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Zwischen den Klöstern

Kulturhistorisch hochinteressant sei das Land, meinen die Studienreisenden. Ja schon, sagen wir, was uns aber noch viel besser gefällt: Armenien ist so erfrischend anders.

Text und Fotos: Anita Ericson

Am Parkplatz am Flughafen von Jerewan stehen Stücke, die man andernorts längst ins Museum gepackt hat. Ein alter Lada, dem der Kotflügel schief und verbogen hängt. Eine Karosserie der Marke Oka, die übersät ist mit rostigen Löchern. Das Taxi: ein mintgrüner Wolga, den ein älterer Herr mit dunklem Gesicht und gewaltigen Augenbrauen auf Hochglanz poliert. Jahrgang 1965, sagt er stolz. In Armenien gehören sie längst nicht zum alten Eisen, alles, was irgendwie die Kurve kratzt, gilt als fahrtüchtig. Was beim allgemeinen Zustand der Straßen eindeutig für die Qualität der ehemals sowjetischen Autoindustrie spricht.

Armenien - alter Wolga
Mintgrüner Wolga

Der jetzigen Luftqualität hingegen sind die alten Karren keineswegs zuträglich. Verblüffenderweise stört das keinen. Der Taxifahrer etwa, auf die rabenschwarzen Rauchschwaden angesprochen, die der Bus vor uns durch den Auspuff hustet, ist ehrlich erstaunt, dass wir das für bedenklich halten. Also wundern wir uns leise. Die Stadt vor den klappernden Fenstern wirkt wie ein verkehrt zusammengesetztes Puzzle, kein Teil passt zum anderen: die grellbunten Neonlichter der brandneuen Casinos an der Stadteinfahrt leuchten in die zum Achsen brechen tiefen Schlaglöcher auf der Straße davor. Eine gewaltige Industrieruine mit rostigen Rohren und zerbrochenen Glasscheiben steht Seite an Seite mit einem schönen Stadthaus in einem liebevoll gepflegten Obstgarten. Gasleitungen verlaufen kreuz und quer entlang bröckeliger Hausmauern, ums Eck glänzt die Auslage einer kürzlich eröffneten Boutique.


Gebändigt und geschlichtet ist das Chaos lediglich in der Innenstadt. Ausgehend vom Park um die Oper bis hinunter zu den prachtvollen rosa Tuffsteinbauten am ehemaligen Leninplatz hat Jerewan zeitgemäße Züge angenommen, ohne jedoch in unserem Sinne modern zu sein. Keine Glasfassaden, keine Designerstores, keine Schicki-Micki-Austernbar. Gemütliche Cafés, die die Entscheidung offen lassen, ob man sich noch in Europa oder bereits in Asien fühlen soll. Ein paar adrette Läden, dazwischen dann doch eine Baulücke oder ein Restaurant aus den 1960ern. Noch steht Jerewan außerhalb des globalen Raums, in dem sich sämtliche Innenstädte von Sydney bis Singapur immer ähnlicher werden. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Armenien eine Wohltat.

Armenien - Jerewan - Hanrapetutyan Hraparak - Platz der Republik
Hanrapetutyan Hraparak - Platz der Republik in Jerewan

Wir wollen uns nicht auf die Überlandbusse verlassen und mieten uns ein Auto mit Chauffeur und Guide. Das kostet nicht die Welt und wir sind gleichzeitig das virulente Sprachproblem los, das uns außerhalb der Stadt ziemlich sprachlos dastehen lässt. So aber kommt es, dass wir jetzt in einem Kramladen in der kleinen Stadt Ashtarak auf winzigen Hockern sitzen, Tassen mit frisch gebrühtem Kaffee in der Hand, vor uns ein kleiner Teller mit Schnitten. Wir betrachten das Sammelsurium an Waren, die sich rund um uns in den Regalen stapeln: Plastikkoffer, Subwoofer fürs Auto, Nagelzwicker, Waschmittel, Haarspangen, Müslipackerl, Kekse, Brot. Die Besitzer des Ladens machen den Eindruck, sie freuten sich über unseren Besuch, der reichlich unerwartet kam: unvorsichtigerweise haben wir nämlich nach dem frühmorgendlichen Aufbruch unsere Reisebegleiterin Anush nach einem Café gefragt. Nachdem so etwas en route eher schwierig aufzutreiben ist, ist sie mit uns kurzerhand in den nächsten Gemischtwarenladen gefahren und hat die guten Leute dort gebeten, uns einen Kaffee zu kochen. Bis wir die Situation voll erfasst haben, war es zu spät, dankend abzulehnen. Als Draufgabe lässt es sich Anush nicht nehmen, für uns zu bezahlen. Auch in punkto Gastfreundschaft unterscheidet sich Armenien also grundlegend von dem, was wir so gewohnt sind. Wir nehmen uns beschämt vor, in Zukunft genau zu überlegen, bevor wir wieder einen Wunsch äußern.

