützte. Die Parisreise im Jahr 1912 eröffnete Wouters Sinn für Farbigkeit ist sicherlich sein Markenzeichen, so auch im flüchtig aufs Papier geworfenen Aquarell „Pilzsuche“. Wenige Schraffuren und Striche genügten Wouters, um Nel und Simon Levy am Ufer der Seine für die Nachwelt festzuhalten. Beim Betrachten dieser und anderer Arbeiten denkt man an Momentzeichnungen und an Schnellzeichnungen, wie sie die Mitglieder der „Brücke“ pflegten.

Auch in der Freilichtmalerei, der Wouters nach der Übersiedlung nach Boitsfort verstärkt nachging, dominieren die Farben. Der Pinselschlag war zart, linear, ohne große Geste. Kaum eine Leinwand wurde gänzlich mit Farbe gefüllt. Die Grundierung oder aber die Leinwandstruktur schien vielfach durch, waren Teil des Werks, das im Nachhinein skizzenhaft anmutet, obgleich Wouters es als komplettiert ansah.

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Vrouw in de zon [In de zon], (1911), brons, 62,5 × 45,5 × 44,5 cm, Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel, inv. 4746. © Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van België, Brussel / foto : J. Geleyns - Roscan

Blicke von innen nach außen

„Die Schelde in Antwerpen“ mit Dampfschiffen und Segelboote hielt Wouters ebenso im Bild fest, wie er „Nel mit rotem Hut“ malte. Ähnlich wie die Fauvisten verstand er es dekorativ gestaltete Innenräume mit dem Blick in die Umgebung zu verbinden, so auch in seinem Selbstbildnis vor geöffnetem Fenster und in „Lesende Frau“. Im Porträt von Ernest Wijnants – dargestellt im braunen Anzug und Pfeife schmauchend – findet sich auch der „Fensterblick“, also die Beziehung zwischen drinnen und draußen. Bunte Tapeten mit vegetabilen Mustern entdeckt man drinnen, blaue und rote Dachlandschaft draußen.

Beinahe in der Manier eines Schmidt-Rottluffs erscheint die Darstellung einer Frau mit gelbem Oberteil und tintenblauem Schal am geöffneten Fenster. Der Blick des Betrachters richtet sich dabei auf die herbstlich verfärbte Außenwelt. So ist auch der Bildtitel „Herbst“ sehr naheliegend. In der Komposition verraten Arbeiten wie „Offenes Fenster in Bosvoorde“ und „Offenes Fenster“ mit den dargestellten Dachlandschaften eine gewisse Nähe zu Cézanne. Beinahe in die Welt der gefühlten Farben deutscher Expressionisten entführt uns Wouters schließlich mit seinem 1913 entstandenen Gemälde „Die Schlucht“: Sonnengelb erstrahlt der Himmel; in Gelb- und Rotbraunnuancen wurde die Schlucht festgehalten, in der wenige grau-grüne berindete Bäume ihren Platz haben.

Der Mann mit der Augenklappe

Zu den letzten Arbeiten, die Wouters vor seinem frühen Tod schuf, gehören die Porträts, die ihn mit Augenklappe zeigen. Ein Auge hatte er infolge einer Operation verloren: Wouters litt an einer tödlichen Krebserkrankung, die die Kieferhöhle betraf. © ferdinand dupuis-panther

Zur Ausstellung ist ein Katalog jeweils in Englisch, Französisch und Niederländisch erschienen.

KMSKB, Königliche Museen der Schönen Künste Belgiens
Regentschapsstraat 3, 1000 Brüssel
www.fine-arts-museum.be


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