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Eine Kapelle für die Katastrophe

Auf Nagolds Friedhof: Erinnerung an einen Unglückstag

Wer in Nagold hinaus geht zum Friedhof, vielleicht der alten Kirche St. Remigius und Nikolaus samt ihrer Fresken wegen, die auf die Karolingerzeit und eine 1200jährige Geschichte zurückgeht, wird allerlei Grabmäler von lokalhistorischer Bedeutung sehen. Früher oder später muß ihm dann eine kleine efeubewachsene Kapelle auffallen. Darinnen steht eine Tafel, auf der zu lesen ist: "Bei der Katastrophe fanden den Tod." Links sind dann die Namen der Toten aus der Stadt Nagold aufgeführt und rechts die "von Auswärts."

Besucherinnen und Besucher bleiben ratlos mit der Überlegung zurück, was es mit dem Kapellchen wohl auf sich haben mag. Immerhin verrät ein Hinweis im Giebelfeld noch ein Datum: "Zum Andenken an die Opfer. 5. April 1906."

Um die Friedhofskapelle sind schlichte Grabsteine gruppiert, meist überwuchert, die Inschriften kaum noch lesbar. Einige Namen lassen sich entziffern, auch einige Berufe: Taglöhner, Maurerjüngling, Lammwirt , Maler. Das Datum ihres Todes fehlt, denn es war ja für fast alle derselbe Tag, jener 5.April des Jahres 1906. Nur zwei Grabsteine, an der Rückwand der Kapelle aufgestellt, sind anders als die anderen und weniger schlicht: Es sind die zweier Bauunternehmer.

Der 5.April 1906 brachte "einen schönen Frühlingsmorgen", wie es in einem der Heimatbücher der Stadt heißt. Es war ein besonderer Tag für Nagold: Aus den umliegenden Dörfern, aus seinen Straßen und Gassen sind viele Menschen zusammengekommen, um etwas Außergewöhnliches mitzuerleben: Der Stuttgarter Werkmeister Rückgauer und seine Helfer wollen den Bau der Nagolder Gastwirtschaft "Hirsch" anheben, damit dort ein neuer Saal eingebaut werden kann. Die Stuttgarter sind Spezialisten im Aufstocken von Häusern. Mittels Winden, Stützen und Hebeln wird das obere Stockwerk eines Gebäudes so angehoben, daß darunter ein neues Stockwerk aufgemauert werden kann. Rückgauer und seine Männer haben das erst im Vorjahr, 1905 am Gasthof "Grüner Baum" im nahen Altensteig, bewerkstelligt.

Früh um 7 Uhr beginnen die Bauleute ihre Arbeit. Der "Hirsch" hat bereits geöffnet, trotz der Bauarbeiten geht der Wirtschaftsbetrieb weiter. Daß in dem Lokal auch musiziert, ja schließlich sogar wild in den Tod getanzt wurde, ist in das Reich der Fabel zu verweisen. Tatsächlich erwartet das Publikum in der Gaststube die "Metzelsupp’", die für das Ende der Bauarbeiten angekündigt worden ist.

Die Katastrophe, landesweit als "Hirsch-Katastrophe" bekannt geworden, kommt nicht unangekündigt. Am Bau zeigen sich nämlich erste Risse und der Boden der Zimmer beginnt zu schwanken. Die Hebearbeiten verlaufen nicht so regelmäßig wie sonst. Es ist gegen 12 Uhr mittags - der örtliche Gesangverein ist inzwischen aufgezogen, um ein Lied vorzutragen -, als nur noch einige wenige Zentimeter bis zum Abschluß der Arbeiten fehlen. Was dann geschieht, berichtet die Nagolder Heimatchronik:

"Ein furchtbarer ungeheurer Krach, wie ein schrecklicher Donnerschlag. Darauf eine unheimliche Stille, eine ungeheure Staubsäule, die die ganze Stadt verdunkelte und dann ein tausendstimmiges Schreien, Wehklagen, Jammern, Hilferufen, wie es im Nagoldtal noch nie gehört worden war. Das Gebäude war mit einem Schlag jäh in sich zusammengestürzt. Viele Arbeiter, viele Zuschauer, viele Gäste des "Hirsch" lagen unter diesen gewaltigen Schuttmassen, manche sofort tot, andere mit abgeschlagenen Gliedern, viele eingekeilt, unter fürchterlichen Qualen."

Einer der Toten, die man fand, hielt noch sein Bierglas umklammert.

53 Menschen starben an jenem 5.April 1906 in Nagold bei dem Unglück, das im gesamten Deutschen Reich große Anteilnahme hervorrief. Die Zeitungen der großen Städte legten Extrablätter auf - "3/4 1 Uhr, gegenwärtig wird ein Toter um den anderen aus den Trümmern herausgezogen".

Am Sonntag nach der Katastrophe ist das Städtchen überlaufen wie nie: "Man hätte meinen können, in Nagold finde ein großes Radfahrerfest statt", schrieb der "Schwäbische Merkur". 12 000 bis 15 000 Schaulustige finden sich ein, kommen unter anderem in sechs Sonderzügen, in Automobilen, auf Rädern oder zu Fuß auf der Landstraße. Nagold wird für fast eine Generation Synonym für eine unglückliche Stadt, sechs Jahre vor der "Titanic"-Katastrophe kommen im Hinblick auf das "Hirsch"-Unglück auch erste leise Zweifel an vermeintlich vollkommener Technik im Baugewerbe auf.

Die Toten werden im Rathaussaal vis-à-vis der Trümmerstatt aufgebahrt. Viele Arbeiter sind darunter und auffallend viele Gastwirte: Der "Alt-Hirschwirt", der Lammwirt, der Sohn vom Löwenwirt, der Hausherr vom "Scharfen Eck" aus Calw. Die Frau des Nagolder "Hirsch"-Besitzers ist unter den Toten und der Wirt vom "Grünen Baum" aus Altensteig hat beide Beine verloren.

An der Beerdigung der Opfer nehmen 5000 bis 6000 Menschen teil. Ein Jahr nach dem Unglück läßt die Stadt 1907 auf dem Friedhof die erwähnte Kapelle errichten. 25 Nagolder Bürger sind in ihrem Umfeld bestattet; die anderen Toten hat man in ihre Heimatdörfer überführt. 1956, zum 50.Jahrestag, hat der Gemeinderat Nagolds noch einmal der Opfer gedacht.

Den "Hirsch" gibt es nicht mehr in Nagold. Am Katastrophenort, gegenüber dem Rathaus, steht heute das "Kaufhaus Wagner". Die Erinnerung an das Unglück findet sich nicht im Stadtbild, sondern draußen auf dem Friedhof, in der kleinen Kapelle.

Näheres erfährt man auch im Buch: Herrmann Scheuer, Die "Hirsch" Katastrophe, Horb 1992

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