Wir setzen die Reise in den Norden fort. Die Landschaft besteht aus Viehweiden, linkerhand von den vier schneebedeckten Gipfeln des Mount Aragat begrenzt. Selten taucht ein kleines Dorf am Rande der wenig befahrenen Straße auf, dann wieder diese asiatische Endlosigkeit. Ab und zu kommt ein einsames Sowjetdenkmal ins Bild, das man vergessen hat abzubauen. Vielleicht war es auch bloß nicht wichtig – die Russen gelten dem Land noch immer als gute Freunde.

Zum Kloster Sanahin

Armenien - Im Kloster Sanahin
Im Kloster Sanahin

Unser Ziel ist eines der schönsten Klöster im ganzen Land: Sanahin, hoch über dem tief eingeschnittenen Debet-Canyon, durch den wir uns so lange schlängeln, bis wir ganz blass sind von den vielen Kurven. Die ältesten Mauern gehen auf das vierte Jahrhundert zurück. Moos überzieht die Dächer von Sanahin, Gras wächst aus den Ritzen im Mauerwerk, vorwitzige Blumen blühen in Fensternischen. Hunderte Jahre alte Bäume spenden Schatten, tauchen die ganze Anlage aus Kirchen, Kapellen, Sälen und Kuppelgängen in mystisches Licht. Sonnenflecken tanzen auf den grauen Steinkreuzen, Khatchkars genannt, die da wuchtig und reichlich verziert in langen Reihen aufgestellt sind. So eine Kunstform kennen wir sonst nur aus Irland, wo die keltischen Kreuze ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind.

Armenien - Khatchkar im Kloster Sanahin
Khatchkar im Kloster Sanahin

Am selben Hang nur ein paar Schlaglöcher, windschiefe Holzzäune und blumengefüllte Gärten weiter steht das Kloster Haghpat. Es ist nicht gar so verwunschen wie Sanahin, dafür weitläufiger und von seinem Gelände hat man eine schöne Aussicht auf den Canyon. Wir treffen auf Maxim, den selbsternannten Kirchendiener. Einmal gefragt, legt der alte Mann los, sein Erzählstrom ist nicht zu stoppen: zu ihrer Blütezeit im 12. Jahrhundert dienten beide Klöster auch als Stätten der Wissensvermittlung, über 500 Mönche und Kirchenarbeiter lebten hier ständig. Erst mit der Eingliederung Armeniens ins sowjetische Reich war es aus mit inbrünstiger Gottesfurcht. Maxim erinnert sich noch, dass der örtliche Catholicus irgendwann einmal verschwand und dann ... Er macht eine unmissverständliche Geste in Halshöhe.

Armenien - Kloster Haghpat
Kloster Haghpat

Den Armeniern ist das Christentum heilig, aber eher als nationales Symbol denn als Glauben. Die Generationen, die unter Hammer und Sichel aufgewachsen sind, fangen mit Religion nur wenig an. Das alles erzählt uns ein junger Priesteranwärter am Sevansee. Alex, ein Deutscher mit armenischen Wurzeln, lässt sich hier ausbilden, um später den rechten Glauben wieder unter die Leute zu bringen. Das Priesterseminar wurde gleich nach dem Kollaps der UDSSR 1991 gegründet, in Anlehnung an die lange Klostertradition am Sevansee. Früher war das hier eine Insel und Frauen der Zutritt verboten. Heute nimmt man es damit gelassener und fröhlich plappernd führt uns Alex herum.

Das Seminar liegt direkt am Seeufer. Zwei alte Kirchlein ragen auf dem Hügel dahinter in die Landschaft aus eisblauem Wasser, rostbraunen Bergen und stahlblauem Himmel. Ihre Grundmauern stammen aus dem 9. Jahrhundert, sie sind wunderbar bemalt und dekoriert. Alex verabschiedet sich.

