Großer Sprung am großen Strom

Am Yangzi katapultiert sich China in die Zukunft

Text und Fotos: Volker Mehnert

China befindet sich Aufbruch: Städte werden radikal umgestaltet, die Wirtschaft modernisiert, die Menschen aufs 21. Jahrhundert eingeschworen. Und der Flusslauf des Yangzi, hierzulande vielen noch als Jangtsekiang geläufig, ist der zentrale Verkehrsweg für den Umbau einer ganzen Nation. Vor allem im Dunstkreis der Mega-Metropole Shanghai präsentiert sich Chinas längster Fluss als zentrale Arterie eines phänomenalen Wirtschaftsbooms. Eine Tour auf dem großen Strom ist eine der großen Besucherattraktionen. Unser Autor hat die Fahrt schon jetzt unternommen und berichtet vom betriebsamsten Schiffsknotenpunkt der Welt und vom rasanten Wandel in China.

China Jangtse Fluss

Nachmittags um zwei klettern die chinesischen Lotsen an Bord. Wir werden sie brauchen. Kurz darauf, als das Schiff in den Mündungstrichter des Yangzi einfährt, gibt der Kapitän der „Silver Shadow“ einen Hinweis an die Passagiere: „Die nächsten zwei Stunden wird der Fluss noch sehr breit sein, dann verengt er sich, und wir werden viel Schiffsverkehr erleben. Und wenn ich sage viel, dann meine ich viel. Das wird hochinteressant für Sie, weniger allerdings für mich.“

China Jangtse Silver Shadow

Zwischenstopp während einer aufregenden Schiffsreise

Und dann läuft in der Tat ein Schauspiel ab, das auf der Welt einmalig ist. Es zeigt, dass Navigation in heutiger Zeit noch ein atemberaubendes Erlebnis sein kann und dass sich auch Kreuzfahrten auf einem weißen Passagierschiff nicht unbedingt in der Monotonie von hoher See und internationalen Touristen-Piers erschöpfen müssen.

Ein maritimes Gewirr und Gewusel

Der Schiffsverkehr auf dem Yangzi ist dicht, wird immer dichter, und ist zwischenzeitlich geradezu irrwitzig dicht. Dies gilt vor allem für den Abschnitt von der Mündung im Ostchinesischen Meer über Nantong, Shanghai und Zhenjiang bis hinauf nach Nanjing. Hier trifft der Flussverkehr auf die Hochseeschifffahrt; keine Frage: Es hat sich an dieser Stelle des Yangzi der hektischste Schifffahrtsknoten der Welt herausgebildet.

China Jangtse Highway

Yangzi: Chinas Highway für Schiffe

Frachter aus aller Herren Länder und riesige Öltanker fahren im Abstand von einigen hundert Metern wie in einer Kolonne, dazwischen tummeln sich hochmoderne Containerschiffe und verrostete Seelenverkäufer, kleine Fischerboote und schwer beladene Schleppkähne. Nur Dschunken, die klassischen chinesischen Wasserfahrzeuge, die der eine oder andere eigentlich auch erwartet hat, sind nirgendwo zu sehen.

Vom Oberdeck des Kreuzfahrtschiffes hat man einen fabelhaften Überblick über dieses maritime Gewirr und Gewusel, das sich von Minute zu Minute in neuen Konstellationen gruppiert. Die Schiffe fahren in Zweier-, Dreier- und Viererreihen nebeneinander, in beide Richtungen, überholen und werden überholt.

China Jangtse Schlepper

Leben und arbeiten auf dem großen Fluss

Schlepper ziehen ein Dutzend miteinander vertäute Kähne hinter sich her, eine Barkasse huscht im letzten Moment an einem Frachter vorbei, Schnellboote der Küstenwache kreuzen hin und her. Es gibt nur wenige Brücken; zwischen zwei Städten fahren deshalb sogar die Fähren in Kolonnen, dicht hintereinander, hinüber und herüber. Wenn sie den Fluss queren, müssen sie warten, bis sich eine kleine Lücke in der geschlossenen Armada auftut, die flussauf- und -abwärts dahindriftet.

