Beijing auf den zweiten Blick

 

Text und Fotos: Andreas Koslowski

Dass Andreas Koslowski sich nicht mit pauschal gebuchten Urlaubsarrangements engagieren kann, ist uns seit den Beschreibungen seiner Bolivienreise bekannt. Wie er, trotz pauschal bindender Reisevorgaben Peking von der touristisch unbekannten Seite kennen lernte, erzählt er nachfolgend in gewohnter, farbiger Manier.

China / Beijing

"Mein Name ist Christian und ich heiße sie herzlich willkommen in der Volksrepublik China", ertönt es in gut verständlichem Deutsch durch den halbvollen Bus. Wir verlassen gerade Beijing-Airport und sind auf dem Weg Richtung Innenstadt. Zwei Dinge irritieren mich. Christian sieht nicht aus wie ein Christian herkömmlich aussehen müsste, und ich mache die erste Pauschalreise meines Lebens.

Christian entpuppt sich als waschechter chinesischer Student, der in den nächsten sieben Tagen unser Ansprechpartner und Reiseleiter in seiner Heimatstadt Beijing (Peking) sein will. Ich denke zwar, dass wir auch die Namen Zhang, Liu, oder Shen verstanden hätten, aber das mit dem "Christian" war die Idee seines Deutsch-Professors. So nähert sich also ein Haufen deutscher Langnasen, kurz nach dem Verlassen des Flugzeugs zu Analphabeten degradiert, der chinesischen 10-Millionen-Metropole.

Das Gewimmel und Gebimmel ist grandios! Ich quetsche meine Nase an die Fensterscheibe des Busses und bin überwältigt von den neuen Eindrücken. Hornissengelbe, hektische Taxis gegen eine gemächlich dahinfließende Masse von Zweiradfahrern. Dieselnde, brechendvolle Stadtbusse gegen protzige, dunkle Limousinen. Selbst das Wetter spielt mit an diesem Frühlingstag im April. Ein wunderbar graubedeckter Vormittagshimmel. Ich liebe es, wenn das Wetter ehrlich ist zu einer Stadt. London im Nebel, Reykjavik im Schneeregen oder Kapstadt unter kleinen Kumuluswolken - demnach muss es einfach bedeckt sein in Beijing. Denn eine bessere Möglichkeit Grau zu entdecken gibt es nicht! Das Grau von unendlich langen Straßen, das Grau von Plätzen, Mauern und Gassen, von Häusern und Innenhöfen.

Beijing / graue Gasse

Und dazwischen die scheinbar harmonisch im Stadtbild verstreuten Farbkleckse von Palästen, Tempeln und gelbgoldschimmernden, kaiserlichen Figuren. Beijing, die Reizvolle! Auf den zweiten Blick!

Liebes Pauschalangebot, es tut mir zwar leid, aber am Hotel angekommen, entschließe ich mich dann kurzfristig die Stadt auf eigene Faust zu durchstreifen und mich allein unters Volk zu mischen. Nicht umsonst habe ich zu Hause Karteikarten mit meinem Konterfei und einem fröhlich, chinesischen Hallo-"Ni Hao" vorbereitet, mit Fotos meiner Heimatstadt, meinem Lieblingsessen und die chinesische Übersetzung von: "Wie komme ich zurück ins Traders Hotel?"

Den Kompass gezückt, geht es raus auf die Straße. Zunächst vorbei an bronze- und silberverspiegelten Hochhäusern der neusten und höchsten Kategorie, dann über Haupt- und Nebenstraßen in immer verwinkeltere Eckchen. Zwischendrin laden zahllose kleine Parks zum Verweilen ein. Straßenkehrer tun ihren Dienst und irgendwo im Hintergrund marschiert eine grünuniformierte Kompanie im Gleichschritt um einen Häuserblock. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen zwei Flugdrachen als Relikte eines vergangenen Herbststurms traurig verhakt im Geäst. Ich denke an Filme mit Untertiteln, denn die Atmosphäre erscheint mir fremd, schwer zu verstehen und doch vertraut. Wie Bilder, die aus einem Film aus den letzten Jahrzehnten stammen konnten. Noch nicht rein kommerziell, melancholisch und etwas trist. Sprache und Verständnis sind da eher sekundär.

Beijing / Spieler

In den nächsten Tagen bewährt sich mein Taschenrechner. Nicht zum Rechnen, sondern zum Anzeigen von Zahlen: Zum Verhandeln von Preisen auf dem Markt, beim Taxifahren etcetera. Bei Taxi- oder Rikschafahrten kann es nicht schaden einen ausgemachten Preis für die Hin-, bzw. Hin- und Rückfahrt schriftlich zu fixieren. Jetzt braucht man nur einen Reiseführer mit chinesischer Übersetzung des Wunschortes und ab geht die Fahrt, zum Beispiel zum Kaiserpalast in die ehemals verbotene Stadt. An einem frühen Sonntagmorgen sieht man hier Chinesen beim Brettspielen oder Tai Chi, das übersetzt man´s in unseren Sprachduktus "Schattenboxen" heißt. Und wahrhaftig: ganz so sieht´s aus.