Am Sevansee

Armenien - Der Sevansee gilt als die Riviera Armeniens
Am Sevansee, der armenischen Riviera, noch etwas früh im Jahr

Auf der anderen Seite des Hügels warten Bootsverleiher, Getränkebudenbesitzer und Souvenirverkäufer auf den Start in die Sommersaison. Der Sevansee gilt als die Riviera Armeniens. Die Saison auf 1900 Metern Seehöhe ist freilich kurz, so heiß es im Sommer werden kann, so lange braucht der, um anzulaufen aus dem frostigen Winter. Außerhalb der Ferienzeiten ist es friedlich am Seeufer. Lediglich ein paar Kinder spielen am Strand, vergnügen sich am quietschenden Ringelspiel aus dicken Metallstangen. Am Beachvolleyballplatz hängen Jugendliche herum, die Wasserrutschen liegen verwaist. Am riesigen Parkplatz stehen vielleicht zwanzig Autos. Wenigstens die Seeterrasse hat geöffnet und wir beschließen unsere Nordtour mit knusprigem Fisch vom See.

Armenien - spielende Kinder am Sevansee
Spielende Kinder am Sevansee

Wir haben der ersten Tour zu den Klöstern im Debet-Canyon und zum Sevansee einen Reisetag rund um Jerewan angehängt, mit den üblichen Programmpunkten: Kloster, Kirche, Kloster. Dabei sind wir bis in die kleine Stadt Areni gekommen. Sie liegt in einer der wenigen Winzerregionen des Landes, dem das Klima für Wein an den meisten Stellen zu rau ist. Nach einer wenig erfolgreichen Weinshoppingtour – der beste Wein der Welt, wie hier alle betonen, schmeckt nach vergorenem Erdbeersaft – stärken wir unsere Mägen mit einer kräftigen Jause aus Fladenbrot, Schafkäse, Gartentomaten und frischem Koriander. In einer gemütlichen Gasthauslaube mit Blick auf Garten und die Weinberge dahinter lassen wir den leichten Schwipps entschwinden.

Armenien - Weinhändlerin in Areni
Weinhändlerin in Areni

Mittlerweile hat sich ein gewisser Klostersättigungsgrad eingestellt, wir beginnen das Gesehene durcheinander zu bringen. Unser letztes Kloster nehmen wir als Bauwerk überhaupt nicht mehr wahr, was aber auch daran liegt, dass uns seine Lage völlig in ihren Bann zieht: das Kloster Khor Virap steht im Schatten des schneebedeckten Mount Ararat in einer alttestamentarischen Landschaft aus weiten Feldern, Schafherden und ihren Hirten. Bunt gefiederte Wiedehopfe flattern über unseren Köpfen, im Hintergrund rascheln die Maulbeerbäume. Ein hoher Himmel wölbt sich über diesem von der Sonne durchfluteten Bild, das die Zeiten überdauert hat.

Armenien - das Kloster Khor Virap steht im Schatten des schneebedeckten Mount Ararat
Kloster Khor Virap

Am Gipfel des Ararat liegt die gestrandete Arche Noah im ewigen Eis, wie die Legende berichtet. Der Berg ist den Armenieren Nationalsymbol und doch unerreichbar: näher als in Khor Virap mit seinem unverwechselbaren Ausblick kommt man dem Ararat in ganz Armenien nicht – der liegt 32 Kilometer hinter der Grenze, ausgerechnet in der verhassten Türkei.

Armenien - Blick auf den Ararat bei Sonnenuntergang
Blick auf den Ararat bei Sonnenuntergang

Den Armeniern bleibt ihre Sehnsucht, der Name – Ararat Brandy Fabrik, Ararat Blumenhandlung, Ararat Autowerkstatt –, und ein freier unverstellter Blick von vielen Stellen im Lande aus. Auch von Jerewan. Der Abendspaziergang führt zum Denkmal anlässlich des 50. Geburtstags Sowjetarmeniens. Sein Bau wurde von den Ereignissen eingeholt und die lange Stiegenflucht hinauf endet in einer Baustelle. Solchermaßen im Bergauf abrupt gestoppt, drehen wir uns um und stehen vor dem schönsten Panorama, das Armenien zu bieten hat: der Mount Ararat, horizontfüllend. Liebespärchen sitzen an den glattpolierten Steinstufen und geben sich der Romantik des Sonnenuntergangs hin, der die City zu ihren Füßen bereits im schummrigen Dämmer hält, die Spitzen des Ararat aber noch im Abendrot leuchten lässt.

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