Eine unerhörte Zeitreise

Die immensen Wassermassen des Yangzi und das Zusammentreffen von Strom und Meer produzieren an vielen Tagen im Jahr einen Dunstschleier, der sich oft genug zu Nebel verdichtet. Dann wird die Fahrt auf dem Fluss zu einem gespenstisch-grandiosen Erlebnis. Trotz der schlechten Sichtverhältnisse hat man immer noch die Konturen von ein oder zwei Dutzend Schiffen im Blick und fragt sich, wie sie unter diesen Umständen alle schadlos aneinander vorbeikommen. Doch Kapitän und Lotsen behalten auf dem Radarschirm den Überblick.

China Jangtse Schiffsverkehr

Schiffsverkehr für den "Großen Sprung"

China Jangtse NeonreklameDie gewaltige Bewegung auf dem Yangzi ist natürlich kein Selbstzweck, sie dient dem Leben und der Wirtschaft im Hinterland. Und auch das ist überhaupt nur von der Wasserseite deutlich zu erkennen, da man auf dem Landwege in der Regel keinen Zugang zu den Hafenanlagen und den industriell entwickelten Uferzonen erhält. Die Chinesen sind ein Volk im Aufbruch, und der von Mao einst propagierte „Große Sprung nach vorn“ wird jetzt tatsächlich unternommen, allerdings in eine gänzlich andere Richtung. Die Fahrt auf dem Yangzi erscheint deshalb wie eine unerhörte Zeitreise in den Frühkapitalismus, der durch Bestandteile von zwei Jahrhunderten industrieller Entwicklung angeheizt und mit Relikten aus einem halben Jahrhundert maoistischem Kommunismus versehen ist. Längst hat sich auch die Globalisierung des 21. Jahrhunderts hinzugesellt.

Reis und Container

An den Anlegestellen, in den Häfen, an Kais, Molen und Landungsbrücken spielt sich ein fortwährendes An- und Ablegen von Schiffen und Lastkähnen ab. Direkt daneben liegen Schiffe zur Reparatur in Trockendocks oder werden neu gebaut. Container schweben an Kränen aus den Schiffsbäuchen heraus und vergrößern die immensen Container-Berge, die in den Häfen bereits aufgestapelt sind. So weit das Auge reicht, säumen Schornsteine und Kräne das Ufer. Nebeneinander aufgereiht sind Kraftwerke und Raffinerien, riesige Werften, rauchende Stahlschmieden, Ableger von Elektronikkonzernen aus Japan und Silicon Valley – kurz: Fabriken und Industrieanlagen aller Art.

China Jangtse Container

Zwischendurch zeigt sich immer wieder, dass China auch ein gewaltiger Nahrungsmittelproduzent ist. Auf manchen Uferabschnitten ist plötzlich jede Spur von Industrie verschwunden, und in der Ebene erstrecken sich ausschließlich Reisfelder. Am Unterlauf des Yangzi befindet sich das größte Reisanbaugebiet der Erde, das beinahe ein Drittel der weltweiten Produktion liefert. Hier wird die Ernte noch mit einfachen Arbeitsgeräten und menschlicher Arbeitskraft eingebracht. Das moderne China - manchmal räumlich nur durch den Fluss getrennt - ist kulturell um Jahrhunderte entfernt.

Kurs auf Shanghai

Nirgends werden Chinas wirtschaftlicher Aufbruch und die damit verbundenen Widersprüche so geballt deutlich wie am Yangzi, und besonders augenscheinlich wird der Boom, wenn das Schiff Kurs auf Shanghai nimmt. Die wirtschaftlich explodierende Mega-Metropole mit ihren vierzehn Millionen Einwohnern liegt ein wenig abseits vom Hauptarm am Nebenfluss Huangpu. Die Fahrt ins unmittelbare Zentrum von Shanghai wird zu einer Art Hafenrundfahrt durch Chinas industrielle Gegenwart und Zukunft.

China Jangtse Shanghai Skyline

Shanghai: die Skyline einer Mega-Metropole

Der Schiffsverkehr wird – beinahe unglaublich – noch einmal dichter, denn nun sind auch noch Hunderte von Kleinfrachtern unterwegs, die auf Nebenflüssen und Kanälen bis weit ins Landesinnere vordringen können.