Beijing / Friseur

Die gewaltigen Außenmauern im verwaschenen Ochsenblutrot bieten den Rahmen und auch den Schutz für Straßenfriseure oder Möchtegern-Opernsänger im Wettstreit schräger Dissonanzen.

Beijing / Musiker

Schon das Tor zum Kaiserpalast ist grandios, doch innerhalb seiner Umfriedung wechseln sich Paläste und Plätze von beeindruckenden Dimensionen ab. Das Ambiente besteht aus Attraktionen, wie dem "Meer der Steinplatten" und die "Hallen der Höchsten- und der Vollkommenen Harmonie".

Beijing / Verbotene Stadt / Kaiserpalast

Die Anlage ist einfach faszinierend, doch meine Nachbarn im Besichtigungstrubel erst recht. Dabei bestätigt sich, was ich schon wusste, aber jetzt mit eigenen Augen sehe: nicht alle Chinesen sehen gleich aus. Ihre Physiognomien sind so unterschiedlich wie die aller anderen Völker. Viele von ihnen sind von weit hergereist, und staunen nun mit mir um die Wette vor der Kopie des Drachenthrons und anderen kaiserlichen Reliquien.

Beijing / am Kaiserpalast

Eine Familie stellt sich zum Schnappschuss für´s Familienalbum zusammen, und damit keiner auf dem Bild fehlt, biete ich mich als Fotograf mit ihrer Kamera an. "Cheese" auf chinesisch und klick. Aber auf einer Aufnahme sollte ich doch bitte auch zu sehen sein. Kein Problem. Cheese, Lachen, Winken und "zai jian", auf Wiedersehen.

Keine 10 Minuten später tippt mir jemand auf die Schulter. Eine der jungen Frauen der Schnappschussfamilie. Sie will sich bedanken und schenkt mir ihre Haarspange und Süßigkeiten. Ich bin gerührt, lehne ab, aber das darf ich nicht. Im Verlauf der nächsten Stunden treffe ich die Familie noch mehrere Male wieder. Jedes mal, vom Kleinen bis zur Oma, wird gelächelt und gewinkt, bis man sich wieder verliert.

Wer möchte und gleichzeitig keine Scheu hat fremde Menschen anzusprechen, für den ergeben sich in Beijing zahlreiche Möglichkeiten einen flüchtigen Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. Oft schaut man in lächelnde oder in neugierig-staunende Augen. Wenn ich als Deutscher dann noch meine verloren geglaubte Körpersprache wiederentdecke, dazu meine mitgebrachten Utensilien wie Stift und Zeichenblock einsetze, steht einem Dialog zwischen Asiate und Europäer nichts mehr im Wege. Zwar verlassen wahrscheinlich beide am Ende der Begegnung lachend das Feld - in Erinnerung fröhlicher Missverständnisse.

Beijing / Begegnungen

Und was gibt es nicht noch alles zu und alleine unterwegs, im Taxi zu erreichen: bei Sonne nichts wie raus zum 11 Kilometer entfernten Sommerpalast, ein Geschenk des Kaisers Qianlong an seine Mutter. Die Residenz ähnelt eher einem Garten mit riesigen Seen, Tempeln, Türmen und Brücken, und da Sommer ist, liegt dort der Duft von Lotusblüten über dem Kunming-See (den ich natürlich per Ruderboot erkunden muss). Auch ist der berühmte Himmelsaltar Tiantan nicht weit. Ihn besucht man am besten, der Ruhe wegen, am frühen Morgen. Übrigens kennen wir sein Abbild von den Deckel der Tiger-Balm-Döschen. Sonntag heißt Zeit haben müssen für den Besuch des Panjiayuan- oder Teufelsmarktes, mit all seinen Verkäufern, den Nudelziehern und Kalligraphen, Antiquitätenhändlern und Betrügern. Bei Hunger empfiehlt vielleicht eines der wochenlang im braunen Sud eingelegten Enteneier.

Beijing / Nudelzieher

Und dann geht´s natürlich zur Großen Mauer, wäre es doch eine Schmach hier gewesen zu sein und das grandioseste Bauwerk nicht angeschaut zu haben! Mit dem Taxi ins 100 Kilometer entfernte Mutianyu zu fahren, bedeutet, den Touristenbussen aus der Hauptstadt voraus zu sein. Wie konnte Menschkraft ein solches Werk vollbringen?