China - Yangzi - Frachtschiffe

Eine Armada kleiner Frachtschiffe

Beide Ufer des Huangpu dienen als Schiffsparkplatz, auf dem Kähne und Frachter in Zweierreihen angedockt liegen. Die Container auf den Kais sind nicht mehr zu zählen, und dort, wo die Containerberge aufhören, erblickt man ungezählte Öltanks. Schließlich kommt noch eine Pipeline in Sicht, die parallel zum Fluss bis nach Shanghai verläuft. Und all das ist erst einmal nicht die Stadt selbst, sondern nur ihre industrielle Vorhut.

Überdrehte Architektur und Neon-Pracht

Zu den aufregendsten Momenten dieser Reise gehört die Einfahrt nach Shanghai. Die Dunkelheit ist bereits hereingebrochen, und die Skyline der Stadt leuchtet in ihrer überdrehten Architektur und Neon-Pracht.

China Shanghai Neonlichter

Nächtliches Shanghai an der Nanjing Lu

Ob man Wolkenkratzer mag oder nicht – der Anblick bei Nacht ist grandios. Vom Fluss aus bietet sich ein atemberaubendes Panorama: Auf dem alten Teil am Westufer des Huangpu, der längst nicht mehr alt, sondern mit Hochhäusern gespickt ist, liegt der „Bund“, eine Promenade, an der vor 1949 die Franzosen, Engländer, Amerikaner und Japaner ihre Konzessionen besaßen und in Stadtvierteln lebten, die vom chinesischen Leben abgeschottet waren. Parallel dazu verläuft heute die Nanjing Lu, die größte und luxuriöseste Einkaufsstraße des ganzen Landes, ein aufdringliches Aushängeschild des aufsteigenden chinesischen Kapitalismus.

China Shanghai Museum

Das Shanghai Museum: ein architektonisches Juwel

Auf der östlichen Seite des Huangpu ragen die Türme von Pudong empor, ein neues Shanghai, das vor fünfzehn Jahren noch nicht einmal in Ansätzen existierte und jetzt nicht nur Hunderte von Hochhäusern zählt, sondern auch die beiden aktuellen Wahrzeichen von Chinas neuer Modernität beherbergt: den markanten Fernsehturm „Perle des Orients“ und das mit 88 Stockwerken derzeit höchste Gebäude der Stadt, den Jin Mao Tower.

China Shanghai Skyline bei Nacht

Schaut man auf diese beinahe unwirkliche Neon-Kulisse, vor der abends die Ausflugsschiffe kreuzen, kommt unwillkürlich die Frage auf, wo das pausenlose Wachstum am Ende noch hinführen soll. Sie muss vorerst unbeantwortet bleiben. Eines allerdings ist sicher: Das Material für den nächsten Boom wird auch in Zukunft zum größten Teil auf dem Yangzi, dem Huangpu und ihren zahlreichen Nebenflüssen herangeschafft.

Reiseinformationen

Kreuzfahrten in Fernost:

Sie stehen nur selten auf dem Programm der Reedereien. Vor allem die großen amerikanischen Linien sind zwischen Japan, China, Vietnam und Thailand kaum zu finden. Einer der Gründe: attraktive Häfen wie Shanghai und Nanjing in China oder Ho Chi Minh City in Vietnam liegen an Flüssen weit im Landesinneren und können mit den riesigen Passagierdampfern nicht angelaufen werden.

China Jangtse Silversea

"Offizielle Begrüßung" am Ufer des Yangzi

Eine Ausnahme stellt die Reederei Silversea dar, deren relativ kleine Schiffe die Binnenhäfen in China und Südostasien erreichen und deshalb ungewöhnliche Kreuzfahrten abseits der üblichen Routen durchführen können.

Information & Fahrpläne:

Detaillierte Auskünfte über Termine und Reiseverlauf findet man unter http://www.silversea.com. Buchungsmöglichkeit in Deutschland über den Reiseveranstalter airtours.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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