Beijing / chin. Mauer

Mehrere 1000 Kilometer ist sie lang und zieht sich erhaben durch die chinesische Landschaft. Als Erinnerung gibt es die Mauer-Besteigungs-Urkunde mit Münze. Doch der Eindrücke noch nicht genug, ertönt auf der Heimfahrt nach Beijing aus den Autolautsprechern die chinesische Version von Saturday-Nightfever, während im Takt dazu einsam ein ausgeblichenes Maoporträt am Rückspiegel baumelt. Eher schaut es ein wenig zurück, denn nach vorn.

Dem Eindruck folgend und in die jüngste Vergangenheit Chinas zurückblickend, muss man zwangsläufig an die Ereignisse denken, die mit dem Namen Tiananmen-Platz , also Platz des Himmlischen Friedens verbunden sind.

Beijing / Platz d. H. Friedens

Da sind in der Erinnerung die Bilder präsent von abgeführten Demonstranten, mit Knüppeln aufgelöste Versammlungen von Andersdenkenden und Andersgläubigen, von zusammengetriebenen Studenten, von Panzern und Toten beim letzten unrühmlichen Höhepunkt im Juni 1989. Wenn man hier, auf dem Platz des Himmlischen Friedens steht, still ist, und zurückdenkt, kann man noch heute ein eigentümliches Surren aus jener Zeit vernehmen. Denn die Vergangenheit ist an diesem Ort omnipräsent, so dass man das Abrollgeräusch von Autoreifen auf der vorbeiführenden Hauptstraße anders interpretieren kann - angesichts der Querrillen im Asphalt. Panzerkettenvertiefungen und ihre Erinnerungen.

Wenn man heute auf dem Tiananmen-Platz steht, fallen einem, abgesehen von den zahlreich montierten Überwachungskameras, andere Dinge ins Auge. Überall stehen Kleinst- und Großfamilien bereit und warten auf die Anweisung ihrer ausgewählten Fotografen. Selbstverständlich gehört Mao mit aufs Bild, der überdimensional über dem Tor des Himmlischen Friedens wacht.

Beijing / Mao

Doch auch er konnte nicht verhindern, dass der Westen mit seinen Produkten längst Einzug hält in das Reich der Mitte. Ikea, McDonalds mit allein 50 Filialen nur in dieser Stadt und natürlich CocaCola. Bei der Übersetzung ins Chinesische wählte man übrigens die Schriftzeichen mit der Lautschrift: Ke Kou Ke Le, was "Freude für den Mund" bedeutet.

Eine andere Freude - und sogar Tradition - ist das Schlürfen des Grünen Tees. So darf eine Kanne davon nicht fehlen, wenn Vater und Sohn auf dem großen Platz ihren Drachen steigen lassen. Hier gibt's keinen Baum, keine Telefon- oder Stromleitungen weit und breit, was den Platz zum optimalen Terrain für gewagte Flugmanöver macht. Dabei wird die Konkurrenz nicht aus den Augen gelassen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich um einen Drachenflugkünstler eine Traube von bestimmt 20, 30 fachkundigen Chinesen gebildet hat.

Im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit steht David. David kommt aus Australien und präsentiert heute zum ersten Mal sein selbstentworfenes Fluggerät. Ein blauer Drachen, klassischer Bauart, mit wohlwollend geschätzten zehn Zentimetern Spannweite. Doch das Ding fliegt und David hält sich wacker, während sich um ihn herum die Chinesen die Bäuche halten vor Lachen angesichts eines solch mickrigen Flugdings. Die fröhliche Häme steckt an, und so verlasse auch ich den Platz des Himmlischen Friedens anders als ich ihn betreten habe: belustigt im Gegensatz zu betrübt. Die Zeiten verändern sich eben.

Am letzten Abend stehe ich am Hauptbahnhof. Es nieselt. Wolken aus Abgasen trüben die Sicht. Menschen sitzen auf dem Vorplatz vor gepackten Koffern und Säcken, jemand spielt eine einsaitige Stehgeige. Es wird gedöst und gefurzt, leise gesungen und gespuckt. Im Hintergrund leuchten große, rote Lichtzeichen mit einer Botschaft, die ich nicht verstehe. Bahnhofsglocken ertönen in nie gehörter Disharmonie. So stelle ich mir den Aufbruch in eine andere Welt vor, fremd, nicht zu erraten, wie es weitergeht. Gelebte Science Ficton, Blade-Runner-Gefühle. Doch sehe ich auf den zweiten Blick, dass ich Fremder noch immer in Beijing bin und Beijing irgendwie in mir. Mein kleines persönliches Yin und Yang. Ich nehme es mit nach Hause.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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